Teurer Holzbau - Gesobau zweifelt an Senatsplänen für klimafreundliches Schumacher-Quartier

Di 26.04.22 | 06:08 Uhr | Von Sebastian Schöbel
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Berlin TXL SQ Quartiersstrasse (Quelle: © Tegel-Projekt-GmbH/rendertaxi)
Audio: rbb24 Inforadio | 26.04.2022 | Sebastian Schöbel | Bild: © Tegel-Projekt-GmbH/rendertaxi

Das Schumacher-Quartier soll mehr als nur ein neuer Stadtteil werden: Gebaut werden soll hier vor allem klimafreundlich, mit Holz. Doch ausgerechnet aus den Reihen der Unternehmen, die es umsetzen sollen, kommen nun Zweifel. Von Sebastian Schöbel

Das in Holzbauweise geplante Schumacher-Quartier auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tegel stößt auf Bedenken bei den Bauträgern. Bei dem Projekt könne "nach jetzigem Stand wirtschaftlich keine einzige Wohnung gebaut werden", sagte Gesobau-Vorstandschef Jörg Franzen im Berliner Abgeordnetenhaus. Grund seien der Fachkräftemangel, Lieferengpässe und stark steigende Energie- und Baupreise, so Franzen. Die Ukrainekrise habe den "dramatischen" Zustand noch einmal verschärft, dazu kämen steigende Zinsen.

Franzen: Holz kostet 900 Euro mehr pro Quadratmeter

Derzeit koste der Quadratmeter Neubau zwischen 3.000 und 4.000 Euro, sagte Franzen im Bauausschuss des Abgeordnetenhauses. Die ambitionierte Holzbauweise, die im Schumacher-Quartier zur Anwendung kommen soll, sei nach Berechnungen der Gesobau 900 Euro pro Quadratmeter teurer als die konventionelle Betonbauweise. "Wenn Sie die Mieteinnahmemöglichkeiten der städtischen Unternehmen dagegensetzen, können Sie sich vorstellen, dass das schwer bezahlbar ist", sagte Franzen an die Ausschussmitglieder gerichtet.

So betrage die Miete einer geförderten Wohnung 6,70 Euro pro Quadratmeter, die einer frei finanzierten Wohnung der Gesobau im Schnitt 11 Euro pro Quadratmeter. Sowohl die drei städtischen Wohnungsunternehmen, als auch die Genossenschaften und gemeinwohlorientierten Baugruppen, die das Schumacher-Quartier bauen sollen, würden "massive Probleme haben, da etwas realisieren zu können".

Berlin TXL SQ Kleiner Quartiersplatz (Quelle: © Tegel-Projekt-GmbH/rendertaxi)Anstatt Beton sollen vor allem Holzelemente im Schumacher-Quartier verbaut werden

Senat plant über 5.000 Wohnungen

Der Senat plant über 5.000 Wohnungen im Schumacher-Quartier. Statt konventioneller Betonbauweise sollen hauptsächlich Holzelemente zum Einsatz kommen, die auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel entwickelt und gefertigt werden. Eine entsprechende Ausschreibung soll noch in diesem Jahr erfolgen, bis 2025 wolle man die Produktion aufbauen, sagte Gudrun Sack, Geschäftsführerin der Tegel Projekt GmbH. Das Industrie- und Gewerbegebiet "Urban Tech Republic", das auf dem früheren Flughafenareal entsteht, soll gleichzeitig zum Mittelpunkt des Berliner Holzbaus werden: Dafür ist auf dem neuen Campus der Beuth Hochschule im Terminal A auch ein spezieller Studiengang geplant.

Holz aus Berliner Forsten

Das Holz soll aus den Berliner Forsten gewonnen werden, so Sack. "Wenn wir in Berlin aus Holz bauen wollen, müssen wir auf die Kiefer setzen." Geplant sei, schädliche Monokulturen von Kiefern in Wäldern aufzulösen und die Lücken mit Laubbäumen aufzuforsten. "Wir werden so viele Kiefern rausholen können, dass wir das gesamte Schumacher Quartier und auch die Urban Tech Republic damit bauen können."

Geschlagen werden sollen die Kiefern allerdings nicht in bekannten Berliner Wäldern wie dem Grunewald: Berlin besitze auch im Land Brandenburg Wälder, so der Holzbauexperte der TU-Berlin, Eike Roswag-Klinge. "Wir entnehmen die Bäume, die kurz vor dem Absterben sind, bauen sie ein und speichern das CO2, das sie aufgenommen haben." Das mache den Rohstoff Holz nicht nur weitaus klimafreundlicher als Beton, so Roswag-Klinge, sondern zeige sich auch langfristig beim Preis.

