Menschen demonstrieren am 20.01.2017 in Berlin unter dem Motto "Wir haben es satt" für eine andere Landwirtschaft (Bild: rbb/Friederike Steinberg)
Video: Abendschau | 20.01.2017 | Christina Heicappell | Bild: rbb/Friederike Steinberg

Demonstration: "Wir haben es satt" - Zehntausende Menschen wollen andere Landwirtschaft

Anders essen, umweltfreundlicher konsumieren, nachhaltig landwirtschaften – das sind einige der Anliegen der Umwelt- und Tierschützer, die am Samstag aus Anlass der Grünen Woche in Berlin demonstrierten. Zehntausende waren gekommen.  

Unter dem Motto "Wir haben es satt" sind in Berlin zehntausende Menschen für eine Wende in der Agrarpolitik auf die Straße gegangen. An der Großdemonstration beteiligten sich nach Angaben der Veranstalter 33.000 Menschen, die Polizei sprach von "mehreren zehntausend" Teilnehmern. Sie forderten unter anderem einen Ausstieg aus dem umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat und riefen die kommende Bundesregierung zu einer neuen Agrarpolitik auf. Anlass für die jährlich stattfindende Demo ist die Ernährungs- und Agrar-Messe Grüne Woche.

Menschen fahren am 20.01.2018 mit einem Traktor am Kanzleramt vorbei, um unter dem Motto "Wir haben es satt" für eine Agrarwende zu demonstrieren (Bild: rbb/Friederike Steinberg)
Im Traktor-Anhänger fahren die Demonstranten am Kanzleramt vorbei | Bild: rbb/Friederike Steinberg

Traktor-Parade und Kochtopf-Konzert

Unter dem Motto "Der Agrarindustrie die Stirn bieten!" forderten die Demonstranten eine ökologischere, von Familienbetrieben geprägte Landwirtschaft mit besserem Tierschutz. Der Auftakt des Protests fand am Berliner Hauptbahnhof statt. Als Zeichen des Protests fuhr am Samstag auch eine Traktoren-Parade durch die Stadt, außerdem fand ein "Kochtopf-Konzert" statt.  

Vom Hauptbahnhof aus zogen die Demonstranten zum Tagungsort der ebenfalls am Samstag stattfindenden Agrarministerkonferenz im Bundeswirtschaftsministerium im benachbarten Stadtteil Mitte in der Invalidenstraße. Von dort zogen die Aktivisten dann zum Brandenburger Tor zur Abschlusskundgebung. Rund 100 Organisationen, darunter Verbände ökologisch und konventionell wirtschaftender Landwirte, Umwelt- und Tierschützer und kirchliche Hilfswerke hatten zu der Demo aufgerufen.

Forderungen nach einer neuen Ernährungspolitik

Das Demonstrationsbündnis spricht sich unter dem Motto "Für gesundes Essen für Alle" unter anderem für eine Ernährungspolitik aus, die auf regionale und nachhaltige Lebensmittel setze statt auf industrielle Massenprodukte, erklärte Bündnissprecher Jochen Fritz. Unter dem Stichwort "Für artgerechte Tierhaltung" wird ein Ende von Subventionszahlungen an die Agrarindustrie gefordert. Zudem spricht sich das Bündnis für eine "globale Agrarwende" aus, gegen "Landraub" großer Konzerne sowie für den weltweit sicheren Zugang zu Land, Wasser, Saatgut und Nahrung.

Forderung nach einer personellen Neubesetzung im Landwirtschaftsministerium

Mit Blick auf eine neue Bundesregierung fordert das Bündnis auch eine personelle Neubesetzung im Landwirtschaftsministerium. Das "Glyphosat-Fiasko" zeige, dass dem bisherigen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Konzerninteressen wichtiger seien als der Wille der Bevölkerung, sagte Fritz. Die nächste Bundesregierung müsse das Ministeramt neu besetzen.

Schmidt war Ende November vergangenen Jahres nach einer umstrittenen Entscheidung für die weitere Erlaubnis von Glyphosat auf europäischen Äckern heftig in die Kritik geraten. Als Vertreter Deutschlands hatte er in Brüssel für die fünf Jahre gültige Neuzulassung des Unkrautvernichtungsmittels gestimmt, obwohl Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dagegen war. Üblicherweise hätte sich Deutschland wegen dieser Meinungsverschiedenheit innerhalb der Bundesregierung enthalten müssen.

