Verbot des Kükentötens - Tierschutz mit Lücken

Mo 10.01.22 | 06:57 Uhr
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Symbolbild: Plüschkücken werden bei einer Symbolaktion in einen Trichter geworfen. (Quelle: dpa/J. Woitas)
Audio: Inforadio | 10.01.2021 | Franziska Ritter | Bild: dpa/J. Woitas

Bislang wurden männliche Küken von Legerassen nach dem Schlüpfen getötet. Ihre Aufzucht rechnet sich kaum. Seit dem Jahreswechsel ist diese Praxis in Deutschland verboten, doch damit ist das Problem nicht vom Tisch. Von Franziska Ritter

Hennen legen Eier, das weiß jedes Kind. Nach dem Brüten schlüpfen daraus Küken, die später einmal selbst Eier geben sollen. Doch männliche Küken von Legerassen – 45 Millionen schlüpfen hierzulande im Jahr – ereilte bislang ein anderes Schicksal: Da sie kaum Fleisch ansetzen und sich damit nicht für die Mast eignen, wurden sie getötet und zu Tierfutter verarbeitet. "Den meisten Menschen war das gar nicht bewusst", sagt Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin und verweist auf eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GFK, wonach 85 Prozent der Deutschen diese Praxis ablehnen.

Vorsicht bei verarbeiteten Produkten

Seit diesem Jahr ist das Kükentöten in Deutschland gesetzlich verboten und die großen Supermärkte haben darauf reagiert. Aldi, Edeka, Lidl und Rewe bieten nach eigenen Angaben nur noch frische Eier von Legehennen an, deren Brüder nicht mehr sterben müssen.

Bei Nudeln, Backwaren und anderen Lebensmitteln, in denen Eier verarbeitet sind, ist allerdings Vorsicht geboten. "Die Hersteller müssen nicht angeben, wie sie die Tiere gehalten haben und deshalb können hier auch mit Kükentöten produzierte Eier drinstecken", warnt Bettina Schautz und erinnert daran, dass im EU-Ausland beispielsweise noch die Käfighaltung von Hühnern erlaubt ist.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, greift nach Einschätzung der Ökotrophologin besser zu Produkten ohne Ei oder entscheidet sich für Bio-Qualität. Bioland, Naturland, Demeter und andere Bio-Anbauverbände aus Deutschland haben ihre Mitgliedsbetriebe nämlich dazu verpflichtet, Bruderhähne mit aufzuziehen.

Aufzucht von Bruderhähnen kostet

Der Tierschutz hat allerdings seinen Preis. Die Hühnerrassen, die zum Eierlegen genutzt werden, setzen kaum Fleisch an – auch die Hähne nicht. Daher rechnet es sich kaum, sie aufzuziehen und später zu schlachten. Also werden die Kosten aufs Ei umgelegt. "Eier sind in diesem Jahr 2 bis 3 Cent teurer geworden", rechnet Henner Schönecke, Vizepräsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, vor. "Wenn die Verbraucher mehr Tierwohl möchten, sollten sie das auch ausgeben", findet er.

Die Geflügelwirtschaft begrüßt zwar, dass das Kükentoten in Deutschland ein Ende hat, befürchtet allerdings Wettbewerbsnachteile wegen der damit verbundenen Kosten. Schließlich kommt von den 239 Eiern, die ein Deutscher im Schnitt pro Jahr verspeist, ungefähr die Hälfte in Form verarbeiteter Lebensmittel ins Haus. "Wir erwarten von der Bundesregierung, dass dieses Gesetz auch in anderen europäischen Ländern umgesetzt wird", fordert Henner Schönecke. "Sonst kommen die ganzen Eier, die hier verarbeitet werden, aus dem Ausland. Das will keiner."

Hähne zum Teil ins Ausland verschickt

Doch auch an der Aufzucht von Bruderhähnen gibt es Kritik. Die Tiere benötigen viel Futter, um Fleisch anzusetzen. Der ökologische Fußabdruck, den sie hinterlassen, ist enorm. Außerdem gibt es in Deutschland nicht genügend Mastplätze, um all die Brüderhähne aufzuziehen.

Deshalb werden nach Angaben des Branchenverbands viele im Ausland, beispielsweise in Polen, gemästet. Ausnahme ist auch hier die Bio-Branche: Sie hat sich dazu verpflichtet, die Tiere auf eigenen Höfen oder in Partnerbetrieben aufzuziehen.

