Erneuerbare Energien - Warum Windkraft auf dem eigenen Dach (noch) nicht viel bringt

Di 05.04.22 | 09:28 Uhr | Von Marcus Latton
  27
Howoge-Hochhaus Windkraft (GE Berlin GmbH mit Prof. Gerd Jaeger)
Video: Abendschau | 05.04.2022 | Studiogespräch M. Geißler, Energieagentur Berlin | Bild: GE Berlin GmbH mit Prof. Gerd Jaeger

Die Energiepreise steigen und steigen. Eigenheimbesitzer, aber auch Mieter machen sich Gedanken, wie man selber Strom erzeugen und unabhängiger werden kann. Auch Windkraft rückt als Alternative zunehmend in den Fokus. Von Marcus Latton

65 Meter hoch, 398 Wohnungen - das ist eines der neuen Hochhaus-Projekte des kommunalen Berliner Wohnungsbauunternehmens Howoge an der Frankfurter Allee. Im Herbst 2022 soll das Gebäude bezugsfertig sein. Oben auf dem Dach stehen jedoch keine Solarzellen. Vielmehr sind die Fundamente für vier große Windkrafträder errichtet worden. Sie sollen 80 Wohnungen mit Strom versorgen können. Ob es dazu kommen wird, ist derzeit aber noch nicht gesichert.

Heute im rbb-Fernsehen (20:15 Uhr): "Wir müssen reden!" zum Thema "Neue Energiedebatte - Muss der Kohleausstieg verschoben werden?"

Fernsehtipp

"Die Windkraftanlagen, die wir dimensioniert haben, sind nicht überbordend groß, aber offensichtlich erzeugen sie so viel Besorgnis, dass man uns keine Genehmigung erteilen will", sagt Howoge-Geschäftsführer Ulrich Schiller. Die Argumente, die im laufenden Genehmigungsvorgang gegen die Windkraftanlagen gebracht wurden, lauteten unter anderem: potenzielle Lärmbelästigung und Eis, das sich an den Anlagen ansammeln und herunterfallen könnte – ein Risiko, die Schiller als nicht gegeben sieht, weil die Rotorblätter nicht über die Dachflächen hinausragen. "Meines Erachtens sind das Argumente, die vorgebracht werden, um etwas zu verhindern. In die Zeit passen sie nicht mehr."

Im Gegensatz zur Photovoltaik hätten bisher nicht viele Eigentümer und Wohnungsbauer versucht, die umstrittene Windkraft in der Großstadt einzusetzen. Ein unternehmerisches Risiko, das sich erst auszahlen und in der Praxis beweisen muss. "Wenn es gelingt, ein solches Projekt in der Praxis umzusetzen, dann werden wir als Alternative zur Photovoltaikanlage auch solche kleinen Windkraftanlagen sehen."

Solar führt vor Windkraft

Die Howoge wagt das Experiment als kommunales Unternehmen mit vergleichsweise leistungsstarken Windrädern in großer Höhe. Für Privatleute mit Eigenheim stehen jedoch nur kleinere Windkraftanlagen zur Verfügung. 3.000 bis 10.000 Euro pro Kilowattleistung kosten diese - deutlich mehr als Photovoltaikanlagen trotz geringerer Leistungsfähigkeit. "Bei einer entlegenen Hütte auf einem Berg können die durchaus Sinn machen, weil sie an windstarken Standorten installiert werden müssen", sagt Joshua Jahn von der Verbraucherzentrale Brandenburg. "Aber bei Wohngebäuden sind die momentan noch nicht wirtschaftlich."

Probleme der Photovoltaik: Handwerkermangel und Lieferprobleme

Während Verbraucherschützer von Windkraft für Privatleute derzeit abraten, sieht die Lage bei Sonnenenergie anders aus. Wirtschaftlich sind Photovoltaikanlagen für viele schon. Doch hier kämpft man mit anderen Problemen: Handwerkermangel und Lieferschwierigkeiten lassen viele Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer auf ihre Anlagen warten; derzeit oft mehrere Monate. Wer die Möglichkeit hat, für den ist eine Photovoltaikanlage fürs Eigenheim dennoch sinnvoll. "Es ist immer gut, wenn man seinen eigenen Strom erzeugen kann. Durch die Einsparungen an Stromkosten hat man seine Investition nach zehn oder zwölf Jahren wieder reingeholt", so Verbraucherschützer Jahn.

