Berlin-Kreuzberg - Bezirk benennt Teil einer Straße um - und kaum jemand merkt es

Mo 18.03.24 | 13:31 Uhr | Von Yasser Speck
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Archivbild: Schild der Manteuffelstraße in Berlin Kreuzberg am 19.01.2016.(Quelle: imago)
Video: rbb24 Abendschau | 16.03.2024 | Marcel Trocoli Castro | Bild: imago

Ein Teil der Manteuffelstraße in Kreuzberg hat schon seit einem halben Jahr einen neuen Namen. Doch viele Bewohnerinnen und Bewohner erfahren erst jetzt davon. Von Yasser Speck

  • Teil der Kreuzberger Manteuffelstraße wurde im September in Audre-Lorde-Straße umbenannt
  • Anwohnende kritisieren, sie hätten davon nichts mitbekommen
  • es gibt bis heute keine geänderten Straßenschilder
  • Bezirksamt entgegnet, Mitte September sei im Amtsblatt informiert worden

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat einen Teil der Manteuffelstraße in Audre-Lorde-Straße umbenannt, um eine US-amerikanische Bürgerrechtlerin und Aktivistin für Homosexuelle zu ehren.

Die Umbenennung fand schon vor einem halben Jahr statt, nachdem die Bezirksverordnetenversammlung sie drei weitere Monate früher beschlossen hatte. Bemerkt haben das zunächst wenige Bewohnerinnen und Bewohner der Straße.

Eine, die es erst spät mitbekommen hat, ist Elena. "Nicht mal unsere Hausverwaltung wusste von der Umbenennung", sagt sie dem rbb. Sie habe erst vor kurzem davon erfahren. Wegen des neuen Straßennamens müsse sie nun zum Bürgeramt und sich ummelden.

Elena möchte, wie sie sagt, die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen und braucht dafür eine gültige Meldeadresse. Und da die Manteuffelstraße für sie nicht mehr gilt, muss sie zum Amt. Sie fragt sich, "ob das wirklich nötig war."

Umbenennung schon im September

Der Bezirk hat den Straßennamen im nördlichen Teil der Manteuffelstraße zwischen Köpenicker und Skalitzer Straße schon im September geändert. Ein Sprecher des Bezirks sagt rbb|24, dass der Bezirk die Anwohnerinnen und Anwohner auch informiert hätte. "Die Bekanntmachung der Umbenennung in Audre-Lorde-Straße ist im Amtsblatt von Berlin Nr. 40, am 15. September 2023 erschienen."

Das Problem nur, dass ein Großteil der Anwohnenden dieses Amtsblatt wohl nicht regelmäßig liest. Also erfuhren viele Anwohnende erst sehr spät von der Umbenennung ihrer Straße.

Wird aus "Späti Teuffel" nun "Lorde-Späti"?

In der ehemaligen Manteuffelstraße gibt es einen Späti mit dem Namen "Späti Teuffel". So steht es in roter Schrift auf dem gelben Schild über dem Laden. Der Verkäufer hat von der Umbenennung der Straße von der Bar nebenan erfahren. Vom Bezirk hatte er nichts gehört, wie er sagt. "Dann müssen wir den Namen des Spätis ändern", witzelt der Späti-Verkäufer, "in Lorde-Späti".

Dazu wird es wohl nicht kommen. Wegen seiner Stammkunden möchte er den Namen nicht ändern. An den neuen Straßennamen hat er sich noch nicht gewöhnt.

Grafik: Verlauf der Audre-Lorde-Straße auf der ehemaligen Manteuffelstraße in Berlin-Kreuzberg (Quelle: rbb)

Wer war Audre Geraldine Lorde?

Der Abschnitt der ehemaligen Manteuffelstraße ist nun nach einer US-amerikanischen Schriftstellerin und feministischen Aktivistin benannt. Audre Geraldine Lorde wurde 1934 in New York City geboren. Sie studierte und publizierte Gedichte. In einem Gedicht outete sie sich selbst als homosexuell und kämpfte seither für die Rechte von Homosexuellen und für den Feminismus. Sie war außerdem in der Bürgerrechtsbewegung und der Antikriegsbewegung aktiv.

Audre Lorde verbrachte Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre viel Zeit in Berlin. Sie hatte zeitweise eine Gastprofessur am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin. Lorde verstarb 1992 an Brustkrebs.

Noch keine neuen Straßenschilder

Die Anwohnerinnen und Anwohner, die das Amtsblatt nicht gelesen haben, konnten von der Umbenennung kaum etwas ahnen. Denn die Straßenschilder mit der Aufschrift Manteuffelstraße stehen weiterhin am Straßenrand und an den Kreuzungen. Nirgends deutet etwas auf den Namen Audre-Lorde-Straße hin.