Alternativ zur Aufzucht der Hähne lässt sich mit technischen Verfahren schon während der Brutphase bestimmen, ob das Embryo im Hühnerei männlich oder weiblich ist. Dafür wird etwas Flüssigkeit aus dem Ei entnommen und analysiert. So können die Hähne noch vor dem Schlüpfen aussortiert und zu Tierfutter verarbeitet werden.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt solche Verfahren, im Ausland sind sie vielerorts im Einsatz. Deutsche Brütereien zögern allerdings noch sie anzuwenden. "Wir stehen vor dem Dilemma, dass wir mit dem 9. oder 13. Bruttag momentan noch relativ spät sind", erklärt Henner Schönecke.

Zurück zu anderen Hühnerrassen

Ab 2024 dürfen Geschlechtsbestimmungen nur noch vor dem 7. Bruttag vorgenommen werden. Der Gesetzgeber will damit ausschließen, dass der Embryo Schmerzen empfindet. Die Geflügelwirtschaft moniert: "Die Verfahren sind technologisch noch nicht so weit, dass wir das umsetzen können", so Henner Schönecke. "Deshalb wird es ab 2024 wahrscheinlich keine deutsche Brüterei mehr geben, die Geschlechtsbestimmungsverfahren im Ei macht."

Tierschützer lehnen den Ansatz grundsätzlich ab. "Auch mit der neuen Methode bleiben männliche Küken Abfallprodukte der Geflügelwirtschaft", mahnt beispielsweise die Tierschutzorganisation "Vier Pfoten".

Vielleicht liegt die Lösung des Problems weder in Geschlechtsbestimmungen im Ei noch in der Aufzucht von Bruderhähnen. Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin etwa plädiert dafür wieder alte Zwei-Nutzungsrassen einzuführen, bei denen die Hennen ausreichend Eier legen und die Hähne genug Fleisch ansetzen, dass es sich lohnt.

Im Moment gibt es bei Weitem noch nicht genug Hühner, um die fast 20 Milliarden pro Jahr in Deutschland konsumierten Eier auf diesem Weg zu erzeugen, räumt die Ernährungsexpertin ein. Schließlich hat die Geflügelwirtschaft jahrzehntelang auf Hühner gesetzt, die rein aufs Eierlegen oder aufs Fleischansetzen spezialisiert sind. "Aber Zwei-Nutzungsrassen sind wahrscheinlich das einzige zukunftsfähige System, wenn uns Tierschutz wichtig ist - und das sollte er sein."

Sendung: Inforadio, 10.01.2021, 6 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Die Lösung ist erstaunlich einfach: Ich verzichte schon seit Jahren auf den Konsum von Eiern. Das war anfangs schwer, dann gar nicht mehr.
    Ich hatte einfach einen Bericht zu viel über vergaste, erstickte, geschredderte Küken gesehen. Und diese kommen im Vergleich zu denen, die erstmal am Leben bleiben, wahrscheinlich noch glimpflich davon, weil ihr Leid nur kurz währt.
    Zum Backen und kochen gibt es vollkommen zufriedenstellende vegane Alternativen zum Hühnerei.

  2. 13.

    Ersatzprodukte = pflanzliches Eiweiß, pflanzliche Fette
    Zitat aus obigem Artikel: "Hennen ausreichend Eier legen und die Hähne genug Fleisch ansetzen" zudem schrieb ich: "längere Leben" nicht grundsätzliches "Überleben", da (wie ich ebenfalls schrieb)sie früher (als Embryo oder Küken) oder später (ausgewachsenes Tier) sowieso geschlachtet werden. FG

  3. 12.

    Was genau verstehen Sie unter Ersatzprodukten und wie bitte sichert die Rasse das Überleben von Hähnen?
    Kleine Informationen: Legehennen legen Eier, einen Hahn benötigen Sie dazu nicht. Das erreicht man mit Legemehl und Dauerbeleuchtung, denn ein Huhn legt nur bei Tageslicht! Diese Tiere sind nach 18 bis 21 Monaten ausgelaugt, viele krank und werden verschenkt oder geschlachtet. Klapperdürr !!!
    Das Zwie-Huhn kann legen und setzt Fleisch an! Allerdings legt es nur jeden zweiten Tag ein Ei und oft sind diese Sorten brutfreudig, d.h. es legt wochenlang kein einziges Ei und ohne Hahn ( Befruchtung) ist die Mühe vergebens. Das Huhn wiegt aber nach knapp 2 Jahren das doppelte! Der Zustand wäre identisch! Hähne beider Rassen dulden keine Konkurrenz.....

  4. 11.

    Na sie sind vielleicht gut drauf, fangen sie doch an und reduzieren die Menschheit. Wenn sie sich als erstes abschaffen wird der,, ökologische Fußabdruck" evtl etwas kleiner.

  5. 10.

