Blick auf Kirche mit Pfarrhaus und Solarmodulen in Atterwasch im Brandenburger Landkreis Spree-Neiße (Quelle: imago/Christian Mang)
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Bürokratie extrem in Atterwasch - Die Solaranlage muss weg

Der Denkmalschutz ist den Behörden heilig - das hätte auch die Kirchengemeinde von Atterwasch wissen müssen. Stattdessen ließ sie auf dem Pfarrhaus eine Photovoltaik-Anlage errichten, als Zeichen gegen die Braunkohle. Dem Landkreis ist das egal: Die Anlage muss weg - selbst, wenn die Kohlebagger näher rücken.

Was sich in der kleinen Gemeinde Atterwasch abspielt, grenzt schon an absurdes Theater. Wie rbb|24 bereits berichtete, ließ die Kirchengemeinde des kleinen Lausitz-Dorfes im Jahr 2013 eine Photovoltaik-Anlage errichten, und zwar auf dem Dach des denkmalgeschützten Pfarrhauses. Dem Landkreis Spree-Neiße war das ein Dorn im Auge. Im Herbst 2015 verlangte die Behörde den Rückbau, spätestens bis zum 31. Mai, und drohte zuletzt sogar ein Zwangsgeld in Höhe von 3.000 Euro an. Das war der Gemeinde dann doch zuviel.

"Die angedrohte Strafe war so drastisch, dass wir uns entschieden haben, den Schaden von der Gemeinde abzuwenden und die Solaranlage auf einem anderen, nicht denkmalgeschützten Gebäude zu installieren", sagte Johannes Fritzschka vom Gemeindekirchenrat dem Evangelischen Pressedienst am Donnerstag. Damit geht ein monatelanger Streit zu Ende, der in Brandenburg seinesgleichen sucht.

Ab 2025 droht 900 Menschen die Abbaggerung

Zwar war den Atterwaschern klar, dass sie gegen geltendes Recht verstießen - aber was ist schon ein Verstoß gegen den Denkmalschutz im Vergleich zu den Plänen von Vattenfall? In wenigen Jahren will der Energiekonzern gleich das ganze Dorf abbaggern, nebst den Ortschaften Grabko und Kerkwitz - denn die drei Dörfer haben nun mal das Pech, mitten im Braunkohlerevier zu liegen, auf reichhaltigen Vorkommen, die ab 2025 ausgekohlt werden sollen - im Rahmen des neuen Tagebaus Jänschwalde-Nord.

Dabei könnte man in der Lausitz Strom doch genauso gut auch aus Sonnenenergie gewinnen, dachte seinerzeit der Gemeindekirchenrat. Dann würden zwar ein paar Häuser verschandelt, aber die 900 Menschen könnten bleiben. Doch falsch gedacht: Dem Landkreis Oder-Spree liegt der Denkmalschutz nun mal sehr am Herzen - und dass das Pfarrhaus nach derzeitiger Planung später sowieso der Braunkohle anheim fallen wird, betrachet die Behörde dabei mit Gleichmut. "Auch Atterwasch ist vorgesehen für eine Devastierung", sagt Olaf Lalk vom Landkreis und ergänzt "Devastierung heißt, dass der Ort zurückgebaut wird."

Christen wehren sich gegen "Raubbau an der Heimat"

Die Kirchengemeinde hat nun zwar nachgegeben, nicht aber ohne zuvor einen offenen Brief an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Landrat Harald Altekrüger (CDU) zu schreiben. Die Entscheidung des Gemeindekirchenrates zum Bau der Anlage sei ganz bewusst im Sinne christlicher Werte für die Erhaltung der Schöpfung getroffen worden, heißt es darin. "Jeden Tag fressen sich riesige Kohlebagger durch unsere Lausitz und zerstören über Jahrzehnte hinaus Natur, Zukunft und Perspektiven. Wir wären keine Christen, wenn wir diesem Raubbau an unserer Heimat tatenlos zusehen würden."

Was die gläubigen Protestanten besonders stört: Seitdem die Bundeskanzlerin im Jahr 2011 die Energiewende ausgerufen hat, seien die Voraussetzungen für den Tagebau Jänschwalde-Nord nicht mehr erfüllt. Doch die Landesregierung weigere sich, das Braunkohlenplanverfahren einzustellen - "obwohl die energiepolitische Begründung der Planung seit 2011 nicht mehr nachvollziehbar ist".

Inzwischen ist auch die NRD-Sendung "extra 3" auf das kleine Dorf im Braunkohle-Revier aufmerksam geworden. Am Mittwochabend zeigte das Satire-Magazin einen Beitrag zum Konflikt zwischen den unbeugsamen Bürgern und dem Landkreis Spree-Neiße. Titel der Rubrik: "Realer Irrsinn".