Meinung | Pro und Contra Lieferdienste - Pro: Wir holen uns kostbare Zeit zurück

Do 26.05.22 | 17:35 Uhr | Von Hasan Gökkaya
  24
Eine Fahrradkurierin ist für den Essenslieferdienst Wolt unterwehs (Bild: dpa/Kira Hoffmann)
Bild: dpa/Kira Hofmann

Essenslieferanten haben es wahrlich schwer und entsprechend groß ist die Kritik an Lieferdiensten als Arbeitgeber. Doch es darf nicht vergessen werden, wie sehr solche Unternehmen unseren Alltag auch positiv verändert haben. Von Hasan Gökkaya

Zahnpasta, Bier, Eintopf aus der Dose – sich solche Produkte nach Hause liefern zu lassen, ist keine neue Form des Berliner Hipster-Daseins oder der Reflex gestresster Helikopter-Eltern. Vielmehr ist es ein Stück Rückeroberung des Alltags, in einer Welt, die immer schneller wird und einem mehr und mehr kostbare Zeit abzwackt.

Auch ich denke mit dem Älterwerden öfter darüber nach, wie ich meine Zeit besser nutzen kann. Weniger arbeiten, weniger Termine organisieren, keine Wäsche waschen – das wäre schön, ist aber unrealistisch. Doch immerhin: Noch vor der Pandemie wurden nicht selten nach der Arbeit Treffen mit Freunden abgesagt oder der Sport verschoben, da ja auch noch Zeit für den Gang zum Supermarkt eingeplant werden musste.

Kein Entspannen im Supermarkt

Es mag sie geben: Menschen, die sich dort gerne umschauen und dabei sogar entspannen. Ich schätze zwar guten Käse von der Theke und mag die Abwechslung, insgesamt aber habe ich nie gerne Zeit im Supermarkt verbracht. Wäre Einkaufen nicht lebensnotwendig, ich würde es oft als Zeitverschwendung ansehen.

Umso sinnvoller ist das Bestellen von Lebensmitteln nach Hause geworden. In Berlin und vielen anderen Städten sparen Hungrige und Durstige regelmäßig Zeit – 30 Minuten, 60 Minuten, vielleicht noch mehr. Die technische Revolution hat nach so vielen Jahren endlich auch im Einzelhandel stattgefunden. Für die Option bin ich als Mensch, dem Zeit wichtig ist, dankbar. Dankbar sind aber auch jene Leute, die kein Auto besitzen, die abends noch spontan die Herdplatte anschmeißen oder die aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht vor die Tür können.

Lieferdienste sind keine simplen Start-ups

Lieferdienste wie Gorillas, Getir oder Flink haben unseren Alltag bereits verändert, sie haben ihn ein ganzes Stück bequemer gemacht. Vermutlich finden viele der Fahrerinnen und Fahrer es auch cooler, Essen auf dem Fahrrad zu liefern statt in einem Auto zu sitzen und Pizza durch den Stadtverkehr zu bringen.

Natürlich darf all das nicht zu einer Romantisierung der Realität führen. Ausbeutung ist in der Branche für viele Fahrerinnen und Fahrer ein Thema. Und Lieferdienste sind längst keine simplen Start-ups mehr, sondern Unternehmen mit einer Führungsstruktur und großen Geldgebern. Umso trauriger, dass in einem solchen Komplex Fahrer noch zu häufig als unwichtigstes Glied der Kette gesehen werden – dabei sind sie das wichtigste.

Die Entwicklung ist nicht mehr rückgängig zu machen

Wenn die Führungsriege von Lieferdiensten das versteht und es schafft, bessere Arbeitsbedingungen zu verwurzeln, ist die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen. Das Nach-Hause-Bestellen von Lebensmitteln kann dann auch auf Dauer statt verpönt zu wirken, so normal sein wie der Gang durch die Supermarkt-Flure.

Hier lesen Sie das Contra: "Für unsere Faulheit müssen andere schuften".

Beitrag von Hasan Gökkaya

24 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 24.

    Warum denn nicht? Supermärkte, Eismann usw liefern doch auch. Essen auf Räder gibt es auch. Leute die darauf angewiesen sind, wissen das zu schätzen.

  2. 23.

    Ihr diskutiert hier Luxusprobleme großstädtischer Wohlstandsblasen.
    Im ländlichen Raum, wo es nicht alle 100m eine Supermarkt gibt wo meistens nach Feierabend nichtmal mehr ein Bus fährt, gibt es auch keine Lieferdienste und die Menschen dort schaffen den Alltag auch.

