Walid (Quelle: rbb/Johannes Paetzold)
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Gastronomie wieder offen - "Dieser Neubeginn ist so wichtig für die Seele"

Sehnsüchtig haben viele darauf gewartet, wieder in ihrem Lieblingsrestaurant essen zu können. Seit Freitag ist das wieder möglich, wenn auch mit Auflagen. Wie erfolgreich war der Neustart? Johannes Paetzold hat die Stimmung in drei Restaurants eingefangen.

Walid Abawi begrüßt in seiner "Speisemeisterei" in Berlin-Prenzlauer Berg persönlich jeden Gast an der Tür seines Restaurants. Jeder bekommt noch am Eingang Desinfektionsmittel auf die Hände gesprüht, er selbst trägt einen Mundschutz.

Seit drei Jahren betreibt Walid, wie ihn viele nennen, sein Restaurant. Mit regionaler Küche: Königsberger Klopse, Beelitzer Spargel, Sauerbraten vom Havelländer Biorind und Wiener Sommerschnitzel. Walids "Speisemeisterei", Nähe S-Bahnhof Prenzlauer Allee, ist noch immer ein Geheimtipp: klein, fein, entspannt. Nach harter Anfangszeit begann das Geschäft gerade zu florieren - und wurde durch Corona jäh gestoppt.

Walids Stammkunden haben auf den Tag der Wiedereröffnung gewartet, man lächelt sich an - und hält gleichzeitig Distanz: "Wir haben so eine Luftgitarren-Umarmung mit den Gästen entwickelt", schmunzelt Walid, Berliner mit afghanischen Wurzeln, der lange im Restaurant von Sternekoch Christian Lohse gearbeitet hat. Kurz vor dem Neustart hat Walid die Abstände zwischen den Tischen penibel gemessen, hält die 1,5 Meter Abstand ein.

"Zum Glück gab es keine No-Shows"

Zwei Stunden bekommt jeder Gast, damit Walid die Tische auch doppelt an einem Abend besetzen kann. Sein Resumee an diesem ersten Wochenende ist positiv: "Die freuen sich alle, dass sie wieder rauskommen können. Und wir, dass es wieder losgeht." Aber Restaurantbesuch zwischen Desinfektionsmittel und Mundschutz - ist das sexy? "Erstaunlicherweise ja. Die Gäste kommen noch etwas zögerlich mit Mundschutz rein, den legen sie aber am Tisch gleich ab und dann werden sie versorgt. Alles was zu beachten ist, bis hin zum Desinfizieren der Tische, wenn sie wieder gehen, dafür sorgen ja wir."

Die Plätze an diesem Abend wurden schon im Voraus gebucht: "Alle sind ganz gezielt hierher gekommen. Es gab auch keine No-Shows (Fernbleiben des Gastes trotz Buchung, Anm.d.Red.), zum Glück. Das wäre auch wirklich fatal, wir haben weniger Plätze, da müssen wir hart kalkulieren. Da appelliere ich wirklich an die Vernunft der Berlinerinnen und Berliner, dass sie uns jetzt verlässlich und tatkräftig unterstützen."

"Wir sind bei 50 oder 60 Prozent"

Die Brasserie "Lamazere" am Stuttgarter Platz ist seit Jahren beliebt weit über Charlottenburg hinaus. Am Samstag zu Gast ist unter anderem Wolfgang Ischinger, lange deutscher Botschafter in den USA. Er genießt den Kalbsrücken mit Spargel. Und freut sich über den vorsichtigen Neustart: "Jetzt sind wir vielleicht nicht bei 100 Prozent, aber wir sind bei 50 oder 60, das ist doch schon mal großartig. Und wenn wir das fortsetzen können, mit ein bisschen Vorsicht, dann haben wir doch was Großartiges erreicht. Ich genieße das total. Jetzt geht allmählich die Sonne wieder auf."

Besitzer Regis Lamazere hat eine treue Kundschaft; die Zeit vor dem Neustart hat er mit Außerhaus- Verkauf überbrückt. Immer wieder war das Ordnungsamt da, erzählt der Deutsch-Franzose. Es habe sichergehen wollen, dass es beim Abholen bleibt. Es sei klar, aber kulant miteinander verhandelt worden, so Lamazere.

Nun dürfen die Gäste also auch wieder in die Brasserie hinein. Mit den neuen Regeln kann Regis Lamazere ein Drittel der Plätze besetzen. Auch hier gilt eine Zwei-Stunden-Verweildauer: "Wir können etwas weniger kuscheln mit den Gästen. Aber wir werden das 2021 alles nachholen", schmunzelt Lamazere. Nicht nur die Gäste, auch das Personal ist glücklich, wieder hier zu sein. "Wir lieben unsere Arbeit, den Kontakt mit den Gästen, die vergangenen Wochen waren hart."

