Schiedemeisterin Sawitzki in Berlin (Bild: dpa/Kitty Kleist-Heinrich)
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Audio: Inforadio | 30.03.2020 | Jürgen Wittke im Interview | Bild: dpa/Kitty Kleist-Heinrich

Branche fordert schnelleres Handeln - "Bei vielen Berliner Handwerksbetrieben brennt die Hütte"

Viele Handwerksbetriebe dürfen weiter arbeiten - und trotzdem sind auch sie von der Corona-Krise stark betroffen. Die Berliner Handwerkskammer beklagt Bremsklötze in manchen Behörden. Und fordert schnelle finanzielle Hilfe.

Was Sie jetzt wissen müssen

Die Corona-Pandemie trifft auch das Berliner Handwerk ins Mark. In der Breite gebe es keinen Betrieb, der keine Einbußen hinnehmen müsse, sagte der Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, Jürgen Wittke, am Montag im Inforadio des rbb. Betriebe aus den Bereichen der Kosmetik und des Friseurhandwerks seien ganz geschlossen. Aber auch Handwerker, die weiter arbeiten dürften, seinen betroffen, so Wittke. "In einer bundesweiten Umfrage klagen drei Viertel der Handwerksbetriebe über Umsatzrückgänge, über die Hälfte verzeichnet Stornierungen größerer Aufträge, einem Drittel der Betriebe fehlt Personal wegen eigener Quarantäne oder Kinderbetreuung", so Wittke.

Infobox: Umfrage zu Handwerksbetrieben

Der Umsatz der Handwerksbetriebe in Deutschland ist wegen der Corona-Pandemie im Schnitt um gut 50 Prozent eingebrochen. In einer Umfrage des Zentralverbands ZDH unter 4.900 Unternehmen diese Woche gaben 77 Prozent der Betriebe Umsatzrückgänge an, 55 Prozent berichteten von stornierten Aufträgen und 36 Prozent von fehlendem Personal, weil etwa Beschäftigte wegen eigener Quarantäne oder fehlender Kinderbetreuung nicht zur Arbeit erscheinen können.

In der Umfrage gaben 16 Prozent der Befragten an, dass ihr Betrieb wegen behördlicher Vorgaben geschlossen wurde. Die Quote der stornierten Aufträge liege bei 45 Prozent. 58 Prozent der Betriebe planen den Angaben zufolge Kurzarbeit. Für elf Prozent ist die Kündigung von Mitarbeitern vorstellbar und für 18 Prozent die vorübergehende Schließung des eigenen Betriebs.

Genehmigungen für Baugerüste dauern zu lange

Hinzu komme, dass die Berliner Genehmigungsbehörden zu langsam seien: “Manche unserer Mitgliedsbetriebe teilen uns mit, dass sie erst Anfang Mai Genehmigungen für Gerüste auf Gehwegen erhalten“, so Wittke. Diese müssten jetzt viel schneller erteilt und auch per Internet beantragt werden können, fordert Wittke. Es könne nicht sein, dass Betriebe für Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragen müssten, die eigentlich arbeiten könnten. "Wir haben nicht die Zeit für die sechste Stelle hinter dem Komma und jede Einzelbestimmung", so der Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer. Seiner Organisation gehören mehr als 30.000 Betriebe in der Hauptstadt an.

Wittke: Mit Betrügern besser später befassen

Schnelligkeit sei nun auch bei der Bewältigung der finanziellen Probleme gefragt. "Unter unseren Mitgliedern ist die Angst groß, bei den Anträgen auf Soforthilfe hinten runter zu fallen. Entscheidend ist, dass hier jeder zum Zug kommt, der berechtigt ist. Es muss schnell gehen, in vielen Betrieben brennt die Hütte", so Wittke.

Die Gelder müssten möglichst schnell ausgezahlt werden - selbst wenn es dadurch zu Betrug komme. Dieses Risiko müsse man jetzt wohl eingehen, sagte Wittke: "Natürlich muss man sich Betrüger vornehmen und wegen Subventionsbetrugs anklagen. Wenn man jetzt aber den Prüfprozess so klein und engmaschig macht, damit kein Betrüger mehr eine Chance hat, dann dauert das für alle anderen sehr lange", mahnt Wittke. Zunächst müssten die drängendsten Probleme gelöst werden, "mit den Betrügern befassen wir uns später, wenn wir Zeit zum Luftholen haben", meint Wittke.

Die Investitionsbank Berlin hat nach eigenen Angaben bei Anträgen auf Soforthilfen eine Reihe mutmaßlicher Betrugsversuche festgestellt. Um wie viele Fälle es sich handle, sei noch unklar. Seit Freitag können kleine Firmen, Freiberufler und Solo-Selbständige einen Zuschuss von bis zu 5.000 Euro als Soforthilfe beantragen. Die ersten Gelder sollen am Montag ausgezahlt werden. Das Soforthilfeprogramm für Darlehen an kleine Firmen mit bis zu 250 Mitarbeitern liegt allerdings derzeit auf Eis. Hier ist der bislang verfügbare Kreditrahmen schon jetzt ausgefüllt.

Sendung: Inforadio, 30.03.2020, 7:05 Uhr

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15 Kommentare

  1. 15.

