Rekordinvestitionen in Berliner Start-ups - Sexy - und gar nicht mehr so arm

Mi 26.01.22 | 11:01 Uhr | Von Hasan Gökkaya
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Symbolbild: Die Büroräume eines Berliner Start-Up Unternehmens am 13.08.2021. (Quelle: dpa/Robert Schlesinger)
Bild: dpa/Robert Schlesinger

Eine Rekordsumme von mehr als 10 Milliarden Euro floss allein 2021 an junge Unternehmen in der Hauptstadt. Es sind nicht nur die Hipster-Bars, die Berlin zunehmend zu einem Super-Standort für Start-ups machen. Von Hasan Gökkaya

Es ist eine Summe, von der die Berliner Regierung nur träumen kann: 10,5 Milliarden Euro investierten Geldgeber allein 2021 in die Start-up-Szene der Hauptstadt. Das ist Rekord, wie jüngst die Beratungsgesellschaft Ernst & Young [ey.com] festgestellt hat.

Demnach steht Berlin deutschlandweit auf Platz 1 - mit einem Marktanteil von 60 Prozent. Wieso aber boomt die Start-up-Szene hier viel stärker als im Rest der Bundesrepublik?

Alternative Szene zieht Kapital an

Ein großer Faktor sei die nach wie vor ungebrochene Anziehungskraft der Stadt, sagt Thomas Prüver von Ernst & Young im Gespräch mit rbb|24. Gut ausgebildete Menschen, die nach Deutschland kommen, würden lieber nach Berlin wollen. "Die Diversität, die Sprachen, die Kunstszene, die alternative Kultur, das alles zeichnet die Stadt aus", sagt Prüver, selbst Berliner. Dieses Setting mache die Hauptstadt eben zu keinem traditionellen Wirtschaftsstandort. "Und das zieht Investoren wie auch Unternehmer derzeit an."

Tatsächlich haben Start-ups - nach dem ersten Pandemiejahr - weltweit Rekordsummen von Investoren eingeworben. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft KPMG flossen fast 590 Milliarden Euro Risikokapital in junge Firmen: Das ist fast doppelt so viel Geld wie im Coronajahr 2020. Demnach profitierte Deutschland mit 17,4 Milliarden Euro Risikokapital - ein Plus von 229 Prozent - überdurchschnittlich stark von dem Boom. Und in Deutschland wiederum profitierte Berlin besonders stark.

Laut der vom Land Berlin betriebenen Seite startup-map.berlin listet die Hauptstadt aktuell 2.824 verifizierte Startups auf, die seit 2012 gegründet wurden. In der "Heatmap" der Webseite startupsandplaces.com hat Berlin London überholt und belegt den ersten Platz als attraktivster Start-up-Standort.

Start-ups zahlen gut

Die Anziehungskraft Berlins hängt aber nicht nur mit den gruftigen Hipster-Bars in Neukölln, den Bioläden im Prenzlauer Berg und den authentischen Pho Bo-Suppen an der Kantstraße zusammen. Es gehe auch um das "qualitative Ökosystem", sagt Prüver. Was er meint: Das Geld stimmt.

Dem Experten zufolge sind die in Berlin gezahlten Gehälter inzwischen konkurrenzfähig mit anderen europäischen Standorten. "Als ich mit der Uni fertig war, wollten in der Regel alle ins Investmentbanking oder in die Strategieberatung einsteigen. Inzwischen ist das anders. Heute betrachten die besten Absolventen der besten Universitäten Berliner Start-ups als einen wirklich validen Karriereweg."

