Ende der Homeoffice-Pflicht - Warum ein Berliner Start-up überhaupt kein Büro mehr hat

Sa 19.03.22 | 08:13 Uhr | Von Johannes Frewel
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Ein Mann nimmt an einem Online-Meeting teil, während er oben herum ein Hemd trägt und unten herum eine Jogginghose. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Video: rbb|24 | 19.03.2022 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: dpa/Annette Riedl

Trotz Ende der Homeoffice-Pflicht wollen längst nicht alle Firmen in Präsenz zurück. Für ein Berliner Start-up hat Homeoffice viele Vorteile – bringt es aber auch in Konkurrenz mit anderen Arbeitgebern. Von Johannes Frewel

Das Softwareunternehmen Polypoly will Digitalriesen wie Google, Facebook oder Amazon die Herrschaft über Kundendaten streitig machen und hat sich dabei von der klassischen Form der Arbeitsorganisation verabschiedet. 2019 startete das Unternehmen noch mit einem klassischen Büro in Berlin-Kreuzberg.

Die Geschäftsidee: Wer ein Smartphone, Tablet oder PC nutzt, soll seine Daten etwa von Google, Facebook oder Amazon zurückholen können, um sie selbst zu vermarkten - oder eben die Vermarktung zu verhindern. Unternehmen zahlen für die Auswertung von Nutzerdaten eine Gebühr, sie wird von der Genossenschaft Polypoly ausgeschüttet.

Büro in Kreuzberg verwaiste seit erstem Lockdown

Zahlreiche Mitarbeiter arbeiteten von Anfang an remote, also nicht im Unternehmen, sagt Polypoly-Koordinatorin Jessica Dittmar. "Nichtsdestotrotz hatten wir vor Corona ein Büro in Berlin", sagt Dittmar, "weil es irgendwie dazugehört hat." Das Büro verwaiste während der Pandemie wie bei den wohl meisten anderen Unternehmen auch.

Ab Sonntag können Betriebe nun wieder selbst entscheiden, welche Corona-Regeln sie am Arbeitsplatz festlegen [tagesschau.de]. In der neuen Verordnung ist das Homeoffice-Angebot nur noch als Möglichkeit vorgesehen: "Es besteht keine gesetzliche Verpflichtung, sondern der Arbeitgeber hat die Möglichkeit, seinen Beschäftigten Homeoffice anzubieten", heißt es dort. Das Kreuzberger Start-up hat sein Büro inzwischen vollständig aufgegeben. "Selbst für Geschäftstermine braucht man es einfach nicht mehr", bilanziert Dittmar zwei Jahre Homeoffice-Erfahrung.

Nur 16 Prozent wollen täglich ins Büro

Kommunikationsplattformen wie Teams, Webex oder viele andere sorgen dafür, dass die virtuelle Zusammenarbeit in Unternehmen auch vom Homeoffice aus klappt. Webex-Anbieter Cisco veröffentlichte in seinem News-Blog [news-blogs.cisco.com] eine frische Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey unter 1.000 Beschäftigten. Demnach wollen nur noch 16 Prozent der Befragten wieder wie vor der Pandemie täglich ins Büro. Die große Mehrheit möchte sich hingegen die gewonnene Flexibilität erhalten, hybrid zu arbeiten und wenn überhaupt monatlich nur noch wenige Tage ins Büro.

Eine Umfrage des "Handelsblatts" [Paywall] unter 40 Dax-Konzernen und zehn großen Familienunternehmen hat zudem ergeben, dass die meisten Firmen ihre Büros angesichts der steigenden Infektionszahlen nur behutsam öffnen wollen.