  3. 22.

    Hallo Altwestberlinerin,
    fast jede große Lebensmittelkette betreibt einen Lieferdienst und dort bekommt man nicht nur Ihre erwähnten Büchsen, sondern Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst und andere frische Lebensmittel.
    Wenn Sie keine Ahnung haben sollten Sie nicht über andere urteilen.

  4. 21.

    Der Mario meinte das mehr ironisch, da ihm hier wohl generell zu viele rumlaufen, die kein Deutsch sprechen, Karin.

  5. 20.

    Ich frage mich oft: Wie konnten unsere Eltern, Großeltern nur überleben, als es noch kein Internet, keine Lieferdienste, keine E-Scooter, nur Festnetztelefon mit Kabel gab? Ich pers. bin dankbar für die vielen techn. Helferlein z.B. im Haushalt, die mir tatsächlich eine Zeitersparnis bringen. Woran liegt es also, dass viele junge Menschen soviel unbeweglicher sind im Denken und Handeln? Lieferdienste schaffen KEINE Arbeitsplätze. Es sind nur weitere schwarze Schafe von sog. "Arbeitgebern" auf dem Markt, die bei ihren "Angestellten" die fehlende Kenntnis des deutschen Rechts und Sprachbarrieren schamlos ausnutzen. DAS sollte verhindert werden.

  6. 19.

    Unter dem LUXUS der Faulen sollte aber nicht der Rest der agilen Bevölkerung leiden! Und klar, wer nur Büchsenessen braucht, kann jeden Lieferdienst der Welt nehmen *örgs* wer aber selber kocht, will gerne das Frischeste auswählen (den Rest nimmt dann der Lieferdienst) und wer Nahrungsmittelallergien hat, der muss eh jedes Produkt genau anschauen!

  7. 18.

    Gehören Sie zur Gruppe der Alten, Kranken u. Schwachn oder doch zur Gruppe der Faulen? Lieferdienste, weil der Lieferant die dt. Sprache nicht beherrscht? Was ist das für eine Schwachsinn! Wenn der Liefernde hier lebt, eine gültige Arbeitserlaubnis hat, steht es ihm frei, einen Sprachkurs zu machen, auch mithilfe der Arbeitsagentur. Auch die Sprachkurse an den VHS sind keine finanzielle Herausforderung. Schon mal darüber nachgedacht? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg...

  8. 17.

    Danke für Ihren Kommentar, bin ganz bei Ihnen und denke genauso.

  9. 16.

    Hallo CD (1),
    warum kritisieren Sie, dass jemand - der nicht alt und/oder krank ist - Lieferdienste in Anspruch nehmen möchte.
    Das muss doch jedem selbst überlassen bleiben, denn er zahlt doch für seinen LUXUS einen Aufpreis zu den Waren im Laden und er sichert die vorhandenen Arbeitsplätze.

  10. 15.

    "Rückeroberung des Alltags" mit angelieferten Dosensuppen und Dosenbier. Das ist echt lustig aber auch ein bisschen traurig...also wenn man sich das zurück erobern muss. War mal eine Zeit ohne Alltag? Musste man da sein Gemüse auf dem Markt kaufen und selbst zubereiten? Oder 2 Flaschen Bier vom Späti selbst nach Hause tragen. Ja, das war nicht einfach und Brot musste man auch noch holen. Aber vielleicht hat es perspektivisch Vorteile: die "Schlange" im Doseneintopfladen wird dann ja kürzer und der macht dann zu und der Lieferdienst hat neue Lagerräume usw.

  11. 14.

    Was haben die Menschen auf Amazon gemotzt, mittlerweile bestellen dort viele, auch von denjenigen die eben noch darüber hergezogen sind.
    Wie viele von den Kommentatoren hier benutzen es,wenn sie ehrlich sind?

  12. 13.

    Lieferdienste wie Gorilla sind super. Wo sollten sonst die ganzen Spanier und Inder ohne deutsche Sprachkenntnisse und Ausbildung Arbeit finden?

  13. 12.

    Der Autor verfängt bereits in der Überschrift! Zeit kann nicht zurückgeholt werden! Vorbei! Nichts geht mehr.
    Ganz ehrlich: Lieferdienst Niemals!
    Gründe:
    - Ich kann die Qualität nicht aktiv beeinflussen
    - Ich kann nicht aktiv Alternativen prüfen
    - Mir steht bis zum Empfang der Ware die Zeit nicht frei zur Verfügung

    - Ich kenne keinen Lieferdienst, der seine "Rider" die "Wartezeit" vergütet. (Stichwort Taxi, Bereitschaftsdienst etc.)

