rbb exklusiv | Gutachten zu Windkraft in Berlin - Wie der Senat den Bau von Windrädern jahrelang blockierte

Di 14.06.22 | 06:04 Uhr | Von Jan Menzel
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Installation einer Windkraftanlage (Quelle: dpa/Andreas Franke)
Video: rbb24 Abendschau | 14.06.2022 | I. Völlnagel | Bild: dpa/Andreas Franke

Windräder passen nicht zur Metropole - das war über Jahre das Mantra der Berliner Politik. Dem rbb liegt jedoch exklusiv eine Senats-Studie vor, die schon 2005 genau das Gegenteil zeigte. Das Gutachten aber verschwand in der Schublade. Von Jan Menzel

Die Zahlen, Karten und Analysen in dem Senats-Papier sind Wind auf die Mühlen von Frank Vach. Der Ingenieur ist einer der Windrad-Pioniere Berlins. Als andere noch an die Atomkraft glaubten oder von günstigem russischem Gas im Überfluss träumten, hatte Vach mit seinem Projektbüro längst das Potential der erneuerbaren Energien erkannt. Gegen alle Bedenken und Widerstände bauten er und seine Mitstreiter 2008 das erste Berliner Windrad im Norden Pankows. Bis heute hat Vachs Firma "umweltplan" 30 solcher Anlagen in Ostdeutschland an den Start gebracht.

Davon drehen sich aber nur ganze drei auf Berliner Stadtgebiet. "Wir haben auf Senatsebene sehr viele Hürden kennengelernt, die uns sehr enttäuscht haben, weil dort nach meinem Verständnis wenig Wille und Bereitschaft da war, die notwendige Energiewende und den Klimaschutz einzuleiten", sagt Vach. Er zeigt auf eine Broschüre der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2011: "Für große Windkraftanlagen ist in der Stadt kein Platz", heißt es da kurz und knapp.

Studie sieht für Wartenberger Feldmark keine "Tabu-Kriterien"

Verantwortliche Senatorin war damals die Linken-Politikerin Katrin Lompscher, die mit dieser klaren Absage die Linie fortsetzte, die schon Vorgängerin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) als Senatorin für Stadtentwicklung vorgegeben hatte.

Dabei fällt in Junge-Reyers Amtszeit ein Gutachten von 2005, das zur Blaupause für den Ausbau von Windenergie in Berlin hätte werden können. "Expertise zur Nutzung von Windenergie in Berlin" ist die Studie überschrieben, die dem rbb exklusiv vorliegt.

Mögliche Standorte für Windräder in Berlin laut Senats-Studie

Gutachten Potenzielle Windeignungsgebiete Berlin. (Quelle: rbb24 2022/Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2005)
| Bild: rbb24 2022/Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2005

Das beauftragte Planungsbüro analysierte darin neun Gebiete mit einer Größe von insgesamt etwas mehr als 1.000 Hektar. Diese Flächen liegen ausnahmslos am Stadtrand, die meisten direkt an der Landesgrenze zu Brandenburg. Eine sehr klare Empfehlung geben die Gutachter für das untersuchte Areal in Buchholz (Bezirk Pankow) ab. Hier blieben nach Abzug von Teilen eines Landschafts- und Naturschutzgebiets immer noch 15 Hektar übrig, auf denen Windnutzung möglich sei.

Im Bereich der Wartenberger Feldmark (Bezirk Lichtenberg) sind es sogar 47 Hektar, die als Windeignungsgebiet eingestuft werden könnten, weil dem keine "Tabu-Kriterien" entgegenstünden. Zu diesen Tabus zählen nahe Wohnbebauung, Lebensräume geschützter Tier- und Pflanzenarten oder der Luftverkehr.

Windenergienutzung halten Autoren "ohne Weiteres" für denkbar

Als mit Abstand größte Fläche wird in der Studie die Krummendammer Heide unweit des Müggelsees auf ihr Potenzial abgeklopft. Das 323 Hektar große Areal sei zwar bewaldet, allerdings handele es sich um "wenig strukturierten Kiefernforst", der nur eine geringe Vielfalt aufweise. Auch die unmittelbare Landschaftskulisse schließe Windräder nicht aus. Die Windenergienutzung halten die Autoren daher "ohne Weiteres" für denkbar, indem "punktuell und randlich" Flächen zur Verfügung gestellt werden. Die Entscheidung sei aber eine Abwägung, die Verwaltung und Politik vornehmen müssten, betonen sie.

