Brote mit essbaren Hornveilchenblueten, aufgenommen am 20.01.2017 auf der Gruenen Woche in Berlin. (Quelle: Florian Schuh / dpa)
Bild: dpa Themendienst

Messe startet am Freitag - Wie vegan ist die Grüne Woche?

Berlin ist Veganer-Hauptstadt. Auch die Lebensmittelindustrie setzt große Umsatzerwartungen in den Ernährungstrend. Doch auf der Grünen Woche fristen vegane Produkte ein Nischendasein. Von Robin Avram

Jedes siebte Lebensmittel, das in Deutschland neu in die Supermarkt-Regale kam, war 2016 ein veganes Produkt. Laut dem Marktforschungsinstitut Mintel setzt die Lebensmittelindustrie nirgendwo stärker auf den Veggie-Boom als in Deutschland. Selbst Lidl und Aldi haben inzwischen vegane Produktlinien eingeführt. Soja-Schnitzel, Paprika-Chili-Brotaufstrich und Bulgur-Salat gibt es seither auch beim Discounter.

Auch wenn die Umsätze mit veganen Produkten laut der GfK-Marktforschung zuletzt bei rund 370 Millionen Euro im Jahr 2017 stagnierten: Zumindest bei vegetarischen Produkten ist GfK-Experte Wolfgang Adlwarth im rbb|24-Interview zuversichtlich, dass die Umsätze weiter wachsen werden.

Doch auf der Grünen Woche, der wichtigsten internationalen Messe der deutschen Ernährungswirtschaft, fristen vegane Produkte auch im Jahr 2018 ein Nischendasein. "Wir wollen schon die gesamte Ernährungswirtschaft abbilden. Aber vegan oder vegetarisch haben wir uns nicht explizit auf die Fahne geschrieben", bekennt Sabine Niebuhr auf Anfrage von rbb|24 freimütig. Sie betreut auf der Grünen Woche die Bio-Halle. Die gibt es schon seit 20 Jahren.

Sechs rein vegane Aussteller - von 1.600

Den ganzen Tag über werden auf dem "Davos der Agrarindustrie" in dieser Halle Bio-Köche Leckereien brutzeln, Bio-Winzer und Bio-Käsereien ihre Produkte feilbieten. "Derjenige, der Bio bislang abgelehnt hat, hat keine Hemmschwelle mehr, wenn er zu uns in die Halle kommt – eben weil nicht Biomarkt oben drüber steht", sagt Niebuhr.

Doch eine Halle mit veganen und vegetarischen Produkten gibt es auf der Grünen Woche eben nicht. Die 64 veganen Produkte, die laut Grüne Woche-Website in diesem Jahr auf der Messe präsentiert werden, sind kreuz und quer über das weiträumige Gelände verteilt. Gerade mal sechs rein vegane Aussteller zählte die Berliner Zeitung im Vorjahr – von insgesamt 1.600 Ausstellern. Warum nur hat die Grüne Woche den Vegan-Trend so verpennt?

"Wir haben vor anderthalb Jahren Gespräche mit dem Vegetarierbund VEBU über eine Kooperation für eine Veggie-Halle auf der Grünen Woche geführt, aber die ist leider nicht zu Stande gekommen", bedauert Niebuhr. Der VEBU habe damals nicht genug Personal gehabt, um das zu stemmen, sagt sie.

Besucher der Grünen Woche (Messe Berlin GmbH)Bio funktioniert auf der Grünen Woche - fleischfrei eher nicht

Vegan und überbordender Fleischkonsum passt nicht zusammen

Der VEBU, der inzwischen ProVeg heißt, setzt offenbar andere Prioritäten. Denn seit 2015 veranstaltet der Verband seine eigene Messe in Berlin, die "Veggie-World". Erst vor zwei Monaten gastierte die Messe wieder in der Station Berlin – der coolen Backstein-Location am Gleisdreieck-Park, in der auch die re:publica stattfindet. Über 100 vegane und vegetarische Aussteller lockten rund 10.000 meist junge Besucher.

