Gastwirt Heini Porzberg, etwa 1970 (Quelle: Porzberg)
Porzberg
Video: Erlebnis Geschichte | 21.11.2017 | Konstanze Schirmer | Bild: Porzberg

Nachtleben im Gaskombinat Schwarze Pumpe - "Da tanzten zuweilen die Leute auf den Tischen!"

Aus allen Ecken der DDR strömen Mitte der 1950er Jahre junge Menschen nach Schwarze Pumpe bei Cottbus, wo Europas größtes Braunkohlen-Veredlungskombinat entsteht. Tagsüber wird hart gearbeitet – abends geht es hoch her. Von Konstanze Schirmer

Die Schwarze Pumpe in dem gleichnamigen kleinen Ort bei Cottbus führte jahrelang das überschaubare Dasein einer typischen HO-Gaststätte der ländlichen DDR. Doch die Beschaulichkeit findet im Sommer ein abruptes Ende: Am 28. Juni 1955 quartiert sich der Aufbaustab des VEB Gaskombinats Schwarze Pumpe im Lokal ein, um das rasant wachsende Industriegebiet mit seinen Gaswerken, Heizkraftwerken, Kokereien und Brikettfabriken zu koordinieren.

Laut Ministerratsbeschluss der DDR soll hier Europas größtes Braunkohlen-Veredlungskombinat entstehen. Das regionale Kombinat produziert kurze Zeit später zwei Drittel des Stadtgases und der Fernwärme für die gesamte DDR. Bis zu 17.000 Männer und Frauen finden hier Arbeit. Gasthäuser wie die Schwarze Pumpe werden zu ihrem abendlichen Treffpunkt.

Die HOG "Schwarze Pumpe" Ende der 1950er Jahre (Quelle: Porzberg)
Die HOG "Schwarze Pumpe" Ende der 1950er Jahre | Bild: Porzberg

Eine Region im Aufwind

Familie Porzberg, die das Lokal Schwarze Pumpe betreibt, muss erstmal lernen, umzudenken: Aus der kleinen Kneipe entsteht eine Einrichtung für die Arbeiterversorgung. Das Vereinszimmer wird zur Umkleide für bis zu 18 Kellner und Köche, in den Saal kommen Tische und Stühle mit insgesamt 135 Sitzplätzen.

Hildegard Porzberg übernimmt gemeinsam mit ihrem Mann Heini mit 25 Jahren die Gaststätte von den Eltern. "Das war eine große Herausforderung für uns jungen Leute", erinnert sich die heute 87-Jährige. "Wir hatten bis dahin nicht in solchen riesigen Dimensionen gekocht und mussten eben auch abends Essen und Getränke vorhalten: Bauernfrühstück, Krautrouladen und Schweinebraten waren begehrt. Hunderte Liter Bier gingen am Abend über den Tresen."

Familie Porzberg: links Heini, rechts sein Vater Heinrich, vorn links Hildegard Porzberg (Quelle: Porzberg)
Familie Porzberg: links Heini, rechts sein Vater Heinrich, vorn links Hildegard Porzberg | Bild: Porzberg

Angenagelte Teller

Wenn so viel Alkohol fließt, kommt es immer mal wieder zu Zwischenfällen. "Ganz verrückt war die Zeit bis 1960", so Hildegard Porzberg, "denn da war so eine richtige Aufbruchstimmung. Überall wurde gebaggert, gegraben, gemauert, geschweißt. Innerhalb weniger Tage entstanden Fabrikhallen und Bandanlagen. Die Zimmerleute mit ihrer schwarzen Kluft und breiten Hüten waren die Kings unter den Arbeitern. Ich erinnere mich noch daran, dass sie eines Abends zum Beispiel bei uns in der Gaststätte ihre langen Zimmermannsnägel rausholten und versuchten, unsere Porzellanteller an den Tischen anzunageln. Na, da musste mein Mann aber dazwischen gehen!"

Das Lokal "Schwarze Pumpe" innen. (Quelle: Porzberg)
Innenansicht vom Lokal "Schwarze Pumpe" | Bild: Porzberg

Viel Schnaps und Bier

Manchmal rückt sogar die Polizei an, um Streit zu schlichten oder Schläger vorübergehend ruhigzustellen – auch in der etwas teureren Gaststätte "Glück auf" im neuen Zentrum von Schwarze Pumpe.

Lokal und Hotel "Glück auf" im Jahr 1957 in Schwarze Pumpe (Quelle: Porzberg)
Lokal und Hotel "Glück auf" im Jahr 1957 in Schwarze Pumpe | Bild: Porzberg

Gerd Michel, der damals im Braunkohlentagebau Welzow gearbeitet hatte und im Wohnlager von Schwarze Pumpe untergebracht war, weiß noch: "Manchmal, wenn wir Spätschicht hatten, haben wir dem Busfahrer 3,50 Mark für ein Päckchen "Rondo" hingelegt, damit er uns schon beim "Glück auf" raus lässt. Da haben wir auf der Terrasse gesessen und unseren Topp gemacht: also Karten gespielt. Und da hat die Bedienung des Öfteren mal gesagt: 'Jungs, ich muss jetzt los. Legt das Geld hier auf den Teller und den Schlüssel nachher in meinen Briefkasten.' – Tja, sowas wäre undenkbar heute! Aber damals galten andere Maßstäbe."

Neue Wohnsituation

In den drei Wohnlagern für jeweils mehrere Hundert Arbeiter – meist Männer – hockt man zu dieser Zeit dicht aufeinander. Deshalb wird jede Abwechslung liebend gern angenommen – von simplen Geburtstagsfeiern über zwanglose Gesangsrunden mit jemandem, der Akkordeon oder Gitarre spielte, bis hin zum Suppekochen vor der Wohnbaracke.

Diese Spontaneität ändert sich erst, als die Männer ihre Familien nachholen und Wohnungen im nahegelegenen Hoyerswerda beziehen. Neubau mit fließend Wasser, Zentralheizung und Balkon gilt als Inbegriff des DDR-Komforts. 30.000 Wohnungen entstehen in der Neustadt von Hoyerswerda.  

Zu jedem Wohngebietskomplex gehört eine Gaststätte. "Allerdings waren die stets überfüllt", meint der Hoyerswerdaer Martin Schmidt. "Die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die von 1960 bis 1968 in Hoyerswerda lebte, hat die Abende in den Kneipen und Gaststätten sehr detailgetreu beschrieben in ihren Romanen 'Franziska Linkerhand' und 'Ankunft im Alltag'. Da tanzten zuweilen die Leute auf den Tischen!"

Gehobenere Gastlichkeit mit Vorträgen in Hoyerswerda (Quelle: Martin Schmidt)Gehobenere Gastlichkeit mit Vorträgen in Hoyerswerda

Ab Mitte der 1970er Jahre ändert sich das spürbar. Die Maschinisten, Brikettierer und Ingenieure vom Gaskombinat Schwarze Pumpe widmen ihre Zeit nach dem Schichtschluss den Kindern, dem eigenen Fernstudium oder auch dem Gartengrundstück. Das wilde Feierabendvergnügen in den Gaststätten ist Geschichte.

Mit der Schwarzen Pumpe und anderen Orten des Berliner und Brandenburger Nachtlebens beschäftigt sich auch "Erlebnis Geschichte" am 21. November im rbb-Fernsehen ab 21:00 Uhr.  

Beitrag von Konstanze Schirmer

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