Verflechtungen Brandenburger Unternehmen - Der lange Pipeline-Arm Russlands nach Ostdeutschland

Fr 29.04.22 | 08:04 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
  50
Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport GmbH am 08.03.2022. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Öl und Gas kommt über Pipelines durch osteuropäische Nachbarstaaten nach Brandenburg. Der stetige Öl-Zufluss aus Russland für die Raffinerie in Schwedt könnte jedoch bald versiegen. Wie sehen die Alternativen aus? Von Stefan Ruwoldt

Öl und Gas gehören zu den größten Exportgütern der russischen Wirtschaft. Fallen die Einnahmen daraus aus, könnte Russlands Wirtschaftskraft - und damit auch seine militärische Kapazität, so die Rechnung - massiv geschädigt werden. Dies ist das Ziel der Sanktionen gegen Russland in Reaktion auf den Überfall auf die Ukraine.

Doch ebenso wie Russland von den Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft abhängig ist, ist vor allem Deutschlands Osten wirtschaftlich abhängig von dessen Energie-Importen. Insbesondere die Industrieleuchttürme wie der PCK Schwedt oder der Chemiestandort Leuna (Sachsen-Anhalt). Viele Abnehmer dieses Öls und Gases brauchen beides als Kraft- und Heizstoff.

Gas-Pipelines von Russland nach Deutschland

Karte: Gaspipelines von Russland nach Deutschland: Die Erdgasleitungen Nord Stream 1, Nord Stream 2, Jamal, Jagal, Opal, Sojus. (Quelle: rbb/© OpenStreetMap contributors)
Bild: rbb/© OpenStreetMap contributors

Eine Erdölleitung, zwei laufende Erdgas-Leitungen und ein toter Erdgas-Strang

Es sind vier zentrale Energieleitungen, die im Osten Deutschlands ankommen: die Erdölleitung Druschba (Freundschaft), entstanden 1963, die Erdgasleitung Jamal [tagesschau.de] und die beiden Erdgasleitungen über die Ostsee: Nord Stream 1 und Nord Stream 2.

Nord Stream 2 wurde erst im Winter fertiggestellt, aber nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gar nicht erst in Betrieb genommen. Über die Öl-Leitung Druschba allerdings und die beiden Gasleitungen Jamal und Nord-Stream 1 kommen wesentliche Importe nach Deutschland, die Deutschland bezahlt und so Russlands Staatskasse über den Umweg der beiden russischen Unternehmen Rosneft, Transneft, Gazprom und deren Tochterfirmen weiter füllt.

Die Wege von russischem Öl und Gas nach Deutschland

Einige der Gasleitungen von Russland nach Deutschland führen durch Weißrussland und Polen, einige der Leitungen durch die Ukraine und Polen.

Russland versucht seit Jahren, diese Wege zu umgehen, um Sanktionen der Transitländer nicht fürchten zu müssen und mögliche Durchleitungsgelder sparen zu können. Einer dieser Umgehungswege für russisches Gas nach Westeuropa sind die beiden Nord-Stream-Leitungen. Aufgrund dieser Umgehung steht Deutschland von den Transitländern und vielen westlichen Verbündeten in der Kritk, weil Russland damit leichter auf die Transitländer der anderen Leitungen Druck ausüben und etwa mit einem Versorgungsstopp drohen kann.

Erdgas

Die Erdgasleitung Jamal, fertiggestellt und in Betrieb seit 1999, leitet Gas von der sibirischen Halbinsel Jamal durch Russland, Belarus und Polen, durchquert dann die Oder im Oderbruch bei Reitwein und führt dann nach Mallnow/Lebus (Märkisch Oderland) zu einer sogenannten Verdichterstation und wird in das deutsche Gasnetz geleitet.

Nord Stream 1 ist eine Unter-Wasser-Pipeline und führt vom russischen Wybog an der Nordküste des finnischen Meerbusens der Ostsee durch die Ostsee direkt nach Lubmin nahe Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Sie wurde 2011 fertiggestellt und ist seitdem in Betrieb.

Nord Stream 2 hat einen ähnlichen Verlauf wie Nord Stream 1 durch die Ostsee bis zu ihrer Ankunft in Deutschland nach rund 1.200 Kilometern in Lubmin, allerdings startet die Pipeline in Ust-Luga, an der Südküste des finnischen Meerbusens, wurde Ende 2021 fertiggestellt, aber nie in Betrieb genommen.