Ähnlich schätzen die Gutachter die Möglichkeiten im Schmöckwitzer Werder ganz im Süden Treptow-Köpenicks ein. "Spielräume auf kleinen Teilflächen" sehen sie noch in Arkenberge (Pankow), während der Forst Kanonenberge zwischen Müggelsee und Dahme ausscheide. Dieses intakte, hochwertige Waldgebiet mit seiner Funktion als Erholungsfläche sei mit Windnutzung "nicht vereinbar". Zum gleichen Urteil kommt die Studie im Fall des Bucher Forsts in Pankow. Auch hier sollten sich nach Auffassung der Autoren keine Windräder drehen.

Ein alter Konflikt rückt in den Fokus

Bei zwei anderen Arealen haben sich seit 2005 wesentliche Kriterien derart geändert, dass eine Neubewertung erforderlich ist. Für den Tegeler Forst (54 Hektar) und die Rieselfelder im Spandauer Ortsteil Gatow (23 Hektar) hatten die Gutachter seinerzeit Windräder wegen der Nähe zum Flughafen kategorisch ausgeschlossen. Mit dem Ende des Flugbetriebs in Tegel fällt dieses Totschlagargument jedoch weg. Die Rieselfelder und der Wald in Tegel kommen damit wieder als mögliche Windeignungsgebiete in Frage.

Damit rückt ein Konflikt in den Fokus, um den sich alle zuständigen Senatorinnen und Senatoren in den vergangenen Jahrzehnten herumgemogelt haben. Selbst die grüne Umwelt- und Klimaschutzsenatorin Bettina Jarasch wollte von Windrädern in der Stadt noch zu Jahresanfang nichts wissen. Unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine, der Energiekrise und weil ihr Bundeswirtschaftsminister und Parteifreund Robert Habeck im Nacken sitzt, kündigte Jarasch vor kurzem die 180-Grad-Drehung an.

Naturschützer kritisieren jüngsten Kurswechsel des Senats

"Ohne Scheuklappen" müssten Standorte für Windenergie geprüft werden, erklärte sie überraschend in einer Senatspressekonferenz und zählte neben Gewerbegebieten, Kraftwerksstandorten und den Randbereichen von Bundesfernstraßen auch Landschaftsschutzgebiete und Forsten auf. Auch wenn die beiden letzteren nicht erste Wahl seien, ließ die Grüne keine Zweifel aufkommen, dass sie Ergebnisse sehen will: "Ich meine das schon ernst!"

Naturschützer wie Rainer Altenkamp reagieren fassungslos auf diesen radikalen Kurswechsel. "Das letzte, was wir im Berliner Wald gebrauchen können, ist eine zusätzliche Belastung durch den Bau von Windenergieanlagen", warnt der Vorsitzende des Naturschutzbunds Nabu. Schon jetzt seien die Berliner Forsten durch Hitze und Trockenheit extrem belastet. Als passionierter Greifvogel-Schützer fürchtet Altenkamp zudem, dass die Rotorblätter für Vögel und Fledermäuse zur Todesfalle werden.

"In Wäldern und Landschaftsschutzgebieten haben Windräder nichts suchen", hat sich der Nabu-Vorsitzende Altenkamp deshalb festgelegt. "Industriegebiete kann ich mir dagegen gut vorstellen, weil diese Bereiche durch Lärm und Versiegelung schon vorbelastet sind." Konkrete Überlegungen in diese Richtung stellt der Chef eines anderen großen Umweltschutz-Verbandes schon etwas länger an. Tilman Heuser vom BUND Berlin hat sogar ein paar konkrete Vorschläge für neue Windkraft-Standorte in der Stadt.

BUND: Bis zu 40 Windräder müssten in Berlin gebaut werden

Den CleanTech Park in Marzahn, das Areal am Kraftwerk Ruhleben, den Wissenschaftspark Adlershof und das Industriegebiet am Autobahndreieck Neukölln sieht Heuser als potentielle Flächen für Windenergie. Er fordert, dass sich Experten, Verwaltungen, Unternehmen, Wirtschafts- und Umweltverbände nun sehr zügig an einen Tisch setzen, damit zielorientiert Entscheidungen für konkrete Standorte getroffen werden können. Eine gewisse Beweglichkeit lässt dabei Heuser erkennen: Auch wenn Industrie- und Gewerbeflächen für den BUND die erste Wahl bleiben, schließt er grüne Freiflächen nicht von vornherein aus.

