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Quelle: dpa/Christophe Gateau

Kommentar | Corona-Maßnahmen

Diese eine Wahrheit gibt es nicht

Bei den Hygiene-Demos gegen die Corona-Maßnahmen ist kein Ende absehbar. Eine weitere "Polarisierungswelle" bäumt sich auf. Wenn man darüber nachdenkt, stellt man fest, dass man selbst schon vor ein paar Wochen nasse Füße bekommen hat, meint Wilhelm Klotzek.  

Es sieht ganz so aus, als müsste man sich entscheiden: Glaubt man nun an die Wissenschaft und deren Empfehlungen oder an den "normalen Menschenverstand", der offenbar vielen sagt, dass alles nicht so schlimm und die Maßnahmen übertrieben seien. An der Widersprüchlichkeit dieser beiden Möglichkeiten kann man eigentlich nur scheitern, so kommt es mir manchmal vor.

Debatten werden zu Glaubensfragen

In meinem Freundeskreis gibt es bereits seit Beginn der Pandemie unterschiedliche Meinungen. Die einen, die nicht wirklich an die Dramatik der Situation glaubten und für die ein geselliger Abend mit fünf Personen aus verschiedenen Haushalten kein Problem darstellte. Und die anderen, die ich bald gar nicht mehr zu Gesicht bekam: Sie verbarrikadierten sich zu Hause, da sie sich selbst zur Risikogruppe zählten.
 
Ich selbst bemühte mich so gut es ging, mich an die empfohlenen Verhaltensregeln zu halten. Aber immer wenn ich versuchte, meinen Unmut über die laxe Einhaltung der Verhaltensregeln in meinem Freundeskreis zu äußern, merkte ich, dass die Diskussionen über Verhaltensregeln zu Debatten über Glaubensfragen wurden.

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Wir haben alle eine Meinung, aber eigentlich keine Ahnung

In kurzen Wortgefechten zogen wir alle Thesen und Fakten heran, die wir uns aus der medialen Überflutung herausgefischt hatten. Wir haben alle eine Meinung, aber eigentlich keine Ahnung, dachte ich mir. Irgendwann versuchte ich dann, den Diskussionen aus dem Weg zu gehen, da ich langsam ahnte, dass mich diese Debatten Sympathien kosten würden, die ich für meine Freunde hege.
 
Nach den ersten Wochen des "Lockdown" begannen auch Menschen in meinem engsten Kontaktkreis sich zu fragen, welche Folgen diese Maßnahmen für unsere Gesellschaft haben werden. Antworten suchten sie nicht nur bei den großen Medienhäusern – sondern sie hörten sich andere und auch radikalere Meinungen an, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

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Unbelegte Mutmaßungen und radikale Ansichten

Schnell fiel auf, dass sich verschiedenste Plattformen an der Kritik der Hygiene-Maßnahmen der Bundesregierung beteiligten. Mit unbelegten Mutmaßungen und ideologisch verklärten und radikalen Ansichten versuchten sie, zweifelnde Menschen dort abzuholen wo diese sich allein gelassen fühlten - und sie für ihre Zwecke zu mobilisieren.
 
Nun trat die politische Rechte auf den Plan, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in Schweigen gehüllt und die die heiklen Amtshandlungen der amtierenden Bundesregierung überlassen hatte. Zusammen mit Plattformen, die Namen tragen wie "Demokratischer Widerstand", selbsternannten Verteidigern des Grundgesetzes und altbekannten Verschwörungsidiologen demonstrierten sie im Schatten der symbolträchtigen Volksbühne gegen die Hygiene-Maßnahmen.
 
Die rechten Akteure hatten erkannt, dass die gemeinsame Kritik am "Merkel-Regime" ihnen reichlich Fahrwasser bot. Und eine vehemente Distanzierung der Veranstalter von diesen Figuren blieb aus. So kommt es, dass Menschen aus der politischen Mitte der Gesellschaft mit Holocaustleugnern gemeinsam am Rosa Luxemburg Platz demonstrieren.

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Mit Nationalismen gegen Hygienemaßnahmen

Als ich am späten Nachmittag des 9. Mai am Alexanderplatz vorbeifahre, sehe ich Menschen, die gegen die Maßnahmen demonstrieren. Auf dem Brunnen der Völkerfreundschaft werden Deutschlandfahnen geschwenkt. Aus einem Lautsprecher dringt Marius Müller Westerhagens "Freiheit", und aufgebrachte Menschenmengen, einige davon der rechten Szene zuzuordnen, skandieren: "Wir sind das Volk".
 
Was haben Nationalismen mit einer konstruktiven Auseinandersetzung bezüglich der Hygiene-Maßnahmen der Bundesregierung zu tun? Eigentlich nichts, sie sind lediglich ein Indiz dafür, dass politische Akteure ganz genau wissen, wie sie die Ratlosigkeit unserer Mitmenschen für ihre Zwecke nutzen können.
 
Auch mir und den Menschen aus meinem engsten Kontaktkreis ist klar geworden, dass es nicht die eine Wahrheit gibt. Und dass diejenigen, die den Verantwortlichen Manipulationen vorwerfen, sich selbst manipulativer Mittel bedienen, um Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren.
 
Es gilt nun, in dieser Zeit nicht den Kopf zu verlieren und den "Schuldigen" zu suchen. Sondern einen Weg zu finden, um miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gegen Nationalismus und Radikalisierung einzusetzen.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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