    Lieferdienst käme nur dann ins Spiel, wenn ich nicht mehr krauchen kann und es keinen weiteren (Angehörigen/Bekannten), Dienstleister der das vollumfänglich HAUPTBERUFLICH macht, gibt. Und ja, da muss dann entsprechend bezahlt werden!
    4 Pizzen für je 5 bis 7 Euro incl. Anlieferung ist doch nen Witz! Da kann niemand von leben. Das sollte jedem klar gewesen sein. Schon vorgestern.

  14. 11.

    Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, nach der Arbeit, und wenn ich dann gegen 17:00 Zuhause bin, mich im Supermarkt in die Schlange an der Kasse zu stellen. Und es ist auch nicht spaßig, am Samstag durch volle Geschäfte zu gehen, um mich dort durch, sich am Einkaufswagen festklammernde Mitmenschen, verstopfte Gange zu quälen. Wenn ich einkaufen gehe, möchte ich das in Ruhe und ohne Stress machen. Einmal in der Woche kommt der Lieferdienst mit dem Wocheneinkauf. Eine wunderbare Erfindung.

  15. 10.

    Wer sich wertvolle Lebenszeit zurückholen möchte, als Argument für Lieferdieste, sollte eher weniger am Smartphone hängen. DAS vergeudet Lebenszeit, nicht die eigenen Einkäufe für Lebensmittel. Das ist Quatsch. Wer das behauptet, ist entweder zu dumm oder zu faul, sich besser zu organisieren.

  16. 9.

    Ich schließe mich derMeinung unter 1. an. Lieferdienste sind nützlich für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Einkauf nicht allein erledigen können bzw., wie bereits erwähnt, niemanden haben, der das für sie erledigen kann. Ansonsten sind Lieferdienste nur für Menschen, die ihren Alltag nicht organisieren können oder einfach zu faul sind, sich ihre Getränke selbst nach Hause zu schleppen (siehe "Flaschenpost"). Ich selbst habe 45 Jahre lang in Vollzeit gearbeitet und dennoch Zeit für die Familie, Hobbies UND meine Einkäufe gehabt. Es ist alles nur eine Frage der Organisation. Und bei den heutigen Öffnungszeiten sollte das jd. selbst hinbekommen. Auch den Verkehr würde es etwas entlasten. Wahrscheinlich sind die meisten der jungen Generation damit jedoch überfordert.

  17. 8.

    Wir wohnen in Berlin. Ich gehe ohnehin täglich raus. Schon für psychische Hygiene: Luft, Sonne, spazieren, andere Menschen. Im Umkreis meines Hauses erreiche ich zu Fuß in max. 3 - 5 min: Rewe, Edeka, Netto, Aldi, Rossmann, DM, Alnatura etc pp. Abgesehen von älteren, kranken, behinderten Mitmenschen etc empfinde ich Lieferdienste als unterste Schublade

  18. 7.

    Warum merkt man irgendwie sofort, dass ein Typ das geschrieben hat? Typen kaufen irgendwie doch anders ein. LustUNbetont. UNinspiriert. TriebUNgeleitet. Ich finde es einschneidend, dass man in der Pandemie nicht Kochbummeln kann, sich von Angeboten verschiedener Läden zu neuen Rezepten inspirieren lässt, Ideen entwickelt. Also bei Lebensmitteln. Bei Klopapier und WC Reiniger brauche ich das auch nicht :-)

    Wer nicht alt oder gehbehindert ist, kann selber einkaufen gehen. Lieferdienste, die die Straßen verstopfen oder durch Gehweg-Parken oder in 2. Reihe stehen alle behindern und nerven, obwohl die Leute selber einkaufen könnten, das muss echt nicht sein.

  19. 6.

    Vor ein paar Jahren ging es auch ohne das World Wide Web, elektronisch Strom, fließend Wasser, Zentralheizung usw. ;) Lieferdienste gab es schon vor hundert Jahren.

  20. 5.

    Ich finde Lieferdienste für Menschen, die entweder zu alt sind oder nach einer OP nicht selber einkaufen gehen können, eine sehr gute Sache.
    Ich habe den Lieferdienst eines Supermarktes zur Lieferung von Lebensmitteln nach einer Fuß-OP selbst genutzt und würde es jederzeit bei Bedarf wieder tun.

Nächster Artikel