Streit um Tarife - Störrische Stromversorger erschweren den Anbieterwechsel

So 06.02.22 | 14:31 Uhr
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Stecker in einer Steckdose (Bild: dpa/Fernando Gutierrez-Juarez)
dpa/Fernando Gutierrez-Juarez
Video: SUPER.MARKT | 31.01.2022 | Björn Tritschler | Bild: dpa/Fernando Gutierrez-Juarez

Tariferhöhung trotz Preisgarantie und verweigerte Kündigungen - immer wieder melden sich Betroffene von sperrigen Stromanbietern bei den Verbraucherzentralen. Diese wissen, wie man gute von schlechten Verträgen unterscheidet. Von Björn Tritschler

Irrungen und Wirrungen rund ums Thema Stromtarife stellen viele Verbraucher:innen vor Probleme. Michael Wrase aus Kleinmachnow wechselte im April 2021 zu Voxenergie, einem Strom- und Gasversorger mit Sitz in Berlin. Im September 2021 verlängerte er den Vertrag sogar noch bis 2025 - mit Preisgarantie.

Tariferhöhung trotz Preisgarantie

Ein Schnäppchen, dachte der Rentner. Doch auf einmal erhöhte das Unternehmen, nur einen Monat nach Vertragsverlängerung, die Abschlagszahlungen von 165 auf 307 Euro. "Das ist schon ein harter Schlag gewesen", sagt Michael Wrase. Er versuchte, aufgrund der Preiserhöhung den Vertrag zu kündigen, wollte ein schnelles Ende nach dem Schrecken, aber der Stromanbieter ließ ihn so einfach nicht ziehen.

Voxenergie akzeptierte die Sonderkündigung nicht, leugnete sie gegenüber dem Grundversorger Vattenfall und drohte stattdessen mit Mahnungskosten und einer Betrugsanzeige.

Ärger, den auch Hans-Peter Faas aus Berlin-Kreuzberg kennt. "Ich habe mich von Anfang an geärgert, zu Voxenergie gegangen zu sein", sagt er. Auch er erhielt trotz Preisgarantie eine Tariferhöhung, kündigte und hörte nichts mehr von seinem Anbieter. Solche Fälle bekommen die Verbraucherzentralen immer öfter zu hören. Die Beschwerden häufen sich.

Auf die Anfrage des rbb zu den beiden Fällen reagiert Voxenergie nicht.

Verbraucherzentralen bieten Unterstützung

"Wenn die Firma die Kommunikation verweigert, dann kann die Rechtsberatung der Verbraucherzentralen in Anspruch genommen werden", empfiehlt Dr. Katarzyna Trietz, Leiterin der Abteilung Recht und Verbraucherschutz der Verbraucherzentrale Brandenburg. Und es gibt eine weitere Möglichkeit. Verbraucher:innen können sich an die Schlichtungsstelle Energie wenden, die außergerichtliche Lösungen sucht. Hierbei sei allerdings zu beachten, dass das Ganze etwas dauern kann, weil sich die Beschwerden häuften, so Tietz.

Michael Wrase dauerte das zu lange. Er nahm sich rechtlichen Beistand. Seine Anwältin Jenni Falkenberg fordert eine strengere Regulierung von Billiganbietern und deren Geschäftsmodellen und strengere Konsequenzen. Die Hürden, sich zu wehren, seien zu hoch. "Ziel des Energiewirtschaftsgesetztes ist der Verbraucherschutz, das steht ganz zu Anfang in den Zweckbestimmungen. Dementsprechend besteht da Verbesserungspotenzial", so Falkenberg. Denn selbst wenn die Rechtslage völlig klar sei, bleibe ein Restrisiko. Und das trage dann der Mandant mit seinem Kostenrisiko.

Stromanbieter verzögert Kündigung

Weil der Stromanbieter sich stur stellte, konnte Michael Wrase nicht pünktlich wechseln. Der Kreuzberger Hans-Peter Faas fand dagegen eine Lücke im Kleingedruckten. "Voxenergie hat mir ein weiteres Angebot geschickt. In dem Schreiben stand, dass der Vertrag beendet wäre, sollte ich das Angebot innerhalb von fünf Tagen nicht annehmen", so Faas. Er leitete den Brief an den Nachversorger weiter - mit Erfolg. "Da Voxenergie eine indirekte Bestätigung geschickt hat, dass die Kündigung wirksam ist, konnte ich auch Vattenfall davon überzeugen."

