Hoteliersfamilie nach NS-Zeit enteignet - Adlon-Nachfahren fordern Grundstück am Brandenburger Tor zurück

Di 14.06.22 | 21:27 Uhr
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Archivbild: Hotel Adlon, Pariser Platz, Berlin Mitte. (Quelle: dpa/Joko)
Video: rbb24 | 15.06.2022 | Bild: dpa/Joko

War die Enteignung der Adlons nach dem Zweiten Weltkrieg rechtmäßig? Die Nachfahren der berühmten Hoteliers sagen Nein und klagen nun gegen das Land Berlin. Sollten sie Recht erhalten, könnte dies weitreichende Folgen haben.

Die Nachfahren der Hoteliers-Familie Adlon kämpfen vor Gericht um das berühmte Luxushotel am Brandenburger Tor. Dem Verwaltungsgericht Berlin liegt eine Klage vor, mit der sie vom Land Berlin die Rückübertragung des Grundstücks und des Hotels fordern, wie eine Gerichtssprecherin am Dienstag der Nachrichtenagentur DPA bestätigte. Zuvor hatten "Bild" und "B.Z." berichtet.

Im Kern des Streits geht es um die Rolle der Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Hedda und Louis Adlon wurden nach dem Krieg enteignet. Wie die "B.Z." unter Berufung auf deren Ur-Enkel, Felix Adlon, berichtet, wurde das mit dem Eintritt in die NSDAP der beiden im Jahr 1941 begründet.

Nach dem Krieg schwer beschädigt, in der DDR abgerissen

Das ursprüngliche Hotel Adlon wurde kurz nach Kriegsende im Mai 1945 bei einem Brand schwer beschädigt, die letzten Überreste wurden 1984 von der DDR abgerissen. Heute steht an gleicher Stelle ein Neubau, der sich an der Architektur des Originals orientiert. Das moderne Hotel Adlon gehört der Hotelkette Kempinski.

Die Nachfahren der Hoteliersfamilie Adlon werfen nun die Frage auf, ob die Familie das Grundstück nach der Wiedervereinigung hätte zurückbekommen müssen. Eine mündliche Verhandlung zu dem Fall wird es nach Gerichtsangaben in diesem Jahr aber voraussichtlich nicht mehr geben.

Zuständiges Landesamt hatte Antrag mehrfach abgelehnt

Der Streit geht bis Mitte der 1990er Jahre zurück. Im September 1996 hatte das Landesamt für die Regelung offener Vermögensfragen (LROV) nach Angaben der Senatsfinanzverwaltung eine Rückübertragung der Immobilie abgelehnt. Nun gibt es aus Sicht des Ur-Enkels Felix Adlon neue Erkenntnisse zu den Geschehnissen in der Nazizeit. Damit verbunden ist die Frage, ob und inwieweit die Familie durch das NS-System vereinnahmt wurde und sich dagegen hätte wehren können.

Der Klage seien umfangreiche Recherchen vorausgegangen, unter anderen habe sein Mandant Akteneinsicht bei der Finanzverwaltung gehabt, sagte der Düsseldorfer Rechtsanwalt Wolfgang Peters der DPA. "Dabei sind wir auf viele neue Tatsachen gestoßen."

Auf dieser Basis habe sich die Erbengemeinschaft entschlossen, einen neuen Versuch zu unternehmen, die Enteignung anzufechten. Das LROV hatte den Antrag auf Wiederaufgreifen des Verfahrens laut Finanzverwaltung im Februar 2020 abgelehnt. Darum liegt der Fall nun beim Verwaltungsgericht.

Anwalt sieht Fall als grundsätzliches Beispiel

Lorenz Adlon ließ das Hotel zwischen 1905 und 1907 bauen. Das luxuriöse Haus entwickelte sich in den Folgejahren zu einem gesellschaftlichen Anlaufpunkt. Während der Zeit des Nationalsozialismus bevorzugte die SS zunächst den Kaiserhof in der Wilhelmstraße, nach dessen Zerstörung fokussierte sie sich aber auf das Adlon als Treffpunkt.

"Die Nazis haben die Herrschaft über das Hotel übernommen und sich im weltweiten Ruf des Adlons gesonnt", sagte dazu Rechtsanwalt Peters. Die Adlons seien damit "faktisch enteignet" worden und hätten damit einen Anspruch auf Entschädigung, so seine Argumentation.

In dem Fall geht es zugleich um die grundsätzlichere Frage, ob Nazi-Eigentum, das von der ehemaligen Sowjetunion beschlagnahmt wurde, generell nicht zurückgegeben werden darf. Dies hatte das Bundesverfassungsgericht bislang bejaht. Peters sieht aufgrund der Recherchen jedoch historische Gründe, die zu einer Änderung der Rechtsprechung führen könnten.

Das originale Hotel Adlon am Pariser Platz auf einer undatierten Aufnahme (Quelle: DPA)

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Louis Adlon das Hotel zwischen 1905 und 1907 bauen ließ. Korrekt ist aber, dass Lorenz Adlon der Erbauer des Adlons war. Weiterhin wurde Felix Adlon als Ur-Ur-Enkel von Louis Adlon bezeichnet. Felix Adlon war allerdings Ur-Enkel von Louis Adlon. Wir bitten, die beiden Fehler zu entschuldigen.