"Wenn wir kreislaufgerecht bauen, können wir diese Ressource langfristig nutzen. Der Mehrwert ist bisher nicht verpreist." Bauen mit Beton werde sich dagegen verteuern, auch durch CO2-Abgaben, so Roswag-Klinge.

Berlin TXL SQ Überblick (Quelle: © Tegel-Projekt-GmbH/Macina)Das Holz für das Schumacher-Quartier soll aus den Berliner Forsten gewonnen werden

Franzen: Senat sollte Förderung im Wohnungsbau überdenken

Gesobau-Vorstand Franzen fordert derweil vom Senat, die Förderung im Wohnungsbau zu überdenken - auch mit Blick auf Projekte wie das Schumacher-Quartier. "Es wäre natürlich eine Möglichkeit der wirtschaftlichen Querfinanzierung, wenn man auch bei den städtischen Unternehmen zwanzig bis dreißig Prozent der Wohnungen als Eigentum errichten würde", sagte Franzen.

Das aber steht im Konflikt mit dem Berliner Modell, auch wenn Franzen verspricht, die Gesobau würde die Eigentumswohnungen zu bezahlbaren Preisen anbieten. "Zudem ist fraglich, ob der Vorschlag in der rot-grün-roten Koalition mehrheitsfähig ist."

Sendung: rbb24 Inforadio, 26.04.2022, 06:20 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

29 Kommentare

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  1. 29.

    Der Bauingenieur und Architekt Werner Sobek, Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, "Wir müssen aufhören, Beton zu verteufeln. Es geht nicht ohne Beton." und "Wir müssen diese Hyper-Favorisierung von Holz relativieren. Wir müssen an neuen Rezepten für Beton experimentieren, viel mehr mit Rezyklaten arbeiten und den Zement anders herstellen. Und wir müssen die positive Tatsache vermitteln, dass von Luft umspülter Beton jede Menge Kohlendioxid aus der Atmosphäre zieht. "

    https://www.welt.de/wirtschaft/nachhaltigkeit/article238139671/Bauingenieur-Werner-Sobek-Koennen-Haeuser-nicht-mehr-bauen-wie-wir-sie-in-den-vergangenen-Jahren-gebaut-haben.html

    Und jetzt kommt noch das Kostenproblem, 900 € pro m² Wohnfläche mehr. die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften sagen, RRG malt sich die Welt schön.

  2. 28.

    Fachwerkhäuser bestehen nicht ausschließlich aus Holz, sondern nur die Balken. Und die verrotten eben schon. Alte Fachwerkhäuser die heute noch stehen, tun das nur weil sie ständig zu hohen Kosten gewartet werden. Manche vermeintlich "alte" Fachwerkhäuser sind außerdem in Wirklichkeit Neubauten an der Stelle eines verschwundenen alten. Und dieses Projekt will sowieso keine Fachwerkhäuser bauen, sondern durch und durch Holz. Das ist nur sehr begrenzt vergleichbar.

  3. 27.

    Ja, stimmt schon, wenn man jedoch nachhaltig bauen wollte, müsste man zum Ursprung zurück: Fachwerk, Lehm, Stroh und regional gebrannte Dachziegel, dazu regional Holz fürs Ständerwerk etc.
    Dumm nur, dass sie Stromversorgung definitiv nicht ohne Chemie auskommt. Da wäre dann ein Teil nicht ganz so umweltfreundlich, aber dies wäre zu verschmerzen.

  4. 26.

    Ach, Bauen ist eigentlich nie umweltfreundlich, egal welches Material man nimmt. Genau wie alles andere, was wir Menschen so machen. Die relevanten Fragen sind also wie man die Dinge umweltfreundlich_er_ machen kann. Und Betonherstellung, das ist wohl bekannt, ist nicht so gut für's Klima.

  5. 25.

    Ja, genau! Und Handeln in der Wirtschaft sollte stets Ideologien, Phantasien und Wunschvorstellungen folgen als irgendwelchen ökonomischen Fakten. Auf diese Weise wurden ein deutscher Staat und seine Volkswirtschaft schon einmal sehr erfolgreich gesteuert - schnurstracks in den Bankrott.

    Aber das ist ja jetzt auch schon über dreißig Jahre her, und man vergisst so schön schnell - auch und gerade, wie damals Häuser und Infrastruktur aussahen.

  6. 24.

    Dabei bitte die komplette co2-Bilanz vom Ursprung über Transport, Errichtung etc berücksichtigen. Erst wenn alles mit Photovoltaikanlagen, Wasser- oder Windkraft elektrifiziert und ganz ohne fossile Brennstoffe am und für den Bau ist, kann man von umweltfreundlichem Bau reden. Vorher nicht.

