Streit um "Rote Gebiete" in Brandenburg - Landwirte fordern andere Messung der Grundwasserbelastung

So 13.02.22 | 16:45 Uhr
  15
Ein Landwirt mit seinem Traktor bringt Gülle auf einem Feld aus. (Quelle: dpa/JFK)
Video: Brandenburg aktuell | 12.02.2022 | Riccardo Wittig | Bild: dpa-Symbolbild/JFK

Immer wieder gibt es Streit um nitratbelastete Gebiete. Der EU sind die Berechnungen in Deutschland zu lasch. Brandenburger Bauern wiederum klagen, dass die Daten in den "Roten Gebieten" falsch erfasst und sie benachteiligt würden.

Weil sie in besonders nitratbelasteten Gebieten liegen, müssen sich über 280 landwirtschaftliche Betriebe in Brandenburg an strenge Auflagen halten. Der Landesbauernverband behauptet, bei der Ausweisung dieser sogenannten Roten Gebiete würden in Brandenburg unplausible Daten erhoben. So erfolge die Nitratmessung beispielsweise auch an Stellen, die etwa noch aus DDR-Zeiten belastet seien oder auf Flächen von Klärwerken. [lbv-brandenburg.de]

Rund 23.000 Hektar, also knapp zwei Prozent der Brandenburger Äcker und Weiden gelten als "Rote Gebiete". Die Nitratwerte werden an rund 1.200 Stellen im Land gemessen, davon haben 46 die Grenzwerte überschritten. Nitratbelastete Böden stellen eine Gefahr für das Grundwasser dar - der Grenzwert liegt bei 50 Milligramm je Liter.

Landwirte fordern Überarbeitung des Messstellennetzes

Doch das Messnetz sei veraltet, kritisieren Landwirte wie beispielsweise der 39-jährige Stefan Bernickel aus Meichow (Uckermark): "Wir würden uns wünschen, dass hier im Umkreis neue Messstellen errichtet werden, die nach aktuellen Normen gebaut werden, die dann auch wirklich die Feldbewirtschaftung widerspiegeln und nicht die Altlasten, die sich hier aus DDR-Zeiten befinden", sagt der Landwirt und verweist auf einen Messpunkt, der älter als 50 Jahre sein soll. Auch der Landesbauernverband fordert eine Überarbeitung des Messstellennetzes: "Für den richtigen und geeigneten Schutz des Grundwassers in Brandenburgs Böden ist eine zeitgemäße, technisch einheitlich standardisierte, zuverlässige und plausible Datengrundlage erforderlich."

Das Brandenburger Umweltministerium hingegen argumentiert, dass die Wasserbeschaffenheit der entnommenen Proben nicht vom Alter der Messstelle abhänge: "Entscheidend ist, dass die Messstelle so ausgebaut ist, dass sie repräsentative Proben liefert. Dies ist für die vom Landesamt für Umwelt beprobten Grundwassermessstellen der Fall."

EU fordert Deutschland zum Nachschärfen auf

Das Problem für die Landwirte, deren Äcker in einem "Roten Gebiet" liegen: Sie dürfen nur 80 Prozent der Düngemittel ausbringen, die normalerweise erlaubt wären. Sein Raps werde so weniger Ertrag bringen, klagt Landwirt Bernickel: "Er wird nicht die Qualität bringen, die er könnte und somit habe ich Mindereinnahmen in beträchtlicher Höhe."

Auf die Landwirte könnten noch weitere Beschränkungen zukommen, denn die EU-Kommission ist unzufrieden mit den Berechnungen, nach denen Deutschland die "Roten Gebiete" ausweist. Bis zum 18. Februar soll Deutschland neue Vorschläge dazu vorlegen.

Massives Nitratproblem in Deutschland

Am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg entwickelt Professor Frank Eulenstein seit Jahrzehnten ressourcenschonende Düngestrategien. Er spricht von einem massivem Nitratproblem in Deutschland. Jedes Jahr kämen deutschlandweit 1,5 – 1,7 Millionen Tonnen zu viel Stickstoff auf die Äcker. Das seien 80 bis 100 Kilogramm pro Hektar. Besonders betroffen seien Bundesländer mit einem hohen Viehbestand wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen. Brandenburg liege unter dem Durchschnitt mit 30 bis 40 kg Stickstoffüberschuss je Hektar. "Was allerdings in den Messpunkten in 20-30 Meter Tiefe oder noch tiefer gemessen wird, hat im Prinzip nichts mit der Landnutzung zu tun, die aktuell oben an der Oberfläche durch die bewirtschafteten Landwirte praktiziert wird", sagt Frank Eulenstein.