Klingt nicht wenig. Aber die Grüne Woche zählte im vergangenen Jahr 40-mal mehr Besucher.

Was hält die "Veggie-World"-Macher also von einer Kooperation ab? Schließlich könnte sie auf der Grünen Woche im breiten Mainstream neue Kundengruppen erschließen. "Die Kombination aus dem überbordendem Fleischkonsum auf der Grünen Woche und vegan wäre schwierig darzustellen", sagt "Veggie-World"-Geschäftsführer Hendrik Schellkes.

2015 gab es eine vegane Spezialmesse - sie scheiterte

Schellkes, selbst Vegetarier, hat diese Schwierigkeiten als Besucher der Grünen Woche erlebt – denn 2015 gab es schon mal einen Versuch, die vegetarische Spezialmesse "V Delicious Show" auf der Grünen Woche zu verankern. Englische Veranstalter reservierten damals die Halle 26 und teilten sie sich mit einer Spezialmesse für allergiefreie Produkte. Besucher sollten gelockt werden mit Promi-Köchen, einem breit gefächerten Seminarprogramm und einer "Erlebniswelt" mit Produkten ohne Gluten, Milch und Erdnussspuren. Es blieb ein einmaliger Versuch.

"Es gab damals viele Besucher, die sich darüber mokiert haben, dass man an frisch geschlachteten Ochsen vorbei laufen musste, um in die Vegan-Halle zu kommen. Zudem hing da ein Schild über der Tür 'Allergiker und Vegetarier'. Der Vegetarier möchte nicht als krank bezeichnet werden. Es waren ein paar Kardinalfehler, die da begangen wurden," meint Schellkes.

"Extreme Ernährungstrends wie vegan haben so gut wie keine Akzeptanz"

Diese fehlende Sensibilität für die Ansprüche vegetarischer Messebesucher ist kein Zufall. Das zeigt sich an manchen Veröffentlichungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Sie ist zusammen mit dem Deutschen Bauernverband Träger der Grünen Woche. Im Oktober stellte der BVE eine Verbraucherstudie vor, die untersucht, welche Ernährungstrends sich dauerhaft im Markt etablieren werden.

Dabei stellte sie zwar fest, dass Veggie-Produkte im Trend liegen und der Umsatz zuletzt um 18 Prozent gestiegen ist. Die Aufgeschlossenheit der Verbraucher kenne aber Grenzen. "So haben extreme Ernährungstrends wie paleo, vegan, Insektenfood oder in-Vitro Fleisch so gut wie keine Akzeptanz bei den Verbrauchern", schreibt der Verband.

Veggie-World-Geschäftsführer Schellkes muss lachen, als er das hört. "Ich bin persönlich weit weg von einem militanten Veganer, jeder sollte tun und lassen, was er will. Aber zu sagen, dass an veganer Ernährung kein Interesse in der Bevölkerung besteht, halte ich natürlich für riesengroßen Quatsch."

Das räumt auch die Biohallen-Betreuerin Sabine Niebuhr vom Grüne Woche-Team ein. "Wir merken schon, dass das Interesse der Besucher an veganen Produkten in den vergangenen Jahren zugenommen hat", sagt sie. Nur bis zum Träger-Verband der Lebensmittel-Leitmesse hat sich das offenbar noch nicht herum gesprochen.

 

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Beitrag von Robin Avram

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14 Kommentare

  1. 14.

    Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

  2. 13.

    Auch ich habe einen Bericht darüber gesehen vor kurzem,das Milch von Erwachsen regelmäßig getrunken krank machen soll.Bei Männern an der Prostata.Gänzlich abgeschlossen,sprich bewiesen ist es aber noch nicht.Doch finde ich es immer wieder bedenklich wenn Wissenschaftliche Untersuchungen d.noch gar nicht abgeschlossen sind sogleich i.d.Medien gelangen und für Stimmungsmache Sorgen.Ich bin mit Milch frisch von d.Kuh aufgewachsen und genieße noch heute d.Milch.Nur um mal ein Beispiel hier zu benennen.Veganer sind eine Spezies Mensch deren Lebenseinstellungen zu recht angezweifelt werden darf.Da diese vollkommen verschroben einhergeht,mit gleichzeitig esoterischen Ansichten.Ich habe großen Respekt vor Vegetarier,weil ich deren Argumente auch nachvollziehen kann.