    „Wer im Glashaus sitzt… „ usw.
    Immerhin sind es Menschen wie Sie, die das ganze Dilemma und die unselige Diskussion darum überhaupt erst verursachen und der Allgemeinheit aufdrückt! Und wofür…? Um von der ‚Freiheit‘ faseln zu können, ‚gerne ein Frühstücksei zu essen‘.
    Wenn es denn sein soll – Hühner anschaffen und nach den Eiern suchen!

  6. 9.

    Dann würde es keine Haustiere und nur die Wildtiere geben und die Lebenserwartung der Menschen sinken (!)...
    Was halten Sie von der (Auswahl-)Methode, dass nur weibliche Küken geboren werden? ("männlich" Eier werden erkannt und entnommen).

  7. 8.

    Lösung scheint in Sicht, aber bitte nicht auf Kosten der hiesigen Produktion.
    -Ersatzprodukte können den Bedarf, bei gleichbleibender Nachfrage, senken
    -Zwei-Nutzungsrassen können das längere Leben mehrer Hähne sichern

    Das Verbot für 2024 wirkt aber eher wie ein "Geflügelfleisch-Verbot" durch die Hintertür.
    Zum "Schreddern" von Küken oder befruchteten Eiern wird es wohl qualfreie Alternativen geben.
    Die Herabsetzung auf den 7. Bruttag ist nicht nachvollziehbar, auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftlichkeit.
    Und ob Tiere nun "positiv" als "leckeres Produkt" oder "negativ" als "Abfallprodukt" bezeichnet werden ist doch egal.
    Getötet werden sie so oder so früher oder später. Solange es schmerz-/qualfrei ist.

  8. 7.

    Die sollten mal lieber überlegen wie hoch der ökologische Fußabdruck ist, den die unzähligen Menschen hinterlassen. Es werden immer mehr und immer mehr und immer mehr und die Erde wird sich eines Tages dafür rächen.

  9. 6.

    Wer ist hier ,,man"? Ich esse gern ein Ei zum Frühstück, wenn sie das Ei nicht brauchen ist das allein ihre Sache. Ich habe nichts gegen Veganer, wohl aber etwas gegen Leute, welche ihre Lebensweise der Allgemeinheit aufzwingen wollen, aber den ganzen Tag von Freiheit faseln.

  10. 5.

    Wenn 85 Prozent der Leute das Schreddern oder Vergasen dieser Tiere ablehnen - wer sind dann eigentlich die 15 Prozent, die das gut finden? Wäre ja immerhin so jeder Siebte...

  11. 4.

    Nun sind Ihre Vorwürfe ja nichts Neues und durchaus nachvollziehbar, aber haben Sie vielleicht auch Lösungsvorschläge bzw. Erfahrungen und können etwas zur Verbesserung beitragen?

  12. 3.

    Tierschutz geht nur, wenn das Tier am Ende des Tages nicht konsumiert wird oder eine Ausbeutung erfolgt i guess.
    Eier finde ich als Tierprodukt auch das Unnötigste. Braucht man nicht.

  13. 2.

    Wenn man liest "Die Tiere benötigen viel Futter, um Fleisch anzusetzen. Der ökologische Fußabdruck, den sie hinterlassen, ist enorm", wird mir kotzübel. Was können bitte unschuldige Tiere für den Beschiss den Menschen an der Kreatur und der Umwelt?
    Auch die dummen Ausreden der Aufzuchtverbändsvorsitzenden und Bauern, die in ihrer grenzenlosen Arroganz von Leben als Ausschuss reden, ist anwidernd. Vor allem dieses Drücken auf die Tränendrüsen beim Argumentieren, "unwirtschaftlich", "hohe Kosten" usw..... Wir reden hier aber noch von Tieren? Vor allem haben führende Wissenschaftler festgestellt, dass auch Gefieder sowas wie Gefühle und Empathie hat. Für mich jedenfalls mehr, als tumbe Großmastfarmggflügelzüchter und deren Vorstände.

  14. 1.

    Tolle Idee Frau Schautz,
    aber wie stelle Sie sich denn die Umsetzung vor? Zwiesorten sind deutlich größer und benötigen so auch deutlich mehr Platz, der Bestand würde sich somit zahlenmäßig verkleinern, die Rechnung geht nicht auf. Keine Millionenmetropole lässt sich mit Biohaltung versorgen! Viel Tierquälerei in jedem Ei, jeder Nudel, jedem Gebäck usw.
    Ich habe 2 Hühnerstämme Zwiesorten, die den ganzen Tag durch den Garten schlendern. Die Eier reichen für die Familie, denn auch Hühner haben Ruhephasen und Brüten auch gern. Die Hähne werden zu Suppe, die Junghennen verkaufe ich. Das kostet mich im Monat ca. 35 Euro (Streu, Heu, Futter) macht viel Arbeit. Bio kostet Zeit und Geld! Leben kann man davon nicht!

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