Dass es noch keine neuen Schilder gebe, liege daran, dass nur ein Teil der Manteuffelstraße umbenannt worden sei, erklärt ein Sprecher des Bezirks auf Anfrage von rbb|24 schriftlich. "Der Vorgang einer Teilumbenennung erfordert eine andere Herangehensweise im Bezirksamt an den komplexen Umbenennungsprozess. Es kann zum Beispiel vorkommen, das Hausnummern geändert werden müssen", heißt es vom Bezirk. Die Hausnummern wurden ebenfalls noch nicht geändert.

"Das Bezirksamt hat den Anpassungsbedarf bei diesem Projekt Manteuffelstraße erkannt und ist dabei das Verfahren für die zukünftige Umbenennung von Straßen zu verbessern", heißt es vom Sprecher weiter. Wann die neuen Schilder und Hausnummern angebracht werden sollen, bleibt allerdings offen. Mittlerweile wird es sich in der Straße allerdings herumgesprochen haben, dass man nun in der Audre-Lorde-Straße wohnt.

Sendung: rbb24 Abendschau, 16.03.2024, 19:30 Uhr

Beitrag von Yasser Speck

105 Kommentare

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  1. 105.

    Amtsblätter gibt es schon seit Jahren nicht mehr gedruckt im Briefkasten. Da gibt es in ihrer Stadt noch Sparpotential.

  2. 104.

    Nele:
    "Die Linke liebt Luxemburg."

    1. Pauschales Klischee und deshalb auch falsch!

    2. Mich stört nicht, wen jemand einen anderen liebt. Warum wollen Konservative oft anderen vorschreiben, wen sie lieben dürfen und wen nicht?

  3. 103.

    Nele:
    "Antwort auf [Pim] vom 18.03.2024 um 14:59
    Also mit Luxemburg verbinde ich immer die Linke. Die Linke verbinde ich mit gestern, destruktivem Auftreten."

    Mit gestern und destruktivem Auftreten verbinde ich eher die Rechten.

    Vieles von dem was Linke früher forderten, wurde inzwischen umgesetzt, war also damals nicht "von gestern", sonder weit in die Zukunft gedacht: Frauenwahlrecht und Frauenrechte, Mindestlohn, Bürgergeld, Entkriminalisierung von Homosexualität, Homoehe, Canabis-Legalisierung etc. pp.

    Nele:
    "Mit die Linke verbinde ich Faulheit"

    Mit Faulheit verbinde ich eher Milliardäre und Oligarchen auf ihren Luxusyachten, und das sind wohl eher nicht Linke.

    Nele:
    "das wiederum macht Luxemburg für mich irritierend."

    Rosa Luxemburg kann nichts dafür, was manche aus ihr machen.

  4. 102.

    Eckart:
    "Ich bin der Auffassung, dass ein Straßenname vorrangig der Orientierung dienen soll und nicht primär der Würdigung irgendwelcher Personen, dafür gäbe es ja auch Anderes ohne Adressfunktion wie öffentlichen Gebäude."

    Die deutsche und weltweite Tradition ist aber eine ganz andere.

    Eckart:
    "Darüber hinaus bin ich der Auffassung, aus heutiger Sicht schlecht gewählte Namen beizubehalten (außer in Extremfällen) - dann eben nicht als Ehrung, sondern zur Mahnung, die in den ggf. vorhandenen Zusatztafeln ja auch zum Ausdruck kommen darf."

    Das sehen ich und viele andere ganz anders.

    Eckart:
    "Dass in der Praxis anders verfahren wird, liegt daran, dass Politiker über die Umbenennung befinden."

    Naja, diese Politiker sind von der Bevölkerung gewählt. Und ein Straßenname geht nicht nur di an, die in dieser Straße wohnen.

  5. 101.

    Ich bin der Auffassung, dass ein Straßenname vorrangig der Orientierung dienen soll und nicht primär der Würdigung irgendwelcher Personen, dafür gäbe es ja auch Anderes ohne Adressfunktion wie öffentlichen Gebäude.
    Darüber hinaus bin ich der Auffassung, aus heutiger Sicht schlecht gewählte Namen beizubehalten (außer in Extremfällen) - dann eben nicht als Ehrung, sondern zur Mahnung, die in den ggf. vorhandenen Zusatztafeln ja auch zum Ausdruck kommen darf.
    Dass in der Praxis anders verfahren wird, liegt daran, dass Politiker über die Umbenennung befinden. Umfragen unter den Anwohnern dürften da ein ganz anderes Bild ergeben (hat man hier vermutlich nicht gemacht, aber ich kenne einen ähnlichen Fall außerhalb Berlins). Neben Anwohnern und Besuchern muss die Verwaltung diese Maßnahme zusätzlich ausbaden - das macht die hier offenbar besonders schlecht. Stellt sich nebenbei auch die Frage, warum Herrn Manteuffel eine ganze Straße wert war, Audre Geraldine Lorde aber nur eine halbe ?!

