rbb24
  1. rbb|24
  2. Politik
  3. Abgasalarm in Berlin
Video: Abendschau | 08.01.2019 | Sabrina Wendling | Quelle: dpa/P. Zinken

Stickstoffdioxid-Jahreswerte

Berliner Luft wird besser

Die Belastung der Berliner Luft durch Stickstoffdioxid scheint nachzulassen. Das zeigen die Jahresmesswerte für 2019, die nun vorliegen. Grund dafür sind aber nicht unbedingt Tempo-30-Zonen. Richtig schlecht bleibt die Luft nur in einem Bezirk. Von Daniel Marschke

Die Luftqualität in Berlin ist besser geworden. Das zeigen die Jahres-Messwerte zur Stickstoffdioxid-Belastung (NO2), wie sie auf den Websites der Senatsumweltverwaltung [luftdaten.berlin.de] und des Umweltbundesamtes [umweltbundesamt.de] abgerufen werden können.

Grundlage der Berechnung sind die stündlich gemessenen Werte, die die Berliner Umweltverwaltung für jeden einzelnen Tag des Jahres 2019 ermittelt hat. Dabei wurde an allen insgesamt 17 Berliner Messstationen ein niedrigerer Jahresdurchschnitt ermittelt als 2018. Noch sind die Daten für 2019 zwar vorläufig und müssen einer abschließenden Qualitätssicherung unterzogen werden. Größere Abweichungen sind aber nicht zu erwarten.

Messstationen in Neukölln weiter über dem Grenzwert

Während der EU-Grenzwert von durchschnittlich 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft 2018 noch an sechs der 17 Messstationen überschritten worden war, ist das jetzt nur noch zweimal der Fall gewesen: in der Karl-Marx-Straße (42,7 gegenüber 45 Mikrogramm) und in der Silbersteinstraße (40,4 gegenüber 49 Mikrogramm). Beide Orte liegen in Neukölln. Dabei war die Silbersteinstraße 2018 noch die Straße mit der höchsten NO2-Belastung in Berlin.

Die größte Verbesserung zeigt sich am Hardenbergplatz in Charlottenburg: Dort ist die Belastung von 43,6 auf 33,7 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft gesunken. Das ist ein Rückgang von über 22 Prozent.

Deutlich weniger NO2 an der Leipziger Straße

Eine deutliche Besserung hat sich auch an der Leipziger Straße in Berlin-Mitte gezeigt. Der dort platzierte Messwagen hat im Jahresmittel 39,7 Mikrogramm NO2 gemessen - ein Wert also, der knapp unter dem Grenzwert liegt. 2018 hatte der Jahresmittelwert dort noch bei 48,4 Mikrogramm gelegen - ein Rückgang um fast 18 Prozent. Die Senatsumweltverwaltung legt bei ihrer eigenen Betrachtung allerdings andere Werte zugrunde.

Am Mittwoch wies sie darauf hin, dass der Messwagen aufgrund seiner Größe "an einem relativ breiten Abschnitt der Leipziger Straße" stehe und die Luftschadstoffe dort "besser verdünnt werden". Daher werde gleichzeitig mit sogenannten Passivsammlern gemessen. Diese hätten einen Jahresmittelwert von 48 Mikrogramm NO2 ergeben (gegenüber 59 Mikrogramm im Jahr 2018). Dies sei auf die Einführung von Tempo 30 zurückzuführen, teilte die stellvertretende Sprecherin der Senatsumweltverwaltung, Dorothee Winden, rbb|24 am Mittwoch mit.

Senatsverwaltung sieht sich bestätigt

Bereits am Wochenende hatte die Behörde bereinigte Zahlen für den Zeitraum von April 2018, also dem Zeitpunkt der Tempo-30-Einführung, bis April 2019 vorgelegt. Demnach ging die NO2-Konzentration in diesen zwölf Monaten durchschnittlich um 2,3 Mikrogramm oder knapp vier Prozent zurück. Auch diesen Rückgang führt die Senatsumweltverwaltung auf die Geschwindigkeitsbegrenzung zurück. Sie gilt zwischen Markgrafenstraße und Potsdamer Platz. Im Jahr 2018 hatten sich die Stickstoffdioxid-Werte trotz Tempo 30 allerdings nur geringfügig verändert.

"Nicht mit Tempo 30 zu erklären"

Anders als die Senatsumweltverwaltung sieht der Umweltchemiker Wolfgang Frenzel, Experte für Luftreinhaltung an der Technischen Universität (TU) Berlin, keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem deutlichen Stickstoffdioxid-Rückgang und einer Geschwindigkeitbegrenzung. "Da die Belastung an allen Messstellen zurückgegangen ist, ist dies nicht mit lokalen Maßnahmen wie Tempo 30 zu erklären", sagte Frenzel im Gespräch mit rbb|24.

Das Wetter hingegen ist Frenzel zufolge ein wichtiger Faktor für die Schadstoffbelastung in der Luft. So habe es 2018 und auch in den Jahren zuvor deutlich mehr sogenannte Inversionswetterlagen gegeben, bei denen sich kältere Luftmassen über längere Zeit am Erdboden bewegen und die Schadstoffe dort festhalten. 2019 dagegen sei es immer wieder sehr heiß gewesen. "Dies führt zu einer starken vertikalen Luftbewegung", sagt Frenzel und meint damit, dass Schadstoffe wie das Stickstoffdioxid schneller nach oben abziehen konnten.

