Große Ansiedlungen geplant - Brandenburger Wirtschaftsminister sieht reindustrialisierte Landschaften

Fr 01.04.22 | 20:24 Uhr
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Das neue Werk der Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg (Luftaufnahme mit einer Drohne). (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Die Nachfrage nach Industrieflächen in Brandenburg steigt. Landeswirtschaftsminister Steinbach spricht gar von einer Reindustrialisierung Ostdeutschlands. Wirtschaftsexperten halten das für übertrieben - und sind weniger euphorisch. Von Oliver Soos

Der Osten Deutschlands boomt als Wirtschaftsstandort, denn hier siedeln sich große Namen an. Im vergangenen Jahr eröffnete Bosch in Dresden ein Halbleiterwerk. Im März folgte der Start der Tesla-Elektroautofabrik im brandenburgischen Grünheide. Im Sommer oder im Herbst will Rock Tech in Guben mit dem Bau von Europas erster Fabrik für Lithiumhydroxid (LiOH) beginnen. LiOH ist ein wichtiger Bestandteil von E-Auto-Akkus. Im kommenden Jahr ist dann geplanter Baustart der Intel-Chipfabrik in Magdeburg.

Der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) sieht goldene Zeiten auf Ostdeutschland und Brandenburg zukommen: "Was hier stattfindet, ist tatsächlich eine intensive Reindustrialisierung. Ich glaube, was die Wirtschaftskraft angeht, da wird sich die Bundesligatabelle deutlich verändern und Ostdeutschland wird nach oben klettern", sagt Steinbach.

"Intensive Reindustrialisierung" Brandenburgs

In Brandenburg sollen Tesla und Rock Tech längst nicht die letzten Ansiedlungserfolge bleiben. Steinbach erzählt, dass er zur Zeit mehr Investoren an der Angel hat, als vor der Corona-Pandemie. Doch er könne da nicht ins Detail gehen, denn bei Tesla habe gerade die Geheimhaltungstaktik zum Erfolg geführt. Steinbach verrät nur so viel: "Brandenburg kann im Moment etwa 1.000 Hektar an Industrieansiedlungen zur Verfügung stellen. Die meisten Anfragen bewegen sich in der Größenordnung von 60 Hektar, so dass wir etwa 15 weitere Projekte kurzfristig realisieren können." Der Minister ist guter Hoffnung, dass er in den nächsten zwei Jahren immer mal wieder "gute Nachrichten" verkünden kann.

Der wichtigste Standortvorteil Brandenburgs sei der überproportional hohe Ausbau an erneuerbaren Energien, vor allem bei der Windkraft. "Die Unternehmen, die sich im Augenblick ansiedeln, verlangen eine grüne Energieversorgung, und da haben wir einfach bessere Möglichkeiten, als es in einigen alten Bundesländern der Fall ist", so Steinbach.

Experten bremsen die Erwartungen

Es klingt nach rosigen Zeiten, doch manche ostdeutsche Experten sind skeptisch. Der Vize-Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Oliver Holtemöller, findet den Begriff "Reindustrialisierung" übertrieben. "Es sind tolle Einzelfallerfolge und gute Nachrichten für die entsprechenden Regionen. Doch wir haben weder in Deutschland noch in Ostdeutschland eine Reindustrialisierung. Die Masse der neuen Arbeitsplätze entsteht in den Dienstleistungsbereichen. Das ist der Trend und der wird sich nicht umkehren", sagt Holtemöller.

Ähnlich ist auch die Einschätzung des Wirtschaftsforschers des Ifo-Instituts in Dresden, Joachim Ragnitz: "Es gibt einige Ansiedlungen, die für viel Aufmerksamkeit sorgen, weil sie sehr groß sind und weil es sich um moderne Branchen handelt. Doch sie finden nur an ausgewählten Standorten statt. Insofern ist das kein Game-Changer für ganz Ostdeutschland." Seine Erwartung sei, dass sich der Osten weiter berappele, er sehe jedoch nicht, "dass man schnell das Niveau der strukturstärkeren West-Bundesländer erreicht", sagt Ragnitz.