Ruf von RKI und Charité helfen

Ähnlich sieht das Jochen Möbert von Deutsche Bank Research. Er hebt hervor, dass die Entwicklung der Forschungs- und Entwicklungslandschaft ein noch wichtigerer Faktor sei "als das gesamtwirtschaftliche Umfeld" der Stadt, das sich ebenfalls in den vergangenen Jahren verbessert habe. "Berlins Universitäten zählen in nationalen Rankings oftmals zu den Besten, auch das RKI und die Charité haben einen exzellenten Ruf", sagt Möbert. Wenn es um die Innovationskraft gehe, belege Berlin bei internationalen Vergleichen Spitzenplätze. "Die Berliner Startup-Szene ist eng verzahnt mit dem Forschungsstandort. Sie hat diesen mit geprägt und profitiert ebenso kräftig von diesem."

In Deutschland konzentrierten sich 2021 die Finanzspritzen nach Berlin größtenteils nur noch auf Bayern - dort erhielten Unternehmen laut Ernst & Young rund 4,4 Milliarden Euro, das entspricht einem Marktanteil von 26 Prozent. Die restlichen 14 Prozent verteilten sich auf die übrigen Bundesländer.

Auch die meisten Platzhirsche sind in Berlin Zuhause: Demnach war die größte Transaktion in Deutschland 2021 eine Geldspritze von 861 Millionen Euro für den Berliner Schnelllieferdienst Gorillas. Der Münchner Software-Anbieter Celonis bekam 830 Millionen Euro, dahinter stehen wieder zwei weitere Berliner Start-ups: die Online-Bank N26 und der Broker Trade Republic. KPMG zufolge gehört aber auch der Berliner Lieferdienst Flink mit einer Summe von mehr als 650 Millionen Euro zu den Start-ups mit den höchsten Finanzierungsspritzen.

Viel freies Geld im Markt - den Rest erledigen Videocalls

Diese Zahlen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Pandemie das Geschäft für viele Start-ups erschwert. Das zeigt etwa das Beispiel des jungen Unternehmens Heycater, das Catering-Anbieter und Kunden aus der Veranstaltungsbranche zusammenbringt. Weil vergangenes Jahr kaum Events stattfanden, brach das Geschäft ein. Laut der Berliner Wirtschaftsverwaltung erhielten 2020 und 2021 rund 180 Startups die sogenannten "Coronahilfen für Start-ups", es flossen mehr als 125 Millionen Euro.

Vergrößert sich der Blickwinkel aber, glauben Experten, dass die Pandemie die Szene vorwärts gebracht hat. "Home-Office hat vieles befeuert", sagt Prüver. "Mir sagen Investoren, früher sei es ein No-Go für sie gewesen, zu investieren, ohne das Management-Team der Start-ups einmal oder mehrmals zu treffen." Inzwischen gebe es dieses strenge Prinzip nicht mehr. "Heute wird unkompliziert auf Videotelefonie gesetzt und alles geklärt. Da ist ein völlig neuer Zugang zu Investoren entstanden." Prüver hebt aber hervor, dass wegen der weltweiten Niedrigzinsen zudem viel Geld im Markt schwimme.

Während in Berlin, Hamburg und München über eine mögliche Immobilienblase diskutiert wird, ist er sicher, dass Berlin in der Welt der Start-up-Investoren künftig weiterhin eine große Rolle spielen wird. "Die Start-up-Szene in Berlin ist die derzeit dynamischste in ganz Europa. Was die Gesamtsumme angeht, ist London zwar vorne, aber die Dynamik in Berlin ist eine ganz andere." Auch KPMG geht davon aus, dass das Wagniskapital deutschlandweit im neuen Quartal hoch bleibt.

Finanzaufsicht ordnet Expansionsbremse an

Dass so viel Geld in die Start-up-Szene fließt, hält Prüver an sich nicht für problematisch. Im Gegenteil: Start-ups seien unerlässlich für die Wirtschaft. Es bräuchte für gesellschaftliche Forderungen nach Klimaneutralität, Co2-Reduktion oder dem Umstieg auf Elektromobilität Kräfte, die konkret nach Lösungen suchten. "Und so schnell, so agil wie Start-ups Lösungen entwickeln, schafft das kein etabliertes Unternehmen."

