Glosse | Warum der Flughafen BER 2015 doch fertig wird - Viel Nichts um Rauch

Mi 26.02.14 | 17:30 Uhr | Von Sebastian Schneider
Ein Handwerker arbeitet am 24.02.2014 an den Bodenplatten vor der Kulisse des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld (Brandenburg) (Quelle: dpa)

Seit sieben Jahren wird am BER gebaut. Jetzt scheint sogar eine Eröffnung 2015 in Gefahr. Ein Blick in die Kristallkugel aber zeigt: Es braucht nur einen genialen Plan, einen Trainer und einen Altkanzler - und der Flughafen eröffnet im Juli 2015, wie von Hartmut Mehdorn geplant. Eine Glosse von Sebastian Schneider 

März 2014: Nach einem nächtlichen Spaziergang mit den verzweifelten Regierungschefs Dietmar Woidke und Klaus Wowereit auf dem Tempelhofer Feld (dem letzten Flughafen, der wirklich funktionierte) erhält Hartmut Mehdorn weitreichende Geheimvollmachten. Damit soll er den BER nach seinen Vorstellungen zu Ende bauen. Der Codename: "Projekt Napoleon". Das Tempelhofer Feld wird zur Finanzierung des BER an den Immobilieninvestor Nicolas Berggruen verkauft.

Als erste Amtshandlung verpflichtet Mehdorn den kurz zuvor durch ein Verfassungsreferendum gestürzten TV-Moderator Markus Lanz als Sprecher der Flughafengesellschaft. Als Fitnesstrainer für die Bauarbeiter engagiert er Fußballfachmann Felix Magath. Dieser war nach nur wenigen Wochen beim englischen Erstligisten Fulham entlassen worden. Mehrere verstörte Spieler hatten Magath mit Medizinbällen beworfen. Durch Magaths Gehaltsforderungen verteuert sich der BER um weitere 17 Millionen Euro. Lanz hat einen Ein-Euro-Job.

Juli 2014: Die Sanierung der Nordbahn des Flughafens beginnt wie von Mehdorn geplant. Durch die von Magath beaufsichtigten täglichen Trainingsläufe auf den Fernsehturm hat sich die Produktivität der Bauarbeiter um 50 Prozent erhöht. "Qualität kommt von Qual", kommentiert Mehdorn die Leibesübungen auf einer Pressekonferenz. Magath rührt schweigend in einer Tasse Tee.

Die 4.700 Haushalte in der Einflugschneise werden im Schnellverfahren gegen Fluglärm gerüstet. Neben dem Einbau von Schallschutzfenstern setzt die Flughafengesellschaft, "Käseglocken" aus daumendickem Plexiglas über die Wohnhäuser. Ab sofort schlafen die Bewohner durch. Durch die Plexiglas-Glocken erhöhen sich die Kosten um weitere 400 Millionen Euro.

September 2014: Die Sanierung der Nordbahn wird in Rekordzeit abgeschlossen. Magath hatte sich von Mehdorn die Erlaubnis geholt, das Bodenpersonal mit sämtlichen Spielern aufzustocken, die unter ihm beim VfL Wolfsburg trainiert haben. Unter Anleitung des Ex-Profis Thomas Hitzlsperger haben die 398 zusätzlichen Fachkräfte Tag und Nacht auf der Baustelle malocht.

Einen Tag nach der Brandenburger Landtagswahl kann Mehdorn feierlich den Testbetrieb am Nordpier eröffnen. Der Start des ersten Flugzeugs, ein hauskatzengroßer Modellflieger, geht fürchterlich schief. Ministerpräsident Woidke verliert die Kontrolle über die Fernsteuerung, das Flugzeug touchiert einen Feuermelder in einem Parkhaus und zerbirst an einer Wand. Durch einen Kurzschluss bricht die Brandschutzanlage völlig zusammen.

Herbeigerufenen Fachleuten zufolge wird sich die Eröffnung des Flughafens dadurch um zwölf weitere Monate verschieben, der BER wird um 200 Millionen Euro teurer. "Mehdorn steht nicht zur Disposition", sagt BER-Sprecher Lanz. "Ich fange hier bestimmt keine Mehdorn-Diskussion an", pflichtet ihm Wowereit bei. Einen Tag später wird  Mehdorn gefeuert. Magath übernimmt. "Ich habe schließlich Erfahrung als Feuerwehrmann", sagt er und rührt in seiner Teetasse.

Mehdorn wechselt als Krisenmanager nach Schwaben, um das Projekt "Stuttgart 21" zu Ende zu bringen. Zur Pressekonferenz fährt Mehdorn auf seiner Harley vor, er trägt einen gelben Baustellenhelm. "Ich bin bekannt dafür, dass ich einen geraden Weg gehe", sagt Mehdorn.

März 2015: Bis auf die Brandschutzanlage ist der BER praktisch fertig. Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja appelliert an Magath, die völlig ausgelaugten Bauarbeiter zu schonen. Deren Meuterei scheiterte kurz zuvor nur, weil die Ex-Profis zu schwach waren, Magath mit Medizinbällen zu bewerfen. Der ehrgeizige BER-Manager behilft sich mit einem Husarenstreich. Er engagiert Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) als Strohmann und lässt sich zum Koordinator für Arbeitsschutz degradieren.

Weil keine Regierung und kein Gericht es wagt, Schmidt zu widersprechen, erlaubt der 96-Jährige das Rauchen im gesamten Flughafen. Die Rauchmelder werden abgebaut, der BER wird in "Helmut-Schmidt-International" umbenannt.

Durch die Einsparungen im Brandschutz kostet der Flughafen nur noch 7,8 statt wie befürchtet 10 Milliarden Euro. Wowereit kauft das Tempelhofer Feld vom bankrotten Investor Berggruen zurück. Der gelangweilte Felix Magath übernimmt zusätzlich zum BER-Job den Trainerposten bei Fußball-Bundesligist Hertha BSC.

Das Rollfeld des zukünftigen BER-Flughafens in Berlin (Quelle: dpa)Prestigeprojekt mit sagenhafter Pechsträhne: Der BER ist auch nach sieben Jahren Bauzeit noch lange nicht fertig.

Mai 2015: Renommierte Astronomen ermahnen Schmidt und Magath, den Bau unbedingt vor Jahresende abzuschließen. 2016 wird nach ihren Berechnungen "OJ 287"  wieder aktiv, das größte bekannte Schwarze Loch. Die Pechsträhne des BER-Projektes könne das Schwarze Loch buchstäblich anziehen, der Flughafen verschlungen werden, warnen die Wissenschaftler. "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", blafft Schmidt sie bei einem geheimen Treffen an.

Insgeheim aber treibt der besorgte Altkanzler die letzten Arbeiten voran: Er lässt die 78 zu kurz geratenen Rolltreppen paarweise aneinanderschweißen und die unisolierten Starkstromkabel in der Abfertigungshalle an die Decke leimen. Am 5. Juni 2015 wird der "Helmut-Schmidt-International" feierlich eröffnet. Schmidt wird Ehrenbürger Schönefelds.

Der aus Stuttgart herbeigeeilte Mehdorn verkündet, er werde umgehend eine unterirdische Bahn-Verbindung zwischen "S21" und dem Hauptstadtflughafen bauen lassen. Der Eröffnungstermin des Bahnhofs könne sich dadurch möglicherweise verschieben. Einen Tag später gewinnt Felix Magath im Berliner Olympiastadion mit Hertha BSC die Champions League.

Beitrag von Sebastian Schneider