Berlin - Sonnenuntergang am Frankfuter Tor (Quelle: dpa)
Bild: dpa-Zentralbild

Senat plant 37 neue Hochhäuser - Die Schattenseiten des Wohnungsbaus

Ein Gespenst geht um in Berlin: Das Gespenst der "Nachverdichtung". 30.000 neue Wohnungen sollen gebaut werden, sie werden dringend gebraucht. Der Senat will jetzt Hochhäuser in Innenhöfe anderer Hochhäuser bauen, vor allem zwischen Ostbahnhof und Volkspark Friedrichshain. Der Widerstand wächst. Von André Kartschall und Philipp Büchner.

"Ich finde es unmöglich, dass hier noch ein Haus hinkommt", regt sich eine Anwohnerin auf. "Was denken Sie, wie sehr wir uns über das Grün hier freuen." Architekt Roland Kuhn verteidigt: "Es gibt keine sinnvolle Alternative zur Innenstadtverdichtung." Ein älterer Anwohner unterbricht ihn: "Sie erzählen den Leuten so einen Scheiß, das kann man doch gar nicht hören."

Berlin-Friedrichshain, hinter der Karl-Marx-Allee. 30.000 neue Wohnungen sollen in Berlin gebaut werden, allein drei davon sind hier in einem Hinterhof an der Palisadenstraße geplant. Die Mieter sind alarmiert. Mit zwei Anwohnern ist der rbb zum Interview verabredet – gekommen sind rund 200. Alle haben dieselben Sorgen.

Geplante Wohnungen in der Palisadenstraße (Quelle: rbb/Klartext)
Geplante Hochhäuser in der Palisadenstraße

"Es gibt dann keine Wohnqualität mehr. Was heißt dann noch Qualität, wenn sie einem einen Betonklotz direkt vor die Nase setzen", sagt Cornelia Gentzen.

Zehn Geschosse sollen sie hoch werden, rund 19 mal 19 Meter breit. Noch handelt es sich um Pläne, endgültig beschlossen ist nichts. Aber die Wohnungsbaugesellschaft Mitte will eine große Lösung: Zwischen Volkspark Friedrichshain und Ostbahnhof sieht ein "Masterplan" bis zu 37 neue Hochhäuser vor. Das ist politisch gewollt - "Nachverdichtung" lautet die Ansage aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

"Nur noch grauer Beton?"

Die ambitionierten Pläne sollen die Wohnungsbaugesellschaften des Landes Berlin umsetzen. Zum Beispiel die WBM in Berlin-Mitte: Um möglichst günstig zu bauen, nutzt die WBM Flächen, die ihr bereits gehören - wie auch eine Fläche in der Eckertstraße im Friedrichshain, unweit des Bersarinplatzes. "Wohnraum dringend gesucht" steht auf einem Stück Papier, das an eine Laterne geklebt wurde. Hier soll der Wohnraum entstehen. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Grünfläche, ist laut Gesetz eine Baulücke.

Für die Mieter des Hauses dahinter ist das neu. Sie waren stets davon ausgegangen, dass ihr Garten ihr Garten ist – und auch bleibt. "Wir sind eigentlich wegen des Gartens hierher gezogen. Wir haben sogar eine größere Wohnung gesucht und haben uns dann gesagt: Nein, der Garten ist ein Highlight", sagt Anwohnerin Katharina Rosmann. So etwas finde man in Berlin oder Friedrichshain nicht wieder. "Das ist ja keine Brache hier, sondern das ist wie ein kleiner Park", pflichtet eine Nachbarin bei. "Der Mensch braucht ein bisschen Grün, der braucht ein bisschen was, um sich zu erholen, um die Sonne zu sehen. Und dann auf einmal wird hier ein Haus hingebaut? Wo wir dann wirklich nur noch Platte sehen? Nur noch grauen Beton?"

Doch so wird es wohl kommen. Hier weht schon Flatterband, im nächsten Jahr ist Baustart. Der Blick auf das Grün ist dann weg, es wird ein Hinterhof wie viele andere. Nur eben ein bisschen enger.