Strom vom eigenen Balkon

Wer keine eigene Dachfläche, aber als Mieter einen Balkon hat, für den gibt es eine Alternative: Kleinsolarzellen mit bis zu 600 Watt. Kostenpunkt: 100 bis 1.000 Euro. Der Handwerkermangel ist hier nicht zwangsläufig ein Problem, denn die Anlagen sind bei guter Vorbereitung von Laien montierbar. Zum Stromsparen seien diese Geräte empfehlenswert - allerdings mit Einschränkungen. Denn was ihre Leistung betrifft, seien ihnen Grenzen gesetzt, gibt Elisa Förster zu Bedenken, Leiterin des Solarzentrums Berlin. "Bei den Balkonmodulen ist es so, dass die Leistung, die rauskommt, immer direkt irgendwo verbraucht werden muss. Das ist meistens weniger als die Grundlast." Mit anderen Worten: Seinen kompletten Strom selber erzeugen kann man mit diesen Geräten eher nicht. Die geerntete Energie hänge zudem ab von der Lage des Balkons und der Dauer der Sonneneinstrahlung.

Ein weiterer Wertmutstropfen: Laut Verbraucherzentrale Brandenburg gibt es bei den Kleinsolarzellen die gleichen Probleme wie bei den größeren Anlagen. Sie kämpfen mit Lieferproblemen und sind vielerorts ausverkauft.

Sendung: rbb24 Abendschau, 05.04.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Marcus Latton

27 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 27.

    Ich verstehe nicht, wieso die Vermieter nicht verpflichtet werden, an Balkonflächen Solarpanels anzubringen? Der erzeugte Strom könnte den MieterInnen zugute kommen.
    Alternativ sollte das Verfahren für das eigene Anbringen der MieterInnen von Solarpanels am Balkon erleichtert werden. Umständlich bei den Vermietern um Erlaubnis bitten (die eh auf keinen Brief reagieren) trägt nicht zum Umsteigen auf erneuerbare Energien bei.

  2. 26.

    Es gibt Leute, die nehmen viele Anstrengungen und Entbehrungen auf sich, um abseits einer Hauptstr. zu wohnen. Das die dafür viel zahlen, sei es Miete oder Grunderwerbssteuer an die Kommune, ist bekannt. Das die auch sehr wehrhaft sind, wenn der Lohn ihrer Anstrengungen entwertet wird, z.B. von denjenigen die vorher die Hand aufgehalten haben (Kommunen), ist verständlich?

  3. 25.

    "(Putins Krieg)zu teuren Notlösungen für Bürger sorgt..." - Notlösungen muss man nicht ganz so nachteilig sehen. Wir haben über billiges Gas gefreut, nur jetzt wissen wir es auch in der Wahrnehmung. Immer wenn es schwierig wird, haben wir besondere Stärken. Es muss nur richtig schwierig werden, um gestärkt daraus hervorzugehen...
    P.S. Energiemix ist das neue Schlau...

  4. 24.

    Ja, stimmt, nachdem mir eine Behördenantwort zugänglich wurde.Leider scheinen Behörden, so wie sich mir das und wie sich das Ihnen am Beisp. der Ortschaft Mixdorf gestern darstellte, gegen die Vernunft von Bürgern zu sein.Dennoch haben auch Behörden die Erkenntnisse des PIK zu akzeptieren und auch das BGH-Urteil v. letzten Sommer, dass es ein Anrecht auf Umweltschutz in der Zukunft gibt (stark verkürzt - bitte beachten!) Das Problem ist, dass die "Ansprüche an das Land/Boden" sich ebenfalls enorm entwickelt haben. Folglich ist das Windrad zur Energiegewinnung ein Behelf, aber nicht die (!) Lösung. Ich bin überzeugt, dass man mit durchdachter Fassadengestaltung der Wohnhäuser in den Städten und anderen Formen im Ländlichen Raum (Dachlösungen, und warum nicht auch Fassade?) weiterkommt. Dennoch bleibt unbenommen, dass die Energiewende verschleppt, verschlafen usw. wurde, so dass nun ausgerechnet ein Völkerrechtsbruch(Putins Krieg)zu teuren Notlösungen für Bürger sorgt...