Verunreinigungen im Grundwasser kämen dort erst über Jahrzehnte an, so der Wissenschaftler. Je nach Bodenbeschaffenheit und Sickerwassermenge gibt es pro Jahr eine Tiefenverlagerung von 20 bis 100 Zentimeter. "Was wir heute an der Grundwasseroberfläche messen, wurde, bei entsprechender Tiefe des Brunnens, unter Umständen vor über 30 Jahren, am Ende der DDR, auf den Flächen ausgebracht", erklärt Eulenstein. Ihm zufolge sollte die Ausweisung der Roten Gebiete anhand des Stickstoff-Eintrags und dessen, was der Landwirt erntet, errechnet werden. "Die theoretischen Grundlagen und Modelle wurden seit Jahren am ZALF in Müncheberg entwickelt und erprobt. Die Modelle und die vorhandenen Standort-, und Landnutzungsdaten müssten zusammengeführt werden. Das könnte man als Pilotprojekt in Brandenburg mal ausprobieren, dann hat man verlässliche Grundlagen, tatsächlich die aktuelle Landnutzung zu bewerten."

Sendung: Brandenburg aktuell, 12.02.2022, 19:30 Uhr

Mit Material von Riccardo Wittig

15 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 15.

    Und wieder kann man die geistigen Ergüsse von den einschlägigen Experten lesen. Gut gemeint aber mit Stammtischparolen ist dem Problem nicht bei zu kommen.
    Ab diesem Jahr ist organischer Dünger in jeder Form begehrt ,Teuer und sehr sehr rar und gesucht.
    Denkt ihr ruhig weiter Lebensmittel kauf ich im Supermarkt .Und wenn es kein Brot mehr gibt dann gibt es halt Kuchen.

  2. 14.

    Trocknung von Gülle bis auf ca. 90% Trockensubtanz hab ich selbst schon gesehen. Nicht einfach aber machbar. Danach steht einer thermischen Verwertung sicher nix im Weg.
    Momentan sind aber Überreste der menschlichen Verdauung und Nachbehandlung in der Kläranlage viel mehr im Fokus. Welche Überreste sind das größere Problem?
    Kläranlagen oder Vergärung zu Biogas für tierische Reste sind mir nicht bekannt.

  3. 13.

    Auch dieses Thema ist nicht neu, schon mit dem sehr restriktiven Gesetz zum Schutz der Fassungszonen für die Trinkwassergewinnung zeigte die ehem. DDR auf oder wurde dazu gebracht,muss man man wohl sagen, wo die Probleme liegen: Im tiefenUntergrund, in örtlichen Gegebenheiten und in der Tatsache, was alles eingesetzt wurde, um "oben" einen Ertrag zu erzeugen. Ich kann Ihnen versichern, dass es eine hervorragende regionalgeologische flächendeckende Kartierung gab, Nun zu heute. Die innovativsten und vielleicht auch kreativsten Lösungen gehören nun einmal in den Schutz der Qualität des Bodens und desGrundwassers und - bitte- (!)auch zum Dargebot an Wasserressourcen. Kein Wenn und Aber, es war der geringste Level 2000 in der EU an Übereinstimmung. Weißmehlprodukte sind zwar sehr gefragt, Ärzte sehen´s sicher kritisch, weil nicht gesund. Ein Roggenbrot dagegen, ganz schön EUR! Wie und was wollen wir essen? Es gibt noch viel zu tun. Überzeugungen in die LW tragen!

  4. 12.

    Kann man diese Messstellen auch öffentlich einsehen? Also die Messwerte meine ich natürlich.

  5. 11.

    "so ausgebaut ist, dass sie repräsentative Proben liefert" - und dagegen kann man nichts sagen. Die gleiche Sorgfalt/Einstellung wünscht man sich auch rund um die Friedrichsstraße, wo Werte ansteigen, wenn selbige Straße gesperrt ist...
    Man hat den Eindruck, dass das, was sich vom Schreibtisch aus erledigen lässt, kein Geld kostet, weil es da ist, gerne von Nichtmachern angewiesen wird und das was Geld kostet, mit Machen zu tun hat, unterlassen wird.
    Das Uraltproblem der Gülle ist eine lohnende Aufgabe für Leute die... sich nicht "festkleben"...

  6. 10.

