Symbolbild: Der zur Sanierung eingerüstete Kirchturm der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg wurde zu einer übergroßen Europaflagge umgestaltet (Quelle: Imago/ Seeliger)
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Hightech und Schokolade - Wohin die EU-Millionen in Berlin fließen

Deutschland ist eines der reichsten Länder der EU. Dennoch fließen bis 2020 rund 850 Millionen Euro EU-Gelder in die deutsche Hauptstadt. Gefördert werden Innovation und Forschung, aber auch in soziale Projekte, zum Beispiel zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. 

Europa in Berlin ist bunt. Denn EU-Gelder stecken in der deutschen Hauptstadt unter so ziemlich jedem historischen Stein, in tausend Kiezprojekten, in Forschungsinstituten und Arbeitsplätzen. Im Familienzentrum Lichtenberg genauso wie in der Krebsforschung am Max-Delbrück-Centrum in Buch oder der Selbsthilfewerkstatt in Moabit. Nur weiß das kaum jemand.

Von der strukturschwachen zur stärker entwickelten Region

Der Geldsegen aus Brüssel hat viel mit der deutschen Teilung zu tun. Es sind große Projekte zu diesem Thema bezuschusst worden, darunter der Mauerradweg auf dem früheren "Todesstreifen" rund um West-Berlin, die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße oder das Zeitzeugen-Büro im Stasigefängnis Hohenschönhausen. Zum anderen galt Berlin bis 2013 als strukturschwach und deshalb einer hohen EU-Förderung würdig – eine Situation, die vor allem durch die jahrzehntelange Teilung der Stadt entstanden war.

Inzwischen haben sich die Lebensverhältnisse in der deutschen Hauptstadt angeglichen, Berlin hat sich zur "stärker entwickelten Region" Europas gemausert. In der laufenden Förderperiode von 2014 bis 2020 fließen insgesamt 850 Millionen Euro aus Brüssel, zuvor waren es noch rund 1,2 Milliarden gewesen.

EFRE: Kleine und mittlere Unternehmen im Fokus

Das meiste EU-Geld in Berlin stammt aus dem Topf für Regionalförderung (EFRE): 635 Millionen bekommt die Stadt zwischen 2014 und 2020. Die EFRE-Mittel dienen grundsätzlich dem Ausgleich regionaler Ungleichgewichte. Besonders geht es um Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, dauerhafte Arbeitsplätze und eine nachhaltige Entwicklung. Schwerpunkte sind dabei für Berlin Forschungs- und Innovationsprojekte bei kleineren und mittleren Unternehmen sowie Start-ups, die Verbesserung der Lebensbedingungen, etwa durch Quartiersmanagement sowie der Klimaschutz.

In der vorangegangenen Förderperiode von 2007 bis 2013 erhielt Berlin aus dem EFRE noch 875 Millionen Euro.

Zwei Ärzte operieren einen Patienten mit Hirntumor (Quelle: dpa/Grubitzsch).
Mithilfe moderner Technologien können Chirurgen Operationen, zum Beispiel am Gehirn, präziser und sicherer durchführen | Bild: dpa/Waltraud Grubitzsch

Navi für Chirurgen, Schokoriegel und saubere Energie

Die Vielfalt der geförderten Unternehmen und Projekte ist dabei sehr groß. So stecken EFRE-Gelder beispielsweise in den zukunftsweisenden Technologien der Scopis GmbH. Die Berliner Firma entwickelt chirurgische Instrumente, die eine 3D-Analyse der menschlichen Anatomie ermöglichen. Ähnlich einem Verkehrsnavigationsgerät führen sie den Chirurgen durch die Operation und warnen, wenn er vom festgelegten Operationspfad abweicht. Dank der EU-Mittel profitieren heute Patienten in mehr als 50 Ländern weltweit von dieser Innovation.

Aber auch in Schokoriegeln aus Berlin stecken mitunter Fördergelder aus dem Regionalfonds der EU: So setzten sich die beiden Gründer des Unternehmens Candy Farm das Ziel, den Schokoriegel neu zu erfinden - mit besten Zutaten für besten Geschmack. Durch die Unterstützung aus dem EFRE konnte das junge Unternehmen eine Schokoladenüberzugsmaschine anschaffen und die Produktion weiter ausbauen.

