Besucher gehen am 01.09.2017 in Berlin über die Elektronikmesse IFA (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Video: Abendschau | 01.09.2017 | Laurence Thio | Bild: dpa/Britta Pedersen

Zuhause der Zukunft auf der IFA - Smarthome-Trend kommt nur in Trippelschritten voran

Die digitale Vernetzung ist das große Thema auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung. In der Praxis ist Smarthome, also etwa die digital steuerbare Kaffeemaschine oder Waschmaschine, für die Verbraucher aber noch ein Ärgernis.

Wohnzimmer, Küche, Bad – alles ist mit allem vernetzt. Bei der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin ist die digitale Vernetzung eines der großen Themen in den Messehallen am Funkturm. In der virtuellen Welt der Hersteller steckt das intelligente Haus voller smarter Küchen- und Haushaltsgeräte. Küchenherd und Kaffeemaschine sind im smarten Heim genauso mit dem Smartphone steuerbar wie die Haustür oder die Heizung, zumindest in der Theorie.

Smarter Badezimmerspiegel auf der IFA 2017 (Quelle: rbb/Mareike Witte)
In den smarten Spiegel schauen | Bild: rbb/Mareike Witte

Smarthome kommt nur in Trippelschriten voran

Der Kühlschrank hat eine Videokamera und zeigt seinem Besitzer auf dem Tablet, was drin ist. Auf dem Badezimmerspiegel kann man fernsehen. Vor dem Fernseher stellt man per Tablet die Lichtstimmung ein. Markus Schaffrin vom eco-Verband der Internetwirtschaft sagt, er glaube, dass es bei immer mehr Menschen künftig so aussehen werde. "In den kommenden fünf Jahren werden wir einen deutlichen Anstieg sehen und da können wir davon ausgehen, dass dann bei der Mehrzahl der Haushalte die ein oder andere Lösung einziehen wird."

Wenn es nach den Herstellern geht, ist Smarthome aktuell der Riesentrend. Das behaupten sie seit vielen Jahren. In der Praxis ist das Smarthome aber noch ein ziemliches Ärgernis. Viele Dinge passen nicht zusammen. Außerdem gibt es Pannen wie geknackte Haustüren oder gehackte Kameras. Das intelligente Heim kommt nur in Trippelschritten voran.

Messepräsentation mit Smart ThinQ auf der IFA 2017 (Quelle: imago/Raimund Müller)
Präsentation von Smarthome auf der IFA 2017 | Bild: imago/Raimund Müller

Fenster, Türen, Licht per Smartphone steuerbar

Laut Schaffrin ist Smarthome ein weites Feld: vom Energiemanagement, der Fenster- und Lichtsteuerung, der Sicherheit und Überwachung bis zur Unterhaltung. Auch die Segmente Haushaltsgeräte, Gesundheit und betreutes Wohnen gehörten dazu, so Schaffrin.

An den Ständen vieler Hausgerätehersteller können sich die IFA-Besucher zeigen lassen, wie das intelligente Zuhause im täglichen Leben funktionieren könnte. Auf dem Siemens-Stand etwa können sie sich morgens mithilfe der digitalen Sprachassistentin von Amazon aus ihrem smarten Zuhause verabschieden. Mit dem Befehl "Alexa, starte Szene 'Auf Wiedersehen'" gehen gleichzeitig die Lichter aus, die Kaffeemaschine spült nach und schaltet sich ab, die Rollläden fahren hoch, die Heizung fährt herunter, die Alarmanlage wird aktiviert.

Mikrogarten von Grundig auf der IFA 2017 (Quelle: rbb/Mareike Witte)
Smart Kräuter anbauen | Bild: rbb/Mareike Witte

Keine gemeinsame App zur Bedienung des Smarthomes in Sicht

Das ist die theoretische Welt, wie sie die Hersteller den Kunden derzeit auf der IFA schmackhaft machen. Damit eine solche Abschieds-Szene tatsächlich funktioniert, müssten Kaffeemaschine, Beleuchtung, Alarmanlage und Heizung koordiniert werden können. Die Geräte aber kommen meist von unterschiedlichen Firmen.

