Initiative "Berlin werbefrei" - Was für und was gegen ein Werbeverbot in der Großstadt spricht

Sa 04.06.22 | 09:12 Uhr | Von Naomi Donath
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An einem Haus in der Warschauer Straße hängt ein Riesenposter an einem Baugerüst. (Bild: rbb/Naomi Donath)
rbb/Naomi Donath
Video: rbb|24 explainer | 01.06.2022 | Bild: rbb/Naomi Donath

Während sich einige Berliner:innen von Werbung im öffentlichen Raum gestört fühlen, ist Außenwerbung für das Land Berlin eine Einnahmequelle. Was für und was gegen Werbung spricht, der man nicht aus dem Weg gehen kann. Von Naomi Donath

Rosa López wohnt seit mehr als zehn Jahren in ihrer Wohnung in der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain. Eigentlich eine helle Wohnung im vierten Stock - doch seit einem halben Jahr, seit die Balkons neu gemacht werden, steht ein Gerüst vorm Haus. Und an dem Gerüst hängt eine 200 Quadratmeter große Werbeplane - in der Außenwerbebranche auch Riesenposter genannt.

"Die Werbeplane wird immer wieder ausgetauscht, das ist jetzt die dritte", erzählt Rosa López. Im Herbst 2021 hing für vier Wochen eine Plane mit Werbung für die Sängerin Adele. Dann, von Anfang bis Ende März 2022, hing eine Werbung für einen Lieferdienst. Seit Anfang Mai hängt am Haus nun Werbung für einen Rasierer.

Rosa López in ihrer Wohnung in der Warschauer Straße. (Bild: rbb/Naomi Donath)
In Rosas Wohnung in der Warschauer Straße ist es tagsüber dunkel. | Bild: rbb/Naomi Donath

Tagsüber dunkel, nachts hell

Für Rosa López ist die Werbung belastend, sagt sie: "Was richtig schlimm ist: Tagsüber ist es dunkel wegen der Werbung, da kommt wenig Licht rein. Und abends werden die Lichter angemacht, da kommt ganz viel Licht rein." Die Werbeplane werde die ganze Nacht beleuchtet, sagt Rosa López.

Ein Riesenposter an einem Haus in der Warschauer Straße wird nach 22 Uhr beleuchtet. (Bild: rbb/Naomi Donath)
Nachts wird die Werbung beleuchtet. | Bild: rbb/Naomi Donath

Eine Werbeanlage an einem Baugerüst ist laut Berliner Bauordnung legal. Maximal sechs Monate im Jahr darf so ein Riesenposter hängen. "Diese Werbeanlagen sind so massiv, dass wir genötigt sind, die Werbung zu sehen - ob wir wollen oder nicht", kritisiert Rechtsanwalt Fadi El-Ghazi. Er nennt den öffentlichen Raum eine "Dauerwerbesendung ohne Fernbedienung".

Initiative möchte Riesenposter verbieten

El-Ghazi hat die Initiative "Berlin werbefrei" gegründet. Die Initiative möchte solche Riesenposter verbieten - und grundsätzlich Werbung im öffentlichen Raum reduzieren. Für 2024 streben sie einen Volksentscheid in Berlin an, ihr Werbe-Regulierungs-Gesetz würde dann 2027 in Kraft treten. Derzeit werde ihr überarbeiteter Gesetzentwurf beim Senat geprüft, sagt El-Ghazi. Den ersten Gesetzentwurf hatte der Senat als "materiell-rechtlich unzulässig" abgelehnt.

Fadi El-Ghazi von der Initiative "Berlin werbefrei". (Bild: rbb/Naomi Donath)
Fadi El-Ghazi von der Initiative "Berlin werbefrei". | Bild: rbb/Naomi Donath

Vor der Marienkirche in Berlin-Mitte schildert El-Ghazi, was ihn stört: "Diese digitale Werbeanlage verdeckt den Ausblick auf die Marienkirche." Bewege man sich von der Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Marienkirche, stehe die Werbung für mehrere Minuten in der Sichtachse. "Man kann faktisch unsere touristischen Attraktionen nicht wahrnehmen", sagt El-Ghazi.

