Elektronikmesse in der Krise - Immer mehr Aussteller wenden sich von der IFA ab

Sa 06.08.22 | 08:08 Uhr | Von Johannes Frewel
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Symbolbild: Die sechs Meter hohe Skulptur «Wertgigant» aus Elektronikschrott vor der Messe Berlin. (Quelle: dpa/C. Dernbach)
Audio: rbb24 Inforadio | 04.08.2022 | Johannes Frewel | Bild: dpa/C. Dernbach

Lange galt die IFA als großer Publikumsmagnet in Berlin. Seit der Corona-Pandemie ist die Situation anders. Erst ließ das Interesse bei Besuchern nach, nun verabschieden sich auch große Hersteller. Die Messe steckt in der Krise. Von Johannes Frewel

Etwa eine Viertel Million Besucher strömten vor der Corona-Pandemie jedes Jahr auf das Berliner Messegelände zur Elektronikmesse IFA. Als hybride digitale Messevariante zog sie im Pandemie-Jahr 2020 nicht einmal mehr 80.0000 Onlinebesucher an. Im Jahr darauf fiel die Weltleitmesse für Consumer- und Home Electronics schließlich ganz aus. Aussteller hatten wegen all der Unwägbarkeiten die Notbremse gezogen und abgesagt.

Auch wenn viele Beschränkungen inzwischen aufgehoben und Messen wieder möglich sind: Die Talfahrt der IFA hält auch in diesem Jahr an.

"Das Interesse ist nicht mehr so riesengroß", resümiert Ulrike Kuhlmann, Technik-Expertin beim Magazin für Computertechnik c't eine Vorabbesichtigung für Medienvertreter. Die Presse sei schon unterdurchschnittlich vertreten gewesen, beobachtete sie. Das liege eben möglicherweise auch daran, dass die Aussteller auf der IFA auch unterdurchschnittlich vertreten sein werden.

"Sony wird nur für seine Händler da sein, Philips gar nicht, Panasonic zieht in eine kleinere Halle um", zählt Kuhlmann auf, "also das sind schon Anzeichen, bei denen man denkt, oh oh, das hört sich alles nicht so gut an, wenn man die IFA als Publikumsmesse begreift".

Aussteller setzen auf eigene Hausmessen

Auch Microsoft bestätigt, dass der Branchenführer nicht nach Berlin kommt. Ebenso der deutsche Marktführer, Ex-IFA-Publikumsmagnet Telekom. "Wir konzentrieren uns in diesem Jahr ganz auf die DIGITAL X im Herzen von Köln", sagte Telekom-Sprecher Dirk Wende dem rbb. Von zwei Millionen Quadratmeter Eventfläche und zehn Bühnen erwartet die Telekom dort für sich mehr als vom einstigen IFA-Auftritt in Berlin.

Die IFA, die aus der Internationalen Funkausstellung hervorgegangen war, ist deutlich in eine tiefe Krise geschlittert. Wenn sich vom 2. bis 6. September in Berlin die Bühne für Technikneuheiten wieder öffnet, wird nur noch wenig an die letzte große IFA 2019 erinnern. Nach Angaben der Messegesellschaft bleibt ein Drittel der ehemaligen Top-Aussteller aus.

Hausgeräte Top, Unterhaltungselektronik Flop

In der Hausgerätesparte laufen die Geschäfte derweil auch wegen des Baubooms gut. Bosch, Haier, Miele oder Siemens sind mit großen Erwartungen in Berlin wieder vor Ort. Im ersten Quartal 2022 zog der Umsatz mit Elektro-Hausgeräten um knapp zehn Prozent auf 4,4 Milliarden Euro an, geht aus dem Branchenindex Hemix hervor. Bei Elektro-Großgeräten lag das Plus sogar bei 18,3 Prozent mit einem Umsatz von 2,7 Milliarden Euro.

Der klassische PC-Markt samt Zubehör ist nach dem Home-Office-Boom jedoch inzwischen stark auf Talfahrt. Um 15 Prozent schrumpfte der globale Markt für Notebooks und PC im zweiten Quartal. Der Festplattenhersteller Seagate kündigte vor allem bei Consumer-Festplatten Produktionskürzungen an, um Überkapazitäten vom Markt zu nehmen. Teils ist der Markt inzwischen gesättigt, teils fehlen Notebookherstellern aber auch Teile, um mehr auszuliefern.

