Speicher der Wasserbetriebe - Berlin braucht Platz fürs Überlaufen

Mo 21.08.23 | 11:46 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
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Archivbild: Nach einem starken Regenschauer quillt Wasser aus der Kanalisation auf der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. (Quelle: dpa/J. Carstensen)
Bild: dpa/J. Carstensen

2023 ist das Jahr der Starkregen. Vor allem in Berlins Innenstadtbezirken stoßen die Abwasserkanäle dabei an ihre Kapazitätsgrenzen. 2016 schwammen im Gleimtunnel die Autos. Das geschah nun nicht mehr, überlaufen können die Kanäle noch immer. Von Stefan Ruwoldt

In den Bergen verrutschen bei großen Niederschlägen die Hänge. In Berlin macht ergiebiger Regen regelmäßig einige Straßen zu Bächen. Oft wird es dann brenzlig und es müssen Vorkehrungen getroffen werden. Der Sommer 2023 ist ein Regensommer. 16. Juni, 23. Juni, 27. Juli oder 15. August - Gewitter, Orkanböen, Starkregen.

Immer wieder läuft dabei in Berlin etwas voll, etwas schwappt über oder etwas schwemmt weg. Helfen kann dann auf die Schnelle immer nur die Feuerwehr. Langfristig aber sind die starken plötzlichen Regenfälle und ihre Folgen in Berlin vor allem ein Fall für die Berliner Wasserbetriebe.

"Alter Falter, ach Du Scheiße, oh mein Gott, ohhh"

Starkregen unterteilen die Meteorologen in mehrere Kategorien: Da ist der einfache "Starkregen", bei dem 15 bis 25 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde oder 20 bis 35 Liter pro Quadratmeter in sechs Stunden niedergehen (Beim Deutschen Wetterdienst DWD: markantes Wetter). Dann kommt der "heftige Starkregen", bei dem 25 bis 40 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde oder 35 bis 60 Liter pro Quadratmeter in sechs Stunden fallen (DWD: Unwetter) und schließlich der als ganz gefährlich geltende "extrem heftige Starkregen" (DWD: extremes Unwetter), bei dem mehr als 40 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde oder mehr als 60 Liter pro Quadratmeter in sechs Stunden zu Boden gehen. Sintflutartig nennt es die Oma, der Amateurvideoreporter sagt nur noch dreimal schnell hintereinander "alter Falter."

"Das weggespülte, abgeleitete Wasser fehlt"

Berlin steht seit fast 800 Jahren. Seit rund 150 Jahren ist Berlin eine Millionenstadt. Bereits vor dieser Millionenmarke bekam Berlin schon eine Kanalisation für Abwässer und abfließenden Regen. Allerdings hat sich der Regen, der Umgang damit und sein Inhalt - wenn er dann erstmal den Erdboden von Berlin erreicht und sich vermischt hat mit dem, was er unten alles aufsammelt - in diesen Jahrzehnten stark verändert.

Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, sagt ein bisschen genauer, was hier passiert: "Früher war man stolz, wenn jeder Regentropfen abgeleitet wurde und in den Gulli floss: erst Spree oder Havel, dann Elbe und Nordsee und weg." Der Regen sei entsorgt worden. Nun aber, angesichts der mageren Niederschlagsbilanz in und um Berlin, sei klar, dass das Regenwasser hier gebraucht wird. "Das weggespülte, abgeleitete Wasser fehlt." Das aber sei nur das eine Problem.

Weg von der Sammlungs- und Wegleitungsperfektion

Eine Studie der "Initiative Verantwortung Wasser und Umwelt", finanziert u.a. durch den Bundesverband Baustoff Fachhandel [externer Link] prognostizierte im vergangenen Jahr - ebenso wie viele andere wissenschaftliche Arbeiten zuvor -, dass "Starkregenereignisse" zunehmen, öfter und heftiger werden. Sie ist ein weiterer Beleg dessen, was in Berlin seit langem zu beobachten ist: Insgesamt kommt in der Stadt und in Brandenburg weniger Niederschlag an, doch wenn er kommt, kommt er heftiger.

Der einstige Fokus auf die Sammlungs- und Wegleitungsperfektion für die Abwässer - in diesem Fall der Regenwässer - ist gewichen, wie es Stephan Natz erklärt: "Wenn es jetzt heftig von oben kommt, dann entstehen Schäden beim Ablauf, weil das Wasser den Dreck der Stadt mit sich spült und weil die Mischwasserkanäle der Berliner Innenstadt auch so voll werden können, dass ein Teil des Wassers nicht im Klärwerk behandelt werden kann und dreckig abläuft." Das Ergebnis war im Juni im Teltower Schifffahrtskanal zu sehen: tonnenweise tote Fische.

Wenn das Mischwasser überläuft...

Tonnenweise tote Fische - hier setzt Wasserbetriebe-Sprecher an, und erklärt genau, wo die Kanalisationslücke Berlins ist, der Konstruktionsfehler. In Berlins Innenstadtbezirken - anders als in den später angeschlossenen äußeren Bezirken - gibt es fast ausschließlich Mischwasserkanäle. Darin fließen die Abwässer aus den Bädern und Küchen der Haushalte zusammen mit dem Regenwasser über die Abwässerkanäle zum Klärwerk und nach der Klärung in die Flüsse. Allerdings ist hier die Kapazität begrenzt. Wenn also solch ein Starkregen für besonders viel Abwasser sorgt, laufen die Mischwasserkanäle über und diese Regen-Abwasser-Mischung geht direkt und schmutzig in die Spree- und Havelgewässer.

