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Quelle: dpa/Bildagentur-online/Joko

Interview | Wildtiere im Berliner Winter

"Wir haben viele Touristen, auch zweibeinige Gefiederte"

Berlin bietet Wildtieren im Winter viele Vorteile, zum Fressen und Schlafen kommen einige sogar extra aus dem Umland. Wildtierexperte Derk Ehlert erzählt, wie Waschbär und Amsel durch die kalten Monate kommen - und welche Unterstützung hilfreich ist.

rbb|24: Herr Ehlert, in Berliner Mülltonnen können Wildtiere das ganze Jahr über nach Futter wühlen. Haben es Wildtiere in der Stadt überhaupt nötig, Winterschlaf zu halten?

Derk Ehlert: Unabhängig davon, wo die Tiere leben, gibt es einige Arten, die Winterschlaf halten. Das sind zum Beispiel Fledermäuse, Igel oder Siebenschläfer. Die haben jetzt ordentlich Insekten und Schnecken gefressen, reduzieren nun die Atmung und die Herzfrequenz und gehen dann in den Winterschlaf über.

Was ist für die Tiere in den kalten Monaten in der Stadt anders als auf dem Land?

Das Nahrungsangebot in der Stadt ist im Winter durch die höheren Temperaturen reicher. Für Vögel gibt es beispielweise mehr Beerensträucher als in aufgeräumten Monolandschaften in Agrarkulturen, in denen viele Pestizide eingesetzt werden.

Explizit kann man das an Amseln sehen: Die Amseln auf dem Land ziehen häufiger über den Winter weg, Stadtamseln bleiben eher da. Sie haben ihr Leben angepasst, fangen früher und lauter an zu singen, um gegen den Lärm anzukommen und in der Stadt finden sie eben das ganze Jahr über genug Nahrung.

Derk Ehlert ist Wildtier- und Jagdreferent der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. | Quelle: rbb

Dienen Wohnhäuser nicht nur uns, sondern auch Tieren als Unterschlupf?

Auf den Dachböden der Wohnhäuser sind es vor allem Fledermäuse, die es sich gemütlich gemacht haben. Manchmal gibt es aber auch Waschbären, die auf Dachböden Winterruhe halten. Winterruhe ist im Vergleich zum Winterschlaf eine Phase, in der die Tiere einfach dahin dösen und bei etwas höheren Temperaturen aufwachen, was fressen und auf Toilette gehen.

Richten Tiere im Winterschlaf Schaden an oder können wir sie einfach schlummern lassen?

Wer schläft, der sündigt nicht. Klar, dass Tiere, die Winterschlaf halten, ohnehin nichts anstellen können, weil sie schlafen und diejenigen, die Winterruhe halten, ebenso wenig. Bei den Waschbären ist es so, dass sie zwischendurch eben mal ihr Geschäft verrichten. Dann sollte man bestenfalls wissen, wo die Toilette der Kleinbären ist und Zeitungspapier auslegen, denn die Tiere nutzen immer wieder die gleichen Orte.

Drängt es im Winter einige Tiere, die sonst eher im Umland leben, für die Futtersuche stärker in die Stadt als in der warmen Jahreszeit?

Wildschweine tauchen jetzt vermehrt in Siedlungsbereichen auf. Engerlinge und Würmer im etwas wärmeren Boden in den Gartenanlagen ziehen die Tiere in die Stadt. Es ist mitunter aber auch die Jagd, die Wildschweine um diese Jahreszeit aus dem Wald rausscheucht und in die besiedelten Bereiche treibt.

Stimmt der Eindruck, dass es in Berlin im Winter mehr Krähen gibt?

Die Stadt ist groß und wir haben viele Touristen, auch zweibeinige Gefiederte, dazu gehören vor allem die Krähen. Viele Krähen sind wirklich nur in den Wintermonaten bei uns. Die kommen von weiter nördlich, östlich und südöstlich gelegenen Gebieten zu uns.

Für sie ist die Stadt hochinteressant, weil es etwas wärmer ist, weil hier andere Biotopstrukturen bestehen, weil sie hier mehr Nahrung und mehr Schutzraum finden. Das kann man sehr schön in den Abendstunden sehen. Frühmorgens fliegen viele Vögel an den Stadtrand oder nach draußen und kommen abends gemeinsam zu ihren Schlafplätzen mit großem Geschrei angeflogen.