  7. 23.

    "auch wenn Franzen verspricht, die Gesobau würde die Eigentumswohnungen zu bezahlbaren Preisen anbieten."

    Wenn Holzbau teurer ist und das ganze der Querfinanzierung dienen soll, was heißt dann "bezahlbar"?!

  8. 22.

    Das ist ein interessanter Punkt, vielleicht kann der @rbb hier mal nachhaken.

  9. 21.

    Komisch, daß es so viele Fachwerkhäuser über die Jahrhunderte geschafft haben. Waren wahrscheinlich in Wirklichkeit Betonbauten. Aber ja, warum sollte man sich auch einfach mal informieren, wenn man eh alles schon weiß? https://www.baulinks.de/webplugin/2002/0418.php4

  10. 20.

    Kaltmiete 20€ pro m² aufwärts? Bezahlbare Wohnungen für Normalverdiener sind doch gar nicht mehr zu finanzieren mit den steigenden Zinsen und Auflagen für Energieeffizienz.

  11. 19.

    Naja, sie gehen von deutschen Durchschnittswerten aus. Hier liegt aber ein Sonderprojekt vor.

    Berlin ist teures Bauland, Mehrfamilienhäuser haben z.B. Tiefgaragen, Aufzüge usw.

    Den Preis den Sie nennen ist nicht aktuell, Baukosten haben sich extrem verteuert. Zudem liegt der Energiestandard der Häuser deutlich über den Durchschnitt.

    Bei dem Projekt kann man nur Äpfel mit Birnen vergleichen.

    Es ist teuer zu bauen und solche Sonderprojekte machen es grundsätzlich noch teurer. Der Berliner Senat sollte in naher Zukunft eingestehen, dass die günstigen Mieten bei den Kosten nicht zu halten sind. Zumal alle Wohnungsbaugesellschaften darauf hinweisen.

  12. 18.

    Der von Ihnen angesprochene Rechner ist für Bauherren einzelner Wohnhäuser, nicht für große landeseigene Projekte.
    Solche Rechner sind also für private Bauprojekte sinnvoll (als grobe Orientierung), die Gesobau führt hier aber reale Preise aus laufenden und geplanten Projekten an.

  13. 17.

    Ich würde nicht in einem Holzhaus wohnen wollen. Von den Kosten und dem möglichen Befall mit Ungeziefer abgesehen: Wie lange hält das? Holz ist ein organischer Stoff, das fault irgendwann weg.

  14. 16.

    Ich stimme Ihnen nicht zu, der Herr ist lediglich in einer hausgemachten Zwickmühle.

    Die Gesobau möchte den Wunsch der Politik verwirklichen, allein die Mittel fehlen und die Wirtschaftlichkeit ist wohl nicht gegeben.

    Was soll er anderes tun, als das er Vorschläge für günstige Mieten macht.

    Viele Möglichkeiten gibt es leider nicht, um günstige Mieten anbieten zu können.

    Es geht überwiegend nur durch Quersubventionierung, egal durch welche Subventionsquelle.

  15. 15.

    Mir erscheinen die Baukosten von 3000 bis 4000€ recht hoch, im Internet findet man günstigere Abschätzungen (2100€ Bundesdurchschnitt, wohnglueck.de) für Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser sollten ja eigentlich günstiger sein.
    Im Artikel wäre es schön, wenn solche Aussagen überprüft werden, oder wurde das gemacht?

  16. 14.

    Und das Schöne ist: Das Internet vergisst auch diese Bilder hier nicht. Wir freuen uns auf Vorher/Nachher-Bilder...

  17. 13.

    Mir erscheinen die Baukosten von 3000 bis 4000€ recht hoch, im Internet findet man günstigere Abschätzungen (2100€ Bundesdurchschnitt, wohnglueck.de) für Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser sollten ja eigentlich günstiger sein.

    Im Artikel wäre es schön, wenn solche Aussagen überprüft werden, oder wurde das gemacht?

  18. 12.

    Ein Vorstand einer der großen öffentlichen Mietwohnungsgesellschaften Berlins, der den Bau von Eigentumswohnungen vorschlägt, ist eine Fehlbesetzung. Wir brauchen öffentliche Wohnungsgesellschaften, die für die Mieter handeln!

  19. 11.

    Und wie wirken sich CO2 Preise auf die Mieten aus in Abwägung zur sicher drastischen Absenkung der Erderwärmung? In einer Abwägung kann man die Facetten alle vorwegnehmen bevor sowieso „mit den Füßen abgestimmt wird.