  6. 100.

    Ihre klischeehaften Schwarz-Weiß-Assoziationen sind doch wohl eher Ihr Problem als das Problem unserer Gesellschaft!

  7. 99.

    Pim:
    "Antwort auf [Immanuel] vom 18.03.2024 um 15:04
    Keine Kausalität, eher so eine Korrelation."

    Na dann sind wir uns ja wohl darin einig, dass das wohl nichts miteinander zu tun hat! Schließlich gab es nicht nur in Ostberlin in der DDR-Diktatur einen Rosa-Luxemburg-Platz und eine Karl-Marx-Alle, sondern auch in Westberlin eine Karl-Marx-Str., ohne das Westberlin zu einer "sozialistischen" Diktatur wurde. Es gibt also keinerlei Anhaltspunkte für eine Kausalität zwischen der Umbennenung des Horst-Wessel-Platzes zum Rosa-Luxemburg-Platz und der Umwandlung der SBZ in eine DDR-Diktatur!

  8. 98.

    Also mit Luxemburg verbinde ich immer die Linke. Die Linke verbinde ich mit gestern, destruktivem Auftreten. Mit die Linke verbinde ich Faulheit, das wiederum macht Luxemburg für mich irritierend. Die Linke liebt Luxemburg.

  9. 96.

    Viele führt das in die Irre.

    Daher umbenennen.

    So einseitig war Luxemburg dann aber doch nicht, wenn viele sie nicht verstehen oder einordnen können.

  10. 95.

    Pim:
    "Antwort auf [Immanuel] vom 18.03.2024 um 14:35
    Also Linksextreme identifizieren sich oft mit Luxemburg, ein gewichtiger Grund zur Umbenennung des Platzes."

    Finde ich nicht, denn das hat ja wohl kaum mit der historischen Person Rosa Luxemburg zu tun. Das historische Falschverständnis einiger weniger wäre für mich jedenfalls kein Umbennenungsgrund.

  11. 94.

    Dann machen Sie mal. Niemand hindert Sie, außer vielleicht "Schnabeltier", der/die erst dann wieder etwas umbennen will, wenn alle finanziellen Probleme gelöst sind - also nie!

  12. 93.

    Ich finde, mein Argument hinkt überhaupt nicht. Auch heute würde ein Horst-Wessel-Platz nicht akzeptiert, sondern umbenannt werden, auch wenn dies keinen "praktischen Nutzen" für Schulsanierungen hat.

    Die Argumente für die Umbennenung können Sie in Beschlussunterlagen der Bezirksverordnetenversammlung nachlesen, wenn es Sie wirklich interessiert. (Vielleicht sogar im Internet einsehbar.) Ich habe sie nicht vorliegen.

  13. 92.

    Wohl kaum!
    Na dann beweisen Sie mal die von Ihnen behauptete Kausalität!

  14. 91.

    Also Linksextreme identifizieren sich oft mit Luxemburg, ein gewichtiger Grund zur Umbenennung des Platzes.

  15. 90.

    Vielleicht klappte es mit der Demokratie in der DDR nicht wegen dem Rosa-Luxemburg-Platz. Möglich……

  16. 89.

    Ich würde es auf einen Volksentscheid ankommen lassen.

    Da mache ich mir bei Luxemburg keine Sorgen.

    Nicht das ich was gegen sie hätte, aber es gibt auch viele andere, denen Ehre gebührt.

    Mutter Theresa - dagegen können Linke nichts haben.

  17. 88.

    Also mit Luxemburg haben die Damaligen nicht alle glücklich gemacht.

    Sie hat jetzt auch genug Ehre erhalten, der Platz sollte umbenannt werden.

    Ich schließe mich da Ihrer Einschätzung an.

    „Die Ehrung wird nur beendet“, Geschichte wird nicht gelöscht.

  18. 87.

    Ich finde das Ihr Argument hinkt. Vor allem wenn Sie die Fälle von der Umbenennung zum Rosa-Luxemburg-Platz mit der Umbenennung zur Audre-Lorde-Straße vergleichen. Zudem sollte man auch das politische Klima damals betrachten. Für mich klingt das so als wollten Sie meiner Frage ausweichen und haben keine wahren Argumente.

  19. 86.

    Der Unterschied zur damaligen Umbenennung ist, dass man Rosa Luxemburg wohl nicht viel vorwerfen kann - im Gegensatz zu Horst Wessel. Und natürlich können Sie für eine Umbennenung sein. Sie werden dafür aber keine Mehrheiten finden.

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