Das Tempo mit dem populäre Start-ups wachsen, wird vermutlich nicht so schnell nachlassen. Wie gut das unter der Pyramidenspitze ankommt, ist aber ein andere Frage.

Der Schnelllieferdienst Gorillas etwa machte zuletzt in der Hauptstadt Schlagzeilen, weil Teile der Belegschaft gegen die Arbeitsbedingungen protestierten und ihre Arbeit niederlegten; einzelne Warehouses wurden vorübergehend geschlossen während das Unternehmen expandiert.

Die Berliner Internetbank N26 musste zuletzt mehr als vier Millionen Euro Strafe an die Finanzaufsicht Bafin zahlen. Sie sei unzureichend gegen Fälle von Geldwäsche-Verdacht nachgegangen, hieß es. Wegen Mängeln im Risikomanagement verdonnerten die Finanzaufseher N26 zuletzt auch noch dazu, die Expansion zu bremsen: Die Bank darf zunächst maximal "nur" noch mit 50.000 Neukunden pro Monat wachsen.

Sendung: Inforadio, 13.01.2022, 12 Uhr

Beitrag von Hasan Gökkaya

14 Kommentare

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  1. 14.

    Nur der Senat passt nicht so recht zu soviel liberalen Wirtschaftswillen und Gewinnstreben (bis auf wenige Ausnahmen). Wie sich die Stadt die Mittel der Start-ups in die eigene Tasche rechnet is schon abenteuerlich. Und die knallhart wirtschaftlich ausgerichteten Start-ups als Alternativ zu vereinnahmen, wie ober dreist ist das denn.
    Die Dinger wollen etwas entwickeln, auf den Markt bringen und damit Kohle verdienen. Das nennt man Kapitalismus und nicht alternative Szene.
    Ob Microsoft, Amazon, Apple, Google... alles Start-ups gewesen.

  2. 13.

    Ich wünsche mir ne Menge, neben einem besseren Wirtschaftssystem. Dürfte man früher aber auch. Was soll ich dann daran besonders schätzen? Wünschen war und ist immer erlaubt. Auch wenn man selbst dafür heute schon verdächtig wirkt.

  3. 12.

    In der WELT stand neulich zu lesen, es fehlen Fachleute mit einer soliden Ausbildung. Aber es gäbe zu viele Diplom-Politiker und Diplom-Filosofen. Die drängten alle in die Politik oder zum Staat. Aber der ist ja auch schon gut besetzt mit diesen Fachleuten.
    Vielleicht gibt es jetzt ein weiteres Beschäftigungsfeld für diese Klientel, die „Low-Code-Idee“ von der fachkräftefreien Softwareerstellung. Dabei werden "Frameworks" heruntergeladen und nach Rezept zusammengenagelt. Was in dem Framework passiert ist häufig das Firmen- Knowhow des Framework Herstellers, Denn dort muss man nicht nur zusammenstöpseln, sondern mus noch wissen wie man programmiert.
    So eine "Low Code Idee" gabs schonmal vor ein paar Jahre. da machten viele "was mit dem Web". Ist dann aber letzlich nicht auf einen erkennbaren Bedarf des Marktes gestoßen.

  4. 11.

    Eine Alternativ-Scene gibt es schon seit Jahren nicht mehr die wurde von Kapitalisten und Politikern platt gemacht. Und die Kulturscene ist kapitalistisch und genauso wenig alternativ wie die Afd oder rechte Biobauern ( völkische Siedler ).


  5. 10.

    Auch hier im Osten ist seit 30 Jahren "wünsch dir war" erlaubt. Vieleicht schätzen Sie wenigstens diese Freiheit.

  6. 9.

    Ist es ein schweres Vergehen, wenn man sich ein anderes Wirtschaftssystem wünscht? Was blüht mir, wenn ich mich dazu bekenne?

  7. 8.