Plötzlich in globalem Wettbewerb um Mitarbeiter

Die Mitarbeiter des Berliner Start-ups melden sich aus ganz Europa, aber auch aus Feuerland. Die Kehrseite: "Insbesondere wenn es darum geht, Entwickler zu bekommen, ist man als eher kleineres europäisches Unternehmen auf einmal in der Konkurrenz eines weltweiten Marktes, weil auch die großen Unternehmen suchen", schildert Dittmar, wie sehr Homeoffice den Arbeitsmarkt für Unternehmen verändert hat. "Das bedeutet natürlich auch," bilanziert sie, "dass man dann sehr schnell in eine finanzielle Konkurrenzsituation kommt, weil ein kleineres Unternehmen natürlich nur viel schlechtere Gehälter zahlen kann als ein größeres Unternehmen."

Gleichzeitig konnte das Start-up durch die Flexibilität dieser Arbeitsform Experten an sich binden, denen ein normaler Bürojob gar nicht möglich ist. Dazu gehören nicht nur Alleinerziehende, zählt Dittmar auf, sondern auch Menschen mit Handycap, die gesundheitlich nicht in der Lage sind, jeden Tag zur Arbeit zu pendeln.

"Wir werden unsere Mitarbeiter nicht zurückrufen"

Die Folge: auch wenn jetzt nach zwei Jahren die Home-Office-Pflicht endet, das Digital-Start-up Polypoly wird nicht mehr ins Büro zurückkehren, sagt Jessica Dittmer. "Wir werden unsere Mitarbeiter nicht zurückrufen."

Sendung: Inforadio, 18.03.2022, 14:35 Uhr

Beitrag von Johannes Frewel

6 Kommentare

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  1. 6.

    Falsch: Homeoffice fördert die Faulheit. Bei uns in der Firma muss man den Homeofficelern hinterhertelefonieren und ermahnen! Netto Arbeitszeit gefühlt eine Stunde am Tag! Keinen erreicht man.

  2. 5.

    @Mario schrieb:
    >... permanten Überwachungsdruck...
    Ich glaube die meisten Leute wissen überhaupt nicht, welche Überwachungs- und Analysemögliichkeiten cloudbasierte Online Tools wie bspw. MS Teams und MS Office 365 bieten (nein, nicht die, die Microsoft selbst durchführt sondern die, die der Firmenlizenznutzer nutzen kann). Es ist abzusehen, dass da in der Zukunft in der Arbeitnehmerschaft massiv nach Leistung gesiebt werden wird. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf HomeOffice, es wird jedoch in den HR Abteilungen zu verstärkten Begehrlichkeiten führen. Ich hoffe nur, das es in den Betrieben starke Arbeitnehmervertretungen gibt, die das unterbinden.

  3. 4.

    Vernünftige Entscheidung. Bei einem digitalen Arbeitsplatz braucht es keine Anwesheit vor Ort. Die Menschen welche es schaffen zuhause alleine zu arbeiten sollte das auch weiterhin dürfen. Großraumbüro ist nicht hipp. Irgendwo muss es ja herkommen das Burnout zunimmt. Vlt liegt es daran das es in Arbeiterfabrik Etagen keine Ruhe mehr gibt, permanten Überwachungsdruck. Aber hey, Hauptsache sea steht kein Kicker im Großraumbüro und es gibt eine tolle Dachterrasse. Das muss doch dem unterbezahlten Mitarbeiter reichen....ist doch alles so hipp und easy

  4. 3.

    Wir haben doch in Berlin keine Systemrelevanten und Werksarbeiter, Ganz Berlin hat das Homeoffice Mo-Fr ab 9:30 geöffnet.... :)

  5. 2.

    Also wir machen so weiter wie bisher: Die eine Hälfte ist heute im Büro, die andere Hälfte morgen... usw. im Wechsel. Das passt ganz gut. Immer und alles kann man auch nicht von zu Hause aus machen. Und seien wir mal ehrlich: Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Kreativrunden sind virtuell in Videokonferenzen nicht so wirklich kreativ.

  6. 1.

    Ging uns genau so. Büro meist leer. Die Miete schmerzte so sehr, dass nun kein Büro mehr gibt. Aber man braucht aus rechtlichen Gründen immer einen Firmensitz.

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