Die Pipeline Opal ist die Verteilpipeline in Deutschland und eine Abkürzung für Ostseepipelineanbindungsleitung. Sie ist ausschließlich eine innerdeutsche Leitung, gebaut für den Weitertransport des in Lubmin anlandenden Ergases von Norden nach Süden und hat auch einen Anschluss an die Leitung Jagal nahe Radeland bei Baruth/Mark (Teltow-Fläming). Jagal ist die innerdeutsche Leitung, die das Gas der Leitung Jamal an der polnischen Grenze aufnimmt und über Mallnow (Märkisch Oderland) Richtung Thüringen weitertransportiert, also von Ost nach West.

Öl-Pipeline von Russland nach Deutschland

Karte: Die Ölpipeline Druschba (Freundschaft) von Russland nach Schwedt/Rostock/Leuna. (Quelle: rbb/© OpenStreetMap contributors)

Erdöl

Die Erdölleitung Druschba führt seit 1964 nach Schwedt - nicht zu verwechseln mit dem "Sojus"-Erdgas-Leitungsabschnitt aus dem Ural, der zu DDR-Zeiten ebenfalls "Druschbatrasse" genannt wurde, gebaut von DDR-Arbeiterinnen und Arbeitern in den 70ern.

Das Öl der Druschba-Leitung kommt aus Russland über Belarus und Polen als Transitländer und fließt ins Rohöllager Heinersdorf bei Schwedt, nahe der Grenze zu Polen. Allerdings führen von dieser Leitung aus Zweige ab - innerhalb von Belarus und innerhalb Polens hoch nach Danzig. Vom Rohöllager Heinersdorf bei Schwedt wird es an die beiden deutschen Raffinerien in Schwedt und in das rund 200 Kilometer entfernte Leuna weitergeleitet.

Die Mengen

Das Erdgas
Gas aus Russland - über Nord Stream 1 über die Ostsee ohne Zwischenstationen - erreicht Deutschland in einer jährlichen Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern (Stand: März 2022).

Auch die nicht in Betrieb gegangene Leitung Nord Stream 2 könnte nach Angaben der Betreiber rund 55 Milliarden Kubikmeter jährlich transportieren.

33 Milliarden Kubikmeter Erdgas (Stand: März 2022) strömen derzeit jährlich über die Leitung Jamal nach Deutschland.

Das Erdöl
Die Erdölleitung Druschba transportierte in den vergangenen Jahren rund 22 Millionen Tonnen pro Jahr nach Schwedt und rund zwölf Millionen Tonnen pro Jahr nach Leuna (Stand: Jahresende 2021).

Der lange Arm Russlands bis in die Versorgungswege

Das Schwierige an einer alternativen Öl- und Gasversorgung ist, dass russische Unternehmen oder Unternehmen mit russicher Beteiligung an den Schalthebeln der Öl- und Gas-Leitungen sitzen.

Vor allem sind dies die russischen Unternehmen Rosneft und Firmen, an denen der russische Konzern beteiligt ist, wie Transneft, sowie der russische Konzern Gazprom.

Die Erdölleitung Druschba wird von Transneft oder Firmen mit Transneft-Beiteiligung betrieben, in Deutschland heißt die Betreiberfirma Mineralölverbundleitung Schwedt und gehört den beiden Betreibern der Raffinerien, zu denen das Öl geht - also zu Total in Leuna und dem PCK in Schwedt, wobei Rosneft ebenfalls Mehrheitseigentümer am PCK ist.

Nord Stream 1 gehört Gazprom (Mehrheit) und Minderhietsgesellschafter sind deutsche, niederländische und französische Unternehmen. Alleiniger Eigentümer von Nord Stream 2 ist Gazprom.

Die Eigentümer der Erdgasleitung Jamal wechseln in den einzelnden Transitländern, allerdings ist Gazprom auch in Polen einer der beiden Haupteigentümer. In Deutschland wird die Eigentümerstruktur dann ein wenig unübersichtlicher. Hier betreibt die Gascade Gastransport die Leitung, ist allerdings auch nur ein Tochterunternehmen der Wiga, an der ebenfalls Gazprom Deutschland beteiligt ist. Gascade betreibt auch die innerdeutsche Leitung Jagal.