Nicht einmal die deutschen Hausgerätehersteller konnten sich bisher auf eine gemeinsame App zur Bedienung des Smarthomes einigen. Verschiedene Funktechnologien der kommunizierenden Geräte machen es dem Nutzer zusätzlich schwer. Ein Problem, das auch Schaffrin vom Verband der Internetwirtschaft zugibt: "In Zukunft wird im Smarthome-Markt der Teamplayer gewinnen. Also der, der es schafft, genügend Partner um sich zu scharen, sodass ich als Anwender nicht mehr groß nachdenken muss."

Smarte Sprach-Daten wandern in die USA

Statt zusammenzuarbeiten kämpfen die Unternehmen eher um die Vorherrschaft, auch bei der Sprachsteuerung. Hier rivalisieren vor allem drei Systeme von US-Konzernen: Amazon mit der Assistentin Alexa, Google mit seinem System Home und Apples Siri. Europäische Sprachassistenten, die mithalten könnten, gibt es nicht.

Die US-amerikanischen Sprachassistenten aber bergen ein Datenschutzrisiko. Das gibt auch Schaffrin zu bedenken: "Ich sollte mir bewusst sein, was ich dort mache und dass die Anbieter aus dem Amerikanischen kommen, wohin auch die Daten transferiert werden." Denn mit der Nutzung der Sprachassistenten landen die Sprachebefehle in den Datenbanken der Konzerne.

Roboterstaubsauger auf der IFA 2017 (Quelle: imago/STPP)
Smart StaubsaugenBild: imago/STPP

Bei der Hardware gibt es bereits Alternativen

Während Nutzer bei den Sprachassistenten nicht verhindern können, dass die persönlichen Daten eine Schleife über die USA drehen, gibt es bei der Hardware durchaus Alternativen. Bei der Steuerung von Heizungs-Thermostaten etwa hat sich die Münchner Firma Tado einen Namen gemacht und sich als ernstzunehmender Rivale für den US-Hersteller Nest, eine Tochter des Internetriesen Google, etabliert. Laut Tado-Chef Toon Bouten gibt das Unternehmen keine Daten weiter: "Das steht so in unseren Geschäftsbedingungen. Da unterscheiden wir uns von Nest, die das an den Großaktionär weitergeben."

Smarte Geräte oft nicht sicher vor Hackern

Die Sicherheit der Smarthome-Geräte ist ein weiteres Problem. Denn einige haben sich bereits als Türöffner für Hacker und Kriminelle erwiesen, wenn Hersteller vor allem billiger Produkte sich nicht um nachträgliche Sicherheitsupdates kümmern. Das Sicherheitsproblem wälzen sie auf den Kunden ab. Das sieht auch Schaffrin kritisch: "Natürlich ist es schwierig, vom Verbraucher, der sich einen Staubsauger gekauft hat, zu verlangen, da noch einen Virenschutz zu installieren. Er will ja nur saugen mit dem Gerät." Deshalb müssten sich die Hersteller von Saugrobotern, digitalen Türschlössern oder elektronischen Rolos künftig mehr als bisher um die Sicherheit bemühen, so Schaffrin.

Smarthome im Kinderzimmer auf der IFA 2017 (Quelle: rbb/Mareike Witte)
Smart das Babybett überwachenBild: rbb/Mareike Witte

Viele IFA-Besucher sind skeptisch

Ob ein digitaler Türspion oder ein fensterputzender Roboter - smart kann fast alles sein. Aber was, wenn das Lichteinschalten dann nicht mehr funktioniert, weil die intelligente Lichtsteuerung schwer von Begriff ist? Viele der technikaffinen IFA-Besucher haben noch Bedenken: "Alles, wo irgendwo meine Daten oder mein Privatleben mit drin ist, möchte ich am liebsten gar nicht vernetzt haben", sagt Besucherin Franziska Müller. "Facebook hat schon genug Infos von mir, da müssen jetzt nicht noch irgendwelche Kühlschränke Infos von mir haben." Und Besucher Heinz Klandt macht sich Sorgen um die schwierige Installation: "Das Hardwaremäßig zu installieren ist wahrscheinlich relativ trivial. Aber wenn man sich überlegt, wie die Steuerung aussieht, die Softwareinstallation, das wird, glaube ich, wahnsinnig kompliziert."