Inflation bremst Interesse an Bespaßung aus

Auch der Unterhaltungselektronikmarkt, der vor allem im ersten Pandemie-Jahr zunächst stark boomte, verliert seither an Dynamik. "Wir sehen, dass sich das Wachstum stetig verringert hat", verweist Bitkom-Präsident Achim Berg auf Umsatzzahlen, "mit minus 4,3 und minus 2,6 Prozent nach dem Hoch 2020". Verbraucher reagieren wegen hoher Inflation, explodierender Energiepreise und nahezu stagnierender Löhne verunsichert. Ihre Konsumstimmung ist auf ein Tief gefallen, stärker als in der Finanzkrise.

Insgesamt wird die Elektronikbranche weiterhin von Lieferproblemen, Chipmangel und pandemiebedingten Logistikproblemen geprägt. Zahlreiche Unternehmen haben es bis heute nicht geschafft, ihre zu Jahresbeginn angekündigten Produkte am Markt verfügbar zu machen. Da ergibt es wenig Sinn, Konsumenten auf einem Messestand in Berlin Appetit auf neue Ware zu machen, die dann vor Weihnachten kaum oder nicht verfügbar sein wird.

IFA-Veranstalter suchen neues Messekonzept

Der IFA-Veranstalter, der Branchenverband gfu Consumer & Home Electronics, sucht hinter verschlossenen Türen schon länger nach einem neuen tragfähigen Konzept für die Messe. Manche sehen die IFA mit Blick auf aktuelle Entwicklungen möglicherweise auf dem Weg zu einer Fachmesse ohne Publikum. "Wenn aber eine Messe nur noch den Händlerbereich hat, dann ist sie halt für das Publikum überhaupt nicht mehr interessant", warnt Ulrike Kuhlmann, "das sollte die IFA tunlichst vermeiden, wenn sie denn weiter eine große Leitmesse bleiben will - aber das ist ja die Frage".

Kuhlmann hat in ihrem Büro in Hannover das warnende Beispiel vor Augen. 2001 brach die ehemalige IT-Weltleitmesse CeBIT mit mehr als 8.000 Ausstellern aus 60 Ländern und 830.000 Besuchern noch alle Rekorde als weltweit größte Messe. 2018 kam bei nur noch 120.000 Besuchern das Aus. Die Ausrichter hatten sich nie auf ein klares Messekonzept einigen können und so Fachbesucher wie Publikum letztlich verprellt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 04.08.2022, 12:50 Uhr

Beitrag von Johannes Frewel

27 Kommentare

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  1. 27.

    Wird das rotgrüne Berlin immer mehr out? IFA, IAA... Verkehrspolitik... der Senat zahlt oder zahlte Summen um Veranstaltungen nach Berlin zu holen, doch irgendwie scheint mir in Berlin die Stimmung vergiftet gegen solche Art von "Fremden". Wenn man Pech hat.. irgendwer demonstriert schon gegen einen oder die Geschäftspartner oder die unzähligen Demonstration(EN) gegen alles und jedes, für etwas anderes, macht die Stadt unerträglich. Wenn man hier investieren will, ist das ein Nervenspiel und kostspieliges Risiko... eine Bürgerinitiative mit Pech auch noch radikal, findet sich bestimmt gegen alles.
    Berlin ist irgendwie "Industriefeindlich" geworden. Läßt es sich aber von deren Abgaben ganz gut gehen.

  2. 26.

    Wäre ja nicht der erste Wirtschaftsbetrieb,dem die Coronamaßnahmen den Todesstoß versetzen. Nur ganz Naive glauben,man kann jeden Betrieb mal wieder an- und ausschalten.

    Kommen nicht alle großen Aussteller,kommt auch weniger Publikum. Kommt weniger Publikum,kommen weniger Aussteller. Ein Teufelskreis.
    Der Veranstalter sollte daher versuchen dieses Jahr möglichst viele Besucher anzulocken,um das Ruder herumzureißen.

    Eine Onlinemesse kann man doch nicht mit einer realen Veranstaltung vergleichen. Ich weiß nicht mal,wie das ablaufen soll.

  3. 24.

    Von 1991 bis 2005 haben sich die Besucherzahlen der IFA mehr als halbiert und stagnieren seither auf einem etwa gleichbleibenden Niveau. Das Potenzial dürfte also weitestgehend ausgereizt und auch aufgrund der geballten Krisen kaum zu alten Glanzzeiten zurückzuführen sein.

  4. 23.

    Meinen Sie nicht, dass man sich eher aufgrund der sinnbefreite Corona-Maßnahmen und unzuverlässigen Vorgaben von Berlin und Deutschland einfach zuverlässigere Standorte sucht?

  5. 22.

    Welche Innovationen suchen Sie?
    Richtig - wir wollen uns vernetzen. Also, wie kann IFA mit TESLA, SIEMENS-Energie, DeutscheBahnen oder lecker Kochen und Smart-Home ein Konzept werden. Was interessiert die Leute = die Kunden ???

