Genossenschaft als Überlebenschance - Wie Brandenburger Kleinbauern gegen Agrarkonzerne bestehen können

Mi 21.09.22 | 11:58 Uhr | Von Wolf Siebert
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Bio-Bauer Frank van der Hulst vom Bauernhof Weggun im September 2022. (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
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Audio: rbb24 Inforadio | Mi 21.09.22 | Siebert, W. | Bild: rbb/Wolf Siebert

Die Preise für Ackerböden in Brandenburg sind in den letzten Jahren enorm gestiegen, denn Investoren haben sie als renditeträchtige Anlageform entdeckt. Öko-Bauern haben es angesichts der Preise besonders schwer, doch es gibt Alternativen. Von Wolf Siebert

Zwei Stunden dauert die Fahrt von Berlin aus, die letzten hundert Meter führen über einen Sandweg: In Weggun, im Nordwesten der Uckermark, liegt der Bio-Bauernhof von Frank van der Hulst. Seine Border-Collie-Hündin springt bellend herum, ansonsten ist es ganz still auf dem kleinen Hof, den der 55-jährige Niederländer mit seiner Frau betreibt.

Van der Hulst zeigt den offenen Schafstall, eine Wiese mit jungen Apfelbäumen und lange Reihen von Stachel-, Brom- und Johannisbeersträuchern. Der Landwirt baut Beerenobst an, hält Schafe und Hühner und betreibt auch ein bisschen Ackerbau. "So ist ein Betrieb entstanden, der auch in Krisen stabil ist." Der Bauernhof liefert nach Berlin, in Bio-Läden, auf Märkte und in die Gastronomie.

Der Groß-Investor sitzt nebenan

Direkt neben dem Bio-Bauernhof Weggun ist eine andere Art von Landwirtschaft zu sehen: Mais-Monokulturen für eine Biogas-Anlage auf mehreren Tausend Hektar. Der Investor sitzt weit im Westen der Republik.

Es ist eine übermächtige Nachbarschaft für van der Hulst und seine Frau, die gerade einmal 38 Hektar bewirtschaften. Nur 13 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Brandenburg werden von Öko-Bauern bewirtschaftet. Wenn ein so kleiner Hof Land dazukaufen möchte, dann scheitere er oft an der Höchstpreispolitik der BVVG, der Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft, beklagt der Landwirt. Die BVVG verkauft im Auftrag des Bundes Ackerflächen in Ostdeutschland: "Da wird immer nur an den höchsten Bieter verkauft", sagt van der Hulst. Wenn der mehr bezahlen könne, weil die Vergütung für Biogas und Elektrizität so hoch war, dann stehe man immer vor verschlossenen Türen.

Bio-Bauer Frank van der Hulst vom Bauernhof Weggun im September 2022. (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
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Ackerboden als Investitionsobjekt

Als die Zinsen niedrig waren, suchten sich große Investoren bundesweit neue Geschäftsfelder, die Rendite versprachen. Biogasanlagen und Solarparks wurden vom Staat sehr gut gefördert. In Brandenburg gehört nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums inzwischen schon gut die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen Nicht-Landwirten [mluk.brandenburg.de/PDF]. Darunter sind Bankiers, Immobilienunternehmen, auch Familienstiftungen großer Konzerne.

Das Interesse an Ackerflächen trieb auch die Preise in die Höhe: Von 2007 bis 2019 sind die Kaufpreise in Brandenburg um fast das Vierfache gestiegen, die Pachtpreise im gleichen Zeitraum um etwa das Zweifache. Gerade für kleine bäuerliche Betriebe kann das zu existentiellen Problemen führen.

Genossenschaftsmodell als Lösung für kleinere Betriebe

Als einmal die Obsternte ausfiel, geriet der kleine Bauernhof in der Krise. Van der Hulsts mussten ein Stück Land verkaufen und stießen auf die Bioboden-Genossenschaft: Die kauft bundesweit Agrarflächen, um sie dauerhaft für den Ökolandbau zu sichern und damit der Spekulation mit Agrarflächen zu entziehen. Rund 5.000 Geldgeber haben Anteile der Bioboden-Genossenschaft gezeichnet, weil sie diese Idee unterstützen wollen.

