Verband warnt vor "Kostenfalle" - Warum das 9-Euro-Ticket auch Gefahren für Unternehmen birgt

Mi 27.04.22 | 16:43 Uhr | Von Hasan Gökkaya
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Symbolbild: Ein Mann kauft sich einen Fahrschein an einem Fahrscheinautomaten am Alexanderplatz. (Quelle: dpa/I. Kjer)
Video: Abendschau | 27.04.2022 | T. Rostek | Bild: dpa/I. Kjer

Züge, Busse, Bahnen: Wegen des Neun-Euro-Tickets dürfen sich Pendler auf einen kostengünstigen Sommer einstellen. Verkehrsunternehmen hingegen müssen sich spätestens jetzt fragen, wie teuer dieser Sommer eigentlich für sie wird. Von Hasan Gökkaya

Es ist noch nicht da, aber schon in Reichweite: Das Neun-Euro-Ticket kommt diesen Sommer, das Bundeskabinett hat am Mittwoch ein entsprechendes milliardenschweres Programm beschlossen. Bedeutet für die Menschen in der Region: Von Juni bis August können Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr für nur neun Euro im Monat genutzt werden - der Bundestag muss dem aber noch zustimmen.

Zwar stecken indem sogenannten Entlastungspaket der Bundesregierung noch weitere Geld einsparende Maßnahmen - etwa die gesenkte Energiesteuer auf Kraftstoffe, die Pauschale von einmalig 300 Euro brutto für Erwerbstätige sowie eine einmalige Anhebung des Kindergeldes um 100 Euro pro Kind. Doch am meisten diskutiert wurde zuletzt vor allem über das Neun-Euro-Ticket. Nach diesem Tag ist nun klar: Daran wird sich zunächst auch wenig ändern.

Denn wie das Ticket auf die breite Gesellschaft umgesetzt werden soll, ist nur rund vier Wochen vor Start immer noch nicht wirklich klar. Mitten in dieser Gemengenlage kommt nun auch noch eine Warnung von Verbandsseite: Was für die Kunden gut sei, stelle die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sowie den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) vor ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Viele Fragen offen bei Abokunden

Was wir wissen: Das Ticket gilt deutschlandweit im Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sowie den Regionalzügen der 2. Klasse - für Züge wie den ICE, IC und EC gilt das Ticket also nicht. In Berlin soll der Vorverkauf "in Kürze" über die App beginnen, erklärt die BVG (bvg.de). Etwas später sei es dann auch in den BVG-Kundenzentren und Ticketautomaten käuflich.

Komplizierter wird die Sache bei den Stammkunden. "Egal welches Abo du hast, du musst nichts tun, um an der Aktion teilzunehmen", erklärt die BVG. Doch wie genau die Kunden finanziell von der Aktion profitieren werden, kann das Unternehmen auf Nachfrage von rbb|24 nicht sagen. Dabei gibt es so viele Fragen: Erhalten Kunden abzüglich der neun Euro in den Monaten Juni, Juli, August ihr Geld zurück? Alles auf einmal oder Monat für Monat? Was passiert mit Studenten und Inhabern von Jobtickets und Sozialtickets? "Einige Details sind noch in Klärung", heißt es seitens der BVG. Ähnlich der Ton bei der VBB: Die Gespräche in Facharbeitskreisen liefen noch, erst am Freitag sollen die Verkehrsunternehmen zusammenkommen, erklärt ein Sprecher.

2,5 Milliarden Euro Kompensation vielleicht nicht genug

Mit Spannung blickt auch Lars Wagner auf das Neun-Euro-Ticket, wenn auch aus einer anderen Perspektive. Der Sprecher des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) befürchtet eine halbherzige Umsetzung, wenn es um die Finanzierung des Tickets geht. "Wir finden es super, dass die Verbraucher durch das Ticket entlastet werden. Wenn aber gleichzeitig die Unternehmen auf gestiegenen Kosten sitzen bleiben, geht die Rechnung nicht auf", sagt er. Sein Chef, VDV-Präsident Ingo Wortmann, sprach zuletzt sogar von einer "Kostenfalle" durch das Neun-Euro-Ticket (vdv.de).