Berlin kann sehr wahrscheinlich auch auf einen Bonus des Bundes hoffen. Während die großen Flächenländer zwei Prozent ihrer Fläche für die Windenergie bereitstellen sollen, müssen die Stadtstaaten wohl "nur" 0,5 Prozent ihre Fläche für Windkraft zu reservieren. Das wäre auf Berlin bezogen in etwa das Areal des Flughafens Tegel. Die 0,5 Prozent entsprechen auch fast genau den 414 Hektar potentiellen Windeignungsflächen, auf die die Senats-Gutachter schon 2005 gekommen waren, damals noch ohne die Gebiete in Gatow und im Tegeler Forst.

Angesichts der Vorgaben für die Erneuerbaren in Ballungsräumen warnt BUND-Chef Heuser vor übertriebenen Sorgen und Horrorszenarien. Je nach Größe müssten zwischen 20 und 40 Windräder in ganz Berlin gebaut werden. "Das ist doch eine sehr überschaubare Zahl", findet er.

Windrad-Pionier Frank Vach sieht das ähnlich. Ihn treibt aber die Sorge um, dass Berlin wie schon 2005, als die Studie fertig war, eine Chance vertut. "Ich hoffe, dass man jetzt nicht wieder einfach nur wegguckt und sagt: 'Es wird sich alles beruhigen und wir können es im Land Berlin lassen, wie es ist."

Sendung: rbb24 Inforadio, 14.06.2022, 10 Uhr

Beitrag von Jan Menzel

60 Kommentare

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  1. 60.

    Berlin hat 9 Bezirke, die an das Flächenland Brandenburg grenzen.
    Berlin hat ungefähr 6 große Windkraftanlagen.
    Wo stehen die? In Pankow und in der "Exklave" Klärwerk Schönerlinde nördlich von Pankow.
    Ich bin stolz, Pankower zu sein!
    Warum stehen in den übrigen Bezirken noch keine großen Windkraftanlagen? Hat man in den Bezirksämtern geglaubt, was der Senat postulierte?
    Der hatte ja auch so oft eine Eröffnung des BER angekündigt. Und er meint, dass die Öffentlichkeitsbeteiligung für die Planfeststellung der Heidekrautbahn noch im im Juni 2022 stattfinden werde. Wer's glaubt, mag weiter träumen!
    Wenn man sich den Flächennutzungsplan von Berlin ansieht, sieht man allenthalben größere und kleinere Gewerbegebiete: Häfen, Logisikflächen, Bahnflächen, Klärwerke, Wasserwerke...
    Viele Bahnflächen liegen brach, wie ein Blick aus der S-Bahn zeigt.
    Bevor man die Berliner Forsten in den Blick nimmt, sollte man das Potential der Gewerbeflächen ausschöpfen.

  2. 59.

    Das stimmt nicht. Luftströmungen sind eine der effektivsten indirekten Energiequellen der Sonne, die wir auf dem Planeten quasi als Beigabe haben, um nachhaltig Elektroenergie zu erzeugen.
    Aber sie haben Recht, die Erzeugung muss ganzheitlich gedacht werden, dass gilt übrigens für die gesamte Postklimawandelphase.
    Es klappt nur, wenn wir mithilfe der neuen Inovationen die gebaute "Mauer" nicht wieder mit dem "Arsch" einreißen. Hier sind zukünftig wirklich intelligente, und die Betonung liegt auf Intelligenz, ganzheitlich gedachte Konzepte gefragt!!

  3. 58.

    Nun, als Sinnbild der gemachten Politik, die sich vor sich her treiben läßt, sich nach dem Wind dreht, auch im Kreis, wäre es ein guter Virschlag, ein Windrad vor dem Reichstag zu bauen.

  4. 57.

    Es ist frappierend wie viele der Kommentatoren hier sich nicht die Mühe gemacht haben auf das Bild im Artikel zu schauen bevor sie Windräder im Wohnzimmer der verwöhnten Städter fordern. Da werden die selben Kommentare wie unter jedem Artikel mit "Windrad" im Text reingefeuert ohne nachzudenken.

  5. 56.

    Vorm Reichstag das finde ich eine absolut schlüssige Idee ! Schon als Anschauung und Vorbild für die Stadtkinder. Vielleicht auch ne Kuh die nicht lila ist.

  6. 55.

