Energetische Sanierungen - Spagat zwischen Denkmalpflege und Klimaschutz

So 27.03.22 | 11:44 Uhr | Von Franziska Ritter
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Energetische Sanierungen vs. Denkmalschutz. (Quelle: rbb/F. Ritter)
Audio: Inforadio | 25.03.2022 | Franziska Ritter | Bild: F. Ritter

Energiesparen ist das Gebot der Stunde und Gebäude sind der größte Hebel dafür. Sie müssen bestimmte Energiestandards erfüllen, doch bei denkmalgeschützten Gebäuden ist das nicht so einfach. Ein Beispiel. Von Franziska Ritter

Martin Hess legt einen quietschenden Hebel um, um die Tür zu seiner Terrasse zu öffnen. Der Charlottenburger wohnt mit seiner Familie in einem zweigeschossigen Reihenhaus, das 1959 im Stil der Bauhausarchitektur gebaut wurde. Das ganze Ensemble, zu dem neun Häuser gehören, steht von innen wie außen unter Denkmalschutz. Deshalb kann seine Wohnung, in dem sich große Fenster mit Holzrahmen befinden, nicht ohne Weiteres saniert werden.

"Man kann hier nicht einfach neue Standardfenster einbauen, sondern muss das vom Tischler nachbauen lassen, damit man damit die Denkmalschutz-Auflagen erfüllt", sagt er. "Das ist teuer, und deswegen sträubt sich die Hausverwaltung dagegen, das zu tun. Und wir leben mit einer zugigen Tür." Das Wohnzimmer, von dem aus die Familie ins Grüne blickt, geht ins angrenzende Esszimmer und die Küche über. Eine offene Treppe führt ins Obergeschoss. "Das Haus, so toll wie es ist, führt leider auch dazu, dass wir einen permanenten Luftzug haben. Wenn wir auf dem Sofa sitzen und fernsehen, müssen wir uns in eine warme Decke einmummeln, sonst wird es nicht richtig behaglich."

"Klimaschutz muss gleichberechtigt sein"

Die Innenwände des Hauses und einige Außenwände sind ungedämmt, weil der Denkmalschutz vorgeht. Schließlich soll das Erscheinungsbild von Baudenkmälern erhalten bleiben. Ist das in Zeiten von Klimawandel und Energiekrise noch zeitgemäß? Keinesfalls, sagt Daniela Billig, die als Sprecherin für Denkmalschutz und ökologische Quartiersentwicklung für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt. "Es muss im 21. Jahrhundert möglich sein, dass Klimaschutz und energetische Sanierungen auch bei denkmalgeschützten Gebäuden umgesetzt werden", sagt sie. "Natürlich ist Denkmalschutz wichtig, aber Klimaschutz muss mindestens gleichberechtigt sein."

Wer Umbauten oder Sanierungsmaßnahmen an einem Baudenkmal plant, muss diese im Vorfeld unbedingt mit der zuständigen Denkmalschutzbehörde absprechen, sonst kann sie einen Rückbau verlangen oder Bußgelder verhängen. Die Denkmalpfleger entscheiden immer im Einzelfall und das ist auch gut so, findet Katja Kampmann, die beim Berliner Landesdenkmalamt für Klimaschutzfragen zuständig ist. "Wir können bei einem Denkmal ohnehin nicht die Effizienzstandards erreichen wie ein neu gebautes Gebäude oder ein saniertes Gebäude, das aus dem regulären Altbaubestand kommt", argumentiert die Architektin.

Energetische Sanierungen vs. Denkmalschutz. (Quelle: rbb/F. Ritter)Hier würde Martin Hess gerne eine neue Lösung installieren: Die Ölheizung in seinem Keller.

Fernwärme und Solarenergie keine Option

Doch wie könnte ein Spagat zwischen Denkmalpflege und Klimaschutz aussehen? Martin Hess steigt die Treppe in den Keller seiner Wohnung hinab, wo eine Ölheizung steht, die schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Alle Häuser in der Siedlung haben eigene Öltanks im Keller, die die Mieter selbst auffüllen müssen. Angesichts historisch hoher Energiepreise kostete das Martin Hess und seine Familie zuletzt fast einen Euro pro Liter – im Vorjahr waren es noch 33 Cent, rechnet er vor.

