Debatte über Re-Kommunalisierung - Vattenfall erwägt Verkauf der Berliner Fernwärme

Mi 04.05.22 | 17:28 Uhr
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Heizkraftwerk Moabit, Friedrich-Krause-Ufer. (Quelle: dpa/Global Travel Images | Jürgen Held)
Audio: rbb88.8 | 04.05.2022 | Jan Menzel | Bild: dpa/Jürgen Held

Der Konzern Vattenfall stellt sein Wärmegeschäft in Berlin auf den Prüfstand, um sein Geschäft klimafreundlich umzubauen. Der Senat reagiert darauf offen und interessiert. Über einen möglichen Kaufpreis wird derweil bislang nur spekuliert.

Der Energiekonzern Vattenfall lässt erstmals seine Bereitschaft erkennen, sich von seinen Kraftwerken und dem Fernwärmenetz in Berlin zu trennen.

Vattenfall habe sich der Energiewende verschrieben und wolle die Nutzung fossiler Brennstoffe beenden, hieß es am Dienstag. Deshalb wurde laut dem Unternehmen "eine strategische Neubewertung" gestartet. "Im Falle eines Verkaufs würden wir nur an einen Eigentümer veräußern, der die Transformation des Unternehmens zuverlässig fortsetzt", so Konzernchefin Anna Borg. Sollte das Berliner Wärmegeschäft hingegen bei Vattenfall bleiben, werde man die Co2-Emmissionen weiter reduzieren und zu den Klimazielen des Landes Berlin beitragen, sagte Borg weiter.

SPD und Linke wollen landeseigene Fernwärme

In der rot-grün-roten Koalition wird dieser Vorstoß auf offene Ohren stoßen. Erst kürzlich hatten SPD und Linke bekräftigt, dass sie sowohl die Fernwärme als auch das Gasnetz wieder unter Kontrolle des Landes bringen wollen. Die Grünen gelten in der Koalition nicht als bedingungslose Befürworter einer Re-Kommunalisierung. Sie verweisen auf die hohen Kosten eine Rückkaufs und hatten wiederholt betont, dass der Klimaschutz im Vordergrund stehen müsse.

An das Vattenfall-Wärmenetz sind zehn große Kraftwerke angeschlossen. Als Brennstoff wird meist Erdgas genutzt, teils auch Biomasse. Die Heizkraftwerke Moabit und Reuter West verfeuern jedoch hauptsächlich Steinkohle.

Finanzsenator will Angebot "intensiv" prüfen

Beim Senat stieß die Vattenfall-Ankündigung am Mittwoch auf Interesse. Finanzsenator Daniel Wesener (Grüne) kündigte an, Berlin werde die Option des Netzerwerbs "intensiv" prüfen, sollte sie sich bieten. Wesener betonte gleichzeitig, dass das Land sich das Ziel gesetzt habe, Fernwärme bis 2045 CO2-frei zu erzeugen. Das bedeute, dass die Kraftwerke, die derzeit noch mit Gas und Steinkohle betrieben werden, auf andere Energieträger umgestellt werden müssen.

Auch der energiepolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Stefan Tascher, zeigte sich gegenüber dem rbb grundsätzlich aufgeschlossen. "Anders als das Gasnetz ist das Fernwärmenetz ein Zukunftsnetz, das wir für die Wärmewende in Berlin dringend brauchen". Taschner schränkte aber auch ein: "Wir werden nur rekommunalisieren, wenn auch der Preis stimmt."

Wie hoch der Kaufpreis für die Heizkraftwerke und für das Leitungsnetz sein könnte, fällt auch Experten schwer zu beziffern. Vor gut einem Jahr hatte Berlin das Stromnetz von Vattenfall für rund 2,1 Milliarden Euro erworben. In der Branche hieß es in den vergangenen Jahren immer, dass ein Rückkauf der Fernwärme deutlich teurer werden würde.

Stroedter (SPD) hält Kaufpreis für refinanzierbar

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Jörg Stroedter, wertet die Offerte von Vattenfall dennoch als “Riesenchance”. Senat und Koalition kämen ihrem Ziel eines integrierten Netzanbieters damit einen weiteren Schritt näher. "Der Kaufpreis lässt sich aus den Erträgen finanzieren", sagte Stroedter dem rbb. Das Modell habe sich bereits beim Rückkauf der Wasserbetriebe und bei der Rekommunalisierung des Stromnetzes als tragfähig erwiesen.