Solche digitalen Werbeanlagen möchte die Initiative verbieten. Ein Werbeboard mit LED-Technologie und neun Quadratmetern Werbefläche verbrauche viel Strom, nach konservativen Kalkulationen 45.000 Kilowattstunden im Jahr, sagt El-Ghazi: "Das entspricht dem Durchschnittsverbrauch von 30 Ein-Personen-Haushalten. Plastisch ausgedrückt müssen wir uns vorstellen, hier stehen 300 Kühl-Gefrier-Kombinationen, die durchgängig laufen." Außerdem kritisiert die Initiative, digitale Werbung lenke Autofahrer:innen ab und sorge nachts für Lichtverschmutzung.

Land Berlin verdient an Werbung

Eine Reduzierung von Werbeanlagen und ein Verbot digitaler Werbeboards, wie es die Initiative fordert, würde nicht nur Werbeunternehmen finanziell treffen. Das Land Berlin selbst verdient an der Werbung. Es besitzt die Werberechte für das öffentliche Straßenland - und verpachtet ein festes Kontigent an Werbeflächen in Berlin.

Eine digitale Werbeanlage mit neun Quadratmeter großer LED-Anzeige auf öffentlichem Straßenland in Berlin-Mitte. (Bild: rbb/Naomi Donath)
Eine digitale Werbeanlage mit einer neun Quadratmeter großen LED-Anzeige in Berlin-Mitte. | Bild: rbb/Naomi Donath

Wie die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz auf Anfrage von rbb|24 mitteilt, hat das Land Berlin in den Jahren 2019, 2020 und 2021 insgesamt um die 40 Millionen Euro mit der Verpachtung von Werberechten verdient - etwa die Hälfte davon mit digitaler und hinterleuchteter Werbung. Denn Werbeunternehmen zahlen Sondernutzungsgebühren, um Werbeanlagen errichten und betreiben zu dürfen.

Das Land Berlin wiederum ist prozentual am Umsatz der Werbeunternehmen beteiligt. Zudem erhält das Land Berlin für den Vertrag über Dauerwerbung an Uhren eine fixe Summe. Die Verträge laufen über zehn bis 15 Jahre. "Bei einem vorzeitigen Auflösen der Verträge müsste das Land Berlin Schadensersatz an die betroffenen Unternehmen zahlen", so die Senatsverwaltung gegenüber rbb|24. "Diese Summe dürfte ein Vielfaches der Einnahmen betragen, welche das Land Berlin aus den Verträgen aktuell erhält."

Kai-Marcus Thäsler vom Fachverband Aussenwerbung. (Bild: rbb/Naomi Donath)
Kai-Marcus Thäsler vom Fachverband Aussenwerbung. | Bild: rbb/Naomi Donath

Außenwerbung in Berlin erfunden

Doch die Initiative will nicht alle Werbung verbieten. Litfaßsäulen dürften bleiben, weil sie sich ins Stadtbild einfügten. Außerdem sind sie ein Berliner Original. Außenwerbung wurde in Berlin erfunden, sagt Kai-Marcus Thäsler vom Fachverband Aussenwerbung: "Ernst Litfaß hat vor 200 Jahren die Litfaßsäule erfunden. Damit wurde Berlin ordentlicher und sauberer, denn bis dahin wurde einfach wild plakatiert."

Auch Werbung an Haltestellen dürfte bleiben. Von dieser Werbung profitiere das Land Berlin zusätzlich, erklärt Thäsler: "Derjenige, der den Zuschlag bekommen hat für die Werbung an den Bushäuschen, der finanziert auch die Bushäuschen. Ein Teil der regionalen und kommunalen Infrastruktur wird durch Außenwerbung refinanziert."

Außenwerbung kann auch für Vermieter:innen oder Eigentümer:innen nützlich sein. Mit einem Riesenposter am Baugerüst können sie Einnahmen generieren - und so beispielsweise Mietminderungen ausgleichen. Denn wenn eine Werbeplane die Wohnung verdunkelt, empfiehlt der Berliner Mieterverein, die Miete zu mindern.

Blick aus der Wohnung von Rosa in der Warschauer Straße auf das mit einem Riesenposter verhangene Baugerüst. (Bild: rbb/Naomi Donath)
Blick aus Rosas Wohnung in der Warschauer Straße auf das Baugerüst und das Riesenposter. | Bild: rbb/Naomi Donath

Keine weitere Werbung mehr?