  6. 21.

    Ja, andere Städte freuen sich - wenn es in dieser größten Stadt alles nur verkommt und keiner aus dem gewählten Senat mal Konzepte erstellt, um Visionen zu erbringen. Messe - Handel - Kontakte brauchen Begeisterung
    Wo ist der Entwicklung-Plan?
    Wo sind saubere ÖPNV?
    Wo bleiben die Touristen, wenn alles nur verloddert
    Berlin war schön, bevor die Sauf-Touristen kamen und Orgien feierten!!!


  7. 20.

    Es ist Messe und keiner geht hin? Das ist seit 25Jahren stetiger Trend. Wenn Berlin dort nichts macht, warum ist das Erstaunen so heftig? Nix kommt von alleine? Denn meistens stehen die Messehallen leer. Wie wäre es den alten LUNAPARK als Veranstaltungsmagnet ganzjährig zu reaktivieren? Permanenter Veranstaltungsort wo gelegentliche Messen sind - das kann kaum ein Internet leisten. Denn, wie Innenstädte Kaufkraft verlieren, verlieren ebenso Messen, wenn kein Konzept steht!!!

  8. 19.

    "Schicken Sie die Staubsaugervertreter o.ä. weg..."
    Na bloß nicht. Das gute Stück mal vorführen lassen. Zack - Flur saugen gespart.

  9. 18.

    Alle elektrische Geräte funktionieren einwandfrei, und manche schon seit Jahren. Also warum soll ich mir Neue anschaffen wo ich noch nicht mal sicher sein kann das im Winter auch Strom aus der Steckdose kommt?
    Eine alternative wäre vielleicht noch ein Gucki Klick Fernseher! ;-)

  10. 17.

    Bei nur zwei- bis viermal Kochen Im Monat kommt m. E. Freude nicht unbedingt auf. Dafür wird es dann zur Fließbandarbeit. Ein Kochen, Backen und Braten mit einer anschaulichen Vorstellung und auch Vorfreude, wann das dann auf den Tisch kommt, wer sich darauf freut, ist da schon angenehmer.

    Das entrinnt damit dem rein technischen Aspekt der Rationalität. Selbstzubereitetes Essen kann niemals den abgeforderten klassischen Rationalitätskriterien entsprechen.

    Keine Zeit ist verloren, vielmehr ist sie gewonnen: an entstehenden Gerüchen, am Probieren, ob etwas fehlt und noch ggf. ergänzt werden muss, als persönliche Freude am Gelingen ...

    Wie fade ist da vorab Abgeschmecktes und Abgeschmacktes, was bloß aufgewärmt werden braucht und sei es auch programmgemäß ausgetüftelt?

  11. 16.

    "Oh, jemand der noch "altmodisch" gekochtes Essen kennt? Etwa Eintöpfe, Gulasch, Rouladen usw.? Willkommen im Club!"
    Klappt super, schon seit Jahren. Nur noch 2-4 mal im Monat Kochen. Zeit und Energie bestens ausgeschöpft.
    Alles dann einfrieren und schnell wieder zubereitet.
    Einige Gerichte natürlich ausgenommen, die schmecken nur frisch gebraten, gebacken usw.



  12. 15.
    Antwort auf [TRAMSR] vom 06.08.2022 um 14:22

    "Man kann gutes Essen auch gleich ausreichend für 2 Tage bereiten. Schmeckt am 2. Tag oft noch besser."
    Oh, jemand der noch "altmodisch" gekochtes Essen kennt?
    Etwa Eintöpfe, Gulasch, Rouladen usw.?
    Willkommen im Club!

  13. 14.

    Ich denke, bei verunglückter Zubereitung, kann der Thermomix auch selbst den Lieferdienst bestellen.
    Dann kann er/sie/es/etwas tun, als wenn selbst zubereitet.

  14. 13.

    Neue innovative Lösungen und Angebote müssen her.
    ... wie wäre denn ein Thermomix mit App-Steuerung und Aufwärm- Überwachungsfunktion. Also morgens die "Cerealien" in die Tonne kloppen, auf dem Weg nachhause die Rödelbox anschmeissen ... und wenn die Bahn Verspätung hat oder wieder was so rumklebt, rumstaut eben die "Machs-nochmal-Warm-Funktion" der App benutzen. Ob alles geklappt hat kann man sich dann auf dem Smartphone ansehen und notfalls halt doch zur Imbissbude latschen.

  15. 12.

    Schicken Sie die Staubsaugervertreter o.ä. weg und konzentrieren Sie sich auf Radio, TV, Internet und Satellitentechnik und Sie werden sehen, es läuft wieder.

