16.01.2019, Berlin: Ein Kälbchen streckt bei der Internationalen Grünen Woche 2019 die Zunge nach einem Strohhalm aus (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Audio: radioBerlin 88,8 | 17.01.2019 | Silke Mehring | Bild: dpa/Christoph Soeder

Grüne Woche in Berlin - Wenn die Bauernhofromantik auf die Wirklichkeit trifft

Bei der Grünen Woche können Besucher exotische Leckereien kosten und Kälbchen streicheln - im Hintergrund geht es aber ums harte Geschäft. Verteilungskämpfe um EU-Geld und Einbußen durch den Klimawandel sorgen am Rand der Messe für Protest. Von Johannes Frewel

Vierbeiner, exotische Früchte und Leckereien aus aller Welt - die Grüne Woche wird ab Freitag nicht nur Vertreter der Agrarbranche, sondern auch zahlreiche Berliner und Brandenburger auf das Messegelände unter dem Berliner Funkturm locken. Für Fachbesucher dreht sich bei der  Weltleitmesse der Branche alles um wirtschaftliche Themen, wie etwa die Reform der EU-Agrarsubventionen oder die Folgen des Brexit. Besucher erwarten in den zehn Messetagen hingegen vor allem eine kulinarische Weltreise, regionale Spezialitäten, Bauernhof-Atmosphäre und einen ersten grünen Gruß des nächsten Frühlings in der Blumenhalle.

Partnerland Finnland präsentiert Rum- und Whiskey-Eis

Partnerland 2019 ist das nordeuropäische Finnland, das mit 5,5 Millionen kaum so viele Einwohner zählt wie Berlin und Brandenburg gemeinsam. Finnen machen im Ausland vor allem durch ihre Alkohol-Schnäppchen-Hamsterkäufe Schlagzeilen.

Auch auf der Grünen Woche kommen Aussteller direkt zur Sache und präsentieren etwa Speiseeis in Geschmacksrichtungen wie Honig-Rum oder Whiskey-Kaffee, arktische Moltebeeren in Spirituosen oder Roggen-Gin. Besucher können in Halle 10.2 auch herzhafte Snacks wie Chips aus Rentierfleisch, Flammlachs oder süße Dinkellakritze probieren.

Brandenburg: Blasmusik, Linsenbrot und "Brüllender Bock"

Fühlen, riechen, schmecken: Die Agrarmesse gilt auch als großer Testmarkt für die Land- und Ernährungswirtschaft. 1.700 Aussteller aus mehr als 60 Ländern werben um die Aufmerksamkeit der Verbraucher und den Gaumen von insgesamt etwa 400.000 erwarteten zahlungsbereiten Besuchern.

Sehr präsent sind Aussteller aus Brandenburg in Halle 21A. Die Berufsbläser des Landespolizeiorchesters liefern die rhythmische Geräuschkulisse für Craft-Bier aus Brennnessel und Holunder, wie für alkoholhaltiges Schafgarben-Gebräu mit dem marketingkräftigen Namen "Brüllender Bock". Linsenbrot mit frisch geriebenen Äpfeln, Alkoholisches in Likörform oder Bio-Saisonjoghurts zeigen einen Ausschnitt der breiten Produktpalette der märkischen Land- und Ernährungswirtschaft.

Grüne Woche - eine Scheinwelt

Die Grüne Woche ist eine Scheinwelt in temporären Kulissen, in der Besucher etwa Schweinen real und teils bereits auch in virtuellen Installationen über die Borsten streichen können. Tiere in blitzsauberen kuscheligen Strohbuchten, krachlederne Bierseligkeit und rustikale Bauernhofromantik haben mit der Wirklichkeit der Agrarindustrie, die täglich Lebensmittel für Millionen Verbraucher produziert, wenig zu tun. Am Rande der Grünen Woche treffen Scheinwelt und Wirklichkeit hart aufeinander.

Bauernproteste: "Wir haben es satt"

Öko-Bauern werden am Sonnabend mit einer Traktor-Demo durch die Berliner Mitte ziehen und vor dem Brandenburger Tor unter dem Motto "Wir haben es satt" lautstark deutlich machen, was sie über Massentierhaltung und konventionelle Landwirtschaft denken. Bauern gehören zwar wie im vorigen Sommer einerseits zu den größten Verlierern des Klimawandels, treiben aber andererseits den Klimawandel mit den Begleiterscheinungen industrieller Landwirtschaft kräftig voran. Öko-Bauern fordern deshalb, dass EU-Agrarsubventionen künftig an umweltschonendes Wirtschaften geknüpft werden und so Steuerungswirkung erhalten sollen. Weil heute etwa 80 Prozent der EU-Agrarförderung in nur 20 Prozent der Betriebe fließt, ist deren Lobbywiderstand gegen Reformen erheblich.

Bäuerliche Finanznot - und ein Spitzen-Weinjahr

Dürre und Hitze des vergangenen Sommers haben zahlreiche Höfe durch Ernteausfälle in akute Finanznot gestürzt. Allerdings gibt es auch Gewinner: Weinbauern lassen vor allem beim Rotwein die Korken knallen. Es ist selten, dass Agrarlobbyisten und Klimaforscher einer Meinung sind - der Weinjahrgang 2018 macht die Ausnahme. "Es war ein hervorragendes Weinjahr", schwärmt Bauernpräsident Joachim Rukwied, "Mengen und Top-Qualität - da wartet ein Spitzenjahrgang auf uns". Klimaforscher Benjamin Bodirsky vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung stammt selbst aus einer Weinregion und urteilt über den heißen und trocknen Sommer, "für Landwirte war es eher negativ, aber für den Wein war es tatsächlich kein so schlechter Sommer". Verbraucher müssen sich allerdings gedulden: Der junge Jahrgang 2018 braucht im Fass noch seine Zeit.

Service

Die Grüne Woche ist vom 18. bis 27. Januar für Fach- und Privatbesucher täglich von 10 bis 18 Uhr, am "Langen Freitag" (25.1.) von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Die Tageskarte kostet 15 Euro, Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt. Ermäßigte Karten für Schüler und Studenten kosten zehn Euro. Von Montag bis Freitag gibt es die Happy Hour-Karte täglich ab 14 Uhr für zehn Euro und die Familienkarte (max. 2 Erwachsene und max. 3 Kinder bis 14 Jahre) für 31 Euro. Das Sonntagsticket (20. oder 27.1.) kostet zwölf Euro (gilt nur an einem der beiden Sonntage). Die Grüne Woche-Dauerkarte ist für 42 Euro erhältlich.

Alle Infos zur Onlinebuchung von Eintrittskarten unter www.gruenewoche.de/FuerBesucher/Tickets/.

Beitrag von Johannes Frewel

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