Diesmal ein Aktionstag der Landwirte statt eines Gegenprotests

Wie bereits in den Vorjahren haben auch Landwirte einen Aktionstag organisiert, mit dem sie sich, wie es heißt, gegen "Pauschalkritik an der Agrarwirtschaft wehren" wollen. Unter dem Titel "Wir machen Euch satt!" rufen sie Verbraucher dazu auf, mit ihnen "in den Dialog zu treten".

Im Mittelpunkt dieses bundesweiten Aktionstags der Bauern solle das Thema Insektensterben stehen. So hätten sich zahlreiche Landwirte aus der ökologischen und konventionellen Landwirtschaft in ganz Deutschland dazu verpflichtet, in diesem Jahr sogenannte Blühstreifen an den Feldern einzurichten, um unter anderem Bienen eine bessere Nahrungsgrundlage zu bieten, kündigten die Initiatoren der "Wir machen Euch satt!"-Bewegung am Dienstag in Berlin an.

"Damit wollen wir ein sichtbares Zeichen setzen, dass den Landwirten der Schutz der Natur besonders am Herzen liegt", sagte Marcus Holtkötter, Landwirt aus Nordrhein-Westfalen und einer der Mitinitiatoren. Auch Verbraucher etwa in Großstädten könnten einen Beitrag gegen das Insektensterben leisten, indem sie Blühfelder auf Balkonen oder Gärten anpflanzen, betonte Bernhard Barkmann, Landwirt aus Messingen im Emsland. Deshalb wollen Landwirte am Rande der Großdemonstration in Berlin unter anderem Tüten mit Blumensamen verteilen, um auf die Verantwortung der ganzen Gesellschaft für Artenvielfalt hinzuweisen.

"Durch aktives Handeln, etwa durch die Anlage von Blühflächen, können wir Landwirte einen sinnvolleren Beitrag leisten, als wenn wir in Berlin auf die Straße gehen", begründete Barkmann den Verzicht auf eine Gegendemonstration, mit der sie in den vergangenen Jahren auf dem Protest der Tierschutzaktivisten reagiert hatten. Auch in den kommen Wochen sollten nun bundesweit zahlreiche Mitmacher - auch außerhalb der Landwirtschaft - für die Blühaktion gewonnen werden.

Kommentar

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32 Kommentare

  1. 32.

    Hallo an alle,
    wir hatten leider keine Zeit für die Demo in Berlin. Wir wären gerne dabei gewesen, genauso, wie wir in Unterstützung der Gemeinde Mals in Südtirol und bei der Demo in München gegen die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken aktiv dabei waren, kurz vor dem Desaster von Fukushima. Es ist nicht wichtig, viel zu besitzen. Viel wichtiger ist es, den Blick auf das große Ganze nicht zu verlieren. Es offenbart sich leider immer mehr, dass wir es in Deutschland mit Korruption und Lobby-Hörigkeit zu tun haben und nicht mit Demokratie. Das Verhalten des Landwirtschaftsministers zum Thema Glyphosat spricht Bände über den Zustand dieses Landes. Helmut Kohl hat seinerzeit höchst erregt verkündet, wir wären schließlich keine Bananenrepublik, ich habe damals gelacht und gefragt, seit wann denn nicht mehr, kann aber bis heute keine Veränderung erkennen. Schade. Wir hatten einst Kultur, die kam auch aus Griechenland und Italien, und was ist heute davon noch übrig?

  2. 31.

    "Dass du dir selbst am nächsten bist,dürften alle mitbekommen haben. Und wieder hat der Kommentar nichts mit dem Artikel zu tun."

    @rbb
    Ich versteh eure Moderationspolitik nicht wirklich,wenn so etwas nicht durchkommt. Oder haben unterschiedliche Mitarbeiter ganz unterschiedliche Maßstäbe?

  3. 30.

    Ihr Beitrag zum Thema zeigt ja das es richtig ist auf die Straße zu gehen,um diesen"Sturköppen"bes.i.d.Politik paroli zu bieten.Denn mit solch einer Misswirtschaft werden immer mehr die"guten Kleinbauern"gekantet u.es entestehen nur noch diese Großbetriebe.Eine gr.Schande ist das Mensch u.Tier gegenüber.

  4. 29.