  3. 12.

    Natürlich macht es Sinn auch auf Eier und Milchprodukte zu verzichten, da ein Großteil davon aus furchtbaren Haltungszuständen stammt. Überzüchtete Kühe und Hühner, die ständig zwangsbesamt werden und wie Maschinen Milch bzw. Eier "produzieren" und ihr Leben in trotloster Gefangenschaft fristen, sind Grund genug auf diese "Lebensmittel" zu verzichten. Dazu kommt, dass in den letzten Jahrten immer mehr wissenschaftlichwe Studien ergeben haben, dass Milch für Menschen nicht halb so gesund ist wie angenommen, teils sogar krank macht. Kein Wunder, sie ist ja auch schließlich als Muttermilch für Kälber gedacht und nicht für eine völlig andere Spezies.

  4. 11.

    Auch wenn ich das Wort "Quatsch" gegenüber Veganern für unpassend halte, so halte ich die Auffassung sehr wohl für nachvollziehbar, dass vegane Ernährung faktisch auf eine Fehlernährung hinausläuft. Vor allem gilt dies für Kleinkinder.

    Ich selbst achte die Motive von Vegetariern sehr hoch, selber ernähre ich mich weit mehr von pflanzlichen Produkten als von Fleisch. Letzeres macht ungefähr ein knappes Fünftel des herkömmlichen Durchschnittskonsums aus. D. h., wenn Fleisch, dann auch qualitativ gutes.

    Deshalb verstehe ich die eingefleischten und ausgefleischten "Schulen" auch nicht, die dann auch noch eine eigene Halle haben wollen.

    Der jetzt zum Glück nicht mehr aufgelegte CMA-Ausspruch: "Fleisch muss sein, beiß rein" empfinde ich persönlich als genauso extrem wie die Position, dass überhaupt keine tierischen Produkte sein sollen. Und diese empfundenen Extremismen dürfen m. E. durchaus benannt werden, ohne dass der Vorwurf der Diskriminierung erhoben wird.

  5. 10.

    Na gut,dann ist Verständnis vielleicht das passendere Wort. Die Motivation der Veganer ist doch die gleiche wie deine,nur etwas extremer ausgeprägt. Daher versteh ich nicht,wie man das dann gleich als Quatsch bezeichnen kann.

  6. 9.

    Was hat das mit Toleranz zu tun? Ich habe nicht die Absicht, irgendwem vorzuschreiben, wie er sich zu ernähren hat. Ich hab nur geschrieben dass ich die Motivation der Veganer nicht nachvollziehen kann.

  7. 8.

    Herrlich diese Bandbreite an Toleranz.. Die Position eines Veganers ist nicht weit weg von deiner und trotzdem ist diese sofort Quatsch,das soll man verstehen.

  8. 7.

    @kritischer Begleiter: Sie können mal davon ausgehen, dass die meisten menschen, die sich vegetarisch/vegan ernähren wollen, sich die Zeit im Supermarkt für das Kleingedruckte nehmen müssen - schon deshalb, weil in vielen verarbeiteten Lebensmitteln, von denen man es nicht annehmen sollte (z. B. Pudding, Kuchen, Gemüsesuppeneintöpfe, TK-Rotkohl usw.) Tiere/Tierreste "verwurstet" sind.
    @ anorak2: Mir fallen gleich mehrere Gründe ein, weshalb vegane Ernährung ebensowenig Quatsch ist wie Ihre "vegetarisch light" Variante: Zum Beispiel übelste Bedingungen bei der Hühnerhaltung oder was mit den männlichen Küken passiert (selbst bei Bio-Eiern). Und vielleicht fallen Ihnen selbst noch weitere Gründe ein, wenn Sie sich ernstahft mit dem Thema Ernährungsindustrie befassen.

