EU beschränkt Tattoo-Farben - Ab jetzt ist Schwarz angesagt

Di 04.01.22 | 06:10 Uhr | Von Jenny Barke und Mona Ruzicka
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Eine Tätowiererin sticht einer Kundin am 08.06.2018 ein Tatoo. (Quelle: dpa/Bernd Thissen)
Video: rbb24 | 04.01.2022 | Material: Mittagsmagazin | Bild: dpa/Bernd Thissen

Wer sich für ein Tattoo entscheidet, muss auf ein paar Farben verzichten: Ab Dienstag sind einige Pigmente verboten, die für zwei Drittel aller Tattoofarben notwendig sind. Für die Kundschaft führe das nicht unbedingt zu mehr Sicherheit, kritisiert die Branche. Von Jenny Barke und Mona Ruzicka

Das Tattoo-Portfolio von Maria Sterki ist eigentlich bunt. Ein grüner Frankenstein-Kopf, blaue Blumen und neon-bunte Gespenster sind auf Sterkis Instagram-Profil zu finden. In letzter Zeit kommen nur noch schwarz-weiße Motive dazu, denn zahlreiche Farbpigmente, die in gängigen Tattoo-Farben stecken, dürfen jetzt nicht mehr benutzt werden. Und deshalb müssen im Kreuzberger Studio "Nowhereland" Maria Sterki und andere Tätowierer:innen jetzt zahlreiche Farbfläschchen entsorgen.

Die europäische Reach-Verordnung verbietet ab dem 4. Januar etwa 4.000 Substanzen, darunter Farbpigmente oder Konservierungsstoffe, die in Tattoofarben gängig sind. Sie seien nicht ausreichend erforscht und könnten Allergien oder Krebs auslösen, so die EU-Chemikalienagentur Echa. Nach einer Schonfrist werden 2023 auch ein blaues und ein grünes Pigment verboten, die in zwei Dritteln aller Tattoofarben zu finden sind.

Abrutschen in die Illegalität?

"Bei mir ist ab Januar Schwarz angesagt", so Maria Sterki. Denn bislang entsprechen hauptsächlich schwarze, graue oder weiße Pigmente den neuen Verordnungen. Sterki kann sich so über Wasser halten, Ausfälle gibt es trotzdem.

Tätowierer:innen beklagen, dass sie nach mehreren Lockdowns jetzt wieder Termine für bunte Tattoos auf Ungewiss verschieben müssen. Einige fürchten auch, dass Tattoo-Fans zu unseriösen Angeboten greifen könnten, die trotz Verbots Farben tätowieren. Oder sich im Ausland unter die Nadel begeben und das Geschäft hierzulande leidet. Sterki sieht das genauso: "Was ich gerade sehe, ist dass es wieder zurück in die Illegalität rutscht, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Kunden und Tätowierer alle mitziehen."

Toxisch oder nicht?

Dass die EU bestimmte Farbpigmente verbieten will, ist schon länger bekannt. Das Verbot kommt also nicht überraschend. Tätowierer:innen hatten trotzdem bis zuletzt gehofft, es abwenden zu können. Mehrere Petitionen mit zehntausenden Unterschriften wurden eingereicht, denn die Entscheidung ist umstritten.

Das Deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) bewertet die wissenschaftliche Datenlage zur Gefährdung durch die verbotenen Stoffe als unvollständig. Um die Sicherheit von Stoffen einzuschätzen, fehlen ebenfalls Daten. Wie gefährlich oder ungefährlich Tattoofarben sind, weiß also niemand so richtig. Die bisher verfügbaren Daten weisen laut BfR jedoch auf eine eher geringe Toxizität hin – und so sah das Bundesamt im Vergleich zur EU daher keinen Handlungsbedarf. Wie Farben genau im Körper wirken und sich möglicherweise verteilen, müsse noch erforscht werden.

Studien fehlen

Der Berliner Tätowierer Maurice Ghaedi hält die Verordnung grundsätzlich für ein Zeichen, dass die Tattoo-Branche von der EU ernst genommen wird. In Deutschland hat etwa jeder Fünfte ein Tattoo, bei den 20- bis 29-Jährigen ist es schon jeder zweite. Das geht aus einer repräsentativen Ipsos-Umfrage im Auftrag des Gesundheitsmagazins "Apotheken Umschau" aus dem Jahr 2019 hervor. Tendenz: steigend. Ghaedi begrüßt es, wenn Tattoos für seine Kund:innen sicherer werden. Doch auch er kritisiert, dass entsprechende Studien fehlen.

