Serie "Wahlfahrt" | Inforadio | 20.08.2014 - Die Kohle, die spaltet

In der Lausitz wünscht sich so mancher das Ende des Braunkohle-Tagebaus – vor allem in Dörfern wie Atterwasch, die möglicherweise dem Baggerzahn zum Opfer fallen werden. Doch im nahen Jänschwalde, wo das große Kohlekraftwerk gute Jobs bietet, sieht man die Sache ganz anders. Von Alex Krämer

Überall in Atterwasch sieht man in diesen Tagen Plakate. "Wir wehren uns", steht an einem Gartentor. "Atterwasch bleibt", heißt es auf dem Plakat vor der Kirche. Sieben Jahre ist es her, dass der Energiekonzern Vattenfall angekündigt hat, dass er unter dem 200-Einwohner-Dorf Kohle abbauen will. Das Planungsverfahren läuft noch.

Sieben Jahre Unsicherheit, seufzt Matthias Bernd, Pfarrer in Atterwasch:  "Stellen Sie sich vor, jemand kriegt die Diagnose, dass ein Schatten auf seiner Lunge ist, aber man weiß noch nichts Genaues. Dann lässt man ihn sieben Jahre lang hängen. Das wird unter Unmenschlichkeit abgerechnet. So ähnlich geht es bei uns auch." Nicht alle, aber die große Mehrheit der Atterwascher sei gegen den Tagebau, sagt der Pfarrer.

"Heimat ist da, wo wir geboren sind"

Einer der Gegner ist Ulli Schulz. Der Landwirt betreibt hier mit seinem Sohn einen Famlienbetrieb, 700 Hektar, seine Familie findet sich schon seit dem 30-jährigen Krieg in den Atterwascher Kirchenbüchern. "Wir gehen nicht", sagt Schulz.

"In der Anfangszeit hat man uns erklären wollen, was Heimat eigentlich bedeutet. Vattenfall hat gesagt, Heimat sei da, wo man arbeitet und Geld verdient. Wir haben aber eine ganz andere Auffassung von Heimat. Heimat ist, wo wir hineingeboren sind, wo wir aufgewachsen sind, wo wir leben. Und wenn wir dann in dieser Heimat noch unser Geld verdienen können und dürfen, dann ist das Wort ausgeschöpft."

Azubis arbeiten gern im Kraftwerk

Von Heimat reden aber auch andere - Auszubildende im rund 20 Kilometer entfernten Braunkohle-Kraftwerk Jänschwalde. Für sie steht der Energiekonzern Vattenfall für gut bezahlte Jobs - und eine gute Ausbildung.

Marco Bedrich beispielsweise findet die Bedingungen vor Ort "ziemlich ideal". Außerdem habe er sich bei dem Konzern beworben, weil er mit seiner Heimat verbunden bleiben wollte. "Vattenfall ist in der Lausitz mit der einzige Großkonzern, bei dem man auch gute Zukunftschancen hat."

Der Azubi Fritz Strehle wünscht sich, dass das Kraftwerk "noch eine Weile" weiterläuft. Er verstehe natürlich die Leute, die ihre eigene Umsiedlung nicht so toll finden, sagt Strehle. "Andererseits muss man auch die Arbeitsplätze sehen und was in der Lausitz alles dran hängt. Das ist eine strukturschwache Region hier."

Neue Kohlekraftwerke passen besser zu Erneuerbaren

Maik Rolle, Betriebsratchef im Kraftwerk, sieht keine andere Branche, die der Lausitz ähnlich gut bezahlte, abgesicherte Jobs bieten könnte wie die Braunkohle. Außerdem seien die früher schwerfälligen Braunkohle-Kraftwerke jetzt viel flexibler und passten besser zu den erneuerbaren Energien:

"Wenn an einem guten Tag mit viel Sonne und viel Wind die erneuerbaren Energien viel Strom einspeisen, dann können wir unsere Kraftwerke runterfahren", sagt der Betriebsratschef. "In dem Fall senken wir unsere Leistung um die Leistung der Erneuerbaren. Das ist neu. Unsere Kraftwerke lassen sich besser regeln."

Unterschiedliche Positionen bei den Parteien

Klima schützen, Dörfer bewahren, Wirtschaftskraft erhalten, Stromversorgung sichern - dieses Spannungsfeld zeigt sich auch beim Blick in die Wahlprogramme.  Nur bewerten die Parteien es unterschiedlich: CDU, SPD und FDP sind für neue Tagebaue - die Grünen und die Linken dagegen.

Energie - Das wollen die Parteien

  • Die Ausgangslage

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  • FDP

  • Weitere Parteien

Beitrag von Alex Krämer

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