Fachkräfte fehlen

Beide Experten sehen vor allem das Problem des Fachkräftemangels, dass die Entwicklung in Ostdeutschland bremsen könne. "Die Bevölkerung altert und schrumpft. Das wird in den nächsten Jahren noch viel dramatischer sichtbar werden, als es jetzt schon ist. Da müsste man gleichzeitig ein Zuwanderungskonzept haben und das sehe ich nicht", sagt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle.

Am Rolls-Royce-Standort in Dahlewitz, am südlichen Berliner Speckgürtel, ist man deutlich optimistischer, was die Gewinnung junger gut ausgebildeter Fachkräfte angeht. "Wir merken, dass in Brandenburg, in den Bereichen Forschung und Entwicklung, auf einmal mehr Dynamik herrscht. Durch den geplanten Lausitz Science Park an der BTU Cottbus-Senftenberg zum Beispiel bekommen wir hier einen Cluster-Charakter", sagt Rolls-Royce Engineering Director Jörg Au. Er hofft, dass sich auch die neu angesiedelten Firmen im Bereich Forschung und Entwicklung engagieren werden.

Steinbach will Platz fünf in Deutschland erreichen

Der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach hat ambitionierte Ziele in der "Bundesligatabelle" der Wirtschaft: "Wenn mal meine politische Arbeit beendet ist, dann würde ich mir wünschen, dass wir zu den ersten fünf in Deutschland gehören." Da gibt es allerdings noch einiges zu tun, denn im Moment steht Brandenburg auf Platz elf.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 01.04.2022,19:30 Uhr

44 Kommentare

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  1. 44.

    Da haben Sie recht. Eisenhüttenstadt ist dafür ein uraltes Beispiel. Die Menschen werden dort angesiedelt, wo die Arbeit ist. So entstehen Städte. Nichts gegen Standorte, jedoch alles gegen Raubbau an der Umwelt, der Natur und an unserer Lebensgrundlage, dem Wasser. Es gibt vom rbb/24-Datenauswertung vom 08.04.2019 unter Klimawandel: „Das erwartet Brandenburg und Berlin bis 2100“, eine ganz klare Aussage, entweder wir machen weiter so oder wir ändern etwas. Wenn wir nämlich nichts ändern, trocknet Brandenburg aus. Lesenswert, kann ich nur empfehlen, Industriestandorte werden den Klimawandel nicht aufhalten.

  2. 43.

    Ich zweifle daran, dass Sie auch nur ein Buch von Peter Wohlleben gelesen haben. Wer über dessen Aussagen nichts weiß, muss sich doch erstmal mit seinen Aussagen beschäftigen, um selbst urteilen zu können. Anders funktioniert gesunde Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung nicht. Aber Sie wissen rein gar nichts, wollen aber irgendwie etwas Abwertendes beitragen. Wie wäre es mit der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Wohllebens Thesen? Das wäre doch ein sachlicher Ansatz.

  3. 42.

    Ja, und das fleckchenweise, fernab von Berlin und Umland, wo der Sauerstoff benötigt wird. Und das noch finanziert aus unserem DDR-Sondervermögen, wo für unsere Kitas, Schulen und Jugendclubs keine Mittel da waren bzw. heute noch nicht vorhanden sind.

  4. 40.

    Industrie und Wohnungen sollten sich gerade aus ökologischen Gründen in der Nähe urbaner Zentren ansiedeln. Das heißt hier in der Region um den Berliner Ring herum und in Ostbrandenburg entlang der Achse Erkner - Frankfurt/Oder. Hier ist Anschluss über Autobahn und Gleis. Die Leute kommen gut über den ÖPNV zur Arbeit und in die Stadt.
    Eine Ansiedlung in Lieberose wäre eine Zersiedlung und die Mitarbeiter müssten täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren.
    Warum nicht diese Wüste als Ersatz ökologisch sinnvoll aufforsten, damit sich auch dort wieder Grundwasser bildet.

  5. 39.

    Vuele Thesen von Wohlleben sind unter Forstfachleuten - zurückhaltend formuliert- umstritten. "Herr Wohlleben vermittelt kein Wissen, sondern betreibt Unterhaltung" schlagzeilte deshalb z.B. der Spiegel.

  6. 38.