Der Verband schielt mit seiner Kritik auf die 2,5 Milliarden Euro, die der Bund den Verkehrsunternehmen als Entschädigung für den finanziellen Ausfall in den drei Sommermonaten zugesagt hat. Das Problem: Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) habe den Betrag gedeckelt, kein weiterer Cent werde also gezahlt. Das ist dem Verband viel zu kurz gedacht. "Die Zahl ist an sich valide, weil sie von uns ermittelt wurde. Sie ist jedoch nur eine Prognose. Wenn wir aber überrannt werden wegen des Neun-Euro-Tickets und mehr Fahrten entstehen müssen, steigen auch die Kosten", sagt Wagner. Entstehen also am Ende Ausfälle von 2,7 Milliarden Euro, bleiben dem Sprecher zufolge die Verkehrsunternehmen - oder genauer die Länder - auf den übrigen 200 Millionen Euro sitzen.

Kritik auch von Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz

Nicht anders sieht das die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG: Sie befürchtet wegen des geplanten 9-Euro-Tickets bereits zu Pfingsten ein Chaos im Öffentlichen Nahverkehr. "Ich rechne mit Räumungen überfüllter Züge und wegen Überlastung gesperrten Bahnhöfen", sagte der EVG-Vorsitzende Klaus Hommel am Mittwoch. Kein Bahn-Unternehmen sei bislang ausreichend auf den zu erwartenden Andrang der Kunden vorbereitet.

Mit der Kritik sind der VDV und die Bahn-Gewerkschaft nicht alleine. Die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz der Länder, Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne), forderte am Mittwoch, Risiken beim 9-Euro-Ticket nicht auf die Länder zu übertragen. Diese seien schließlich bereit, das beschlossene 9-Euro-Ticket termingerecht bundesweit zum 1. Juni umzusetzen. "Die Verkehrsministerkonferenz erwartet im Gegenzug, dass der Bund zu seiner Zusage steht und die Kosten für die Organisation und Umsetzung übernimmt. Die Risiken dürfen dabei nicht auf die Länder übertragen werden", sagte Schaefer.

Dicke Luft gibt es aber auch wegen der gestiegenen Energie- und Ölpreise. Der VDV denkt auch hier, dass die Ampel-Koalition zu kurz denkt. Um die Preise zu drücke, sollen die Energiesteuern auf Kraftstoffe von Anfang Juni bis Ende August gesenkt werden; bei Benzin reduziert sich der Steuersatz um 29,55 Cent pro Liter, bei Diesel um 14,04 Cent.

VDV-Sprecher Wagner weist daraufhin, dass Busse und Bahnen in Berlin und Brandenburg ebenso mit Diesel und Strom versorgt werden müssten. "Anders als beim normalen Verbraucher, werden Verkehrsbusse nicht an der Tankstelle betankt, sondern auf Betriebshöfen." Die Speicher dort würden jedoch in anderen zeitlichen Zyklen betankt werden. Ein Busunternehmen etwa, das im Mai seinen Tank mit Diesel für eingie Monate fülle, könne kaum von dem gesenkten Steuern im Sommer profitieren - es zahle sogar mehr als jene, die erst im Sommer tanken. Die Lösung nach Ansicht des Verbands: Der Bund müsse zusätzlich Regionalisierungsmittel für dieses Jahr in Höhe von 1,5 Milliarden Euro zur Abdeckung der erhöhten Strom- und Dieselkosten bereitstellen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 27.04.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Hasan Gökkaya

38 Kommentare

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  1. 38.

    Hallo Markus, nein es ist leider so, das die Schichten am Wochenende auf das Minimum reduziert worden sind vielleicht ist noch ein Vorhandwerker in der Nacht da aber das nur ganz sporadisch.
    Liebe Grüße aus Spandau.....und einen schönen ersten Mai.

  2. 37.

    Alles kein problem...
    Fährt halt die Bahn vor der tür alle 2 Minuten.....

    Nein danke sage ich dazu, den Lärm am Bahnhof will ja auch keiner.

  3. 36.

    Nein, es gibt nicht 300 euro fur Energie.
    Nach abzug der Steuern bleibt wenig über...

    Immer diese veräppelung....

  4. 35.