Gute Nachricht für Rosa López und ihre Nachbar:innen: Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg teilt rbb|24 auf Anfrage mit, dass die aktuelle Werbung am Haus, in dem Rosa wohnt, die letzte ist, die am Baugerüst hängen darf. Weitere Werbung dort würde für 2022 nicht mehr genehmigt werden, so das Bezirksamt. Denn im Bereich Warschauer Straße gebe es so viel Werbung, dass solche Riesenposter am Baugerüst nur für zwei Monate im Jahr zulässig seien.

Die Fassade eines Wohnhauses in der WArschauer Straße in Berlin-Friedrichshain am 04.06.2022. Hier hing bis vor kurzem noch eine großflächige Werbeplane (Quelle: rbb / Donath).
Es wurde Licht: Seit dem 3. Juni hängt keine Werbeplane mehr am Haus. (Quelle: rbb / Naomi Donath). | Bild: rbb / Donath

Sendung: rbb|24 explainer | 01.06.2022

Beitrag von Naomi Donath

41 Kommentare

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  1. 41.

    In diesem Bericht geht es eigentlich nur um Werbung am Haus, die durchaus unzumutbar ist, aber die Überschrift des Atikels ist global gefasst. Ich meine, Werbung geht schon, aber nicht so wie im Bericht beschrieben, übrigens nicht nur in der Großstadt, auch nicht in einem Dorf.

  2. 40.

    Niedlich. Machen Sie es doch. Allerdings müssen Sie sich dann erst die Werbung ansehen, damit Sie wissen, was Sie boykottieren wollen. Und zum Bus. Ja, ist meistens doof, aber im Sommer, wenn die Sonne reinbratzt, finde ich Schatten gut. Es gibt wie bei jedem Thema etwas dazwischen. Aber bei Wohnhäusern hört es auf. Da kann mir keiner erzählen, es würde ihn nicht stören. Im Stadtbild ist es okay. Und wir wollen jetzt nicht diskutieren, welcher Art Werbung es ist, oder? Sonst müssten Sie auch die Wahlen boykottieren. Die Wahlwerbung bezahlen wie alle.

  3. 39.

    Dann machen sie das. Dann hat Webung doch einen Sinn. Sie können dann problemlos erkennen welch Produkte sie boykottieren können. Je mehr Werbung um so mehr Boykottmöglichkeiten. Das Poster aus reinen Werbezwecken vor Fenster gehangen werden halte ich für eine Frechheit. Da hat die Frau völlig recht. Aber ansonsten gehört Werbung in eine Metropole.

  4. 38.

    Es geht mehr um Hell und Dunkel in betroffenen Wohnungen, nicht um die Sicht. Und da gibt es bessere Lösungen als so eine Verschattung.

  5. 37.

    Werbung verbraucht Energie, natürliche Ressourcen und ist damit umweltschädlich. Werbung kostet Geld, was letztendlich der Kunde, der Werbung ablehnt bezahlt.
    Ich hoffe, dass die Grüne Partei die Werbung ablehnt.

  6. 36.

    „https://www.spreegeruestbau.de/Leistungen/Geruestverkleidung“

    Gerüstverkleidungen sind wohl eher verpflichtende, gesetzliche Realität, es ist daher egal ob mit oder ohne Werbung - die Sicht ist nicht gegeben.

  7. 34.

    Professor Steve Levitt von der University of Chicago hat mal für ein großes Unternehmen einen Weg gesucht zu testen, ob Werbung funktioniert. Für 4 Wochen wurde die Zeitungswerbung ausgesetzt & es hatte keinen Einfluss auf den Umsatz.

    Wenn Werbung also nicht mal wirkt, warum sollen wir den ganzem Tag damit zugespammt werden. Dezente Werbung an Uhren, Litfaßsäulen, Fahrzeugen o. Haltestellen ist in Ordnung, aber diese riesen Plakate, Leuchtreklame & Ähnliches ist unnötig und nicht zielführend.

  8. 33.

    Vielleicht mal den Bericht lesen. Wohnungen, die tagsüber dunkel sind, so das man Licht machen muss und nachts so hell sind, dass man kaum verdunkeln kann, sind eindeutig lebenseinschränkend. Und das über Monate hinweg bring Ihren Biorhythmus komplett aus dem Ruder.