In den äußeren Bezirken ist das getrennt, so dass die Haushaltwasser immer erst im Klärwerk landen. Sprecher Stephan Natz ist nun mit seiner Erklärung wieder in der Nähe des Gleimtunnels gelandet. Nach dem Starkregen 2016 wurde dort ein 654 Meter langer Stauraumkanal zwischen Bernauer Straße und Gleimstraße geschaffen - unterirdisch. Er bietet Platz für die Zwischenspeicherung von Abwässern, damit bei stärkerem Regen die Abwässer nicht einfach in die Panke überlaufen, sondern hier gesammelt werden können und später geklärt werden können.

Archivbild: Nach starken Regenfällen sind parkende Autos am 27.07.2016 im Gleimtunnel in Berlin ineinander und übereinander geschoben worden. (Quelle: dpa/J. Carstensen)

Tief gelegen - schon immer

"Mit diesem Wasserspeicher aber schützen wir nicht den Gleimtunnel", erklärt Natz und holt weiter aus: "Der Gleimtunnel liegt einfach zu tief, die Straßen wirken wie Kanäle und bei ordentlich Regen schafft es das Wasser gar nicht erst in die Gullis, sondern läuft auf dem Pflaster in den Gleimtunnel." An dieser tiefsten Stelle hätten schon bei starkem Regen die Kinder früherer Generationen gebadet, erzählt Stephan Natz.

Neben dem Stauraumkanal am Gleimtunnel wurden berlinweit weitere Speicher für die ungeklärten Abwässer geschaffen. "Puffer", nennt sie Natz. Doch es reiche nicht, wenn viel Regen kommt. "Schwammstadt", sagt Natz dann noch als Stichwort, denn genau daran fehlt es hier am Gleimtunnel, die Wässer laufen ab, nicht nur von den Dächern, sondern auch aus den Höfen, den Wegen. Die Schwammstadt dagegen nimmt die Wässer auf, bietet Möglichkeiten, dass Regenwasser versickern, verdunsten oder über Zisternen auch genutzt werden kann. "Es werden immer Dinge volllaufen, weil alles immer limitiert ist", sagt Natz. Dass aber nur wenig und sauberes Wasser abläuft, sei das Ziel.

Beitrag von Stefan Ruwoldt

14 Kommentare

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  1. 14.

    Sie sind ja auch ein Held und ein Enfant terrible, dabei dachte ich sie fahren den ganzen Tag lang Fahrrad, weil das so schön langsam ist.

    Hör mal...

  2. 13.

    Auch das Tempelhofer Feld ist noch zu verdichtet. Die Landebahnen/Vorfeld sollten von Beton/Asphalt befreit werden. Bäume dafür pflanzen wäre überfällig

  3. 12.

    Haben Sie ein konkretes nachvollziehbares Beispiel, dass die Berliner SPD irgendjemandem verboten hat Regenwasser sinnvoller zu nutzen?
    Immer diese Denke es muss jemand kommen und von oben nach unten die Probleme lösen.

  4. 11.

    "Aber Solar und Windräder werden da nicht helfen"
    Ist richtig, wäre aber auch etwas weit hergeholt.
    Schließlich wird mit Solar und Windräder Strom erzeugt und kein Wasser zurückgehalten oder gespeichert.
    Was manche Leute so manchmal denken??

  5. 10.

    Fast an jeder veraltender Kanalisation in DE nagt der Zahn der Zeit. Oben wird alles eng verbaut und unten in der Erde, wird es wegen dem vielen Wasser im Kanal zu voll. Das Wasser drückt beim Gulli wieder auf die Straße und sucht sich einen anderen Weg. Somit gibt es weiterhin laufend Probleme. Die Ausrede da ist der Klimawandel daran schuld, gilt bald nicht mehr, wenn sich die Städte und Deutschland nicht zukunftsmäßig saniert.

  6. 9.

    Berlin ist unvorbereitet auf das kommende Klima. Mehr Strassenbäume, Bäume Tempelhofer Feld, Starkregen und Hitze waren nie eingeplant. Aber Solar und Windräder werden da nicht helfen

  7. 8.

    ich erstelle regelmäßig Studien zur Grauwassernutzung & Nachhaltigkeit und es gab nich nie einen Investor der sich dafür überzeugen hat lassen....das amortisiert sich nie sowas....selbst bei Zisternen total unwirtschaftlich

  8. 6.

    Seit gut 30 Jahren habe ich darauf hingewiesen, das man das Regenwasser besser nutzen kann.
    Bei geplanten Neubauten zum Beispiel für die Sanitärspülung usw.
    Aber die SPD ist taub und hört nicht was Ihre Bürger an sinnvollen Ideen Ihnen unterbreitet

  9. 5.

    Bitte informieren Sie sich was Uferfiltrat ist und wie es sich auf das Grundwasser auswirkt. Am besten bevor sie hier Dinge veröffentlichen.

  10. 4.

    Altbekannt......immer noch nicht abgeändert worden, dank einer seit Jahrzehnten unfähigen Umweltpolitik.

  11. 3.

    Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das aufgefangene Niederschlagswasser den Klärqwrken zugeführt wird und nach Klärung zu Nordsee geschickt wird.
    Beeliner Grundwasser hat nichts davon .

  12. 2.

    Unwetterprävention (Regen, Hitze, Sturm) sollten noch vor erneuerbarer Energien das Thema sein. Das Klima halten wir mit nichts auf, aber man sollte vorbereitet sein.

  13. 1.

    Blablabla - und was passiert? Es wird betoniert und versiegelt, als gäbe es kein Morgen mehr. Das einzige was in Berlin und im Bundestag wirklich und zuverlässig funktioniert ohne Ausfallgarantie ist die Labermaschine.

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