Putzkraft bei Vivantes-Tochter - Mindestlohn gibt es erst mit Zuschlägen

Fr 15.04.22 | 17:30 Uhr | Von Angela Ulrich und Iris Völlnagel
Symbolbild. (Quelle: imago)
Video: Abendschau | 14.04.2022 | Iris Völlnagel | Bild: imago

Die Mitarbeiter der Tochtergesellschaften von Vivantes konnten vergangenes Jahr einen neuen Tarifvertrag durchsetzen, doch umgesetzt ist er bis heute nicht. Das kann bei einigen dazu führen, dass sie derzeit weniger verdienen als zuvor. Von Angela Ulrich und Iris Völlnagel

Rund zehn Jahre arbeitet Kamila Weiß jetzt schon für Vivaclean, ein Tochterunternehmen der Vivantes-Krankenhausgesellschaft in Berlin. Und obwohl seit Jahresbeginn eigentlich ein neuer, besserer Tarifvertrag gilt: Auf dem Lohnzettel der Reinigungskraft für den Kreißsaal und die Intensivstation in Neukölln hat sich nichts geändert: "Wir bekommen alle 11,11 Euro pro Stunde", sagt Weiß.

Elf Euro? Also weniger als der Mindestlohn, der im Land Berlin gilt? Der beträgt 12,50 Euro die Stunde und soll bald auf 13 Euro hochgehen. Um auf so viel Geld zu kommen, muss Kamilla Weiß aber zusätzlich arbeiten, zum Beispiel an Wochenenden, in der Nacht oder an Feiertagen. Nach dem alten Tarifvertrag, durfte sie mit diesen Diensten aufstocken. "Weil unser Stundenlohn so niedrig ist", sagt Weiß, "darf jeder mehr zusätzlich kommen und damit auch mehr verdienen."

Vivantes: Zuschläge für Nachtarbeit und Feiertage werden mitberechnet

Aber heißt das, gerechnet auf die reine Stundenzahl, dass bei Vivantes-Töchtern wie Vivaclean unter dem Landesmindestlohn gearbeitet wird? Vivantes-Sprecher Christoph Lang weist das zurück – denn es dürfe nicht nur die einfache Lohntabelle betrachtet werden: "Es ist tatsächlich so, dass nicht nur der nackte Stundenlohn, wie er in der Entgelttabelle steht, berechnet wird, sondern auch Zuschläge wie Nachtzuschläge, Feiertagszuschläge oder auch Jahressonderzahlungen." Im Fall von Kamilla Weiß hat der Vivantes-Sprecher sich den Lohnzettel genau angeschaut. Ergebnis: "Damit kommt auch Frau Weiß über den Landesmindestlohn."

Ist das ein Rechentrick? Nein, findet der Vivantes-Sprecher. Es sei schließlich im Reinigungsgewerbe ganz normal, auch abends, nachts oder am Wochenende zu arbeiten. "Das müssen alle", so Lang. "Denn die Krankenhäuser müssen ja auch zu diesen Zeiten gereinigt werden."

Neuer Tarifvertrag bisher nicht umgesetzt

Die Frage nach dem Mindestlohn ist das eine. Das andere ist der Unmut vieler Beschäftigter der Tochterfirmen von Vivantes, dass ihr längst in Kraft getretener neuer Tarifvertrag noch nicht umgesetzt ist. Christian Hilbert, Mitglied der Tarifkommission, sieht darin eine Hinhaltetaktik: "Die Geschäftsführung kommt immer mit Ausreden wie, es müsste erst mal technisch umgesetzt werden. Und es dauert ja seine Zeit. Die erste Umsetzung sollte eigentlich schon im März geschehen. Mittlerweile haben wir April."

Seine Kollegin aus der Tarifkommission, Christina Husmann, empört das: "Wir haben im letzten Jahr 30 Tage auf der Straße gestreikt und neue Tarifverträge verhandelt, die am 1. Januar in Kraft getreten sind", sagt die Psychologin, die in der ambulanten Reha von Vivantes arbeitet. Aber bis jetzt habe sich wenig getan. "Das heißt, wir warten weiterhin auf unsere Tariferhöhung."

Husmann sieht keine Wertschätzung

Einen neuen Tarifvertrag umzusetzen ist auch nicht so einfach, sagt Christoph Lang von Vivantes. Alle Betroffenen müssten neu eingruppiert werden. Da sei der Betriebsrat auch nicht gerade kooperativ gewesen. Jetzt verspricht Lang mehr Tempo: "Wir sind gut dabei – es entgeht auch niemandem etwas, es wird nachgezahlt."

Allerdings will Kamila Weiß nicht so lange warten, gerade jetzt, wo alles teurer geworden ist. Weil der neue Tarifvertrag nominell gilt, darf sie derzeit auch keine Überstunden mehr machen. Für die alleinerziehende Reinigungskraft ist das bitter: "Das ist sehr schwer, die Überstunden haben mir geholfen, da konnte ich ein wenig mehr verdienen. Seit dem Moment, wo alles teurer geworden ist, komme ich gar nicht klar mit meinem Geld."

Umsetzung für Mai versprochen

Vivantes hat nun versprochen, den neuen Tarifvertrag für Vivaclean im Mai umzusetzen, für die anderen Vivantes-Töchter im Juni. Dann ist der Landesmindestlohn auch für Kamila Weiß ohne Überstunden garantiert. Christina Husmann ist allerdings weiter vorsichtig: "Wir haben eigentlich gehofft, dass ein neues Kapitel aufgeschlagen werden kann, das auf Wertschätzung und gegenseitigen Respekt beruht." Aber das zeichne sich noch nicht ab, "sondern das gleiche Verhalten wie in den Verhandlungen letztes Jahr setzt sich im Moment fort."

Hinweis: In einer vorherigen Version dieses Textes wurde der Sprecher von Vivantes mit dem Satz "Mit den Überstunden kommt auch Frau Weiß über den Landesmindestlohn" zitiert. Das ist falsch. Wir haben das Zitat entsprechend korrigiert.

Sendung: Inforadio, 14.04.2022, 14 Uhr

Beitrag von Angela Ulrich und Iris Völlnagel

Nächster Artikel