    Worthülsen statt baurechtsrelevanter Argumente wie hier wieder mal "Wald" und "Wasserschutzgebiet" kamen bisher von Ihnen, da Sie wie viele andere ganz banal die Produkte der Fabrik nach eigenem Bekunden nicht mögen.

  7. 37.

    300 ha worden als Ausgleich für die 150 ha neu aufgeforstet, das wäre nach Adam Riese schon das Doppelte, also ein Vielfaches. Dazu kommen noch begleitende Maßnahmen für die z.B. Naturraum für Generationen beschreibt. Weitere Flächen nicht nur für Tesla durchliefen bis vor Kurzen auch einer UVP-Prüfung, wobei sich mancher daran störte, dass Maismonokulturen verloren gehen.GRÜNE Liga und Co. haben lieber andere Maßnahmen gesehen wie z.B. auf 300 ha Kiefernmonokultur in Mischwald umzuwandeln. Die Berichte des RBB dazu müssten Sie kennen, da Sie den ja auch fleissig kommentiert haben, dabei aber die Aufforstung wie gewohnt negierten.

  8. 36.

    Die größte Wüste Deutschlands liegt bei Lieberose in Brandenburg. Die Ursache hierfür ist erst ein großer Waldbrand und später die Nutzung als Truppenübungsplatz. Ein großes Problem auch hier, der karge Sandboden, nährstoffarm und ohne einen regulierten Wasserhaushalt. Man nennt dieses Gebiet Panzerwüste. Man kann übrigens auch mit schweren Fahrzeugen Waldboden unwiederbringlich zerstören. Was das alles mit dem Klima, gesunden Wäldern, einem gesunden Grundwasserspiegel zu tun hat, kann man in den Büchern von Peter Wohlleben nachlesen. Goldene Zeiten für jene, die sich dort ansiedeln, wo unsere kostbarste Ressource, Trinkwasser, über unsere Köpfe hinweg verseucht und ausgebeutet wird. Wer lässt das zu und warum gibt es Gesetze, wenn das Kapital Wege bereitet bekommt, diese legal zu umgehen? Eine goldene Zukunft gibt es nur für jene, die uns das Wasser nehmen.

  9. 35.

    Die Fehler der Vergangenheit bestanden darin, dass man am Altbewährten festgehalten hat, bis es nicht mehr ging. Das war ja so bequem und dank sozialistischer Planwirtschaft bestand ja auch kein Zwang sich Neuem zu stellen. Wir hatten ja auch einen Staat, der für unser Wohl gesorgt hat, bis ihm die Puste ausging.
    Heute müssen wir aus Gründen der Umwelt und von den Petro- und Gasoligarchen loszukommen schnellstmöglich von den fossilen Brennstoffen wegkommen. Es ist wichtig, dass die Technologien hierfür in der Region entstehen.
    Ja der Klimawandel ist eine lösbare Herausforderung. Woher soll das Geld für Umweltmaßnahmen, wie einen Waldumbau kommen, wenn nicht durch Investitionen in moderne Arbeitsplätze?

  10. 34.

    @Sascha, @Armin

    Komisch, in den von Ihnen angepriesenen Artikeln steht nichts von Aufforstung in "vielfacher Fläche".
    Tipp:
    Wer suchet, der findet, u.U. auch kompromittierendes Material.

  11. 33.

    Behaupten Sie und unterschlagen bewusst, dass die Strassen rund um Tesla überweisen Strecken zum Industrie- und Gewerbegebiet gehören. Das Tesla-Gelande ist rund 3 km² groß. Fragen Sie mal Adam Riese, wie breit die Siren sein müssen, um auf Ihre Flächendystopie zu kommen.

  12. 32.

    "Es gibt nach bundesdeutschen Baurecht schon seit Jahrzehnten Regelwerke für das Bauen in WSG."

    Mag alles sein, dass das so oder so ähnlich in den Regelwerken steht.
    Jedoch umschreibt es in bezeichnender Weise die Arroganz und Borniertheit - um nicht menschliche Dummheit schreiben zu müssen - mit der hier mit sinnentleerten Worthülsen und vollendeten Tatsachen eine Fahrzeugfabrik in den Wald und auf ein Wasserschutzgebiet hineingeprügelt wurde und noch obendrein behauptet wird, dass sich der Bau dieser Fabrik positiv auf den Kampf gegen den Klimawandel auswirken wird.
    So jedenfalls, steht es in den Tesla-Antragsunterlagen.