  5. 22.

    Die Sendung hat auch das "Dilemma" von Mixdorf deutlich gemacht, warum die Energiewende durch die abstandsaufweichenden Greenwasher behindert wird: Die Bewohner haben einen Windpark konstruktiv vorgeschlagen, den Plänen zugestimmt und zur "Belohnung" bekommen sie den Windpark direkt vor die "Haustür". Weil Behörden "austricksen" dürfen? Merken die nicht, dass man so die Energiewende behindert, in dem man immer mehr Klagen provoziert und letztlich zwar gewinnt aber dies durch Zeit und gegen die Bürger sich erkauft? Und das Spalten der Gesellschaft von Betroffenen und Greenwashern in den Medien ist voll entbrannt und setzt auf Unkenntnis und Missgunst?

  6. 21.

    Ich habe mir die Sendung angesehen. Nur muss ich sagen, leider wird die Lausitz als Hin- und Hergehopple angesehen. Jedem sollte klar sein, dass die fossilen Rohstoffe eben nicht die Lösung für die Probleme der Welt sind und auch nicht die Windräder auf jedem freien Platz! Was jetzt schon versäumt wurde, ist, erste geflossene Gelder für den Ausbau der Photovoltaik "für jedermann" zu platzieren. Versäumt wur-de es, die dringend benötigten Raumlüftungsanlagen, wobei die derzeitig besten Modelle n.n. "das hohe C" sein müssen, durch klugen Finanzmitteleinsatz zu fördern. Gerade in der Gebäudetechnik, mit allen, auch durchaus raffinierten Mitteln (Kälte-/Wärme-/Lüftungstechnik) mit der architektonischen Gestaltung von Fassaden, die gleichzeitig Strom erzeugen können, dort sehe ich die Lausitz! Seit 1969 denkt man über das Ende des Braunkohlenabbaus nach, immer, und immer wieder verschoben. Es müssen einfach neue wissenschaftl. Erkenntn. schneller in technologische Prozesse überführt werden

  7. 20.

    Die oberen Stockwerke wären betroffen. Krach kann relativ sein. Stellen Sie sich mal in der Nähe eines Windrades auf und stellen sich die Dauerbeschallung ohne Ende, Nachts, im Schlafzimmer oder Tags auf dem Balkon vor. Es gibt für die Akzeptanz ein Wort: Abstand...10H gibt es nicht umsonst und wurde aus gutem Grund festgelegt, den nur nichtbetroffene Greenwasher aufweichen wollen und damit die Energiewende sogar aufhalten.

  8. 19.

    Lärmbelästigung durch Windräder an der dort 8 spurigen Frankfurter Allee ist schon ein gewagter Grund für eine Ablehnung des Bauvorhabens. Kannste dir nicht ausdenken. Also außer du arbeitest im Amt.

  9. 18.

    Gute Idee, weil unter bzw. zwischen den Solarmodulen auch die Bienen und Insekten ausreichend Zwischennahrung und regengeschützte Plätze finden, gewinnt bzw. behält der Landwirt seine günstigsten Mitarbeiter.