    Schön, dass Sie derzeit noch genügend Aufträge haben. Seien Ihnen alle Aufträge gegönnt und den Kunden die Ausführung wirklich relevanter Instandsetzung etc. ABER: BITTE führen Sie derzeit keine nicht lebensnotwendige Tätigkeiten IN EINRICHTUNGEN aus, Seniorenheime, -WG, Obdachlosenunterbringungen, Flüchtlingsheime etc ... WIR ALLE BLEIBEN FREIWILLIG zu Hause - aber nicht, damit uns durch (nicht lebensnotwendige) Malerarbeiten, Baumaßnahmen, etc. das Corona INS HAUS gebracht wird. Handwerker, Bauarbeiter sieht man derzeit zuhauf in Gruppen bis zu 10 Leuten herumstehen für Kaffeepausen (Zigaretten-), Besprechungen etc.... Sie gefährden mit Ihren IN EINRICHTUNGEN erfolgenden Arbeiten das Menschenleben VIELER ... denn wo Corona erstmal in einer Einrichtung um sich greift, ist KEINER MEHR SICHER, egal, wie er sich SELBST verhalten hat. VIELEN DANK!

  2. 14.

    Genau so ist es. Wenn bei einer Automobilwerkstatt der Stundenlohn von 80-100 Euro angegeben wird ist das völlig in Ordnung, weil die Leute ja ein funktionierendes Fahrzeug haben wollen. Aber wehe der Handwerker nimmt die Stunde 45 Euro da wird rumgejammert und gestöhnt. Naja, da der Nachwuchs nicht mehr gewillt ist sich die Hände schmutzig zu machen, und lieber Startup Unternehmer oder Supermodel werden möchten, wird sich die momentane Lage auf dem Bau auf lange Zeit nicht bessern.

  3. 13.

    Das Schöne ist,dass man zur Zeit gut sieht,wie wichtig Konsum/Nachfrage für die Wirtschaft ist. Das spricht dann auch für steigende Löhne.

    Manche Experten wollen den Leuten ja eintrichtern,dass nur Investitionen das einzig Wahre wären.

  4. 12.

    Achso,
    jahrelang dürfen Handwerker zu Niedriglöhnen arbeiten und wenn dann endlich mal die Preise der tatsächlichen Marktsituation angepasst werden wird gemeckert.
    Hier gilt und galt doch seit Jahren auch nur
    "Geiz ist Geil".
    Alles billig von irgendwelchen armen Schweinen
    aus Osteuropa machen lassen, die Leute ausbeuten und selber aber rumprotzen.
    Wie sollen wir unsere Jugend vernünftig ausbilden und entlohnen, wenn Alle jedes Jahr mehr bekommen, nur das Handwerk darf vor sich hindümpeln.
    Für überteuerte Autos, jegliche Luxusartikel, ständig neue Klamotten etc.
    ist die Kohle da, nur Die die sich täglich für Andere dreckig machen dürfen nichts kosten.

  5. 11.

    Und das die Preise vorher ewig nicht gestiegen sind haben Sie auch mitbekommen? Und das die Mitarbeiter wegen des Fachkräftemangels mehr Lohn bekommen?

  6. 10.

    Das bedingungslose Grundeinkommen sollte sehr wohl an eine Bedingungen geknüpft sein: nämlich zu arbeiten. Sollte man dies nicht für notwendig erachten, obwohl man dazu in der Lage wäre, sollte man auch nicht dafür com Staat subventioniert werden.

  7. 9.

    Die Preis von Handwerkern sind ok, sie dürfen sie nur nicht mit billigen osteuropäischen Arbeitern vergleichen.

  8. 8.

    Durch den Bauboom und der Marktregulation von Angebot und Nachfrage sind die Kosten für Handwerksleistung (Bau und Nebengewerbe) in den letzten Jahren überproportional gestiegen. Auch mein Sanitätinstallateur meinte wegen der Treibstoffpreise und den Maßnahmen zum Klimaschutz die Preise jüngst wieder anzuheben. Treibstoff ist aber aktuell günstig wie noch nie führt aber nicht zur Preisabsenkung. Ich meine die aktuelle Situation führt Marktbereinigung und wierder zur Preisnormalisierung.

  9. 7.

    Viele Handwerker haben die Preise angehoben weil sie vorher zu niedrig waren. Löhne und Kosten sind gestiegen, Sprit wird auch nicht billiger. Oder arbeiten Sie umsonst?

  10. 5.

    Warum gibt es soviele Menschen, die gerne Beleidigungen („Gejammer“) in die Welt setzen? Ist Corona nicht schon schlimm genug? Die geistigen Brandstifter aller Art (Trolle, AfD, Bild-Zeitung, Facebook, ..) sind die eigentliche Gefahr für unser Land.

  11. 4.

    Ich habe jetzt für 2 kleinere Aufträge ewig keine Bauarbeiter bekommen und wenn dann nur unter horrenden, inakzeptablen Preisforderungen. Durch den Immobilienboom haben Handwerker die Preise in den letzten Jahren extrem angehoben. Daher ist es nur gerecht, wenn die abgehobenen Vorstellungen wieder auf ein Normalmaß zurückkehren (müssen)

  12. 3.

    Die Handwerker sollten aufhören mit dem Gejammer. Sie haben doch volle Auftragsbücher.

  13. 2.

    Keine hilfen vom staat wie versprochen, unsere Frauen im Gesundheitsdienst schon jetzt am limit am 03.04.2020 um 18.00uhr vor dem Reichstag . Trotz kontaktverbot

  14. 1.

    Statt Subventionen für (vielleicht gar nicht existierende) Unternehmen sollte es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben das an die Meldung im Einwohnermeldeamt geknüpft ist.

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