Teilnehmer der "Wir haben es satt"-Demo ziehen am 20.01.2018 durch Berlin (Quelle: imago/Pop-Eye)
Audio: Radioeins | 16.01.2019 | Interview mit Saskia Richartz | Bild: imago/Pop-Eye

Interview | Bündnis-Sprecherin "Wir haben es satt" - "Noch nie war die Unterstützung für eine Agrarwende so groß"

Seit 2011 gehen Kritiker der Agrarindustrie alljährlich zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin auf die Straße. Sie fordern eine umweltverträglichere Landwirtschaft. Wie der Weg dorthin führen könnte, sagt Bündnis-Sprecherin Saskia Richartz im Interview.

Anlässlich der Internationalen Grünen Woche hat das Bündnis "Wir haben es satt" am Samstag zu einer Großdemonstration in Berlin aufgerufen. Zu der Aktion unter dem Motto "Essen ist politisch" sind nach Angaben der Veranstalter rund 10.000 Teilnehmer angemeldet.  

Das Bündnis fordert unter anderem, die 60 Milliarden Euro an jährlichen EU-Agrargeldern müssten künftig die Landwirte besser unterstützen, die sich um eine nachhaltige Landwirtschaft bemühten, anstatt sie an industrielle Großbetriebe weiterzuleiten.

rbb: Im Vorfeld der Grünen Woche wollten Sie am Mittwoch ein Miniatur-Modell an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) übergeben. Was stellt dieses Modell dar?

Saskia Richartz, Sprecherin des Bündnis "Wir haben es satt": Es handelt sich um ein Modell einer Miniatur-Welt, die die Ungerechtigkeit der Verteilung der Agrar-Subventionen darstellen soll. Ein einzelner Landwirt sitzt auf einem riesigen Geldturm. Ihm gegenüber steht eine Schar an Bauern, die jeweils nur über ein einzelnes Geldstück verfügen. Ein Prozent der Bauern können auf eine Milliarde Euro zurückgreifen, während 60 Prozent der Bauern in Deutschland sich viel weniger Gelder teilen.

Allerdings hat uns Ministerin Klöckner keine Übergabe ermöglicht. Sie hat auf Samstag verwiesen, wo ein Treffen mit dem Ministerium geplant ist. Das heißt, wir müssen die Übergabe noch einmal am Samstag gestalten. Deswegen ist es uns auch wichtig, dass uns viele Leute unterstützen und zur Demo kommen.

Das Modell zeigt das Mahnmal der ungerechten Agrarsubventionen und steht am 16.01.2019 vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin (Quelle: Fabian Melber/www.wir-haben-es-satt.de)
Das "Mahnmal der ungerechten Agrarsubventionen" soll Ministerin Klöckner am Samstag im Rahmen der "Wir haben es satt"-Demo übergeben werden. | Bild: Fabian Melber/www.wir-haben-es-satt.de

Wer viel Fläche hat, braucht mehr Geld zur Bewirtschaftung der Fläche als jemand, der nur wenig Fläche hat. Das klingt eigentlich logisch.

Das stimmt natürlich nicht immer und oft auch gar nicht, wenn man sich zum Beispiel große Weideflächen anguckt, wo viel Vieh draufsteht. Dann braucht man dafür nicht dieselben Ressourcen.

Wichtig ist, dass anerkannt wird, was geleistet wird - also zum Beispiel Klimaschutz und Umweltschutzmaßnahmen. In diesem Fall ist Entschädigung richtig. Aber einfach pauschal Zahlungen auf Fläche ist unfair.

Sie fordern für die nächste Förderperiode eine andere Verteilung der EU-Agrargelder nach dem Prinzip: öffentliches Geld für öffentliche Leistungen. Was bedeutet das konkret?

Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Anbau - von Gemüse- bis Ackerbau und Tierhaltung. Dabei gibt es unterschiedliche Schwierigkeiten, zum Beispiel müssen Klimaschutzmaßnahmen in der Tierhaltung umgesetzt werden. Wir fordern, dass anstatt Pauschalzahlungen pro Fläche, Bauern Anerkennung bekommen, wenn sie was leisten, was uns im Umwelt- und Klimaschutz oder auch in der Tierhaltung weiterbringt.

Ist für Sie Bio automatisch gut und konventionelle Landwirtschaft immer böse?

Nein, bei uns sind sowohl konventionelle Bauern als auch Biobauern engagiert. Wichtig ist, dass sie nachhaltig wirtschaften. Das muss nicht immer Bio sein. Deswegen stehen wir für eine ökologischere, also eine an die Umwelt angepasste Landwirtschaft, die tier- und klimagerecht ist.

Am Freitag eröffnet die Grüne Woche, am Samstag findet die "Wir haben es satt"- Demo statt. Jedes Jahr der gleiche Ablauf. Glauben Sie, damit noch etwas erreichen zu können?

Wir haben schon ganz viel erreicht. Noch nie war die Unterstützung auf der Straße für eine Agrarwende und für eine bäuerliche Landwirtschaft so groß, die auch klimaschonend voranschreitet. Auch im Pestizidausschluss haben wir einiges erreicht, was die internationalen Handelsabkommen angeht.

Aber man muss immer dranbleiben. Die CDU bewegt sich nicht voran. Frau Klöckner [CDU-Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Anm.d.Red.] bewegt sich nicht voran. Wir brauchen eine Agrarwende. In Europa wird jetzt die Politik verändert. Wenn sich jetzt nicht was ändert, kriegen wir auch den Klimaschutz nicht geregelt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Saskia Richartz führten Tom Böttcher und Marco Seiffert für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag nachhören.

Infos im Netz

"Wir haben es satt"-Demo in Berlin

Auftakt ist am 19. Januar um 12 Uhr mit einer Kundgebung am Brandenburger Tor. Anschließend zieht die Demonstration über die Behrenstraße zum Ort der Agrarministerkonferenz im Auswärtigen Amt. Von dort geht es über Unter den Linden mit einem Bogen um das Brandenburger Tor zur Straße des 17. Juni.#

Der Abschluss ist dort für etwa 14.30 Uhr geplant.

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Antwort auf [Rindvieh] vom 16.01.2019 um 19:51
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5 Kommentare

  1. 5.

    https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/studie-oekolandbau-schlecht-fuer-klima-550610?utm_source=landlive&utm_medium=cpc&utm_campaign=landwirt
    Agrarwende?
    Wohin denn bitte ?
    Nicht mit Bio in die falsche Richtung !

  2. 4.

    Na dann sollten doch konsequenterweise die Typen, die da demonstrieren, auch nicht mehr mittels konventioneller Landwirtschaft ernährt werden. Die können sich doch ihr Zeug selber anbauen.

  3. 3.

    Die Agrarwende kann nur in Kombination mit einer Änderung unseres Essverhaltens einhergehen. Selbstverständlich werden nachhaltig und ökologisch hergestellte Erzeugnisse teurer sein. Das ist auch gut so, denn Landwirte sollen auch wieder von ihrer Arbeit leben können und im besten Fall auch neue Arbeitsplätze schaffen. Ein Kotelett in der Woche genügt und die eigene Gesundheit wird es einem danken. Wir brauchen die Agrarwende jetzt!

  4. 2.

    .. geht man davon aus, dass Fleisch auch Tierfreundlich hergestellt ,artgerecht, ist das für Menschen,die sich kein teures Fleisch leisten können wie eine Enteignung,dass kann keine Politik wollen..wozu Tierschutz?

  5. 1.

    Es ist im letzten Spiegel ein sehr interessanter Artikel zu Frau Klöckner drin. Man möchte einfach nur heulen.
    Diese Agrarlobby ist wie eine Art Mafia.

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