  10. 17.

    unten drunter.
    Es gibt Studien die davon ausgehen dass Agri-Photovoltaik ungefähr 80% der landwirtschaftlichen Erträge und zusätzlich 80% der möglichen PV-Erträge vom selben Feld bringt. Beides im Vergleich zur momentanen entweder oder Lösung.
    Bei unserer auf Energie ausgelegten Anlage wächst nach 5 Wochen Trockenheit unten drunter Rasen und daneben staubiger Sand. Keine landwirtschaftliche Fläche.
    Nächtens Kondenswasser an den Platten, weniger Verdunstung und ausreichend Licht auch bei geringer Aufbauhöhe. Wenn die Module teilweise lichtdurchlässig hergestellt, aufgebaut und natürlich in Traktorhöhe montiert werden, kann man unten drunter hervorragend Gemüse anbauen. Gibt sogar Solare Gewächshäuser die erstaunlicherweise Mehrertrag bringen wenn z.b. rote Lichtanteile durchscheinen.

  11. 16.

    Solar statt Salat ist sicherlich ein Irrweg, aber anstatt Felder für Biosprit zu nutzen wäre das immer noch sehr viel besser, denn
    Solaranlagen erbringen auf derselben Fläche etwa den 30fachen Energieertrag von Nutzpflanzen jeglicher art, wie eine von der Umwelthilfe gerade veröffentliche IFEU-Studie ausführlich nachweist :

    https://www.n-tv.de/wissen/Biokraftstoffe-schaden-mehr-als-sie-nutzen-article23148861.html

    https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Naturschutz/Agrokraftstoffe/ifeu_Studie_Agrokraftstoffe_2302022_final.pdf

    Biosprit gehört verboten.

  12. 15.

    Wieso eigentlich nicht auf Feldern? Das wäre im Zuge der Umstellung der Landwirtschaft weg von der Monokultur durchaus möglich. Und zwar wenn die riesigen Ackerflächen nicht nur durch Baumreihen und Feldraine begrnzt würden, sondern eben auch durch PVA. Feldbegrenzungen wirken auch zusätzlich gegen Bodenerosion durch Wind.

  13. 14.

    Ich wundere mich immer wieder warum nicht auch vertikale Windkraftanlagen mehr in Betracht gezogen werden. Sie haben andere Formen und sowohl "Eisschleudern" als auch Gefahr für Vögel ist sehr viel geringer. Nachteil: Die Energie-Effizienz ist i.d.R. geringer als bei den gängigen horizontalen Anlagen. Weiterer Vorteil jedoch: Auch geringere Windgeschwindigkeiten nutzbar uns sehr unterschiedlich dimensionierbar (von Balkongröße für den PKW-Akku bis großflächige Anlagen). ....

  14. 13.

    >"Wo ein Wille meist ein Weg."
    Der gute Wille scheitert meist an der Statik der Dachkonstruktionen, die ja ursprünglich nicht für diese zusätzlichen Lasten ausgelegt sind, sondern nur für die seinerzeit erforderlichen Wind- und Schneelasten.
    Mit zusätzlichen Sicherheiten über das Mindestmaß hinaus wurde aus Kostengründen im privaten Bereich eher weniger gebaut daaaaamals.. also gaaaanz früher... vor 20 oder 30 Jahren. ;-))

  15. 11.

    Solarparks auf Felder? Und Getreide und Gemüse kommen woher ?

  16. 10.

    Ich hätte auch gerne eine Photovoltaik-Anlage auf meinem Dach. Leider ist laut Aussage des Fachmannes der beauftragten Firma mein Dach dafür nicht geeignet. Eigentlich schade aber nicht zu ändern.

  17. 9.

    Das Haus muss sich durch Wind drehen...

    P.S. Seit wann machen Windräder Krach? Davon haben Greenwasher noch nie gehört...

  18. 8.

    So würde ich mich an Ihrer Stelle nicht abspeisen lassen. Warum wenden Sie sich mit Ihrem Vorhaben nicht an den Baustadtrat Ihres Bezirkes oder an eine BVV-Fraktion Ihres Vertrauens?
    Die Ämter müssen Anträge bearbeiten und dürfen nicht Ablehnen und mit Kosten drohen, sonst kann man sie wegen Untätigkeit verklagen und da muss das Amt die Kosten tragen, wenn die Fristen nicht eingehalten werden:
    https://buergerratgeber.de/behoerde-bearbeitet-antrag-nicht/

Nächster Artikel