Anbieter liefern nicht - Zahlreiche Stromkunden rutschen in die Grundversorgung

Fr 07.01.22 | 10:31 Uhr
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ILLUSTRATION - Ein Stecker wird in eine Steckdose gesteckt. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)
Audio: Inforadio | 07.01.2022 | Anja Dobrodinsky | Bild: dpa/Sina Schuldt

Für viele Verbraucher ist der Strom plötzlich teurer: Anbieter erhöhen teils ohne Ankündigung, andere stellen die Lieferung gleich ganz ein. Stromkunden geraten dann in die Grundversorgung, das trifft auch viele Kunden in Berlin.

Zahlreiche Stromkunden in Berlin geraten in die Grundversorgung, weil ihr bisheriger Anbieter sie nicht mehr beliefert. Der Energiekonzern Vattenfall, Grundversorger in der Hauptstadt, verzeichnet nach eigenen Angaben "wegen der Kündigungswelle bei Stromverträgen anderer Anbieter aktuell Kundenzuwächse in unserer Grundversorgung". Eine konkrete Zahl nannte Vattenfall nicht. Die Grundversorgung ist fast immer teurer als ein selbstgewählter Stromtarif.

Hintergrund ist die angespannte Lage auf den Strommärkten. Die Preise an den Strombörsen waren 2021 so hoch wie seit mindestens 20 Jahren nicht, wie das Energiewirtschaftliche Institut (EWI) der Universität zu Köln ermittelte. Das liege daran, dass sich nach dem Corona-Einbruch die Weltwirtschaft 2021 erholte und die Nachfrage nach Energie sprunghaft gestiegen sei. Hinzu kamen höhere Preise für den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids.

Verbraucherschutzministerium spricht von Vertragsbruch

Bei der Bundesnetzagentur haben bis Ende 2021 mindestens 38 Anbieter angezeigt, ihren Kunden keinen Strom mehr liefern zu wollen. Die Unternehmen begründen das mit den stark gestiegenen Preisen an den Strombörsen. Hunderttausende Kunden dürften bundesweit betroffen sein.

Wenn ein Anbieter nicht mehr liefert, wechseln die Kunden automatisch in den Tarif des örtlichen Grundversorgers. Dann können sie zwar weiter Strom beziehen, müssen diesen aber in der Regel deutlich teurer bezahlen als zuvor.

Die Bundesregierung sieht in der aktuellen Kündigungswelle Vertragsbrüche der Anbieter. Nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz müssen Kunden, deren laufender Stromvertrag gekündigt wurde, keine Preiserhöhungen akzeptieren.

Verbraucherzentrale Brandenburg klagt gegen Berliner Anbieter

Erst am Mittwoch gab die Verbraucherzentrale Brandenburg ihre Klage gegen den Berliner Anbieter Voxenergie bekannt. Kunden hatten sich demnach beschwert, dass das Unternehmen die Preise erhöht habe, ohne dies zuvor anzukündigen oder auf das Sonderkündigungsrecht hinzuweisen. Auf eine vorherige Abmahnung hatte der Stromanbieter laut der Verbraucherzentrale nicht reagiert.

"Energieversorger müssen beabsichtigte Preiserhöhungen vorher mitteilen. Sie müssen ihre Kund:innen außerdem über ihr fristloses Kündigungsrecht im Falle einer einseitigen Preiserhöhung informieren", teilte die Verbraucherzentrale mit. Eine solche Mitteilung hätten die Kunden nach eigenen Angaben aber im Vorfeld nicht erhalten.

Grundsätzlich können Verbraucherinnen und Verbraucher bei einseitigen Preiserhöhungen den Anbieter wechseln. Das ist momentan allerdings nicht immer einfach.

Sendung: Inforadio, 07.01.2022, 10:35 Uhr

39 Kommentare

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  1. 39.

    Was heißt denn das nun, ist es in jedem Fall negativ ?
    Offensichtlich haben die doch aufs falsche Pferd gesetzt, wenn der bisherige Anbieter nun Pleite ist. Ich finde das System der "Grundversorgung" so schlecht nicht, auch wenn es für den Einzelnen vielleicht etwas teurer ist als es beim gescheitertem Anbieter vorher war, es muss doch keiner in der Grundversorgung bleiben, man kann immer noch über Portale weiter zocken !

  2. 38.

    Ihrer Aussage zu Nordstram kann ich nur Zustimmen.
    Viele hielten mich für dumm,da ich 2 Jahresverträge für Gas und Strom bei großen Anbietern habe.
    Ich habe zumindestens 2Jahre Versorgungssicherheit und einen guten Preis.
    Zusätzlich noch eine PV Anlage.

  3. 37.

    Vor dem Hintergrund der im Artikel angesprochenen Problematik sollte die Regierung schnellstmöglich die Gasleitung Nordstream zulassen, anstatt für außenpolitische Drohgebärden gegen Russland zu gebrauchen.

  4. 36.

    Im Grunde genommen führen sich solche pauschalen Aussagen "DAS Ausland ..." selbst ad absurdum. (Hervorhebung von mir.)

  5. 35.

    Das ist wahr. Das Ausland lacht über die Energiepolitik Deutschlands."
    Es ist schon erstaunlich, worüber so im Ausland alles gelacht werden soll.
    Und das man das hier so ganz genau weiß.
    Also das mit dem Lachen im Ausland.

  6. 33.