Blick in die Energiezentrale (Quelle: rbb/Franziska Ritter)
Blick in die neue rbb-Energiezentrale | Bild: rbb/Franziska Ritter

Weitere Beispiele sind die Selbsthilfewerkstatt Moabit - ein Ort nachbarschaftlicher Begegnung und Selbsthilfe der in einer ehemaligen Lkw-Gerage in der Lehrter Straße entstanden ist - oder auch die Energiezentrale des rbb an der Masurenallee - mithilfe eines eigenen Blockheizkraftwerks kann der rbb am Berliner Standort den gesamten Bedarf an Wärme- und Kälteenergie sowie weitestgehend den Strombedarf decken. Dadurch werden nicht nur Geld und Energie gespart, sondern auch klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen erheblich reduziert.

ESF: Integration und Qualifikation

Viel Geld investiert die EU außerdem in die Berlinerinnen und Berliner selbst. Für Projekte der Aus- und Weiterbildung sowie der sozialen Eingliederung kommen die Fördermittel aus dem zweiten großen EU-Topf, dem Sozialfonds EFS. Bis 2020 stehen Berlin aus dem Fonds insgesamt rund 215 Millionen Euro zur Verfügung. Schwerpunkte sind dabei die soziale Eingliederung benachteiligter Gruppen, die bessere Qualifizierung für einen Arbeitsplatz, die Bekämpfung von Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit, die Optimierung der allgemeinen und beruflichen Bildung sowie die Armutsbekämpfung.

Im Zeitraum von 2007 bis 2013 flossen aus dem ESF-Topf noch rund 336 Millionen Euro Fördergelder nach Berlin.

Arbeitslosigkeit bekämpfen, neue Perspektiven aufzeigen

Ein Beispiel für ein ESF-gefördertes Projekt in Berlin ist das Projekt "Zukunft Kita" des Sozialunternehmens Wortlaut. Mithilfe des Projekts will Wortlaut Arbeitslosigkeit und Erziehermangel in der Stadt bekämpfen. Es bietet Arbeitslosen, Arbeitssuchenden und Nichterwerbstätigen aus Berlin die Möglichkeit, einen realistischen Einblick in das Berufsfeld Kita zu bekommen. Dazu setzt das Unternehmen auf individuelle Beratung und Begleitung, Praktika sowie Workshops und Seminare, die sie in den Arbeitsalltag einführen.

Ebenfalls der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit dient der Frauenladen, in dem Frauen mit oder ohne Migrationshintergrund ein Jahr lang bis zur sogenannten Nichtschülerprüfung begleitet werden. Die Teilnehmerinnen erlangen dadurch die einfache oder erweiterte Berufsbildungsreife, die sie für einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle qualifiziert. Dadurch ebnet der Frauenladen ihnen den Weg zu finanzieller Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung. Dank der ESF-Förderung ist das Angebot für die Frauen kostenlos.

Vernetzung ist das Zauberwort

Durch den ESF gefördert ist auch das Performing Arts Programm (PAP), das freischaffende Künstlerinnen und Künstler in Berlin auf ihrem Karriereweg unterstützt. Konkret richtet es sich an alle freien Tanz- und Theaterschaffenden Berlins und ist dezidiert auf die Situation und Bedürfnisse der Szene ausgerichtet. Seit 2013 arbeitet das PAP an der Professionalisierung, strukturellen Stärkung und verbesserten Wahrnehmung der freien darstellenden Künste. Schwerpunkte dabei sind Beratung und Qualifizierung, Distribution und Marketing, Netzwerke und Kooperationen sowie Publikumsgenerierung und Vermittlung.

EU-Töpfe

  • Gesamtförderung

  • Ziel der Förderung

  • Regionalfonds (EFRE)

  • Sozialfonds (ESF)

  • Agrar- und Fischereifonds

  • Wissenschaft und Forschung

  • EU-Kulturförderung: "Kreatives Europa"