Rückblick

Luftverschmutzung

Stickstoffdioxid-Grenzwert an sechs Messorten überschritten

    

Größerer Anteil von "sauberen" Bussen und Taxis

Der Umweltforscher sieht aber noch einen anderen Aspekt. So habe sich am Hardenbergplatz "der zunehmende Anteil von 'sauberen' Bussen und Taxis" bemerkbar gemacht. Es seien dort mehr E-Fahrzeuge, aber auch "deutlich mehr Fahrzeuge mit gut funktionierender Abgasbehandlung" unterwegs. Ein Trend, der sich schon in den vergangenen zwei Jahren bemerkbar gemacht habe. Busse und Taxis seien die Fahrzeuge, "die in der Vergangenheit den höchsten Beitrag zur NO2-Belastung am Hardenbergplatz geliefert hatten", sagt Frenzel.

NO2-Mittelwerte in ganz Deutschland gesunken

Auch Ute Dauert, Expertin für die Beurteilung der Luftqualität beim Umweltbundesamt (UBA) in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt), geht davon aus, dass sich die langsam einsetzende Verkehrswende nicht nur auf die Luft in Berlin positiv auswirkt. So sei der Jahres-Mittelwert für Stickstoffdioxid im Jahr 2019 an keiner der rund 550 Messstationen in Deutschland gestiegen. Und: "Die jetzt ermittelten Werte für Berlin passen absolut ins deutschlandweite Bild", sagte Dauert rbb|24 am Mittwoch.

Grund für die rückläufige NO2-Belastung sei ein "Mix aus verschiedenen Dingen", so die UBA-Expertin. Dazu zählten Tempo-Limits und die Reduzierung von Auto-Fahrspuren zugunsten des Fußgänger- und Fahrradverkehrs. "Alles, was dazu beiträgt, dass der Verkehr zurückgeht, trägt dazu bei, dass auch die NO2-Werte sinken", fasst Dauert zusammen.

Aber auch die Umrüstung von Nahverkehrsflotten auf schadstoffarme Antriebe oder effiziente Abgasreinigungssysteme spiele eine Rolle. Zudem hätten zahlreiche der zuvor manipulierten Diesel-Pkw inzwischen ein Software-Update erhalten. Wie Frenzel will auch Dauert witterungsbedingte Einflüsse nicht ausschließen, aber damit allein sei der nun schon seit mehreren Jahren anhaltende Trend nicht zu erklären. Die Entwicklung der Werte im Jahr 2019 mit städtischem Hintergrund zeige das nur allzu deutlich.

Deutsche Umwelthilfe spricht von "Sondereffekten"

Axel Friedrich von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) dagegen hält die jetzt veröffentlichten Stickstoffdioxid-Jahreswerte für nicht zufriedenstellend. Die durchweg gesunkenen Messwerte seien auf die "relativ günstigen meteorologischen Bedingungen" zurückzuführen, sagte Friedrich am Dienstag rbb|24. So habe es im vergangenen Jahr mehr Westwind gegeben, was sich positiv ausgewirkt habe. Nur wegen solcher "Sondereffekte" lasse sich aber nicht von einer grundsätzlichen Verbesserung reden. Dafür müssten die NO2-Messwerte über einen Zeitraum von mehreren Jahren betrachtet werden.

Zudem sei ein Jahresgrenzwert mit 40 Mikrogramm aus seiner Sicht noch immer zu hoch. "Auch mit 39 Mikrogramm sind wir nicht sicher", sagt der DUH-Abgasexperte. Vielmehr halte er einen Grenzwert von 30 Mikrogramm, wie es ihn in der Schweiz gebe, oder gar von 25 Mikrogramm für sinnvoll.

Brandenburger NO2-Belastung überall unter Jahresgrenzwerten

In Brandenburg waren erst kürzlich zwei neue Messstellen in Betrieb gegangen: im Dezember 2018 in Luckenwalde (Teltow-Fläming) und im Juni 2019 in Dallgow-Döberitz (Havelland). Für diese beiden Stationen liegen daher noch keine Vergleichswerte vor. An allen anderen Messstationen ist der Jahresmittelwert, genau wie in Berlin, 2019 zurückgegangen. Anders als in Hauptstadt, wurden im Jahresmittel die NO2-Grenzwerte an keiner einzigen Stelle in Brandenburg überschritten.

Der höchste Wert wurde mit 31,1 Mikrogramm in der Leipziger Straße in Frankfurt (Oder) gemessen, 2018 waren es dort noch 34,5 Mikrogramm. Am stärksten verbesserten sich die Werte in der Zeppelinstraße in Potsdam. Dort wurden im vergangenen Jahr im Mittel 29,1 Mikrogramm gemessen, 2018 waren es noch 36,2 - das ist ein Rückgang von fast 20 Prozent.

Beitrag von Daniel Marschke

Artikel im mobilen Angebot lesen