Einige Hersteller arbeiten jetzt mit Hochdruck an neuen Farbpigmenten. Für die fehlen dann aber Erfahrungswerte, deshalb sind Tätowierer:innen da skeptisch. "Ich kann dem Kunden nicht sicher sagen: Die Farbe ist sehr gut, ich nehm‘ die schon lange, in mehreren Jahren sieht das Tattoo noch genauso aus. Dann wird die Zeit zeigen wie gut oder schlecht die sind", sagt Stefan Köster vom Verband Deutsche organisierte Tätowierer.

Wann neue Farben auf den Markt kommen, ist noch unklar – viele hoffen, dass es schon im Laufe des Jahres 2022 so weit ist und wieder mehr bunt statt schwarz-weiß gestochen werden kann.

Sendung: Inforadio, 03.01.2022, 09:20 Uhr

Beitrag von Jenny Barke und Mona Ruzicka

24 Kommentare

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  1. 24.

    Warum soll das relevant sein? Babypause oder nicht - das ändert an den Aussagen der Tätowiererin doch nichts.

  2. 23.

    Es wirkt so, als ob Maria Sterki gerade voll berufstätig ist. Auf der Website von Sterki steht allerdings, dass sie gerade im "Baby Break" ist.

    @RBB: Wollen Sie das vielleicht klarstellen?

  3. 21.

    Whatsaboutism trägt sehr häufig nicht zur Klärung eines Sachverhalts, noch weniger zu einer Lösung oder zu einem rational-konsensualen Vorgehen in einem Sachverhalt bei. Meist sind es einfach schiefe, unbrauchbare Analogien.
    Tabak, Alkohol - der Gebrauch und Genuss von Drogen - behauptet nicht unschädlich zu sein. Noch kann oder muss der Gebraucher davon ausgehen, es sei unschädlich. (Eine Lüge für die die Tabak-Branche in USA Millionen ausgab)
    Sie irren sich also in diesem wesentlichen Punkt:

    Als Kunde /Verbraucher eines Tattoo-Studios (bzw. Kunde eines Farbenherstellers) darf ich aber davon ausgehen dürfen, dass die unschädlichsten (geprüften) Farben verwendet werden. Sollte in der Kontinuität europäischer Rechtsauffassung nicht gezwungen sein, Verbraucherschutz erst dann zu erreichen, wenn ich mit der Bezahlung von Anwälten in Vorleistung in Prozessen mit Rechtsabteilungen millionenschwerer Konzerne gehen kann.

  4. 20.

    Es geht hier ums Tätowieren und nicht ums Impfen. Vielleicht könnte man einmal das Thema Corona hier raushalten.

    Mal abgesehen davon dass dieses Farbverbot vielen seriösen Tätowieren das Genick bricht, finde ich nach wie vor, dass es wichtigere Dinge gibt, die verboten werden sollten. Was ist z.B. mit Zigaretten?? Die sind nachweislich krebserregend, aber die kann man weiterhin rauchen. Da verdient der Staat noch dran.....
    Ehrlich, ich verstehe das Verbot nicht. Man muss 18 sein um sich legal tätowieren zu lassen, dann sollte man auch so weit sein, selber zu entscheiden zu können. Dass das nicht unbedingt gesund ist, kann man sich vorstellen, aber es ist doch immer noch meine Entscheidung, ebenso wie ob ich mir eine Kippe anmache.

  5. 19.

    Von Auftegung kann keine Rede sein, ich wundere mich nur über die Dummheit, sich tätowieren zu lassen, aber bei der Impfung die Hose voll, bzw. Schiss zu haben vor einer Maßnahme die schon in den vergangenen 150 Jahren viel Leid durch Impfung vermieden hat. Dabei ist z.B. Kinderlähmung, in der DDR letzter Fall 1963. Aber in Westdeutschland durch fehlende Impfpflicht viele Kinder noch weiter darunter leiden mussten, da ungeimpft. Viele Westberliner kamen in die Charité nach Ostberlin z. Impfen

  6. 18.

    Da muss ich den RBB doch glatt loben. Der Bericht in der Abendschau war deutlich differenzierter.

  7. 17.

    Der Hammer ist allerdings wie viel Leute sich drüber aufregen, sich aber noch nie ein Tattoo haben stechen lassen, nicht geimpft sind und eine große Klappe haben. Ich kenne solche Typen.

  8. 16.