Auch dem Ehepaar van der Hulst gefiel das Modell. Sie verkauften ein Stück Land an die Genossenschaft und pachteten es von ihr zurück. Der Vorteil: Anders als auf dem freien Markt ist die Pacht bezahlbar kalkuliert, und die Verträge laufen über 30 Jahre: "Als Bio-Bauern planen wir ja nicht nur für ein paar Jahre, wir denken auch an soziale und ökologische Stabilität. Und da geht es dann um generationsübergreifende Zeiträume. Und dazu brauchen wir stabile Pachtverhältnisse."

Van der Hulst fing auf seinem Hof 2009 buchstäblich bei Null an. Denn aktive Landwirtschaft wurde hier kaum noch betrieben. Als erstes teilten sie die großen Flächen in kleine Parzellen auf, legten Naturhecken an. Die schützen den Boden nicht nur vor Erosion. Inzwischen sind sie auch Rückzugsort für Tiere. Die jungen Apfelbäume auf der Hühnerwiese sind für Insekten attraktiv, und den Hühnern spenden sie Schatten. "Bio-Landwirtschaft braucht Zeit", sagt Frank van der Hulst. Mithilfe der Bioboden-Genossenschaft konnte er seinen Hof inzwischen sogar vergrößern.

Reichen die politischen Reformen aus?

Auch in der Politik hat man erkannt, dass man bei den Subventionen die falschen Anreize gesetzt, und damit regionale landwirtschaftliche Kleinbetriebe unter Druck gesetzt hat. Die Ampel-Koalition überarbeitet zudem das Gesetz, das die Vergabe landwirtschaftlicher Flächen durch die BVVG regelt. Bis zur Einigung über diese politische Reform verkauft die BVVG keine weiteren landwirtschaftlichen Flächen, Ausnahmen sind nur in begrenztem Umfang möglich. Und die brandenburgische Landesregierung arbeitet an einem Agrarstrukturgesetz. Politisch soll erreicht werden, dass die Kauf- und Pachtpreise von Ackerland auch für kleinere bäuerliche Betriebe erschwinglich werden. Brandenburg zahlt zudem Jung-Landwirten eine Prämie, um den Start des Betriebs zu fördern.

Ob die politischen Reformversuche am Ende dazu führen, dass auch kleine Agrarbetriebe wieder besser wirtschaften können, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Frank van der Hulst wünscht sich, dass die Agrarflächen in Brandenburg, die noch verkäuflich sind, in eine Landesstiftung eingebracht werden, ähnlich wie bei der Bioboden-Genossenschaft. So würde sich eine langfristige Perspektive ergeben. Die Familie van der Hulst hat sechs Kinder, der Jüngste ist 13. Sein Vater hofft, dass er eines Tages den Betrieb übernimmt. Das Interesse sei da, sagt Frank van der Hulst.

  • Reaktion von Landwirtschaftsminister Vogel

Sendung: rbb|24 Inforadio, 21.09.2022, 8:40 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert

19 Kommentare

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  1. 19.

    Nun lassen Sie doch mal die Kirche im Dorf, "Non" und "Ran"... :-)
    Kein Mensch hat hier je behauptet, man müsse sich entscheiden zwischen vorbildlichen Bioäpfeln aus Neuseeland und deutschen "Chemieäpfeln". Diesen "Widerspruch" haben Sie erst hineingedichtet.
    In dem Ursprungskommentar (nicht von mir) ging es einfach um Äpfel ohne weitere Differenzierung, bei denen man ja nun in der Tat oft die Etiketten studieren muss, wenn man nicht aus Versehen Äpfel aus Südafrika nehmen will, wo doch deutsche Ware gleich daneben liegt.
    Aber schön, dass Sie Bio kaufen, mache ich ja auch. :-)

  2. 18.

    Ist es nicht. Bio ist was anderes als regional. Mir geht es auch mehr um die Qualität der Ware als um den Klimaschutz. Ich will so wenig wie möglich Chemie essen. Daher Bio.

  3. 17.

    Na dann, ein hoch auf die Mangelwirtschaft unter Staatsaufsicht.

  4. 16.

    Ja, Grundnahrungsmittel gab es iin der DDR ausreichend, aber welche Lebensmittel es genau waren, beispielsweise bei Obst, Gemüse und Fleisch dass steht auf enem anderen Blatt. Zugegeben iim Sommer und Herbst gab es eine etwas größere Auswahl, aber das ist nur ein halbes Jahr, den rest des Jahres.........
    Na ja, das Gedächtnis ist kurz, und die Nostalgie unter Umständen grenzenlos, insbesondere die verklärte rückwirkende.