Eine Änderung der Eigentumsverhältnisse der Gasversorgungsunternehmen in Deutschland ist nicht in Sicht. Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) sagte im rbb, wenn die Bundesregierung wirklich eine Enteignung anstrebe, könne sie russische Öl-Lieferungen nach Schwedt auch gleich aktiv sanktionieren. Ein solcher Schritt aber würde von Russland sofort als unfreundlicher Akt interpretiert werden und wahrscheinlich zu einem Versorgungsstopp führen.

Die Alternativen

Anderes Gas
Das neue Stichwort ist LNG (Flüssigerdgas, engl.: "Liquefied Natural Gas"), also Erdgas, das durch Abkühlung auf etwa minus 160 Grad verflüssigt wird. Durch die Abkühlung und Verflüssigung ist das Gas um ein Vielfaches volumenreduziert, so dass sich der Transport lohnt, ähnlich dem Prinzip einer Gasflasche. Lieferländer für LNG - neben Russland - sind Katar, Australien, Kanada und die USA. Der Großteil der Produktion in diesen Ländern aber ist derzeit schon vergeben durch langfristige Verträge mit anderen Kunden. Zumindest rechnerisch versichern Analysten, könnte das derzeit an Börsen angebotene LNG russisches Gas ersetzen.

Andere Wege
Die Versorgung über die Gastrassen aus anderen Ländern im Osten fällt als Alternative aus, da diese Leitungen zu russischen Quellen führen. Zudem besitzen russische Unternehmen ganz oder teilweise die Trassen.

Allerdings besteht mit der innerdeutschen Erdgas-Transpotleitung Opal aus Lubmin eine mögliche Gastransport-Alternative innerhalb Deutschlands. Dort kommt derzeit Nordstream-1-Gas an. Oder auch die mit der Erdgasleitung Eugal. Dort könnte an den Ankunfts- oder Verbraucher-Schaltstellen jetzt Gas aus anderen Quellen zugeführt werden: etwa von LNG-Tanks.

Eine wichtige Trasse zu einer neuen Quelle mit nicht-russischem Erdöl könne für die Raffinerie PCK Schwedt eine bestehende Leitung nach Rostock oder Danzig sein. Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) kündigte im rbb an, hier auch anlandendes Öl aus Tankern einspeisen zu wollen, um die Raffinerie in Schwedt - wenn dann auch nicht mehr zu 100 Prozent - versorgen zu können. "60 bis 70 Prozent" seien dann hier noch möglich.

Die Verarbeiter

Zu den möglichen Schwierigkeiten einer Neuregelung der Öl- und Gasversorgung kommen die bislang noch nicht neu geregelten Eigentumsverhältnisse für die Raffinerie PCK Schwedt. Der bisherige zweite Abnehmer des Öls aus der Öl-Leitung Druschba, die Total Raffinerie in Leuna, kündigte bereits im März an, nach Alternativen für das russische Öl zu suchen und verlängerte im März auslaufende Verträge für russisches Öl nicht [mdr.de].

Sendung: rbb24 Spezial, 27.04.2022, 20:15 Uhr

Beitrag von Stefan Ruwoldt

50 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 50.

    Vielleicht sollte man auch einfach mal auf erfahrene Politiker mehr hören:
    https://www.gmx.net/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/ex-kohl-berater-person-putin-verhandeln-36816434

  2. 49.

    Also bei mir hat das zur Folge gehabt, nachzudenken. Deshalb muss man aber jetzt auch nicht nachkauen.

  3. 47.

    Danke für die Ratschläge. Ein E-Auto kann ich mir nicht leisten und die Öffentlichen sind dreckig und stinken und laufend wird man angemacht, Geld zu geben. Deshalb habe ich mir ein Auto gekauft.

  4. 46.

    Das wäre nicht gegangen, wir wollten doch schon mit. Aber mein Sohn war dann nach Ramstein abkommandiert. Einer musste die Kaserne dort mit bewachen.

  5. 44.

    Sie verstehen leider falsch!
    Selbstverständlich ist Putins Krieg eine RIESEN-SCHWEINEREI!
    Aber offenbar sollen PAZIFISTISCHE Meinungen, die vor WAFFENLIEFERUNGEN waren, bewusst DIFFAMIERT werden.

  6. 43.

    Hallo Ulrike, ist ein Krieg der alles verwüstet, der viele tausende Menschenleben kostet, der Menschen vertreibt, der ganze Landstriche verwüstet, Ernten vernichtet ÖKOLOGISCH?
    Sollen wir weiter Gas und Öl von Herrn Putin, über seine Pipelines beziehen und damit seinen zutiefst UNÖKOLOGISCHEN Krieg finanzieren?
    Ist das Ihre ÖKOLOGISCHE Meinung liebe Ulrike?
    Oder verstehe ich Sie da nicht richtig?