Ab 2026 sollen Immobilienbesitzer Öl-Heizungen, die älter als 30 Jahre sind, möglichst austauschen. Doch die Wohnanlage im Charlottenburger Westend wird nicht ans Fernwärmenetz angeschlossen. Solaranlagen auf dem Dach sind – sofern sichtbar – in der Regel schwer mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren. Die Hausverwaltung denkt deshalb nach eigener Auskunft über Wärmepumpen nach. Doch da deren Außeneinheiten mit 40 bis 60 Dezibel vor sich hin brummen, zögert sie noch. Katja Kampmann vom Landesdenkmalamt wirbt unterdessen für individuelle Lösungen: "Mitunter ist es so, dass man nur durch minimale Veränderungen schon viel erreicht, zum Beispiel indem man das Dach oder die oberste Geschossdecke dämmt oder einen Dämmputz auf die Fassade aufbringt."

Martin Hess wünscht sich ein "zeitgemäßes Konzept" für sein Haus, vor allem in Bezug auf die Heizungsanlage. Er hofft auf eine neue Anlage und hätte gerne jemanden, der sich auskennt und sich darüber Gedanken macht. Einfach scheint das aber nicht zu sein, im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und energetischer Sanierung.

Sendung: Inforadio, 25.03.2022, 10.35 Uhr

Beitrag von Franziska Ritter

8 Kommentare

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  1. 8.

    Wir können doch nicht alles zu Tode sanieren - was für ein Wahnsinn! Hier sollte man auch die Energiebilanz der Baumaterialien mal mit einrechnen müssen. Dann sieht die Klimabilanz nämlich ganz anders aus.

  2. 7.

    In Potsdam Alt Drewitz steht folgender Spruch an einer Hauswand:
    ,,Gott schütze uns vor Staub und Schmutz, Feuer, Krieg und Denkmalschutz".

  3. 6.

    Wer redet denn von Zugluft? Zirkulation, ohne diese kommt es schnell zum Schimmelbefall. Wenn es zieht, kann man die Fenster mit Gummidichtungen abdichten. Ich würde meine Holzfenster niemals gg den modernen Quatsch eintauschen. Was meinen sie warum es häufig bei Neubauten zu Schimmelbefall kommt?

  4. 5.

    Wenn die Wohnung auf permanente Zugluft angewiesen ist um nicht zu schimmeln ist ohnehin etwas mit der Bauphysik im Argen. Im Zweifel kann man aber eine Belüftung mit Wärmerückgewinnung installieren und so mit 80% weniger Energieverlust für genügend Luftaustausch sorgen.

  5. 4.

    Frau Kampmann hat doch gute Individualvorschläge gemacht....

  6. 3.

    Hi, auch unsere Gebäude in der Siedlung können angeblich nicht am die Fernwärme angeschlossen werden... Aussage des Metzbetreibers... unwirtschaftlich. Jetzt haben wir für über 10000 € eine neue Gasheizung anstatt Öl. Nun sollen Gasheizungen verboten werden. Leider gibt die Statik des Daches es nicht her Solarthermie oder Module zu installieren.
    Wärmepumpe geht nicht, da die Leitungspuerschnitte der Kabel nicht reicht. Schon blöd...

  7. 2.

    Hat der Denkmalschutz auch etwas gegen tesamoll(R)?

  8. 1.

    Bei Holzfenstern gehört noch ein wenig mehr wissen dazu. Wer diese austauscht bekommt eventuell Schimmel in der Wohnung. Unser Nachbarblock kann davon ein Lied singen. Bei Holzfenstern herrscht eine ganz andere Zirkulation, als mit diesem modernen Quatsch. Und wer behauptet mit Holzfenstern muss man im Winter mehr heizen, das ist auch Blödsinn. Beste Grüße aus Siemensstadt

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