"Wir sind im Überlebenskampf" - Berliner Taxiinnung zieht düstere Bilanz

Do 28.04.22 | 18:08 Uhr | Von Anke Michel
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Symbolbild: Ein Taxischild leuchtet bei Nacht auf einem Taxi. (Quelle: dpa/F. Hörhager)
Video: Abendschau | 28.04.2022 | M. Küper | Bild: dpa/Hörhager

Sinkende Fahrgastzahlen, steigende Spritpreise - der Druck auf Taxiunternehmen steigt deutlich. Inzwischen geben täglich zwei Fahrer in Berlin auf. Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat die Branche allerdings trotzdem noch.

Die Corona-Pandemie, die Konkurrenz von Anbietern wie Uber, die gestiegenen Energiepreise - die Taxibranche kämpft derzeit auf vielen Ebenen mit vielen Problemen. Auf der diesjährigen Pressekonferenz der Innung am Donnerstag fasst der Vorsitzende Leszek Nadolski die Lage als dramatisch zusammen: "Bald könne die individuelle Mobilität der Berliner und Berlinerinnen mit Taxis nicht mehr gewährleistet werden", sagt er.

Betrieb nicht wirtschaftlich

Über 2.000 Taxis seien in den vergangen zwei Jahren bereits abgemeldet worden. Jeden Tag werden es in Berlin ein bis zwei Taxis weniger. Und die Erträge sinken erheblich, beklagt das Taxigewerbe. 14 bis 15 Euro Umsatz pro Stunde seien es im Moment noch. Um wirtschaftlich bleiben zu können, müssten es eigentlich mindestens 25 Euro in der Stunde sein, so Nadolski.

Der Druck wachse aber zunehmend, sagte Herrmann Waldner, Vizepräsident des Bundesverbandes Taxi- und Mietwagen. Insbesondere die zuletzt größer gewordene Konkurrenz aus der Carsharing-Branche setze dem Taxigewerbe zu. So sehr die Zahl der Taxis gesunken sei, so sehr sei die Anzahl der Mietwagen gestiegen. 2.400 Mietwagen und Sharing-Autos seien in den vergangenen zwei Jahren dazugekommen. Nun seien es 4.000 solcher Fahrzeuge in Berlin. In keiner anderen Stadt gäbe es so viele Fahrdienstanbieter wie in Berlin. Deswegen sei die Situation hier besonders dramatisch, so Waldner.

Taxifahrer beklagen unfairen Konkurrenzkampf

Auf der jährlichen Pressekonferenz forderte die Innung deshalb unter anderem, dass Anbieter künftig stärker kontrolliert und reguliert werden. Eigentlich dürften beispielsweise Uber-Fahrer keine Fahrgäste auf Zuruf mitnehmen. Stattdessen müssten sie warten, bis sie gerufen werden. Kontrolliert würde das jedoch nicht, so die Klage der Vorsitzenden. Außerdem müssten Taxis Festpreise anbieten, Uber hingegen gestalte seine Preise nach der Nachfrage. In Stoßzeiten zahle man hier erheblich mehr, in Randzeiten weniger. Diese Flexibilität der Konkurrenz wird als unfair empfunden.

Viele Taxifahrer hätten dem Druck zuletzt nicht mehr Stand gehalten und ihren Job aufgegeben. Von ehemals 40 Fahrern seien ihm nur noch 20 geblieben, sagte Taxiunternehmer Norbert Bleckmann dem rbb. "Wir fahren im Moment nur auf Sicht. Wir sind nur noch im Überlebenskampf und sehen zu, dass wir überhaupt über die nächsten Monate kommen." Seine ehemaligen Fahrer und Fahrerinnen hätten zum Teil die Seiten gewechselt und nun bei Fahrdienst-Anbietern oder auch bei der BVG neue Jobs gefunden.

Klimaneutral in die Zukunft

An die Zukunft denken will die Taxiinnung aber dennoch. Um zukunftsfähgi zu werden, sollten Taxis zukünftig beispielsweise CO2-neutral werden, prophezeite Nadolski. Schnelle E-Ladesäulen oder Wechselsysteme für Batterien seien hier allerdings wichtig. Deswegen würden schon jetzt Tankstellenbetreiber gesucht, die Anlagen zum Express-Batteriewechsel bei sich aufbauen wollen. Am Flughafen BER soll schon bald eine erste Station stehen.