 

Sendung: rbb24, 15.06.2022, 13:00Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Tja, wer sich mit der Materie beschäftigt hat, dem ist nicht entgangen, dass die Naz -i Schergen imstande waren in Hotels und Lokalen ordentlich zu randalieren, wenn es nicht nach deren Gusto geführt wurde, oder sie sich nicht herzlich willkommen fühlten. So etwas konnte Adlon mit seinem internationalen Publikum und dieser Preiskategorie überhaupt nicht gebrauchen, sollten sich doch die Gäste im teuer bezahlter Unterkunft sicher fühlen. Dies ist eigentlich die Pflicht jedes Hoteliers und Gastwirts.

  2. 18.

    "Etwas anderes ist es jedoch, AKTIV in die NSDAP einzutreten. DAS sieht danach aus, als wenn die Adlons die Politik der Nazis guthießen" Damit wäre ich ohne genauere Informationen vorsichtig. In diktatorischen Regimen läuft das etwas anders als in einem demokratischen Staat. In die NSDAP sind sicher auch viele Leute eingetreten (worden), welche nicht wirklich überzeugt waren - also so ähnlich wie in der DDR bisweilen eine SED-Mitgliedschaft eigentlich fast unumgänglich war, wahrscheinlich war der Druck zum Eintritt aber bei der NSDAP noch höher für manchen, unabhängig von ihrer persönlichen Meinung zum System - und die meisten Menschen sind eher keine Helden für ihre innere Überzeugung, beugen sich also.

  3. 17.

    Krass - das Fachwissen der sich hier verewigenden "experten": Leider lernt man dadurch NULL dazu.

  4. 16.

    Eben, wenn es der politischen Fühiung genehm war, weii man kooperativ war, und der LPG beigetreten ist, , dann durfte man im eigenen Häuschen wohnen bleiben, aber an sonsten.....
    Die Post kam so und so von den Parteitreuen an, und davon gab es reichlich.

  5. 15.

    Wollen Sie ernsthaft behaupten (s. 11:08), dass alle in der DDR die mehr als ein Häuschen hatten, enteignet wurden.Selbst die LPG-Bauern wohnten weiter in ihren Häusern und konnten sie auch vererben .Ich bin der letzte der die DDR in Schutz nimmt, ich habe sie 4 1/2 Jahre in Mielkes Knast erlebt.Da habe ich reichlich Enteìgnete kennengelernt.
    Nicht jeder sass zu Unrecht.
    Zu den PGs Ihrer Meinung nach wäre es besser die Leute hätten keine Post bekommen, weil keiner in die Partei ging.


  6. 14.

    Von Zwangskolektivierung in die LPG, und Enteignungen im großen Stil in der DDR noch nie was gehört?
    Na, ja, ich habe nicht in der DDR gelebt, aber trotzdem ist es mir bekannt, übrigens ähnlich wurde es auch gehandhabt in meiner Heimat CSSR.

    Wer während der Nazi-Zeit in den "Staatsdienst" wollte, der trat in diese Partei ein, aber keiner musste ein "Staatsdiener" sein.

  7. 13.

    Da bin ich nun 89 Jahre alt geworden und lerne noch dazu. Mein Vater wollte 1943 Posthalter werden, dazu musste er in die Partei eintreten. Das war also AKTIV.
    Bei der Bodenreform war die Grenze 100 ha.Bei uns hatte ein Bauernpaar 2 Höfe mit etwas mehr Sie ließen sich scheiden und bewirtschafteten die Höfe bis zur Kollektivierung einzeln.
    Alle anderen behielten nicht nur ihre Häuser, sondern bekamen bis zu 40 ha dazu. Bis auf den Gutsbesitzer wurde niemand enteignet. Wo haben Sie denn gelebt?

  8. 12.

    Die vermeintliche Erb*innengemeinschaft Adlon verbleibt auffallend nebulös hinsichtlich der signifikanten "neuen Erkenntnisse". Sich, sowohl örtlich, organisatorisch als auch personell, als Teil der Nazis dann als deren Opfer darzustellen, um hier Ansprüche durchzusetzen, die komplett illegitim sind, ist schon absurd und kontrafaktisch genug. Dass man sich aber als Enteignungsopfer darstellt, das man nie war, und sich somit auf die gleiche Stufe stellt wie tatsächlich enteignete oder zum Verkauf ihres Besitzes genötigte oder gezwungene Jüd*innen, ist ein Skandal, an Geschichtsvergessenheit, Dreistigkeit und Selbstsucht nicht zu überbieten. Man war unstrittig Teil des NS-Staates, die Enteignung durch die Sowjetunion rechtens und daran lässt sich auch nichts durch selbstgerechte, geschichtsverklärende, fantasiebetonte Forderungen ändern. Der Geist der Hohenzoillern - sprich absurde, rechtlose Forderungen zu stellen, um an vergangene "Größe" wiederanzuknüpfen - scheint ansteckend zu sein.