Geplante Wohnungen in der Eckertstraße (Quelle: rbb/Klartext)
Geplante "Verdichtung" in der Eckertstraße am Bersarinplatz

Schön grün? "Das wird sich ja dann bald erledigt haben"

Die Wohnungsbaugesellschaft und der Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) wollten dem rbb nichts zu den Plänen sagen. Auch sein Vorgänger, der die ehrgeizigen Neubauziele einst ausgerufen hat, schweigt: der heute Regierende Bürgermeister Michael Müller.

Nur einer steht auch öffentlich zum Masterplan: der Architekt Peter Meyer. Warum aber ducken sich die politisch Verantwortlichen weg? Haben sie Angst vor den Mietern? "Ja", sagt Meyer, "die sind einfach in einer ganz schwierigen Lage. Die haben Zahlen verkündet und sehen, dass die Realisierung schwierig wird. Und insofern ist das für sie ein Problem."

Berlin braucht neuen Wohnraum. Die Frage ist nur, wo er entstehen soll. Viele Berliner lehnen die Neubaupläne in ihrer Nachbarschaft ab. Man müsse "Egoismen überwinden", sagt der Architekt. "Das heißt nicht, dass die vergewaltigt werden sollen, in einer Art und Weise. Aber eine Kompromissfähigkeit ist von allen zu verlangen."

In der Eckertstraße, wo bald das neue Vorderhaus entstehen soll, ist bereits Grün verschwunden. Nebenan entstehen Eigentumswohnungen. "Ich habe viele Freunde in London und Paris. Die meinen alle, Berlin sei so schön grün. Das wird sich ja dann bald erledigt haben", sagt ein Passant.

Geplante Hochhäuser zwischen Ostbahnhof und Volkspark Friedrichshain (Quelle: rbb/Klartext)
37 neue Hochhäuser sollen zwischen Ostbahnhof und Friedrichshain entstehen

Macht die Nachverdichtung Berlin hässlicher? "Nö", lautet die klare Antwort des Architekten Peter Meyer. Die meisten seiner Berufskollegen teilen diese Meinung. Nachverdichtung und eine enge Innenstadtbebauung sind Zeitgeist. Architekt Roland Kuhn: "Das Wohl der Stadt geht vor das Wohl des Einzelnen. Der Städtebau geht vor Architektur. Es geht nicht darum, dass ein paar Leute ihren unverbauten Blick für immer behalten wollen und deshalb städtebauliche relevante Baumaßnahmen verhindert werden. Eine Nachverdichtung zum Beispiel."

"Wir sind 30 Jahre hier Mieter und haben um jeden Baum gekämpft. Haben Sie schon mal auf einem Hinterhof in Manhattan gewohnt?", ruft ein anderer Anwohner dazwischen.

Die nächste Bürgerinitiative ist in der Planung

Die vom Senat gewollte "Nachverdichtung" trifft auf Menschen. Die Nachbarschaft ist gut organisiert - und entdeckt gerade die Basisdemokratie für sich.

Einer ihrer Köpfe ist ein Mann mit ausreichend politischer Erfahrung: Hans Modrow, früherer Vorsitzender des DDR-Ministerrates. "Bei uns wird sich in den nächsten Tagen auch eine Bürgerinitiative gründen. Dann wollen wir uns mit anderen vernetzen. Und der Senat wäre gut beraten, wenn er das begreift, was an Demokratie in der Stadt wächst. Wenn er das ignoriert, wird er die Wähler von der Wahlurne wegjagen."

Offenbar empfinden viele Berliner die Nachverdichtung als Stadtplanung auf Kosten der Menschen. Und wollen sich wehren, bis zum bitteren Ende.

"Wenn das hier gebaut wird, bleiben wir eher nicht wohnen. Es wird schon nach Alternativen gesucht", sagt Anwohner Robert Franke. Nachbar Benjamin Starke ist mit der Entscheidung schon weiter: "Also ich zieh auf jeden Fall aus. Wenn das passiert, dann muss ich mir irgendwas anderes suchen.

Beitrag von André Kartschall und Philipp Büchner