Faas wartet zwar noch immer auf eine Endabrechnung, aber den Versorger ist er auch ohne offizielle Kündigungsbestätigung los. "Klar, man will Geld sparen. Aber am Ende sind es dann auch die Nerven, die dafür draufgehen. Man ärgert sich, weil man so machtlos ausgeliefert ist", sagt Faas.

Verbraucherzentrale empfiehlt kurze Laufzeiten

Um einen guten Tarif zu finden, empfiehlt Katarzyna Trietz von der Verbraucherzentrale Vergleichsportale im Internet. Die idealen Voreinstellungen sind für sie dort Verträge mit kurzen Laufzeiten und eine Kündigungs- und Verlängerungsfrist von einem Monat. Und das Kleingedruckte ist wichtig. Günstige Angebote im ersten Jahr und Boni und Prämien werden oft querfinanziert - durch höhere Preise im zweiten Jahr.

Vor Vertragsabschluss empfiehlt Trietz zusätzlich eine Internetrecherche: "Was finde ich dazu? Gibt es viele Beschwerden über den Anbieter? Sind es untergeschobene Verträge? Drastische Preiserhöhungen?". Hierbei können neben Beschwerdeportalen im Netz auch das Verbraucherportal der Bundesnetzagentur oder die Seiten der Verbraucherzentralen helfen.

Michael Wrases Kündigungsbestätigung kam schließlich am letzten Tag der Beschwerdefrist. Wegen der entgangenen günstigen Preisgarantie, dem Stress und seinen Anwaltskosten könnte er Entschädigung verlangen. Aber er ist skeptisch, denn das bedeutet viel Arbeit für wenig Ertrag.

Sendung: SUPER.MARKT, 31.01.2022, 20:15 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Was da an Zeit und Aufwand verplempert wird,ist kaum zu glauben.
    Strom gehört zur Grundversorgung und sollte vom Staat bereit gestellt werden. Beim Wasser klappt das doch auch prima. Ich sehe jedenfalls keinen Vorteil bei verschiedenen Anbietern.

  2. 17.

    Nicht jeder der wechseln möchte kann auch wechseln und da sind die Gründe recht unterschiedlich.
    Es gab mal vor Jahren die Idee das man sich einen Zähler mit einer Zahlkarte einbauen lassen kann und dann von Monat zu Monat sich mal eben so in irgend einem Supermarkt o. ähnlichem seinen Tarif aussuchen kann ähnlich wie mit den prepaid Karten.
    Das wäre dann für alle machbar gewesen auch für Nutzer die den Internet Suchmaschinen nicht so viel abgewinnen können oder anderweitig Probleme beim Wechsel haben.
    Ich frage mich, was ist eigentlich aus dieser Idee geworden, wurde sie endgültig auf Eis gelegt?

  3. 16.

    "Die kleineren unbekannten Unternehmen habe ich stets verschmäht, der Grund hierfür waren immer wieder negative Berichte in den Medien, oder eben auch die Kundenmeiungen / -bewertungen. "

    Dann haben sie also auch Post bekommen, dass man Bonushopper zukünftig von der Belieferung ausschließt?

    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vattenfall-bonushopper-bussgeld-datenschutz-1.5419904

  4. 15.

    Seit Jahren wechsel ich den Stromanbieter nahezu jedes Jahr.
    Gewechselt bin ich stets zu größeren Anbietern wie EON und Vattenfall und deren Töchtern, oder auch zu Stadtwerken.
    Die kleineren unbekannten Unternehmen habe ich stets verschmäht, der Grund hierfür waren immer wieder negative Berichte in den Medien, oder eben auch die Kundenmeiungen / -bewertungen.

    Wenn man sich etwas schlau macht, und auch diese Bonus-Angebote etwas mehr durchleuchtet, dann wird schnell klar, um welches Unternehmen man lieber einen Bogen machen sollte.

    Ärgerlich ist in meinen Augen, dass immer wieder Jahre bis Jahrzehnte verstreichen, bis nach Aufdeckung von Missständen der Gesetzgeber aktiv wird - wenn überhaupt.

  5. 14.

    Sollte sich Treue auch mal auszahlen?

  6. 13.