Gute Marktprognosen für Smarthome

Der Trend zum vernetzten Zuhause wurde schon lange beschworen, mit mäßigem Erfolg. Besucher Nicolas Tonn etwa kennt bisher niemanden, der Smarthome-Anwendungen nutzt: "Das wird der ein oder andere in den nächsten zehn bis 15 Jahren Jahren vielleicht haben."

Das bestätigt auch eine Studie des Internetverbands eco und der Unternehmensberatung Arthur D. Little: Demnach nutzen derzeit rund fünf Prozent der deutschen Haushalte Smarthome-Lösungen. In den USA sei die Marktdurchdringung etwa drei Mal so hoch. Die Unternehmensberatung progonistiziert, dass das Marktvolumen in Deutschland vor derzeit  1,3 Milliarden Euro bis 2022 auf 4,3 Milliarden Euro anwachsen wird.

Verbraucher entscheiden über Zukunft von Smarthome

Wenn es nach dem Internetverband eco geht, soll Smarthome ein Milliardenmarkt werden. Vielleicht aber machen die Verbraucher den Unternehmen noch einen Strich durch die Rechnung. Denn ohne einheitliche Standards und mit mangelndem Datenschutz, Sicherheitsproblemen und hohen Preisen könnte Smarthome noch ein Flopp werden. Bei der Masse ist der Smarthome-Trend jedenfalls auch mit der IFA 2017 nicht eingezogen.

Mit Informationen von Christian Sachsinger und Laurence Thio

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2 Kommentare

  1. 2.

    Alten und behinderten Menschen sei jede dieser Technologien gegönnt, wenn sie ihnen ihr oft nicht einfaches Leben etwas erträglicher machen. Dazu gehören auch voll kompetente Haushalts-und Pflegeroboter, wie sie in Japan bereits entwickelt wurden. Durch die demographische Entwicklung und den Mangel an Pflegekräften werden wir um den Einsatz solcher Technologien über kurz oder lang nicht heruim kommen.

    Bei den Jungen sehe ich das anders. Eine auf die Spitze getriebene Bequemlichkeit ist nicht nur eine ökologisch unverantwortliche Ressourchenverschwendung, sondern trägt auch zum Bewegungsmangel, einem grossen gesundheotspolitischen Problem bei, wenn es schon eine Zumutung sein soll, den Allerwertesten in der eigenen Wohnung zu bewegen. Oer geht es nur um Protzerei? Um so schlimmer! Die Auswirkungen erleben wir auch in ICE bei ausgefallener Klimaanlage oder bei der Bundeswehr, wo junge Menschen bei Belastung häufig kollabieren.

  2. 1.

    Das Problem sehe ich nicht im fehlerhaften Funktionieren, sondern im fehlerfreien Funktionieren. Dann nämlich, wenn Menschen sich verführen lassen, ob der Einfachheit halber nach und nach auf ihr persönlich innewohnendes Vermögen zu verzichten. Ihr sinnliches Vermögen.

    Alles, was nicht an Fähigkeiten abgerufen wird, schläft nach und nach ein.

    Ist es eine Qual, nach dem Inhalt des Kühlschranks zu schauen und dann mal so, mal anders, zu entscheiden, was ich aufgrund des Inhalts denn nun neu einkaufen will? Wer immer im gleichen Trott drin ist, wird darin nur Last sehen und wird sich dieses Lastvolle durch technische Abhilfe müheloser gestalten wollen. Wer darin eine Herausforderung sieht, jedesmal neu zu entschieden, der wird keinen Vorteil darin sehen, dass eine Maschine das entscheiden soll, was ich als Mensch viel besser kann. Weil es um mich geht.

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