  20. 10.

    Die Daten sind ja unstreitig und erforscht. Ein m² Außenwand in Holzrahmen-Bauweise b i n d e t im Schnitt 45 kg CO2 pro m² - bei einer Ziegelaußenwand werden ca. 57 kg CO2 p r o d u z i e r t, bei Beton sind es sogar 82 kg pro m²!.

    https://www.fritzstenger.de/blog/holzbau-und-klimaschutz-mit-dem-hausbau-aus-der-klimakrise.html

    Wenn nun die bereits stark verschuldeten städtischen Wohnungsbaugesellschaften das linksgrüne Modell nicht mehr finanzieren wollen, ist eine grundlegende Neubetrachtung erforderlich.

  21. 9.

    Für mich unrealistisch was dort ausgegoren wurde viel zu teuer und als Mietwohnung nicht bezahl bar. Grüne Politik die nicht nachvollziehbar ist.

  22. 8.

    Wenn das Holz aus den Berliner Forsten kommt muss es ja nicht zum Marktpreis eingekauft werden. Sollte der Senat aber das Holz an die landeseigenen Baugesellschaften zu Marktpreisen verkaufen beisst sich die Katze in den Schwanz,

  23. 7.

    Danke für den in der Tat spannenden Hinweis. Das hätte das Thema hier gesprengt, werde ich aber mit Blick auf das SQ und unsere Berichterstattung mal mit auf die Liste setzen.
    Mein Eindruck ist allerdings auch, dass diese Berechnung durchaus kontrovers werden könnte, je nachdem, wie man sie anstellt. Beim Beton kommt zB Upcycling als Option dazu.
    Aber danke!

  24. 6.

    Da kommt erneut die gesamte Absurdität des links-grünen Wunschdenkens zu Vorschein.
    Nach dem Motto "wasch mich, aber mach mich nicht nass"

    Man kann bei den ständig steigenden Baukosten eben nicht wirtschaftlich seriös mit Holz und möglichst CO2-neutral bauen und gleichzeitig eine Miete von lediglich 6,70 Euro pro Quadratmeter verlangen. Da ist die Pleite vorprogrammiert.

  25. 5.

    Im weitesten Sinne Grüner Mist halt, völlig unrealistisch.

    "Sowohl die drei städtischen Wohnungsunternehmen, als auch die Genossenschaften und gemeinwohlorientierten Baugruppen, die das Schumacher-Quartier bauen sollen, würden "massive Probleme haben, da etwas realisieren zu können"."

    Fast 1000 € pro Quadratmeter Wohnfläche mehr, wenn man mit "Holz" baut.

  26. 4.

    Die Planung des Berliner Senats das Quartier überwiegend aus Holz fertigen zu lassen ist ja eine schöne Sache aber angesichts der Holzpreise sollte die Wirtschaftlichkeit in diese Überlegung einbezogen werden. Wird das Quartier so gebaut wie geplant, kann sich ein Normalverdiener dort keine Wohnung leisten. Das passt nicht ins Senatsprogramm 10 bis 20 Prozent von Neubauten sozialverträglich für Geringverdiener anzubieten.

  27. 3.

    Wenn ich sehe, dass in unserer EFH-Siedlung mal wieder ein älteres Einfamilienhaus plattgemacht wird statt umzubauen, weil ein noch größerer häßlicher Betonklotz gebaut wird, dann muss man sich nicht über die Baumateria bzw. Ressourcenlverschwendung wundern. Und das alles nur, damit man statt 130qm das doppelte an Wohnraum hat. Größenwahn lässt grüßen, aber dann über die Energiekosten jammern. Dass der Bauschutt wieder unter Autobahnen landet, damit noch mehr Autos fahren, so wird das nichts mit unseren Klimazielen.

  28. 2.

    Festzuhalten ist, dass die städtischen Gesellschaften wohl zukünftig gerne stetiger einen Anteil an Eigentumswohnungen bauen und an privat (Eigennutzung) verkaufen wollen würden.

    Das Geschäftsmodell der Berliner Wohnbaugesellschaften würde dem der privaten (in Teilen der Berliner Bevölkerung verhassten) Bauherrn demnach angeglichen.

    Können es städtische Gesellschaften also doch nicht besser als die privaten Bauherrn?

    Danke für die Kritik aus den eigenen(professionellen), städtischen Reihen am Forderungskatalog der Politik.

  29. 1.

    @rbb, spannend wäre es gewesen herauszufinden wie viele Tonnen CO2 pro Quadratmeter man denn mit Holz im Vergleich zum Beton spart, und folglich ab welchem CO2-Preis Holz günstiger ist als Beton.

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