  7. 42.

    Auch zu berücksichtigen, die ÖKOLOGISCHEN FOLGEN:
    Ich glaube, eine Leitung, durch die ÖL und GAS laufen, sind deutlich umweltfreundlicher und CO2-verträglicher als FETTE TANKER, die jetzt hin- und herschippern sollen.
    Warum spielt dieser Aspekt JETZ GAR KEINE ROLLE MEHR?
    Offenbar haben jetzt weitere Lobbygruppen erkannt, sich die Taschen füllen zu können.

  8. 41.

    Pipelines in Russenhand. Hier greift alte Besatzungspolitik. Wird teuer bis die Alternativen laufen. Schlaf gut weiter Michel. Krieg in der Ukraine, kalter Krieg in D.

  9. 40.

    Ich glaube den meisten Menschen fehlt der Blick auf das Gesamte. Bei der Kündigung des Liefervertrages welcher derzeit auf Bsp. 10 Cent pro Quadratmeter Gas lautet würde ein neuer Vertrag Bsp. 30 Cent kosten, damit wäre Energie von einem Großteil der Bevölkerung nicht mehr zu bezahlen.Darauf gilt es in erster Linie eine Antwort zu finden und nicht um Ideologien.

  10. 39.

    Das glaube ich Ihnen sofort und gerne, ging mir nicht anders (und es waren noch mehr Jahre). Statt etwas zu lernen was man im Leben brauchen konnte... okay, ließ sich nachholen. Aber genau das Fehlen dieser Wahnehmung (Sie haben diese!) prangere ich an. Verklärung, ideologisches Festhalten, Unfähigkeit des eigenständigen Denkens...

  11. 38.

    Naja, das erste deutsche LNG-Terminal nimmt durchaus konkrete Formen an. Der Kai in Wilhelmshaven soll als erster für eine schwimmende Anlandestation ertüchtigt werden. Dazu kommen dann noch ein paar Kilometer neue Pipeline. Perspektivisch soll dort dann Wasserstoff ankommen. Doch selbst in Japan glaubt man eher an 2030, bis dort Tiefkühlttanker regulär unterwegs sein werden - oder früher, falls Chiyoda seine Toluol/Methylcyclohexan-Technik kommerzialisieren kann.

  12. 37.

    Das ist zum ko....! Früher sind die Menschen für alles auf die Straße gegangen. Heute lässt man sich den letzten Euro aus der Tasche ziehen. Für was bitte?? Ich bin auch gegen diesen Scheisskrieg. Doch warum sollte ich dafür frieren? Da könnten doch bitte die dafür aufkommen, die nicht genug bekommen können. Da zählen für mich die Diäten der BR mit dazu.

  13. 36.

    Das habe ich etwas blöd formuliert. Natürlich gebe ich Ulrike Recht!! Da bin ich völlig ihrer Meinung.

  14. 35.

    Bis November werden m.E. die Würfel schon lange gefallen sein ... nur noch die Frage, in welche Richtung?

    Für mich nicht ganz verständlich:
    Die Sprit-/Heizölpreise sind doch schon vor dem Krieg heftig gestiegen.
    Warum werden jetzt alle Preissteigerungen dem Krieg zugeschrieben?
    Mein Denkfehler oder wer füllt sich jetzt richtig die Taschen?

  15. 33.

    Sie haben Recht, Einhüllentanker sollten tatsächlich Geschichte sein, sodass wir hoffentlich in der Ostsee keinen Gau erleben werden. Und das Norwegen die Fördermenge doch erhöhen kann, ist auch eine positive Nachricht. Damit würde sich das "Schei..." LNG auch reduzieren.
    Ok, schauen wir mal was wirklich geht.

  16. 32.

    Ja, ich dachte auch, ich lese nicht richtig.
    Eigentlich wären angesichts der Krise DIÄTENKÜRZUNGEN angebracht.
    Aber WIR sollen uns auf MEHR ARMUT einstellen.

  17. 31.

    Wie ist das mit der Dreistigkeit zu verstehen !
    Alles was ich lese , der erste und auch der zweite Kommentar von Ulrike , genau meine Meinung !

Nächster Artikel