"Die Gäste sind wunderbar"

Regis Lamazere zeigt sich zuversichtlich. Das Wochenende ist gut gebucht, die Stammgäste halten ihm die Treue, jetzt mehr denn je: "Die Gäste sind wunderbar, alle zeigen Verständnis. Das ist jetzt immens wichtig. Das Lamazere ist eine Firma mit sieben Leuten. Die sind ab heute alle raus aus der Kurzarbeit, und die muss ich natürlich wieder voll bezahlen. Du hast aber nicht mehr die vollen Tische. Ich möchte hier niemanden entlassen, und ich werde auch keinen entlassen."

Im Lamazere servieren die Kellnerinnen mit Mundschutz, auch in der Küche sieht man alle in Vermummung. Regis Lamazere trägt hingegen eine Art transparenter Space-Helm, am Stirnband ist das Plexiglas befestigt: "Nach einer halben Stunde habe ich gemerkt, ich komme mit der Maske nicht klar. So ist es mir deutlich lieber. Man kann auch meinen Gesichtsausdruck mal sehen. Und das ist hier schon ziemlich wichtig."

Bini Lee vom "Kochu Karu". (Quelle: rbb/Johannes Paetzold)Bini Lee vom Kochu Karu

Begrüßung mit Spacehelm

Auch Bini Lee vom Kochu Karu an der Eberswalder Strasse begrüßt die Gäste im Spacehelm: "So können mich die Kunden sehen, wenn ich sie begrüße und mit ihnen rede, sie sehen vor allem auch meine Mimik. Wenn ich am Tisch die Bestellung aufnehmen und nur zuhören muss, dann nehme ich den Mundschutz. Wenn ich ein Gericht serviere, nahe am Gast arbeite, benutze ich beides." Auch ihr Personal ist auf die verschiedenen Situationen im Gastraum aufgeteilt, der eine Kellner bringt das Essen, der andere räumt nur ab.

Mit ihrem Lebenspartner Jose Morillo betreibt sie das Restaurant mit spanischen und koreanischen Tapas auf Fine-Dining-Niveau. Der Spanier kocht, Bini Lee leitet das Restaurant und führt es durch Corona-Zeiten. Als Südkoreanerin ist sie mit Mundschutz schon seit ihrer Kindheit und in jedem Grippewinter vertraut. Ihre Erfahrung kommt auch an diesem Abend zum Tragen: "Wir haben lustige Sachen überlegt, damit wir das Eis brechen können. Wir haben einen kleinen Stoffvogel aufgestellt, wir nennen ihn Hannelore, als Abstandshalter. Dann haben wir einen Ampelsystem für die Toiletten wie im Flugzeug, damit sich die Leute im schmalen Gang nicht zu nahe kommen."

"Wichtig für die Seele"

Neben dem À-la-carte-Geschäft führen die beiden auch den Außerhaus-Verkauf tagsüber weiter. Dafür hat Bini Lee mit Weinhändlern ein Netzwerk gebildet, bei denen man als Pick-Up-Stationen das Menü aus dem Kochu Karu abholen kann. Jetzt kommt der Restaurantbetrieb wieder dazu.

"Dieser Neubeginn ist so wichtig für die Seele", sagt Bini Lee, "aber auch sehr anstrengend." Zum Glück stimmen auch hier die Buchungen, allerdings gab es am Freitag eine No-Show, und am Samstag sagte ein Gast eine halbe Stunde vor seinem Kommen ab, ohne ein Wort der Entschuldigung. Mehr Wertschätzung erfuhr Bini Lee am ersten Abend dafür von Wirtschaftsenatorin Ramona Pop. Sie feierte den Neustart in Berlins Gastronomie nämlich im Kochu Karu.

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Beitrag von Johannes Paetzold

2 Kommentare

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  1. 2.

    Da bin ich in den Ausführungen ganz bei ihnen. Leider ist es für die kleinen Restaurants ohne Aussenbestuhlungen nicht wirtschaftlich zu öffnen, wenn man die verdünnten Sitzplätze durch die Verordnungen berücksichtigt. Mal ganz davon abgesehen das man sich auch sehr merkwürdig fühlt, wenn man das bestellte Essen mit Mundschutzmasken oder Helmen serviert bekommt. Nein Danke, für mich steht weiterhin die Option bereit das ich das Essen mitnehmen werde.

  2. 1.

    Ich wünsche den Unternehmen viel Glück bei der Umsetzung der Zwangsmaßnahmen. Ich werde unter diesem Umständen die eigene Küche und Terrasse nutzen.
    Sterile Sciencefiction Situation - Nein Danke

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