    Berlin war nie arm. Es war auch nie sexy. Das viele Geld wurde nur verschleudert von unfähigen Politikern oder versickerte in vielerlei eigenartige Projekten. Und was sexy angeht, schmutzig im Sinne von zehn Tage nicht geduscht oder gewaschen, ist echt nicht sexy, sondern eklig.

  8. 7.

    Zalando, Raisin, N26, Snowflake, Babbel, und zahlreiche weitere erfolgreiche "startups" sind in Berlin.

  9. 6.

    Berlin - Sexy, das war mal, da zu ist jetziges Berlin zu verspannt.
    Wirtschaftlich kann Berlin, trotz Starts - ups, auch nicht aufholen, die Arbeitslosenzahlen lagen 2016 bei 9,8% und heute sind sie ebenso 9,8%, nur Bremen ist noch schlechter drann. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 5,7%, das sagt doch alles.

  10. 5.

    @Bärlin und @Cora:
    Das liegt daran, dass ein Start-up *kein* Unternehmen ist, das einen bereits etablierten Markt bedient, sondern ein Testballon oder Testprojekt, um zu schauen, ob und wie eine innovative Idee rasch umgesetzt werden und dies in den Markt gebracht werden kann. Das ist der alleinige Sinn eines Start-ups.
    Sobald diese Idee etabliert ist und ein Markt dafür gefunden ist, ist ein Start-up auch kein reines Start-up mehr, sondern ein Unternehmen, das sich (hoffentlich) Flexibilität, Innovation und Herangehensweisen der Start-up-Phase beibehält.
    Jedes Start-up und vor allem: Jeder Investor weiß, dass eine Idee scheitern kann.

    In der Start-up-Phase liegt das Augenmerk nicht auf „ROI unser, der du bist im Himmel“, sondern auf das, da es im wirtschaftlichen Bereich das ist, was die Forschung im Wissenschaftssektor ist. Oder was im Artikel schon korrekt zitiert wird: "Und so schnell, so agil wie Start-ups Lösungen entwickeln, schafft das kein etabliertes Unternehmen.“

  11. 4.

    "Unser Wirtschaftssystem ist einfach allgemein eine Nebelkerze"
    Aha, da spricht jemand der sich ein anderes Wirtschaftssystem wünscht, obwohl er von hiesiger Wirtschaft nichts versteht.
    Wer sich wegen zukuntsorientierter Investitionen verschuldet, der tut das richtige, außerdem betreibt VW eigene Bank, und es ist derzeit für den Konzern güntiger sich Geld zu leihen. Daimler und BMW tun das Selbe, alle drei Konzerne sind gesunde Unternehmen.

  12. 3.

    Da gebe ich Ihnen recht - das gilt allerdings für traditionelle Unternehmen genauso. VW ist das verschuldetste Unternehmen der Welt, trotz wahnwitziger Subventionen jedes Jahr. Unser Wirtschaftsystem ist einfach allgemein eine Nebelkerze.

  13. 2.

    Schön zu hören dass Berlin die Nummer eins ist im Bereich der Startups. Ein Großteil der bejubelten Startups wäre allerdings ohne finanzielle Hilfe gar nicht überlebensfähig. Für mich sind diese Sachen eigentlich nur Nebelkerzen, dann wie oben gesagt kaum eins trägt sich selber. Hier wird teilweise Geld verbrannt, sollte es dann wider Erwarten erfolgreich sein wird es meistens von den Entwicklern so schnell wie möglich an große Firmen für viel Geld verhökert. Ein oder zwei Ausnahmen gibt es.

  14. 1.

    Start-ups haben auch den Ruf als "Geldverbrenner", die unbedingt "controlt" werden müssen, was Zeit kostet und keiner gerne macht. Gerne lesen wir über neue Ideen, die es in der Vergangenheit hierher geschafft haben (könnte-Überschriften). Noch lieber lesen wir über neue Ideen, die nach ein paar Jahren, es erfolgreich am Markt geschafft haben. Und genau das fehlt...

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