  16. 11.

    Die meisten haben mehr als genug rumzustehen, der Rest möchte nicht anblicken, was man sich nie wird leisten können.

  17. 10.

    Tja, die Zeiten stehen schlecht für das glanzvolle Abfeieren unbegrenzten Konsums. Und das Gros der Leute scheint auch immer weniger beeindruckt von immer größer und flacher werdenden TV Geräten oder immer intelligenter werdenden Wasserkochern zu sein.

  18. 9.

    Vielleicht setzt jetzt mal langsam der Verstand ein und man meidet Massenansammlungen und veranstaltet sparsamere Eigenveranstaltungen. Waren doch sowieso meist zum bespaßen der Massen da, verkaufen kann man auch von zuhause Us. Zum amüsieren kann man ja jetzt nach Birkenwerder fahren ;-)

  19. 8.

    Es werden sich Hannover, Hamburg, Frankfurt etc freuen.
    Mein letzter Besuch war 1979 und Nachts auf die Piste.
    Morgens um 6 stand ich in Dreilinden.
    Innovation gibt's eh nicht und es wird in der Krise nichts gekauft. Sparen ist Woke und mein Laptop mit freiem OS läuft wie am ersten Tag.
    Da muss sich die Branche neu erfinden oder die Möglichkeit kann weg

  20. 7.

    Sie sprechen mir aus der Seele. Früher hat man Stunden damit verbracht sich Life Shows etc. anzusehen. Sommergarten, Halle 5 und so weiter….Das ist es was interessant war. Das fehlt. Wer nur Gerätschaften sehen möchte kann jederzeit in ein Elektronik Geschäft gehen, Da zahlt man dann auch keinen Eintritt.

  21. 6.

    Viele Länder haben ihre Corona-Beschränkungen inzwischen komplett aufgehoben. Das wissen die Veranstalter von Großereignissen auch, warum sollen sie eine Messe in Berlin veranstalten, wenn sie in Barcelona oder Lyon genau wissen, woran sie sind?
    Berlin hat in vielen Sachen - Fertig!

  22. 5.

    Die Messer Berlin soll einfach abgerissen werden zugunsten von Wohnraum. Berlin soll endlich 6 Mio Einwohner haben

  23. 4.

    ....kann mich nur anschließen. Damals waren Live-Shows und neueste Technik ein Grund für ein Messebesuch. Alle 2 Jahre!
    Was mich schon immer gestört hat, war: Das man das ausgewählte Gerät nicht sofort kaufen und mitnehmen konnte.

    Evtl. ist eine VR-Messe die Lösung bei der jeder Besucher eine VR-Brille bekommt und einen virtuellen Rungang erleben kann.
    Die Aussteller sollten den Endkunden ernster nehmen. Denn der gibt im Endeffekt das Geld.

  24. 3.

    Das ist das Resultat der vielen Absagen durch Herrn Müller ehem. Bürgermeister.
    Ist doch klar das man sich andere Standorte sucht.
    Und wenn jetzt Herr Lauterbach mit sein Coronaplan durchkommt dann ist alles vorbei.
    Berlin kommt nicht auf die Beine. Zu viele Politiker die sich einfach nicht entscheiden können.
    Da ist Brandenburg weiter.

  25. 2.

    Auch das allerraffinierteste Computerprogramm kann nicht besser als das menschliche Auge erkennen, wann das Wasser kocht.

    Gegebenenfalls kommt es zu einer Bodenständigkeit, zu unterscheiden, in welchen Bereichen technische Gerätschaften sehr sinnvoll und wo sie schlichtweg unsinnig sind.

  26. 1.

    Die IFA ist schon lange nicht mehr interessant. Man muss sich doch fragen: Warum soll man eine Messe besuchen? Da gibt es meiner Meinung nach nur einen einzigen Grund: Um etwas zu erleben, was man sonst nirgendwo bekommt. Heute kriege ich über jedes neue Gerät jede beliebige Information im Internet. Und zwar von Leuten, die sich im Zweifelsfall besser damit auskennen als die Mitarbeiter auf einem Messestand. Früher war die IFA alle zwei Jahre ein großes Medien-Ereignis. Alle Sender hatten dort Bühnen, haben täglich live von dort gesendet und ihre Stars aufgeboten. Nur die ARD ist diesem Konzept treu geblieben, auch wenn es schon lange keine Tagesschau zum selber lesen mehr gibt. Das waren jedenfalls in meiner Jugend die Highlights, und das ist alles vorbei. Also kein Grund mehr für einen Messebesuch. Die Welt verändert sich, und dabei bleibt eben manches auf der Strecke.

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