Der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) (Bild: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 25.08.2014 | Hanno Christ | Bild: dpa

Spitzenkandidaten | Dietmar Woidke (SPD) - "Dr. Sachlich" und der Schatten des Vorgängers

Seit einem Jahr ist Dietmar Woidke Ministerpräsident von Brandenburg - und immer noch muss er dem Vergleich mit seinem Vorgänger Matthias Platzeck standhalten. Er tut es mit stoischer Ruhe, was ihm den Spitznamen "Dr. Sachlich" eingebracht hat. Inzwischen habe er eben seinen eigenen Weg gefunden, sagt der Lausitzer. Von Tina Rohowski

"Brandenburg" heißt der Dampfer, wie passend. Dietmar Woidke hat das Sakko ausgezogen, auf der Stirn erste Schweißperlen. Es ist einer heißer Juli-Tag auf der Havel, aber Urlaubsstimmung herrscht an Bord nicht: Journalisten wollen Interviews, Fotoreporter noch ein Bild am Steuerrad und die Bürgermeister der Region möchten ihre Erfolgsmeldungen verkünden. Woidke könnte jetzt umhergehen, noch eine politische Spitze streuen. Aber er sitzt an der Reling, ein Biergarten zieht am Ufer vorbei: "Hektik hat noch keinem was gebracht", sagt er über seine Strategie für diesen Wahlkampfsommer. "Ich denke lieber erst nach und entscheide dann."

Wöchentliche Gespräche mit Matthias Platzeck

Es hätte der Startpunkt seiner Woidke-Kampagne sein können: die traditionelle Tourismusfahrt des Ministerpräsidenten. Dieses Mal in der Havelregion, wo 2015 die Bundesgartenschau stattfinden wird, eines der wichtigsten Projekte für Brandenburgs Wirtschaft. Und ein Vor-Ort-Termin, bei dem Politiker traditionell auch ein paar persönliche Geschichten beisteuern. "Aber man kriegt ja kaum etwas aus ihm heraus", stöhnt eine Reporterin. Das Wort vom "Dr. Sachlich" macht wieder die Runde.

In solchen Momenten ist er sofort da: der ewige Vergleich mit seinem Vorgänger Matthias Platzeck. Der hätte an Bord längst jeden umarmt und den Landesvater gespielt. Inzwischen habe er seinen "eigenen Weg gefunden", sagt Woidke über sein erstes Jahr im Amt, auch wenn er mit Platzeck noch jede Woche spreche. Doch von dessen Bekanntheitswerten ist er noch weit entfernt. Woidkes Vorteil: Seine Herausforderer – Michael Schierack, CDU, und der Linken-Chef Christian Görke – sind noch deutlich weniger Brandenburgern ein Begriff. In ihren jeweiligen Heimatregionen jedoch sind alle drei Spitzenkandidaten tief verwurzelt und gut vernetzt.

Die Stimme der Bauern

Woidkes Familie lebt schon seit Generationen in der Lausitz. Er wächst in Naundorf bei Forst auf. Die Eltern arbeiten in der örtlichen LPG. 1982 geht Woidke zum Studium der Agrarwissenschaften nach Berlin, promoviert später auch. Nach der Wende lockt ein Job ihn nach Bayern. Aber so richtig heimisch wird Woidke hier nicht, er kehrt zurück in die Lausitz.

Als die Bauern der Region sich mehr Gehör bei der Potsdamer Landespolitik verschaffen wollen, entdecken sie ihn als politisches Talent: "Er hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt, aber wir haben gemerkt, dass da sehr viel Enthusiasmus dahinter ist", sagt Egon Rattei, früher Chef der Forster Agrargenossenschaft. Die ganze Geschichte klingt ein bisschen so, als rede ein Vater über seinen Sohn, den er in die Ferne geschickt hat – und über den er dennoch wacht: Man habe darauf geachtet, "dass der Dietmar Kontakt zu anderen Landwirtschaftsabgeordneten, egal welcher Partei, aufgreift".

Selbsternannter "evangelischer Optimist"

Dass er 1993 in der SPD und nicht etwa bei den Christdemokraten gelandet ist, erklärt Woidke selbst so: "Die Leute, die mich nach der Wende in die CDU holen wollten, das waren teilweise die gleichen, die mich schon zu DDR-Zeiten in die Blockpartei-CDU holen wollten." Und zur Linken dürfte er schon wegen seines evangelisch geprägten Elternhauses und der Zeit in der Berliner Studentengemeinde einige Distanz gehabt haben.

Eine Kirche, die liegt auch an diesem Tag auf dem Weg: Woidkes Tourismusfahrt ist im sanierten Brandenburger Dom angekommen. Ein paar Gerüste stehen noch herum, die Decke ist frisch geweißt. Woidke sieht sich zufrieden um: Er habe ja "eine besondere Affinität zur Kirche". Jetzt wird es mal persönlicher: 1983 zum Beispiel habe er im Luther-Jahr Touristen durch die Eislebener Andreaskirche geführt. Heute bezeichnet er sich als "evangelischen Optimisten".

Karriere im Schongang

Seit den ersten Tagen in der Politik ist es für ihn relativ beständig, aber nicht steil nach oben gegangen: Landtagsabgeordneter, Agrarminister, Fraktionschef. Dafür braucht er 15 Jahre. Wirklich als Platzeck-Nachfolger in den Blick gekommen ist Woidke erst als Innenminister. Er mildert die umstrittene Polizeireform ab und gewinnt das Vertrauen der Beamten. Trotzdem: Diebstähle an der Grenze und Einbrüche im Speckgürtel zählen zu den Aufregern in diesem Wahlkampfsommer.

Auch Braunkohle-Gegner oder BER-Kritiker protestieren bei den SPD-Veranstaltungen. Zwei Zukunftsthemen, mit denen Woidke ganz unterschiedlich umgeht: Bei der Braunkohle ist er offensiv, hat sich festgelegt: Die Kohle bleibt wichtig für Brandenburg. Aus dem Flughafen-Geschäft hält er sich lieber raus. Er will, anders als Platzeck, nicht BER-Aufsichtsratsmitglied werden. Das sollten Experten machen, sagt Woidke. Er will die ständigen Negativ-Schlagzeilen von sich fern halten, interpretieren andere. Fest steht: Er wird seine Optionen genau analysiert haben.

Tun, was zu tun ist

Was hält er selbst vom Image des "Dr. Sachlich"? "Ist in Ordnung", sagt Woidke. Schon wieder so ein nüchterner Satz. Aber manchmal muss ein Ministerpräsident auch tun, was ein Ministerpräsident eben tun muss: Die Tourismusfahrt entlang der Havel ist inzwischen an einem der neu angelegten Gärten angekommen. Direkt am Ufer winkt Wilma Wels, das Maskottchen der Buga: ein Mensch in einem türkis-schimmernden Fischkostüm mit großen Augen, roten Lippen und pinkfarbenen Barteln – wie aus dem Drogentraum eines PR-Strategen. Erst ziert sich Woidke. Dann geht er auf Wilma Wels zu und umarmt dieses seltsame Wesen. Die Fotografen sind zufrieden. 

Beitrag von Tina Rohowski

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