  5. 15.

    Bio bedeutet auch regional und umweltbewusst einkaufen, alles andere ist geheuchelt. Z.B. Bio-Erdbeeren im Winter aus Südafrika zu kaufen ist rücksichtslos und dumm.

  6. 14.

    Ich kaufe nach Qualität und Optik. Wenn der neuseeländische Bioapfel besser mundet als der vom Bauern um die Ecke, dann nehme ich den aus Neuseeland. Bio geht bei mir auf jeden Fall vor. Region ist mir egal. Es geht mir um das was ich esse,

  7. 13.

    "...und nicht aus Südafrika oder Südamerika oder Neuseeland zu kaufen, ist schon ziemlich kaputt."
    Bravo!! Kenne ich, ich stehe auch immer davor und lese erstmal die Etiketten... Kann man nicht begreifen!

  8. 12.

    "Gehörte das Land in der DDR den Bauern?"
    Ja zum großen Teil, sie konnten aber nicht frei darüber verfügen, sondern nur in der Zwangsgenossenschaft, die staatliche Vorgaben zu erfüllen hatte.
    Gab aber auch noch volkseigene Landwirtschaft.

  9. 11.

    Versorgungslücken? Wo??? Es waren immer schöne Apfelsinen aus Kuba da!!!!

  10. 10.

    An den allseits beliebten "Broiler" darf ich hier genauso wie an das gute Jägerschnitzel erinnern!
    Die Grundnahrungsmittel gab es immer zu guter Qualität.

  11. 9.

    Der eine oder andere hat schon seine Erfolge mit Zitronen.
    Aber das man sich im September im Supermarkt 4 oder 5 Schilder angucken muss um die Äpfel aus Deutschland und nicht aus Südafrika oder Südamerika oder Neuseeland zu kaufen, ist schon ziemlich kaputt.

  12. 8.

    Ein schöner Lichtblick im so wenig "grünen" Brandenburg. Da könnte aus diesem eher unmodernen Land noch etwas werden.
    Mit DDR-Planwirtschaft und LPG hat das wenig zu tun, denke ich. Hecken, Weiher, Brombeeren, freilaufende Hühner: habe ich vor vierzig Jahren nirgendwo gesehen. Gehörte das Land in der DDR den Bauern? Wäre mir neu. Waren die Bauern frei in ihren Entscheidungen? Wohl kaum.

  13. 7.

    "Die DDR hatte es wegweisend geregelt".

    Ach ja, und was kam dabei heraus, eine Mangelwirtschaft mit Versorgungslücken.

  14. 6.

    Nicht alles wächst in Deutschland, wenn auch sehr viel.
    Aber bei Zitronen hört es schon auf.

  15. 5.

    Da war die gute, alte LPG doch nicht so schlecht? ;-) Das Fahrrad neu erfunden? Spaß beiseite: ist ne tolle Idee. Sicher interessieren mich auch in erster Linie die Preise in der heutigen Zeit, aber gute Lebensmittel bedürfen der Wertschätzung. Ich muss kein ausländisches Obst und Gemüse haben; dauert ewig, eh es in Deutschland ist, von der Haltbarmachung ganz zu schweigen. Muss man auch nicht übern großen Teich fliegen... Im eigenen Land erst helfen, Herr Ministerpräsident; genug "Baustellen".

  16. 4.

    Die DDR hatte es wegweisend geregelt.

  17. 3.

    Ich bin der Auffassung, dass Agrarland generell nicht zu privatisieren ist, sondern den Ländern gehören sollte. Verpachtungen auf längere Zeit und mit geringfügigen Auflagen sind dann sinnvolle Modelle.

  18. 2.

    Als Kunde kommt es mit auf das Produkt an. Kleinbauer, Grossbauer, Konzern. Egal. Die Qualität muss stimmen. Und zu sehen was die Energie zB kostet ist eine effiziente Produktion wichtig. Das ist wie in jedem Bereich.

  19. 1.

    Sehr schöner Artikel, ich hoffe, dieses Beispiel macht Schule. So funktioniert sinnvolle und logische Landwirtschaft.

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