    Was, bitte, hat die Tabaksteuer mit den verbotenen Tätowierfarben zu tun?? Da sind Sie wohl durcheinandergekommen, oder brauchen Sie Aufmerksamkeit ??

  9. 15.

    Das die Farben beim Tatoo sich im Körper verteilen ist lange bekannt. Einige Farben waren besonders schädlich, deswegen eerden sie auf wissenschaftlicher Grundlage verboten! Wers wissen will sollte einfach mal das Internet nutzen.
    Der Hammer ist allerdings wie viel Menschen Tätowiert und/oder gepierst sind, sich aber nicht impfen lassen. Ich kenne solche Typen.

  10. 14.

    Hat die EU eigentlich keine anderen Sorgen, als sich für eine kleine Minderheit und unnötige individuelle Malereien einzusetzen.
    Ich glaube, sie hätte wichtigere Betätigungsfelder

  11. 13.

    @ Karl-Heinz, da lob ich mir Verbote. Was nützt mir Geld, wenn ich durch einen gefährlichen Stoff sterbe oder meine Gesundheit gefährde? Wir reden in den meisten Fällen von Giften oder gefährlichen Stoffen und Geräten.

  12. 12.

    Mein Gott, wird denn alles was halbwegs Spaß macht hier in Deutschland verboten?? Erst keine Böller und Knaller mehr, jetzt keine farbigen Tattoos...lasst den Menschen doch mal Ihren Spaß, jeder kann doch selber entscheiden, was er/sie (mit dem Körper) macht!!! Man man man, schlimm geworden hier in Deutschland...

  13. 11.

    Die Farbpartikel in der Größe von Nanopartikeln reichern sich in den Lymphknoten an. Der Großteil der Farbe geht übrigens direkt ins Blut über. Also im Prinzip trinkt man mehr als die Häfte der Farbe. Übrigens die Farben sind die selben, wie sie bei Autolacken und Druckerfarben genutzt werden.

  14. 10.

    Ja, Verbote sind der EU-Ansatz von Verbraucherschutz. In den USA läuft es andersherum. Da zahlen die Hersteller Unsummen Schadenersatz, wenn was schiefläuft. Siehe Bayer und Glyphosat, Zigarettenwerbung, VW-Diesel etc.

  15. 9.

    Die Anrwort ist wohl relativ einfach. Mit der Tabaksteuer "verdient" Vater Staat kräftig mit. Wer dreht sich selbst schon gern den Geldhahn ab.

  16. 8.

    Einen deutlich besser recherchierten Artikel, sorry RBB, is' aber so, kann man in der WIWO lesen.
    https://www.wiwo.de/unternehmen/mittelstand/bruessel-verbietet-zwei-drittel-aller-tattoo-farben-die-angst-der-tattoo-studios-vor-einer-eu-verordnung-und-ihre-moegliche-rettung/27911466.html

  17. 7.

    Schön, dass die EU diese Farben verbietet, weil sie vielleicht gesundheitsgefährdend sein könnten.
    Aber Zigaretten und Alkohol, die die Gesundheit auf jeden Fall schädigen, weiterhin fröhlich weiter konsumiert werden dürfen.
    Es wird nur noch sinnfreier.

  18. 6.

    @ Martina, hierin sind wir einer Meinung. Ich würde es begrüßen, wenn die EU auch in anderen, meiner Meinung nach zum Teil noch wichtigeren Themen auch im Sinne des Verbraucherschutzes entscheiden würde. Auch im Bereich der Landwirtschaft und des Umweltschutzes sehe ich Nachholbedarf. Viele Stoffe sind immer noch erlaubt, obwohl als gesundheits- oder umweltschädlich bekannt.
    Ein ganz großes Fragezeichen gibt es in Bezug auf Zigaretten. Keiner wird mehr den gesundheits- und umweltschädlichen Aspekt des Rauchens abstreiten wollen. Warum werden die Dinger nicht endlich samt den Pseudoglimmstängeln verboten?
    Immerhin scheint ja das Thema Tattoo für 20% der Bevölkerung ein Thema zu sein. Aber vielleicht ist die Branche noch zu klein, als das Lobbyisten im Hintergrund gegensteuern konnten.

  19. 5.

    Studien kosten Geld. Und das nicht zu wenig. Wer sollte ein Interesse daran haben, die zu zahlen? Die Kosten für die Allgemeinheit sind doch außerdem eh zu vernachlässigen. Wenn nicht, dann hätte man das doch bestimmt schon bei so Sachen wie Nikotin, Alkohol, Zucker etc. gemacht....

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