    Die Liberalisierung (des Strommarktes) führt dazu, das wir alle mit besseren Leistungen zu günstigeren Preisen versorgt werden.
    Sagten sie, die neoliberalen Profitgeier.

  7. 12.

    Ja, früher war der Stromanbieter auch Erzeuger. Heute handeln diverse Firmen nur mit Strom und billig einkaufen geht gerade nicht, unter anderem auch weil sich einige verzockt haben!

  8. 11.

    Warum immer das Mitleid mit den Glücksrittern,wo sie Gewinn
    Gemacht haben, haben sie den eingestrichen. Aber bei Verlusten soll Die Allgemeinheit aufkommen. Nicht einen Cent dürften sie bekommen . Mir geht das ganze Gejammer so langsam auf die Nerven.

  9. 9.

    Mein Mitgefühl hält sich in engen Grenzen. Die Jagd nach dem billigsten Anbieter hat nun mal ihren Preis und dieser Irrsinn wird von den Verbraucherschützern und wie sie alle heißen, noch befeuert. Mein Versorger ist sicher nicht der preiswerteste, hat aber bisher nicht erhöht.

  10. 8.

    Ich wechsle von Anfang an Strom und Gas. Meine negativen Erfahrungen sind nur 2: Der 1. Wechsel ging schief. Von der TIC erhielt ich eine Begrüßung und 100 DM wurden abgebucht. Die Esag kassierte aber weiter und mahnte nach Kündigung der Einzugsermächtigung und ignorierte meine Widersprüche. Nach 7 Monaten nach Pleite der TIC schrieb mir die Esag, daß die TIC den Vertrag zur Netznutzung nicht unterschrieb und dafür nichts zahlte. Das hätte sie mir gleich schreiben sollen. Esag erließ mir dann die Forderungen. Die TIC-Kunden wurden von Strom 2000 übernommen. Vor ca. 10 Jahren rechnete Eon anders ab als bei Verifox stand. Sie meinten, das wäre ihr Tarif, den sie mit allen Kunden anwenden. Ich schickte das Protokoll von Verifox und bekam die dementsprechende Rechnung. Ich lasse mir bei Check24, Verifox, Preisvergleich usw. immer alle Tarife anzeigen mit allen Boni, allen Kündigungsfristen, Vertragslaufzeiten usw. Ich kündigte immer rechtzeitig. Auch 1 Vertrag mit Vorkasse war sehr gut.

  11. 7.

    Kann ich nur bestätigen. Nachdem ich über mehrere Jahre hin immer vor der Strom Ablesung eine Stromerhöhung vom Anbieter zugeschickt bekam, habe ich mir sorgfältig einen anderen seriösen Anbieter gesucht und gefunden. Erst einmal im letzten Jahr kam es auch hier zu einer aber noch erträglichen Erhöhung.

  12. 6.

    Ganz ehrlich: mein Mitleid hält sich in Grenzen. Eine Freundin sagt immer „kaufste billig, kaufste zweimal“. Und das stimmt in jeder Beziehung. Wer immer noch denkt, dass Qualität und Service für lau zu kriegen ist, ist mit dem Klammerbeutel gepudert. Schaltet Euren Verstand ein + verabschiedet Euch von „Geiz ist geil“! Seht endlich ein, dass guter Service + gute Qualität ihren Preis haben. Ich habe mich bewusst von Billiganbietern getrennt und bin zu seriösen gewechselt. Und hab keine Probleme

  13. 4.

    Augen auf bei der Wahl des Energieversorgers. Nicht Schnäppchen hinterherlaufen sondern einen seriösen Anbieter suchen. Ich habe einen, mit dem ich seit vielen Jahren zufrieden bin.

  14. 3.

    Oh, 165€ pro Monat für Strom? Das finde ich viel.

  15. 2.

    Habe vor einigen Jahren ebenso schlechte Erfahrungen mit Voxenergie machen müssen. Nur durch persönliche Vorsprache mit Vertretern der Rechnungsabteilung und eigene Hartnäckigkeit hat zu Kündigungerfolg geführt. Hat alle ca. 6-7 Monsate gedauert.
    Ich kann nur Warnen- " FINGER WEG VON VOXENERGIE"!!

  16. 1.

    Tja so ist das. Früher gab's nur einen einzigen Stromversorger. Da hatte man diesen Stress nicht. Das war aus heutiger Sicht natürlich in der Steinzeit.

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