Das Berliner Fernwärmesystem ist eines der größten in Westeuropa. Heißes Wasser wird dabei über mehr als 1.700 Kilometer lange Rohrleitungen zum Heizen in die Haushalte transportiert. Vor einigen Jahren hatte dass Land versucht, das Netz von Vattenfall zu übernehmen. Der Versuch scheiterte vor Gericht.

Sendung: rbb24 Inforadio, 04.05.2022, 13:00 Uhr

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9 Kommentare

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  1. 9.

    Vattenfall ist 100% in staatlicher Hand und nicht an der Börse notiert. Gibt also keine Kurse....peinlich peinlich

  2. 8.

    Oh Mann! Soll Vattenfall doch selbst die Umstellung auf klimaneutral finanzieren. Deswegen kommt doch die CO2 Bepreisung, damit die Wirtschaft einen Anreiz hat umzurüsten - und Berlin will den bald veralteten Schrott kaufen? Und denkt es könnte die Umstellung eher managen als Vattenfall? Oh Berlin, wunderbar - aber dumm.

  3. 7.

    Der Senat ist in einer Zwickmühle. Einerseits hat sich mittlerweile überall gezeigt, dass sich das vor Jahren hochpopuläre Outsourcing nicht bewährt hat. Andererseits steht ein massiver Invesitionsschub bevor.
    Man sollte sich das Vorkaufsrecht sichern aber den Preis soweit runterhandeln, dass man nachts gut schlafen kann. Schwierig, aber machbar.

  4. 6.

    da stimme ich absolut zu, aber alle Probleme, Preissteigerungen, Verzögerungen usw. werden auf den Ukraine Krieg oder Corona geschoben. Das vieles schon vor diesen Zeiten im Argen lag, wird mal schnell verschwiegen.

  5. 5.

    Ist ja interessant. In der jetzigen Diskussion und Planung, würde ich auch versuchen meine alten Anlagen, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, zu einem möglichst hohen Preis los zu werden und das Geld in zukunftsträchtige Technologien wieder gewinnbringend einzusetzen. So funktioniert Wirtschaft. Spannend ist, ob der Senat auf diesem Weg die Wirtschaft mit Steuermitteln fördern will.

  6. 4.

    Sehr clever das Zeug abzustoßen kurz bevor die großen Investitionen zur Klimaneutralität anstehen. Gewinne privatisieren, Ausgaben vergesellschaften. Das ist gut für den Aktienkurs.

  7. 3.

    Zum Thema Anschlusspflicht. Vattenfall hat die Verträge für die Fernwärme gekündigt und gibt neue aus. Die Preise sind extrem gestiegen. Außerdem haben Sie den Festpreis prozentual deutlich erhöht, so dass es überhaupt kein Einsparpotenzial mehr für Kunden gibt. Es spielt quasi keine Rolle mehr wie viel ich heize. (Was den Rat, man solle die Heizung einfach 2° kälter stellen, um Kosten zu sparen, ad absurdum führt). Und da Vattenfall das Monopol auf Fernwärme hat, hat man als Kunde auch gar keine Wahl den Anbieter zu wechseln. Ich werde ab nächsten Jahr wahrscheinlich fast das doppelte zahlen. Und da die Verträge schon vor dem Ukraine Krieg gekündigt worden, hat diese Preisexplosion auch nichts mit der Ukraine oder Rußland zu tun.

  8. 2.

    Die Kraftwärmekopplung ist eines der wichtigsten Mittel zur Klimarettung. Den gigantischen Wärmeabfall der Stromerzeugung gleichzeitig zum Heizen zu verwenden, ist extrem sinnvoll, weil sehr effizient.
    Unverständlich ist, dass z.B Nähe Rohrdamm viele Wohnungen an der Fernwärme hängen, manche Wohnungen (Vonovia), gleich daneben, nicht! Diese Menschen müssen immer noch Gasthermen und -Etagenheizungen mit russischem Gas nutzen. Es sollte dort eine Anschlusspflicht geben.

  9. 1.

    Ob es für die Mieter einen Unterschied macht, wer mehr von "Geschäften" versteht, Vattenfall oder der Senat?

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