Wann wird es für Tiere im Winter in der Stadt besonders gefährlich?

Die größten Gefahren sind für Wildtiere viel Schnee und strenger kalter Frost. Der Boden ist gefroren, sie können ihn nicht mehr öffnen und keine Nahrung finden. Dicke Laubschichten im Garten unter den Strauchflächen und Bäumen sind für viele Tiere dann wichtig. Zum einen können Insekten im Laub überwintern, Vögel können hier Nahrung finden und die Blätter schützen den Boden vor Austrocknung und Kälte.

Wühlen sich Tiere in den Wintermonaten verstärkt durch Mülltonnen, weil natürliche Futterquellen wegfallen?

Mülleimer gehören zu ganz normalen Fressstätten für Wildtiere in der Stadt, ob das nun Füchse, Marder, Waschbären oder Vögel sind. Sie werden im Sommer als auch im Winter aufgesucht - in den kalten Monaten nicht unbedingt verstärkt, es fällt nur mehr auf. Alles ist so braun und grau und wenn dann ein Mülleimer völlig zerrupft dasteht und der Müll um diesen Mülleimer herum liegt, sticht das einfach noch stärker ins Auge.

Wie geht es den Wassertieren, wie Bibern und Schwänen, wenn die Seen und Kanäle doch mal zufrieren?

In Berlin gibt es trotz großer Kälte fast nie komplett zugefrorene Gewässer. Das Kühlwasser der Industrieanlagen verhindert ein komplettes Zufrieren. Das haben wir ja auch im letzten Winter gesehen, als tatsächlich alle anderen Seen im Umland zugefroren waren und es tatsächlich eine wichtige Rolle spielte, dass noch Gewässer offen sind, die dann von Wasservögeln wie Enten und Schwänen angeflogen werden, die sonst die Stadt nie bevorzugen würden.

Dem Biber zum Beispiel ist der Winter völlig egal. Der kommt auch trotz dicker Eisdecke an den Rändern rein und raus aus dem Wasser. Er ist das ganze Jahr über aktiv, hält keine Winterruhe und keinen Winterschlaf und er ist ein reiner Vegetarier. Seine Schnittstellen kann man im Winter viel besser beobachten als im Sommer. Zum einen, weil das Laub weg ist und zum anderen, weil er in den Wintermonaten nicht an Krautiges herankommt und dann auch eher an Ästen und Zweigen herumbeißt.

Was machen eigentlich Insekten im Winter?

Viele Insekten überwintern als Ei oder Larve. Manche Insekten verfallen in eine Starre. Einige Arten können sogar die Salzkonzentration im Körperinneren nach oben fahren, sodass sie eine Art Frostschutzmittel innehaben. Viel wichtiger sind aber für Insekten Versteckmöglichkeiten, wie abgestorbene Zweige, Äste und Gräser.

Das kann man unterstützen, indem man den Garten nicht aufräumt, sondern tatsächlich die Rasenflächen vom Laub befreit, aber es unter Bäumen und Sträuchern liegen lässt. Je wilder ein Garten in den Herbst und Winter geht, desto besser ist es für Insekten und andere Tiere. Das geht auch auf dem Balkon. Wenn man keine Geranien pflanzt, sondern Wildstauden und die im Herbst stehen lässt, sieht das zwar nicht so toll aus, hilft der Natur aber enorm. Und man kann es Ende März in den abgestorbenen Halmen knistern hören und erleben wie die Natur erwacht. Was Schöneres kann man gar nicht erreichen.

Sollen wir auf unseren Balkonen und Hinterhöfen Vogelfutterhäuser aufstellen oder lieber nicht?

Man sollte darauf achten, nicht zu viel zu füttern und nur dann, wenn es wetterbedingt erforderlich ist., also vor allem dann, wenn Schneelagen und Dauerfrost sind. Wichtig ist es auch, die Futterstellen sauber zu halten und abends abzuräumen, sodass keine Mäuse oder Waschbären angelockt werden. Und natürlich den Vermieter vorher befragen, ob das gestattet ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Bordel, rbb|24.

 

Sendung: zibb, 23.11.2021, 18:30 Uhr

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