    Lieber Herr Densch, es gibt wirklich vieles vieles was im Bereich der Nahrungswirtschaft kritisch ist. Sogar einiges. Ich kann ihnen aber auch garantieren dass der Großteil der Demonstrationsteilnehmer sich der langfristigen und weitreichenden Folgen ihrer Forderungen bewusst sind. Ich war selbst auf der Demo und habe mich mit vielen der Teilnehmer unterhalten. Natürlich gibt es dort solche und solche, aber der Großteil hat seinen Lebensstil schon längst geändert, hat das "luxuriöse Leben der westlichen Welt" schon lange als nicht zukunftsfähig erkannt. Seihen es Teilnehmer die noch zur Schule gehen, die in der Umweltbildung, Landwirtschaft oder sonst wo arbeiten: Sie sind schon lange dabei ihren eigenen Konsum zu reduzieren und finden Alternativen zur aktuellen wegwerf-Gesellschaft.
    P.S: Nach der Demo gab es für alle Teilnehmer einen Eintopf aus dem Gemüse der angereisten 160 Traktoren. Garantiert ohne Fleisch ;)

  5. 28.

    Eben.Wenn es nicht so verdammt ernst wäre,würde ich noch belustigt hinzufügen, teure Markenklamotten tragen u.mit Kreditkarte bei ALDI Einkaufen gehen.Draußen wartet d.SUV i.d.zweiten Reihe.

  6. 26.

    Was halten Sie denn für einen Weg, der wie Sie schreiben, viel radikaler sein müsste, für empfehlenswert ? Haben Sie da eine Idee ? Waren Sie schon mal bei solch einer Demo dabei ? Woher wissen Sie, was die Leute nach der Demo und auch sonst zu sich nehmen ? Ist es nicht ein kleiner Mosaikstein, den man beitragen kann, indem man Stellung bezieht, um den Herrschenden zeigen, dass man mit deren Politik nicht einverstanden ist ? Immer noch besser auf die Straße zu gehen, als sich in der Komfortzone selbtgefällig zurckzulehnen. Ihre Sichtweise "dann beginnt der Tanz von Neuem", könnte man auch so auslegen: "steter Tropfen höhlt den Stein". Und wenn es in diesem Jahr schon doppelt so viele Teilnehmer waren, ist es ein Zeichen dafür, dass immer mehr Bürger nachdenken über die derzeitige Agrarpolitik...und damit ist schon ein positiver Prozeß weiter voran gegeschritten. Sie scheinen dann wohl schon ein vorbildlich und bewußt konsumierender Bürger zu sein ?

  7. 25.

    freue mich über Blühstreifen und noch mehr über Blühflächen. Richtig blöd wird es nur wenn der Ökobauer nebenan zweimal die Woche die bodenbürtigen Insekten mit Kupfer abtötet. Glyphosat ningegen schadett weder den Fluginsekten, noch denen die auf dem Ackerboden krabbeln oder in der oberen Bodenschicht leben.

  8. 24.

    Ackerschlepper sind durch ihr grünes Kennzeichen von der Kfz. Steuer befreit und bekommen außerdem noch Geld vom Staat geschenkt, in Form einer Mineralölsteuerrückvergütung. In Deutschland führen schon kleine Delikte zur Bestrafung.

  9. 23.

    Ich glaube nicht, dass es Sinn macht Jemanden zu verteufeln. Was ich allerdings immer mehr erlebe ist die totale Unwissenheit von der heutigen Landwirtschaft. - - - Schlimm finde ich, dass ca. 100 NGO´s seit 20 Jahren zu einer Demo gegen die Bauern einladen, aber Keiner von denen ist bereit, sich mit den Verbrauchern auseinander zu setzten. An der Ladentheke wird entschieden, was auf den Feldern wächst. Dies dürfen wir nicht völlig unqualifizierten Politikern überlassen.

  10. 22.

    Im letzten Jahr gab es bereits die gleiche Demo. Bei genau dem gleichen nasskalten Wetter. Was hat sich seitdem geändert? Gar nichts. In Umfragen und Sonntagsreden faseln Politik und Bevölkerung von Nachhaltigkeit und Umweltschutz. In der tatsächlichen Gesetzgebung und beim Konsum sind diese Aussagen vergessen. Verdrängung von Problemen; Lügen und Selbstbetrug - das ist das wahre Deutschland In der Praxis.

  11. 21.

    Die Konsumenten entscheiden massgeblich über die Angebote in der Lebensmittelbranche.
    Jeder ist sich selbst der Nächste.

  12. 20.