  9. 6.

    Lieber "Nurmalso",

    sie haben Recht, die Begrifflichkeiten Veggie und vegan waren an einigen Stellen des Textes nicht klar genug voneinander getrennt, wir haben das geändert. Ich kann Sie aber beruhigen: mir als Autor des Textes ist der Unterschied zwischen vegan und vegetarisch schon geläufig ;) Aber sowohl auf der "Veggie-World" als auch in der Veggie-Halle, die es im Jahr 2015 auf der Grünen Woche gab, wurden sowohl vegetarische als auch vegane Produkte präsentiert. Wir haben bewusst auf das Thema vegane Ernährung zugespitzt, weil es eben in diesem Segment einen Boom bei den Verkaufszahlen gab, nicht bei vegetarischen Produkten.

  10. 5.

    Der Artikel impliziert, als würde sich irgendeine ominöse Veganer-Vereinigung darüber beschweren auf der Grünen Woche unterrepräsentiert zu sein. Wenn Vereinigungen oder Aussteller mit veganer Ausrichtung auf irgendeiner Messe präsent sein wollen, dann sollen sie sich doch einfach einen Stand buchen.
    Und wenn Herr Schellkes von der ProVeg Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit, bzw. bei der Darstellung der Ausrichtung sieht, dann ist doch der Drops gelutscht und dieser Artikel obsolet. Oder liegen dem Veranstalter der Grünen Woche zahlreiche Kundenanfragen für vegane Aussteller vor?

    Wer sich für diese Art der Ernährung interessiert, wird die Veggie-World wohl kennen.

  11. 4.

    Vegan---denke immer an den Film " Soylent Green " vor einigen Jahren------
    aber es gibt sie immer mehr, die "eingefleischten" Veganer

  12. 3.

    Vegan ist Quatsch. Ich sehe mich selbst als "Vegetarier light", d.h. ich meide Fleisch wo ich es kann, kein Leder u.dgl. Aber Veganer verzichten darüber hinaus auch auf Produkte, bei denen das Tier _nicht_ stirbt. Keine Eier, keine Milchprodukte, kein Honig damit die Bienen nicht ausgebeutet werden? Das macht m.E. sehr wenig Sinn.

  13. 2.

    Ich finde den Artikel nicht wirklich gelungen, da zu viel zwischen dem Thema veganer Ernährung und dem Thema vegetarischer Ernährung hin und her gesprungen wird. In der Überschrift (und auch in den Teilüberschriften) ist ständig von "vegan" die Rede, aber im Text wird dann vegan und vegetarisch bzw. "veggie" durcheinandergewürfelt.
    Beispiel: "Auch wenn die Umsätze mit Veggie-Produkten ... zuletzt stagnierten. Zumindest bei vegetarischen Produkten ist ... zuversichtlich, dass die Umsätze weiter wachsen werden." Veggie-Produkte sind meines Wissens nach vegetarische Produkte (kurz gesagt, ohne Fleisch) und nicht vegane Produkte (kurz gesagt, gänzlicher Verzicht auf tierische Produkte). Insofern machen diese zwei Sätze keinen Sinn.
    Ich bekomme daher beim Lesen leider das Gefühl, dass der Autor selbst nicht genau verstanden hat, was Veganismus und Vegetarismus unterscheidet bzw. dass "Veggie" als Begriff für die vegetarische Ernährung genutzt wird und nicht für vegane Ernährung.

  14. 1.

    Ich empfehle - gerade bei industriell hergestellten Vegie- und Veganprodukten - einen Blick auf die Zutaten- und Inhaltsstoffliste dieser als gesund beworbenen und von der Öffentlichkeit empfundenen Lebensmittel zu werfen.
    Da wird einem teilweise angst und bange!

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