Symbolbild - Eine Frau arbeitet mit Mundschutz in einem Büro (Bild: imago-images/Sabine Gudath)
Audio: Inforadio | 20.04.2020 | Franziska Ritter | Bild: imago-images/Sabine Gudath

Gewinner und Verlierer der Gründerszene - Berliner Startups kämpfen sich durch die Corona-Krise

Die Corona-Krise hat die Gründerszene erwischt. Einige Startups profitieren von der Situation, andere kämpfen ums Überleben und warten dringend auf die vom Bund versprochenen zwei Milliarden Euro an Fördergeldern. Von Franziska Ritter

Stephan Bayer läuft durch die Firmenräume von Sofatutor, in denen normalerweise sein Team arbeitet. Das Friedrichshainer Büro des Startups steht seit Wochen leer. "Ich bin jeden zweiten Tag im Büro, um die Post abzuholen und nach dem Rechten zu schauen", sagt der 37-jährige.

Als sich abzeichnete, dass die Corona-Pandemie Deutschland erreicht, reagierte der Firmengründer sofort und schickte seine 120 Mitarbeiter ins Home-Office. Seitdem wird von zuhause gearbeitet. Das Team von Sofatutor hat alle Hände voll zu tun, denn die Lernplattform für Schüler erlebte in den vergangenen Wochen einen enormen Ansturm.

Stephan Bayer (Quelle: Sofatutor)
Stephan Bayer, Firmenchef von Sofatutor | Bild: Sofatutor

Zugriffszahlen nach oben geschossen

Die Zahl der registrierten Nutzer hat sich seit Ausbruch der Pandemie mehr als vervierfacht. Um die anderthalb Millionen Schüler tummeln sich inzwischen Woche für Woche auf dem Portal. Sie schauen sich Erklärvideos an, machen interaktive Übungen oder chatten mit Lehrern.

Noch rasanter ist die Zahl der Schulen gewachsen, die Sofatutor nutzen. Inzwischen sind es mehr als 5.000, freut sich der Firmengründer. "Es fühlt sich an manchen Tagen so an, als hätte ich die letzten zwölf Jahre nur für diesen Moment gearbeitet. Plötzlich schauen alle Augen auf das, was wir aufgebaut haben. Das gibt uns wahnsinnig viel Energie."

Eine Krise, wie wir sie noch nie erlebt haben

Sofatutor, längst den Gründertagen entwachsen, ist ein Gewinner der Corona-Krise. Andere Startups leiden unter der Situation. GetYourGuide zum Beispiel: Die Onlineplattform vermittelt Tickets für Reisetouren und Museumsbesuche in aller Welt; Anfang des Jahres vermeldete das Unternehmen noch enorme Wachstumszahlen. Die aber liegen inzwischen bei null. "Wir erleben eine Krise der Reisebranche, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben", sagt Firmengründer Tao Tao.

Das Unternehmen, das in Berlin gut 500 Mitarbeiter beschäftigt, hat Teile seines Teams in Kurzarbeit geschickt. Alle im Unternehmen schnallen den Gürtel enger: Die Firmengründer verzichten freiwillig auf 50 Prozent ihres Gehalts, die oberste Management-Ebene auf 30 Prozent. "Wir glauben, dass es ein morgen nach der Krise gibt und dann brauchen wir wieder ein schlagkräftiges Team, das an einem Strang zieht, um die Erholungsphase mitzugestalten", so der Firmenchef.

Tao Tao (Quelle: GetYourGuide)Tao Tao, Firmenchef von GetYourGuide

Startups brauchen Kapital

Glück für Getyourguide: Finanziell steht das Unternehmen gut da. Im vergangenen Jahr hat es eine Rekordfinanzierung über 400 Millionen Euro abgeschlossen, was Tao Tao und seinem Team jetzt Luft verschafft. Vielen Startups, die noch ganz am Anfang stehen und kein finanzielles Polster haben, geht es anders. Sie kämpfen um ihre Existenz. Normalerweise bekommen sie keine Kredite von der Bank, sind auf Kapital von Investoren angewiesen.

Der Bundesverband Deutsche Startups hat vor kurzem über 1.000 junge Unternehmen gefragt, wie die Corona-Krise ihre laufenden Geschäfte beeinträchtigt. Neun von zehn sind demnach negativ von der Corona-Krise betroffen, sieben bangen um ihr Überleben. Viele bräuchten in den kommenden zwei Monaten frisches Kapital, sonst gingen sie pleite.

Warten auf die Fördergelder

Um zukunftsträchtige Startups gezielt zu unterstützen, hat die Bundesregierung einen Hilfsfonds angekündigt. Zwei Milliarden Euro will sie nach Angaben des Finanz- und Wirtschaftsministeriums für die Gründerszene bereitstellen. Vom Prinzip geht es darum, Investitionen von Risikokapitalgebern mit Fördergeldern aufzustocken, die über staatliche Institutionen wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragt werden können. Ab wann die Gelder beantragt werden können, ist noch offen.

Mitul Jain könnte zu den Firmengründern gehören, die von den versprochenen Geldern profitieren. Anfang dieses Jahres erst hat der gebürtige Inder gemeinsam mit zwei Geschäftspartnern ein Startup gegründet. Leaf, so der Name des Startups, bietet digitale Kassenbons für den Einzelhandel an und wollte dieser Tage groß starten. Doch dann kam alles anders. "Viele unserer Kunden, mit denen wir schon in der Pilotphase zusammengearbeitet haben, kämpfen gerade um ihre Existenz", sagt er.

Kapitalgeber zum Investieren ermutigen

Die Firmengründer waren gerade dabei, eine erste Finanzierungsrunde abzuschließen und Mitarbeiter einzustellen. Doch die Business Angels, die das Unternehmen finanziell unterstützen wollten, haben ihre Investitionen angesichts der Krise auf Eis gelegt. Gäbe es schnell und unkompliziert Fördergelder vom Staat, könnte das Risikokapitalgeber zum Investieren ermutigen, so der Gedanke des Hilfsfonds.

Doch natürlich muss verhindert werden, dass öffentliche Mittel an Startups fließen, die auch ohne Corona-Krise nicht überlebensfähig wären, betont David Hanf vom Bundesverband Deutsche Startups. "Deswegen ist es ein wichtiges Signal, dass bestehende Investoren vorangehen. So kann man darauf vertrauen, dass nur Startups weiterfinanziert werden, die es auch wert sind durch die Krise gebracht zu werden", sagt der stellvertretende Verbandspräsident.

"Wir lieben Herausforderungen"

Den Gründern von Leaf bleibt derweil nichts anderes übrig als abzuwarten. Um das Beste aus der Situation zu machen, haben die Firmengründer kurzerhand einen neuen Dienst ins Leben gerufen: Stammi - eine Onlineplattform, über die jeder sein Lieblingsgeschäft mit Gutscheinen unterstützen kann. In nur vier Tagen haben sie die Website aufgebaut, kurz darauf einen Sponsor für das Portal gefunden.

Geld verdienen die Ideengeber mit dem Portal nicht, dafür bleiben sie mit Händlern in Kontakt. Die Firmengründer halten sich finanziell mit einem Startup-Stipendium über Wasser. "Die aktuelle Situation ist eine Herausforderung", sagt Mitul Jain, "aber irgendwie macht es auch Spaß. Als Gründer wollen wir ja neue Wege gehen."

Was Sie jetzt wissen müssen

Sendung: Inforadio, 20.04.2020, 19:44 Uhr

Beitrag von Franziska Ritter

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