    Der deutsche Konsument möchte viel Wurst und Fleisch zum niedrigen Preis. Dies beweist er jeden Tag beim Einkauf.
    Im Land Brandenburg haben die vermeintlich sozialen Linken die Massentierhaltung mit subventioniert.
    In Nordrhein-Westfalen subventioniert die SPD die Braunkohle mit Schwefel.
    In Baden-Württemberg verhindert ein grüner Ministerpräsident notwendige Einschränkungen von Fahrzeugen mit Dieselmotoren ohne Filter.
    CDU und FDP sind ohnehin Befehlsempfänger der Konzerne und Industrie.

    Morgen geht alles weiter wie bisher. Wirtschaft und Profitmaximierung sind eben wichtiger als Gesundheit, Tierwohl und Umwelt.

  13. 19.

    Die übergroße Mehrheit in Deutschland zeigt durch ihren tatsächlichen Konsum bei Lebensmitteln was sie wirklich möchte: viel und billig. Und die Begründungen werden gleich mitgeliefert: Man bekomme so wenig Lohn. Hier in der Großstadt gibt es keinen Hofladen. Auf der anderen Seite ist aber Geld vorhanden für das neuste Handy zum Preis von 400 - 1000 Euro. Herstellungspreise 80 - 170 US-Dollar. Es ist Geld vorhanden für neue Sportschuhe für 80 - 160 Euro. Herstellungspreise 8 - 14 US-Dollar. Gewinnmargen 600 - 1200 Prozent!!! Die Konsumenten machen lieber Konzerne und Aktionäre Milliarden reicher als etwas für Tiere, Umwelt und Menschen zu tun. Das Gleiche gilt für Kleidung. Gequälte Tiere und ausgebeute Arbeitnehmerinnen sind dem deutschen Verbraucher überwiegend gleichgültig. Es wäre ehrlicher dies zu sagen als in Umfragen Mitgefühl und Bedenken zu heucheln.

  14. 18.

    Es ist leicht sich irgendwo an vorderster Front hinzustellen und Dinge zu einfordern, wenn man satt ist. Ja, es gibt vieles, was im Rahmen der Nahrungslogistik fragwürdig ist. Das wage ich gar nicht zu bestreiten. Veränderung zu fordern ist zumindest auf gewissem Niveau verständlich. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass sich diese so genannten Aktivisten über die Gesamtheitlichkeit einer weitreichenden Veränderung wirklich im Klaren sind. Also, wenn es darum geht dabei das luxuriöse Leben der westlichen Welt aufrecht zu erhalten. Doch darum geht es ihnen meist gar nicht, vielmehr darum Betroffenheit zu heucheln um sein Ego zu polieren. Wirklich etwas verändern will man nicht. Dazu müsste man andere, viel radikalere und auch zeitraubendere Wege gehen. Also verhält man sich möglichst ruhig und friedlich, klappert ein wenig mit billigem Geschirr und stopft sich am Abend wieder mit Fleisch voll. Bis man erneut satt genug ist um den Tanz von vorne beginnen zu können.

  15. 16.

    Ich finde es beeindruckend, mit welchem Einsatz sich hier Landwirte für mehr Ökologie und gesundes Essen einsetzen. Die 160 Trecker-Fahrer kamen zum Teil sogar aus Bayern und Schleswig-Holstein. Man bedenke: Mit Tempo 40 per Traktor! Die waren zum Teil zwei Tage lang unterwegs. Bei dem Sturm-Wetter am Freitag. Ich ziehe den Hut vor diesen Leuten! Tolle Aktion.

  16. 15.

    Auch dagegen wird demonstriert.Selbst einige Bauern merken so langsam das hier etwas gewaltig schief läuft.Alles schön beim"alten"lassen ist überhaupt nicht hinnehmbar.Deshalb Danke i.den Aktivisten welche so verteufelt werden für Ihr Engagement.

  17. 14.

    Was nützen 'Blühstreifen', wenn daneben mit Glyphosat alles durchtränkt wird! Schwachsinn!

  18. 13.

    "Wie bereits in den Vorjahren habe AUCH Landwirte einen Aktionstag organisiert, mit dem sie sich, wie es heißt, gegen "Pauschalkritik an der Agrarwirtschaft wehren" wollen."

    Ich denke so kann man das nicht ausdrücken, auf der heutigen Demo sind schließlich auch Landwirte und nicht nur Verbraucher mitgelaufen.

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