    Das 9€ Ticket ist Schwachsinn man hätte auch 19€ oder 3 Monate kostenlos ÖVP machen können. Aber warum erhalten Rentner/Pensionäre keine 300€ Energiekosten. Sie müssen auch die Energiekosten bezahlen. Gutverdiener mit 5000€ und mehr sowie Abgeordnete und Minister bekommen die 300€ Rentner/Pensionäre bei 1300€ bekommen nichts . Aber das sind die Parteien der Beserverdienenden Grüne und FDP. Die SPD ist auch schon nicht mehr für die kleinen Leute da.

  5. 33.

    Nur einmal war es, es war am Anhalter-Bahnhof um Mitternacht, mal wieder ein Ausfall der S-Bahn. Nichts Genaues war bekannt, mehr als ein Dutzend Menschen standen ratlos auf dem Bahnsteig rum. Einer klopfte am Bahnsteighäuschen, weil da Licht brannte und es erkennbar besetzt war.

    Ein Mann, nicht größer als 1,70 m, kam heraus und wurde sofort von mehreren Reihen umringt. Ich stand mehrere Meter abseits und schaute mir die Szenerie an. Der erklärte mit Lust und Wonne, gestikulierte, machte ein offenes, freundliches Gesicht. Viel bekanntgegeben durfte der nicht haben, aber doch grundsätzlich erklärt, was das Problem war.

    Alle waren zufrieden und die Menge stobte auseinander und war offenbar zufrieden.

    Solche Menschen braucht es, auch Menschen wie Dieter Ludwig in Karlsruhe oder Hans Leister bei der DB in Berlin-Brandenburg. Ersterer machte "Klinkenputzen" wegen der zweisystem-Bahn, Letzterer lief bei der DB ins Leere.

  6. 32.

    Die Lösung liegt ggf. darin, dass diese Werkstätten (nur) zum Teil besetzt sind. Will sagen: Keineswegs vollständig unbesetzt, aber eben nicht dasjenige, was im Sinne eines hoffentlich störungsfreien Betriebs angezeigt wäre.

  7. 31.

    Die schlechte Qualität des ÖPNV hat auch mit schlechter Koordination zwischen verschiedenen Verkehrsträgen (wofür der Verbund eigentlich da sein sollte), Gleichgültigkeit beim Management und bei den Fahrern zu tun.

  8. 30.

    Hallo Heike, ist das tatsächlich so? Der Mann von meinem Boss arbeitet als Schlosser bei der U-Bahn und ich meine, dass es da Schichten für die ganze Woche gibt. Ich kann natürlich auch nochmals nachfragen.... ;))

  9. 29.

    Also ich werde für diese Zeit wohl von der S-Bahn auf das Auto umsteigen ;))

  10. 28.

    Herr Krüger Sie haben mit Ihrem Kommentar alles gesagt was ich vielleicht mit eigenen Worten nicht hinbekommen habe.
    Danke....

  11. 27.

    Ich denke, es kommt Beides zusammen: die unzureichende Besetzung gerade an den Wochenenden und die tatsächlich unterbleibende Instandhaltung in wesentlichen Bereichen. Nahezu alles, was Sie hier nennen, betrifft den sicherheitsrelevanten Bereich, nicht aber den von der Bahn AG und den übrigen ÖPNV-Betreibern offenbar auch genannten "Service-Bereich".

    Genau dieser für weniger wichtig gehaltene Bereich ist aber mitverantwortlich für einen Großteil von Störungen und Ausfällen. Von daher findet der Prüfzyklus bei Türen bspw. nur auf dem Papier statt, gleich so bei Fahrstühlen. Abgehetzte Vorbeischau und dann das Kürzel gesetzt. Mehr ist da nicht drin.

    Eine Instandhaltung, die ihren Namen verdient, sieht anders aus und sollte sämtliche Bereiche betreffen. Dass jeder Mensch, der nicht auffällig hustet, wenn er routinemäßig den Arzt besucht, im Umkehrschluss kerngesund sei, kann nicht als Lösung des Problems gelten.

  12. 26.

    Im öffentlichen Nahverkehr gibt in allen Bereichen einen regelmäßigen Turnus, wann Gleis und Weichenanlagen , Signalanlagen so wie Fahrzeuge gewartet und überprüft werden.
    Anlagen die im Tunnel liegen brauchen nicht ganz so oft gewartet werden wie Außenanlagen.
    Jedoch können diese Zeitpläne nicht immer eingehalten werden, aufgrund der Personalpolitik im ÖPNV.
    Um ein Beispiel zu nennen: Bis vor ein paar Jahren waren die Werkstätten und Bahnmeistereien bei der BVG rund um die Uhr 7 Tage die Woche besetzt. Das sieht heute ganz anders aus. Am Wochenende sind diese Bereiche zum Teil gar nicht mehr besetzt.