Sendung: Inforadio, 28.04.2022, 15:40

Beitrag von Anke Michel

20 Kommentare

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  1. 20.

    Dass das Taxi-Fahren nun mal kein krisenfester und auch nicht unbedingt systemrelevanter Job ist, der einer ständigen Nachregulierung bzw -hilfe aus der Politik bedarf, mag für die Betroffenen nach mehr oder weniger jahrzehntelanger Konjunktur schwer zu akzeptieren sein, ist aber nun mal Realität. Ich verstehe ja, dass dieser Beruf für nicht wenige das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet - Autofahren und damit Geld verdienen -, aber wenn der Bedarf nicht mehr in dem Maße wie "früher" gegeben ist, muss man sich halt umorientieren.

  2. 19.

    Das würde aber der Ur-Berliner und echter Tempelhofer“Volvo Klaus“( diese Bezeichnung bekam er von anderen Taxikollegen) echt als Beleidigung ansehen. Er wußte alles über diese Stadt und Bezirke. Er fuhr tagaus tagein Taxe. Er war sein eigener Boss. Jetzt ist er in wohlverdienten Ruhestand. Solch Taxifahrer wie Klaus gibt es kaum mehr in Berlin.

  3. 18.

    Vielleicht ist es längst überfällig auch hier bei der Mobilität flexibler zu werden und umzulenken? Sobald autonomes Fahren auch in Deutschland in den Alltag einzieht wird die MOIA/UBERs dem Taxigewerbe mit an die heutige Zeit angepassten Mobilitätsangeboten endgültig die Kunden abspenstig machen. Vielleicht ist die Taxi-Ära also einfach mal vorbei und dann sollte man sich lieber frühzeitig den Tatsachen stellen und umorientieren statt auf verlorenem Posten Kräfte im Kampf zu verlieren.

  4. 16.

    Sehr geehrter Fahrgast wenn Sie eine VB abends zu morgen früh aufgeben wird sich natürlich keiner abends dafür melden denn da liegt der schon im Bett und wenn der Auftrag dann von der Frühschicht gesichtet wird hätte sich bestimmt dann auch jemand gemeldet.
    Aber nicht schon Stunden vorher.
    Was soll er denn machen wenn ein Kunde 4 Uhr zum BER WILL UND SIE UM 5 Uhr zum HBF dann bekommt der eine Ihn nicht.
    Und muss eine Stunde leer rumstehen.
    Stattdessen er nimmt die Tour zum BER und ein anderer

  5. 15.

    Ich bezweifle das sich Volvo Klaus gut auskannte vielleicht da in seinem Kiez aber in anderen Bezirken und Stadtteilen davon ?
    Da wissen die meisten halt nicht Bescheid da Sie eben dort Fahrgäste hinfahren aber dann sich nicht dort bereit halten sondern lieber Leerfahrt in Kauf nehmen

  6. 14.

    Muss gestehen das das Taxifahren wirklich zu teuer ist . Aber auch wenn ich mal fahre kennt keiner sich wirklich aus! Da werden Umwege gefahren und wenn man die Fahrer drauf anspricht , dann können oder wollen sie kaum deutsch kennen .

  7. 13.

    Bester Kommentar. Es stimmt absolut. Jedesmal wenn ich überhaupt noch eine Taxe benutze, schaue ich tatsächlich zuerst mal rein wer fährt. Ich war über viele Jahre mit einem Berliner Taxifahrer eng befreundet. Volvo Klaus nannten ihn seine Taxikollegen. Und er kannte sich verdammt gut aus in der Stadt. Und er hatte immer viel zu erzählen.

  8. 12.

    Das ist Unsinn. Es gibt mehr schwarze Schafe bei den Taxifahrern als bei den Fahrern von Uber & Co.

    Ich nutze gerne Free Now. Guter Service und faire Preise.

  9. 11.

    Taxifahrer beklagen unfairen Konkurrenzkampf.. und zählen dann auf, was ihren Konkurrenten für wettbewerbsverzerrende Auflagen aufgezwungen werden, die sie selber nicht haben? Und regen sich dann noch darüber auf, dass die Konkurrenz flexiebler ist. Sorry Jungs und Mädels, ihr klammert euch an ein bereits untegegangenes Schiff und verlangt, dass man eure Pfründe sichert. Da muss ich ein bisschen an die griechischen LKW Fahrer denken.
    Und dann soll die Politik erstmal dieses Flughafendesaster zwischen brandenburger und berliner Fahrern beenden.
    Kann ich nur sagen: geht zu Uber oder auf den Bau, man bekommt mehr Taxis als Handwerker.