  13. 31.

    https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/wirtschaft/tesla/2020/tesla-wald-kiefern-landeswaldgesetz-gruenheide-umwelt.html

  14. 30.

    https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/wirtschaft/tesla/2022/02/wald-aufforstung-tesla-gruenheide.html

    Ich vergaß, sind ja Fakenews...

  15. 29.

    "Tesla forstet ja auch eine vielfache Fläche wieder auf."

    Bitte???
    Wo haben Sie denn den Unsinn her?

  16. 28.

    Die von Ihnen als "quellenlos“ titulierten 12km² Waldflächen entsprechen 1200 Hektar und somit die 4fache Größe des jetzigen Tesla-Geländes.
    Verglichen mit der Größe des Ortes Grünheide sind das 10% der Gesamtfläche.
    Allerdings wundert mich nicht, dass die Rodungen weiterer Waldflächen von Ihnen heruntergespielt wird. So bezeichneten Sie z.B. den Neubau der in Teilen bis auf 8 Fahrspuren ausufernden L386 verharmlosend als eine „Verbreiterung des vorhandenen Waldweges“.
    Nimmt man die in den Tesla-Antragsunterlagen enthaltenen Stellungnahmen einzelner Behörden und Institutionen, sowie die Aussagen etwaiger Gemeindevertreter und Politiker bis auf Landesebene ernst, dürften die Rodungen weiterer 12km² Waldflächen noch als stark untertrieben angesehen werden.

  17. 27.

    Fragen Sie mal den Paolo oder besser diejenigen, die sich schon vor 2 1/2 Jahren und länger für die Region interessiert haben. Letztere wissen, dass die Fabrik in Industriegebiet Freienbrink-Nord ebenso grundsätzlich zulässig ist wie andere Fabriken in anderen WSG realisiert oder ausgebaut worden sind. Die diversen öffentlichen Anhörungen über Jahre waren halt nur Menschen aus der Region bekannt. Familie Schocht hatte sich sofort daran erinnert.

    Auch für Sie der Tipp: Es gibt nach bundesdeutschen Baurecht schon seit Jahrzehnten Regelwerke für das Bauen in WSG.

  18. 26.

    "....bei Tesla habe gerade die Geheinhaltungstaktik zum Erfolg geführt". Genau das ist für mich der Schwindel. Wo bleibt denn hier die Demokratie? Weil Hr. Prof. Dr. Steinbach klar war, dass das Vorhaben im Trinkwasserschutzgebiet nicht rechtens ist. Und er weiß auch, dass in Zeiten des Klimawandels seine Idee auch keine gute ist. Nach der Wende wurde in den neuen Bundesländern alles brach gemacht, ob es positiv oder negativ war. Z. B. unser gutes Schulsystem, aber auch viel Industrie. 30 Jahre hat man zugelassen, dass gut qualifizierte junge Menschen die alten Bundesländer mit ihrem Wissen stärken. Und jetzt, wo die Region wissentlich überaltert ist, soll hier in unseren Naherholungsgebieten eins der größten Industriegebiete entstehen. Warum war das nicht vor 20-30 Jahren möglich gewesen, als die Arbeitsplätze dringend benötigt wurde und genügend gut ausgebildetes Personal zur Verfügung stand?

  19. 25.

    Ja natürlich stütze ich es Wald an einer einer Stelle zu roden wenn dadurch netto für die Umwelt was positives bei rauskommt. Vom Verbrenner müssen wir weg so schnell es geht. Tesla forstet ja auch eine vielfache Fläche wieder auf. Natürlich wäre ich glücklicher wenn statt E-Limousinen Fahrräder auf den Straßen wären, ganz ohne Autos geht es aber in absehbarer Zukunft nicht und Gesetze, die die Autozahl auf die durch die derzeitig existierenden Fabriken für E-Autos zu bedienende Menge zu reduzieren wird wohl auch keine Regierung erlassen...

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