  13. 25.

    Immer wieder sehe ich überfüllte Busse, Menschen in Kuschelstellung stehend an meinem Fenster vorbeifahren! Oft frage ich mich, warum nicht gleich einen vw Bus:) einstöckig in der Hauptverkehrszeit, lächerlich, ! Wie soll das mit d. 9 Euro Tickets funktionieren?

  14. 24.

    Das ganze 9€ Ticket ist totaler Blödsinn, auch auf Mineralölsteuern zu verzichten. Man kann nur hoffen das die Länder im Bundesrat die Reißleine ziehen. Mit diesen 2,5 Milliarden hätten man den ÖPNV nachhaltig verbessern können, anstatt sie in Sinnlosen Geschenken zu verbrennen. Dieses Land hat weder Material noch Personal den zusätzlichen Bedarf sicherzustellen. Die vom Land bestellten Entlastungszüge fallen meist aus! Aus Personalmangel und da muss man sich bei den Arbeitsbedingungen auch nicht weiter wundern. Auch läuft auf den Strecken viel altes Material welches der VBB so nicht bestellt hatte. Defekte WC sind dabei das geringe Problem, kein Mensch möchte im Sommer ohne Klimaanlage befördert werden. In Zügen wo auch durch öffnen der Fenster nur warme Luft hineinströmt. Mit Fahrgestellen die aus DDR-Zeiten stammen.

  15. 23.

    Genau, es ist eine populistische, sinnlose Geldverschwendung geplant von Leute aus Ihrem steuerfinanzierten Dienstwagen.

  16. 22.

    "Sie führen dann dazu ..."
    Damit ist natürlich die BEHEBUNG der durchgängigen Personalmisere bei der Bahn AG im Spezifischen und im ÖPNV im Allgemeinen gemeint. Nichts Unwichtiges, sondern etwas Elementares, darin stimmen wir überein, aber doch in Bezug auf Ausfälle m. M. n. etwas Nachgelagertes.

  17. 21.

    Warum wird dieser "Eingewöhnungstest" eigentlich in der Sommerferienzeit gemacht ? Da sind soweiso die meisten Leute nicht da , also kann man es nicht sinnvoll nutzen und als Belastungsprobe für die BVG auch eher ungeeignet.

    Das zeigt wieder mal wie Ernst es der grünen Koalition mit der Verkehrswende ist, wichtiger ist natürlich auf die Autfahrer einzuprügeln und sämtliche Straßen in Radwege umzuwandeln damit dann auch der Bus und die Feuerwehr nicht mehr durch kommt. Bravo!!

  18. 20.

    Warum wird dieser "Eingewöhnungstest" eigentlich in der Sommerferienzeit gemacht ? Da sind soweiso die meisten Leute nicht da , also kann man es nicht sinnvoll nutzen und als Belastungsprobe für die BVG auch eher ungeeignet.

    Das zeigt wieder mal wie Ernst es der grünen Koalition mit der Verkehrswende ist, wichtiger ist natürlich auf die Autfahrer einzuprügeln und sämtliche Straßen in Radwege umzuwandeln damit dann auch der Bus und die Feuerwehr nicht mehr durch kommt. Bravo!!

  19. 19.

    a) Danke.
    b) Dafür, dass sich die Instandhaltungsgrundsätze nicht ändern müssten: Dafür bitte ich um eine Begründung.
    Die beschönigend so bezeichnete "ereignisorientierte Instandhaltung" geht ja gerade davon aus, dass das (Defekt-)"Ereignis" bereits eingetreten sein muss, bis dann aktiv geworden wird. Da geht es nicht um Defektvermeidung, sondern um nachträgliche Defektbehebung, die damit zwingend einkalkuliert und vorausgesetzt wird.

    Die personellen Engpässe und der Personalabbau spätestens seit Mehdorn kommen dann noch dazu. Sie führen dann dazu, dass bspw, die grellroten Aufkleber auf den Türen nicht gar so lange Bestand haben.

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