  9. 11.

    In die NSDAP sind alle AKTIV eingetreten, wie bekannt hatte diese Partei so viele Mitglieder, wie keine zuvor und keine danach.
    Jetzt mal eine Frage in die Runde, wie viele von diesen Mitgliedern sind in der BRD enteignet worden? Bei der DDR erübrigt sich diese Frage, weil alle die mehr als ein Häuschen hatten, eh enteignet worden sind.

  10. 10.

    Das ist in der Tat eine etwas seltsame Argumentation. Hedda und Louis Adlon sind (erst) 1941, also lange nach Kriegsbeginn, in die NSDAP eingetreten - und nicht etwa schon in den frühen dreißiger Jahren, als man von der Menschenvernichtungsideologie der Nazis vlt. noch nichts wusste oder wissen wollte. Man darf also annehmen, dass der Beitritt dazu dienen sollte entsprechendes Publikum ins Haus zu holen, welches sonst den 'Kaiserhof' bevorzugte. Und als dieser 1943 durch Bombenangriffe zerstört wurde, ist man im Adlon wohl nicht gerade in Tränen ausgebrochen, würde ich vermuten.

  11. 9.

    Es ist das Eine, die Nutzung des Hauses durch die Nazis zu dulden, weil sie, die Adlons, dadurch evtl. in Ruhe gelassen wurden. Etwas anderes ist es jedoch, AKTIV in die NSDAP einzutreten. DAS sieht danach aus, als wenn die Adlons die Politik der Nazis guthießen und wahrscheinlich noch davon profitiert haben, sozusagen, den Nazis in den Allerwertesten gekrochen sind.
    Wenn ich Recht sprechen müsste, würde es nach dieser Begründung KEINE Rückübertragung an die Erben der Adlons geben.

  12. 8.

    Tja, da kommt die schnöde Gier wieder zum Vorschein.

  13. 7.

    Erst einmal ist diese Klage super dreist - wie kann man nur so geldgierig sein. Und falls die dann auch nicht Recht bekommem, sollte man von den Klägern nicht nur die Investitionen seitdem nebst ordentlich Zinsen, sondern auch Entschädigung in Form zukünftiger Gewinne sowie Entschädigungszahlungen an die NS-Opfer fordern. Dann dürfte das Adlon zur Begleichung der Schulden Zwangsversteigerung werden. Das Ganze macht doch nur die Anwälte reich.

  14. 6.

    Sollten die Adlon-Erben eine Entschädigung zugesprochen bekommen, dann sollte diese anhand der Grundstückspreise des Jahres der Enteignung errechnet werden und
    N I E M A L S
    dem aktuellen wirtschaftlichen Wert angepasst werden.

  15. 5.

    Unfassbar, nichts dafür getan aber Ansprüche stellen!

  16. 4.

    Super-Konstrukt von RA Peters: Die beiden NSDAP-Mitglieder Adlon seien bereits durch ihre Parteigenossen faktisch enteignet worden, weil die sich einfach nicht davon abbringen liessen, im edlen Hause zu residieren. Daher soll nun die Öffentlichkeit die Erben entschädigen. Da sag nochmal eine*, Jura sei ein phantasieloses Geschäft. - Vllt kann ich ja die BRD verklagen, weil mein Onkel in der HJ war oder so? Weil doch dadurch - ja, weiss auch nicht. Erbitte juristischen Beistand!

  17. 3.

    In diesem Fall liegt die Beweislast bei den Adlon-Erben. Es ist Verwaltungsrecht oder auch Zivilrecht - so genau geht das aus den Schilderungen hier nicht hervor. Bei beiden muss der, der dem anderen einen Fehler vorwirft, dies auch beweisen.

  18. 2.

    Egal wie es ausgeht, hoch interessant. Besonders ist, wer wem was beweisen muss. Die Beweislastumkehr gibt es ja nur bei jüdischem Eigentum, als Teil der Wiedergutmachung. Allein die Ankündigung sorgt schon für Begehrlichkeiten.

  19. 1.

    Interessante Frage! Der Geschichtsabriss der Redaktion hier fasst die Ereignisse in Kurzform gut zusammen.
    Es handelt sich also nicht um eine Enteignung nach dem damaligen Bodenreformgesetzt, sondern einer Enteignung wegen NSDAP Mitgliedschaft und angeblicher Beteiligung am Regime? Das wird in der Tat dann interessant. Weil: Es gibt Beispiele aus dem alten Bundesgebiet, bei denen Enteignete der Alliierten nach der s.g. Entnafizierung zwar als Mitläufer, aber nicht als Entscheidungsperson oder Denunziant / Zuträger eingestuft wurden und damit ihr Eigentum wieder zurück bekamen.
    Im Übrigen ist dies auch ein gutes Beispiel, wie lange Diktaturen und Kriege auch in Friedeszeiten noch nachwirken und Unfrieden stiften können. Also bitte: Nie wieder!

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