Archivbild: Zahlreiche Trecker stehen bei einer Protestaktion von Bauern auf der Straße des 17. Juni vor der Siegessäule. (Quelle: dpa/M. Skolimowska)
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Start der Grünen Woche 2020 - Zwischen Verteilungskampf und Currywurststreit

Lebensmittel sind ein Milliardengeschäft – und die Verteilungskämpfe in der Branche entsprechend hart. Interne Machtkämpfe spalten die Bauernbewegung zunehmend, vor der Grünen Woche in Berlin sind Traktorendemos angekündigt. Von Johannes Frewel

Klöße aus Thüringen, Osnabrücker Friedensschinken, Spreewaldgurken und Havelzander aus Brandenburg: Am Freitag startet in Berlin die Internationale Grüne Woche, und es dürften wieder rund 400.000 Menschen werden, die in die Messehallen unter dem Berliner Funkturm pilgern.

Doch während einfache Besucher sich kulinarisch treiben lassen, geht es hinter den Kulissen um Politik und vor allem um Big Business. Für Aussteller ist die Grüne Woche ein Testmarkt, der 2019 an den Messetagen 51 Millionen Euro Bares in die Kassen spülte. Doch das sind Peanuts im Vergleich zu den gut 2.000 Milliarden Euro, die die Branche 2019 umsetzte.

Zweitgrößter Kostenfaktor nach der Miete

Ernährungsausgaben machen nach Miete samt Mietnebenkosten den zweitgrößten Anteil der Konsumausgaben deutscher Privathaushalte aus. Etwa 160 Milliarden Euro oder 14 Prozent ihres Einkommens geben private Haushalte pro Jahr für Nahrungsmittel aus - Tendenz steigend.

Größter ausländischer Aussteller auf der Grünen Woche ist - ungeachtet politischer Zwistigkeiten - Russland. Insgesamt haben sich rund 1.800 Aussteller zur Weltleitmesse der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft angemeldet.

Gewinnspannen wie beim Drogenhandel

Das Milliardengeschäft ruft weltweit Betrüger und Fälscher auf den Plan. Olivenöl, Fisch, Biolebensmittel, Milch, Getreide, Honig, Kaffee und Tee – getrickst und getäuscht wird in großem Stil. Beispiel Olivenöl: Mit billigem Salatöl und etwas Lebensmittelfarbe locken Gewinnspannen, wie sonst nur beim Drogenhandel, rechnet Andreas Kliemant vor. Er ist Betrugsexperte des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). "Auf der Liste der zehn betrugsanfälligsten Produkte steht Olivenöl auf dem ersten Platz", so Kliemant. 

Weiteres Problem sind Preisabsprachen bei Lebensmitteln. Marktwächter vom Bundeskartellamt kamen etwa Wurst-, Gummibärchen-, Zucker- oder Bierkartellen auf die Spur. Das Bundeskartellamt kann mitunter nur bedauernd die Schultern heben, wenn Betrüger durch Gesetzeslücken schlüpfen oder aber die Marktwächter schlicht zu spät kommen, weil Verjährungsfristen eingetreten sind.

Machtkämpfe in der Bauernbewegung

Jahrzehntelang war der Deutsche Bauernverband wirkmächtiges Sprachrohr und vernehmliche Lobby der Branche. Doch inzwischen gelingt es dem Bauernverband immer weniger, die schärfer werdenden Interessenkonkurrenzen seiner Mitglieder im Verteilungskampf zu moderieren und zusammenzubinden. Schon seit Jahren veranstalten vor allem Öko-Bauern am Samstag nach dem Messe-Eröffnungstag die Demo "Wir haben es satt". Dort fordern sie Reformen in der von der konventionellen Landwirtschaft dominierten Branche ein.

Radikalisierung und Zersplitterung

Inzwischen nimmt die Zersplitterung der Bauernbewegung weiter zu. Angesichts von Reformplänen der EU und der Bundesregierung, etwa den Düngemitteleinsatz zu begrenzen oder bestimmte Umsatzsteuerprivilegien neu zu ordnen, entstehen im konventionellen Agrarsektor immer lautstärker und radikaler vorgetragene Partikularinteressen.

Vertreter von Landwirten hatten bereits zum Jahresende Berlins Straßen stundenlang mit Traktoren blockiert und etwa Umweltministerin Svenja Schulze niedergeschrien. Inzwischen hat sich die Bauern-Protestbewegung "Land schafft Verbindung" (LsV) gespalten. Der radikaler auftretende Flügel "Land schafft Verbindung - Deutschland" (LsVD) weist Forderungen etwa nach weniger Düngemitteln und weiteren Reformen strikt zurück. Für Freitag ist eine Traktoren-Sternfahrt zum Brandenburger Tor angekündigt.

Ökobauern, Klima- und Tierschützer rufen wiederum am Samstag unter dem Motto "Wir haben es satt" ebenfalls zu einer Sternfahrt auf.

Wer hat bei der Currywurst die Nase vorn?

Auf der Messe selbst wiederum wird ein anderer Kampf ausgefochten: Nordrhein-Westfalen hat angekündigt, die "echte" Currywurst aufs Berliner Messegelände zu bringen – und Berlin damit den Anspruch als leckerste Heimat der Currywurst streitig zu machen. Bei etwa 800 Millionen Currywürsten, die jährlich durch die Mägen wandern, geht es um die fettgeschwängerte Lufthoheit in ungezählten Brutzelbuden.

Fisch aus Sibirien

Wem bei dieser Art Wettbewerb der Bissen im Hals stecken bleibt, für den gibt es reichhaltige kulinarische Alternativen. Afrikanische Aussteller präsentieren getrocknete Hibiskusblüten, Affenbrotbaumnuss oder Rote Zebra Bohnen. Russland lockt mit Hochprozentigem und etwa sibirischen Fischspezialitäten in Halle 2.2. Italien bietet das volle Programm des mediterranen Geschmacks. Grüne-Woche-Partnerland Kroatien offeriert in Berlin das, was Urlauber an der Adria kennen und lieben lernten: Wein, Oliven, Fisch- und Käsespezialitäten.

Beitrag von Johannes Frewel

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3 Kommentare

  1. 2.

    Ökolandbau wird die Weltbevölkerung nicht ernähren können. Also mehr Realismus bitte.
    Und den Arm der einen ernährt, sollte man nicht...

  2. 1.

    Als Verbraucher fordere ich eine Umlage von Pestizid-Bauern um die Umwelt und Gesundheitsschäden dieser Landwirtschaft zu beseitigen! Und ein Verbot diese Umlage auf die Preise aufzuschlagen.

    Verursacherprinzip.

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