  9. 32.

    Ich warte auf den Tag an dem eine Initiative fordert Initiativen zu verbieten. Meine Unterschrift ist euch sicher ! Ansonsten Bauarbeiten sind endlich, so die Politik sie nicht mit Auflagen und Genehmigungsverschleppung in die Länge zieht. Da läge schonmal Potential.
    Und solche Bemerkungen wie lebenseinschränkend oder man könne seine Wohnung nicht mehr nutzen... häää?

  10. 31.

    Ich habe nichts gegen Werbung, interessiert mich auch nicht besonders, aber so wie hier beschrieben, geht das gar nicht. Da hätte ich mich schon viel früher zur Wehr gesetzt, egal wie, aber 6 Monate Tag dunkel, Nachts hell, nee.

  11. 30.

    Interessant ist gleich der erste Satz dieses Artikels: "Während sich einige Berliner:innen von Werbung im öffentlichen Raum gestört fühlen,..."
    Das rechtfertigt natürlich ein generelles Werbeverbot im öffentlichen Raum.
    Aber es gibt ja noch wesentlich gravierendere Probleme. Z.B können Touristen minutenlang die Marienkirche nicht sehen, wenn sie auf der Karl-Liebknecht-Straße unterwegs sind. Auch ich, ein nicht als Tourist gelesener Mitbürger, habe dieses traumatische Erlebnis schon gehabt. Vielleicht würde es seine Forderung unterstützen, wenn Herr El-Ghazi bekannt geben würde, wieviele Touristen sich diesbezuüglich bei ihm beschwert haben.

  12. 29.

    Am Liebsten möchte ich Produkte boykottieren, die werben, weil ich die Werbung nicht finanzieren möchte.
    Meine letzte Werbeerinnerung ist der Malboromann. Ich nehme keine Werbung mehr war. Mich ärgert der durch Werbung verdunkelte Bus.

  13. 28.

    Ich seh es differenzierter. Werbung vor der Wohnung ist lebenseinschränkend, die Wohnung kann nicht vertragsmäßig genutzt werden. Werbung im Stadtbild ist nur optisch je nach Geschmack belastend. Da trifft es aber niemanden in seinem privaten Einzugsbereich. Also, bitte auf die echten Störungen abstellen, sonst ist die Initiative für mich zB einfach zu radikal und übergriffig. Werbung an Wohngebäude oder Büros etc, bei denen Menschen am Wohnen. bzw. Arbeiten u.ä. beeinträchtigt werden, sollte nicht genehmigt werden.

  14. 27.

    ... ein Tippfehler. So wie Sie versehentlich zu einer Großschreibung neigen.

    Okay?

  15. 26.

    Wenn es Sie nicht betrifft und nicht interessiert, brauchen Sie es ja nicht lesen, anstatt -wieder mal - einen so empathielosen Satz rauszuhau'n.
    Ich möchte so etwas auch nicht vor meinen Fenstern haben, aber deswegen aus der Wohnung eine Dunkelkammer machen? No, dafür gibt es bestimmt Plätze, wo es niemanden beeinträchtigt.

  16. 25.

    Sorry,aber hängt doch einfach bei den Politikern die Fenster mit Werbebanner zu. Mal se wie sie dann darüber denken.
    ;-))

  17. 24.

    Es geht in dem Artikel doch um ein Werbeverbot in Großstädten. Dann sollte sich auch der Kommentar der Dame in diesem Bezug lesen, nicht wahr?

  18. 23.

    Wer unseren entspannten Freundeskreis missbraucht, um egoistisch seine Produkte aufzunötigen, war mal mein Freund!

  19. 22.

    Vor dem eigenen Fenster, über Monate, ist das eine mietmindernde Zumutung.
    In der Stadt fällt es mir gar nicht auf. Da wir gar kein Fernsehen mehr gucken, bin ich vollkommen werbeentwöhnt. Ich kaufe sowieso grundsätzlich keine Produkte, die beworben werden. Falls ein Produkt gut sein sollte, bedarf es keinerlei Werbung, sondern wird einfach wie wild gekauft.
    Werbung macht sog. Markenprodukte einfach nur unnötig teurer.
    Mir wäre aber ein diktatorisches Werbeverbot nicht egal.

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