  10. 10.

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Die heutigen Taxifahrer sind meist schlecht gelaunt und nicht stadtkundig. Da fährt man eben nicht mit dem Taxi, es gibt zum Glück Alternativen.

  11. 9.

    Allein das Carsharing Fahrzeuge als Konkurrenz empfunden werden zeigt schon, dass die Innung in einer längst vergangenen Welt lebt. Und ein Uber oder Free Now habe ich noch nie auf Zuruf gekommen sondern per Auftrag. So wie häufig, wie mit Taxifahrer angeblich defekte Kartenlesegeräte genannt müssen die sich nicht wundern dass ich lieber per App bezahle. Von der Sauberkeit der Fahrzeuge ganz zu schweigen. Da haben alle Anbieter gegenüber den Taxen die Nase vorn.

  12. 8.

    Die Taxifahrer wirken auf mich vollkommen desinteressiert. Ich habe in die Taxiapp eine Vorbestellung eingegeben von Steglitz nach Moabit. Nach 15 Stunden ergebnisloser Warterei habe ich das dann wieder gelöscht. Kein Taxifahrer hatte Interesse.

  13. 7.

    Na dann, soll jeder aus seiner Perspektive seine Erfahrung über Bolt, UBER, Freenow usw. machen. Vor allem Finanamt, Zoll, Sozialversicherungsanstallt, BGF, LaBo, Senatsverwaltung usw…

  14. 6.

    Eine Wiedereinführung der Quotierung gepaart mit einer vernünftigen Ortskundeprüfung im Pflichtfahrgebiet würde die Spreu ganz schnell vom Weizen trennen. Die alten Kutscher hatten noch sowas von Berufsehre, wussten wo was los ist, kannten "Geheimtipps" und waren oft "coole Socken" - die Heutigen haben meist noch nicht mal welche an.

  15. 5.

    Leider vollkommen berechtigt. Wenn ich daran denke, dass ich Anfahrtskosten zahlen muss, obwohl die Taxe (z.B. am Zoologischen Garten) steht, ich unfreundlich behandelt werde und es höllisch in manchen Fahrzeugen riecht. Ich benutze seit fast einem Jahr Uber, Bolt, FreeNow und wurde bis jetzt noch nie enttäuscht. Preise sind vollkommen in Ordnung, die Fahrer sind freundlich und es geht richtig schnell. Da sollten sich Taxifahrer definitiv eine Scheibe abscheiden.

  16. 4.

    Haltet euch an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, steht nicht auf Gehwegen, Radwegen oder in anderen Halteverboten und hört endlich auf in den Taxen zu rauchen - dann klappt es vielleicht auch mit einer zufriedenen und zahlungskräftigen Kundschaft.

  17. 3.

    Wechselakkus klingt auf den erst Blick gut. Wie stark ist aber die vorhandene Station am Westhafen frequentiert? Die Auswahl an dafür geeigneten Fahrzeugen ist sehr gering. Zielführender erscheint es mir, dass HPC-Schnellladesäulen gebaut werden. Hieran können die Batterien während einer Kaffeepause auch zu 80 % geladen werden. Gerade im Stadtverkehr erreichen viele aktuelle E-Autos Reichweiten über den Herstellerangaben, so dass nur selten geladen werden müsste.

  18. 2.

    Sehr schade, dass das Taxigewerbe in Berlin derart gefährdet ist. Bedenkt man, dass es in der Nachbarstadt Falkensee so gut wie gar keine Taxis gibt, wäre es doch vielleicht zeitgemäß, die strikten länderübergreifenden Beschränkungen (Falkensee gehört für Berliner Taxifahrer nicht zum sogenannten
    'Pflichtfahrgebiet') zu überdenken und zu reformieren?

  19. 1.

    Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Was habe ich mich in den letzten Jahren über Taxifahrer geärgert: unfreundlich, rasend, auch in 30er Zonen, Vorfahrt nicht beachtet und Notbremsung hinlegen müssen, laute arabische Musik, dir auch nicht leider gestellt wurde , nach Zigaretten riechend…. Umwege fahrend…
    Ich bin zunehmend auf Öffentliche umgestiegen, da ich verkehrsgünstig wohne in Berlin und ärgere mich weniger

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