    Sie können ja auch eigenhändig eine goldene Krone aufsetzen, wenn ich Sie da richtig verstehe.

    ;-

  7. 54.

    Das Tempelhofer Feld ist schon versiegelt und schön groß. Oder wie wäre es mit dem alten Flughafen Tegel. Da brauchen auch keine Bäume gefällt werden.

  8. 53.

    Also Frau Jarasch hat mich soeben in der rbb Abendschau voll genordet.
    Ihre ausgestrahlte Fröhlichkeit und Unwissenheitsbekundung der 2005er Senats-Studie, mehr Ehrlichkeit (einer Zugezogenen)kann man nicht erwarten und läßt jeden/alle Berliner hoffen.
    Daumen hoch für Frau Jarasch und ihre Politik (und Objektivität).

  9. 52.

    Sondersteuer auf all die egoistischen Eigenheimbenutzer auf Grund und Energie.
    Bezüglich Grund weil = verweigern von Bereitstellung für Windradfundamente.
    Bezüglich Energie weil = auf der selben Grundfläche könne was Mehrgeschossiges effizienter versorgt werden.
    So, basta!!!

  10. 51.

    Ganz der selben Meinung vorm Reichstag und Roten Rathaus ist genügend Platz.

  11. 50.

    Seid Vorbild und stellt so ein hässliches Teil vor den Reichstag!!!

    Bei mir stehen hunderte Windräder vor der Tür….
    Von der schönen Landschaft ist hier
    nichts mehr übrig!!!

  12. 49.

    Windkraft ist die schlechteste Art der Stromerzeugung. Schlecht für Mensch und Tierwelt. Und in die Stadt gehört es schon gar nicht.

  13. 48.

    1MW installierte Windradleistung produziert zwischen 1GWh und 2GWh pro Jahr, je nach Standort. 40 WKAs wie vom BUND gefordert würden also eine kleine dreistellige Zahl GWh produzieren. Der typische Haushalt verbraucht ein paar tausend kWh pro Jahr, man hätte also genug Strom für eine kleine bis mittlere fünfstellige Zahl Haushalte.

  14. 47.

    Wie viel Strom könnten diese potenziellen Windräder denn erzeugen? Und wie hoch wäre der Anteil am Berliner Strombedarf?

  15. 46.

    Reden wir nächstes Jahr mal davon warum es nicht funktioniert. Meist klappt es ja nicht mit den Ankündigungen in Berlin, siehe Digitalisierung der Verwaltung oder der Verringerung der Wartezeiten der bürgerbüros. Nur 2 Beispiele von vielen.

  16. 45.

    Genau! Jeder muss das beisteuern, was am besten passt. In Stadtstaaten sollte der Fokus darauf liegen, dass jedes der unzähligen Dächer vollständig mit Solar ausgerüstet wird. Windräder sind vereinzelt etwas für Industriegebiete, ansonsten für Flächenländer.

  17. 44.

    Knallt das Tempelhofer Feld voll mit diesen hässlichen Windrädern, dann hat diese riesige Fläche wenigstens einen Sinn.

  18. 43.

    Exakt so habe ich das im Kommentar 2 gemeint und auch klar und verständlich ausgedrückt. Das Leute wie ein Neumann das wieder vorsätzlich ins Gegenteil umdrehen hängt mit deren Persönlichkeit zusammen. Bei Tesla führt er uns jedesmal das Herrschaftsdenken vor, dass durch die Politik und die breite Masse gegenüber Brandenburg praktiziert wird. Wir sind die Provinz und wir haben Frondienste zu leisten (vergleichbar mit dem Mittelalter). Als Partner und Verbündeter wird Brandenburg nicht gesehen. Es sind immer noch die Auswirkungen der Ost-West-Problematik. das braucht mindestens zwei Generationen, bis das aus den Köpfen raus ist.

  19. 42.

    "Windräder passen nicht zur Metropole"

    Die potentiellen Standorte sind jetzt aber mehr brandenburger Provinz denn Metropole.

    Die Frage für mich ist, wurden im Zuge der Studie alle potentiellen Standorte in betracht gezogen. Wenn ja, kann man sich die Diskussion um Industrie-/Gewerbegebiete, Autobahndreiecke und "Alterativstandorte" schenken. Kostet nur kostbare Zeit.

  20. 41.

    Gropiusstadt wäre gut, dann haben wir auch noch eigenen Strom
    neben der Fernheizung

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