    Das Problem liegt nicht bei den kleinen Landwirten, die in der Regel ausreichend Land zur Verklappung ihrer eigenen Gülle besitzen. Für die hohe Nitratbelastung sorgen die Hühner- und Schweine-KZs, die vorwiegend in niederländischer Hand sind, und die Gülleimporte aus den Niederlanden. Laut Handelsblatt hat die Niederlande 2012 ca. 1,7-Millionen Tonnen wasserreduzirter Gülle nach Deutschland exportiert.
    Wer Interesse hat, sollte sich mal eine Karte des Umweltbundesamtes mit der Nitratbelastung in den einzelnen Regionen und eine Karte mit der Verteilung der Gülleimporte aus dem Internet laden und diese übereinander legen. Man erkennt dort eindeutig, wo das Problem liegt. Brandenburg ist, mit Ausnahme einiger kleiner Stellen, wo wahrscheinlich Massentierhaltung statt findet, kaum betroffen. Es ist zu weit von den Niederlanden entfernt.

  7. 9.

    PV Anlagen liefern Ertrag auch ganz ohne Gülle. Einfach ein bisschen wengier Raps zu Biodiesel machen, dann braucht man auch weniger Rapsfelder.

  8. 8.

    Landwirt ist eben nicht gleich Landwirt. Der eine versteht etwas von Ökologie, dem anderen geht es einfach nur um höchstmöglichen Profit. Die Agrarlobby ist viel zu verfilzt und mächtig und hat über Jahre ihre Verflechtungen ausgeweitet. Hier bin ich gespannt, ob die Grüne Politik etwas ändern kann, oder ob auch hier dieser Allmacht nachgegeben wird. Auf eine gesunde Umwelt und gesunde Nahrungsmittel. Mittlerweile rät man Kleingärtnern, die Grundwasser für den Garten nutzen, dieses Wasser wegen des hohen Nitratgehaltes nicht mehr für Obst und Gemüse zu verwenden.

  9. 7.

    Ja, schockierend! Da wo das Grundwasser jetzt schon über die Grenzwerte beastet ist, kommen noch jede Menge Nitrat hinzu das noch "auf dem Weg ins Grundwasser" im Boden ist. Diesen Flächen müsste eigentlich Nitrat entzogen werden statt da noch mehr drauf zu schmeissen.
    @rbb Gibt es keine sinnvollen, gewinnbringenden alternativen Nutzungsformen für diese belasteten Flächen? Was sagen Forschende an der HNE dazu?

  10. 6.

    Da sollten sie mal neben den Pferdehufen hier messen, hier stinkt es nach Gülle und selbst in den Wintern wächst die Entengrütze und die Algen im Bach. Nur hier misst niemand und den Betreibern ist es egal, es wird alles eingeleitet bzw. versickert im Boden.

  11. 5.

    Wie verantwortungslos muss man eigentlich sein, um über diese lächerlichen Einschränkungen (80% der sonst erlaubten Düngemenge) zu jammern? Die ohnehin schon wenig ertragreichen Böden in Brandenburg sind in einigen Regionen durch jahrzehntelange Intensivwirtschaft massiv überbeansprucht. Das versucht man durch übermäßige Düngung zu kompensieren, mit katastrophalen Auswirkungen auf die Grundwasserbelastung. im Übrigen: Die Abnahmepreise für Raps haben sich in kürzester Zeit ungefähr verdoppelt - da bleibt selbst bei einer beschränkten Düngung immer noch ein drastisch höherer Gewinn übrig, selbst bei höheren Preisen für Düngemittel und Diesel!

  12. 3.

    Die Bauern mit den hoch belastete Grundwasser kann ich verstehen. Was wäre aber die Alternative? Doch die Belastung zu verringern. Alles andere kann doch nicht akzeptiert werden. D.h. Keine Gülle oder Dünger zu verwenden.

  13. 2.

    Statt Nitrat den Zuckergehalt messen, dann passt es.

  14. 1.

    Spaßfakt: Nitratbelastung im Grundwasser ist immer ein paar Jahrzehnte verzögert zum Nitrateintrag an der Oberfläche. Was wir also heute an überhöhten Werten messen stammt aus einer Zeit, wo noch deutlich weniger gedüngt wurde. Deutschland ignoriert ja systematisch die Grenzwerte und importiert zum Beispiel noch Gülle aus Nachbarländern, die dann hier kostengünstig auf die Felder gekippt wird. Die Schäden darf dann die nächste oder übernächste Generation ausbaden. Das Prinzip kennt man noch aus anderen Bereichen...

Nächster Artikel