    Nicht nur in diesem Bereich läuft schon lange alles falsch. Die Wähler haben sich trotzdem im letzten September zu 90 Prozent für ein veritables „Weiter so“ entschieden. Es gilt also ganz einfach: Wie gewählt, so geliefert.

  7. 32.

    Was nützt es sich nen neuen Anbieter nachdem man in der Grundversorgung gelandet ist, sucht aber dennoch die neuen Preise nicht bezahlen kann. Da läuft grundlegend bei Gas und Strom was falsch, wenn von heute auf morgen aus einem monatlichen Abschlag von 100 Euro mal eben 500 werden. Danke dass hier keiner was unternimmt. Und die Klage ist ist witzlos.

  8. 31.

    Das ist wahr. Das Ausland lacht über die Energiepolitik Deutschlands. Und das nur weil eine Gruppe von 125000 Grünen Gutmenschen meint als Einzige zu wissen was für das Land und die Welt gut sei.

  9. 30.

    Endliche Ressourcen haben zu Recht ihren Preis.
    Der ständige Unterbietungswettbewerb und der damit verbundene Versuch, das Billigmodell mit möglichst vielen Kunden zu finanzieren ist nichts neues und hat ja auch beispielsweise im Telekommunikationswettbewerb schon für viele Pleiten und enttäuschte Kunden gesorgt.
    Was mich wundert: Grüner Strom bzw. Strom von einer soliden Firma ist doch gar nicht so viel teurer als die sog. Billiganbieter. Ich lebe am Existenzminimum und die Strompreise sind es bestimmt nicht, die mir in finanzieller Hinsicht den Monat zu lang machen.
    Im Übrigen leben erstaunlich viele Menschen beim Stromverbrauch immer noch nach der Devise, als gäbe es kein Morgen bzw. kein Portemonnaie. Durch gezielte Verbesserungen im Haushalt - und dafür braucht es keine Politik - kann man ordentlich was einsparen, ohne Einbußen in der Lebensqualität hinnehmen zu müssen. Infos dazu bietet jeder seriöse Stromanbieter sowie viele Gemeinden auf deren Website.

  10. 29.

    Über Jahre gingen die Geschäftsmodelle sehr gut. Ich war selber Kunde bei Stromio und zufrieden. Knall auf Fall die Nachricht am 22.12.2021 dass die Versorgung zum 21.12.2021 eingestellt wurde. Meine Reaktion: Zählerstand ablesen, Netzbetreiber informieren und Preisvergleiche anstellen, dann sofort den Anbieter wechseln. Hat alles reibungslos geklappt. Es gab ja schon im Sommer eine Vorwarnung nämlich bei den Gaskunden. Ob die Versorgungseinstellung rechtmäßig war ist fragwürdig, da 5 nach 12.

  11. 28.

    Und die Liberalisierung des Strommarktes soll für uns alle eine sichere Versorgung zu günstigeren Preisen bringen. So hamses uns erzählt.
    Die Neoliberalen Geschäftsmacher.

  12. 27.

    Den Anbieter mal nach einem Haustarif fragen. Die haben kein Interesse daran Stammkunden zu verlieren.

  13. 25.

    Also wenn ich hier einige Kommentare so lese, frage ich mich in welcher Zivilisation ich hier noch bin. Das ist nicht mnehr das land und auch nicht die Bevölkerung in dem/ mit der ich einst groß wurde...Da wird man in den Kommentaren dafür fertig gemacht, dass man sich (wie auch in sämtlichen Medien immer wieder geraten wurde) für seine erste Wohnung mit noch nicht ganz so stabilem wirtschaftlichen Hintergrund, einen günstigen Stromanbieter ausgesucht hat. Was übrig bleibt ist Spott und Häme - schämen sollten sich hier einige!!!

  14. 24.

    Ist doch mehr als logisch, wenn immer mehr gesicherte Erzeugung abgeschaltet wird und die EEs wochenlang nicht liefern können. Dazu noch CO2 Aufschläge, welche natürlich weitergereicht werden.
    Aber das kostet nur ne Kugel Eis (Trittin), übrigens geht's nach 8GW abgeschalteter Kapazität 2021 auch in diesem Jahr weiter.
    Das Ausland lacht sich kaputt über unsere Energiepolitik!

  15. 23.

    Können Sie die Machenschaften an der sog. Strombörse durchschauen? Vermutlich nein, da diese sehr intransparent sind. Es gab vor ein paar Jahren den Verdacht von Manipulationen. Vielleicht wäre es jetzt sinnvoll einmal Klarheit zu schaffen!

  16. 22.

    Sie haben recht: Man sollte einfach immer die teuersten Angebote nehmen, dann wird alles gut. Wer anders handelt, schadet nur unseren geliebten Unternehmen - geht's denen gut, geht's bekanntlich automatisch allen gut, und kalkuliert wird in den Firmen immer denkbar knapp, soziales Denken geht bekanntlich über Profitstreben (das ist ja das Wesen des Kapitalismus). Menschen, die auf den Preis achten (müssen), werden nun aber gerecht bestraft: Grundversorgung zu beliebig galoppierenden Preisen für den Rest ihres Lebens, neuerlicher Wechsel des Stromanbieters auf ewig ausgeschlossen. Jedenfalls vermitteln die Berichte in den Medien dies.

  17. 21.

    Erstens: Energiepreise explodieren nicht nur in Deutschland.
    Zweitens: Noch hat die neue Bundesregierung in dem Sektor noch gar nichts grundlegend verändert.
    Wäre die Energiewende nicht verpennt worden, wären wir weniger abhängig vom Erdgas uns -öl.

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