Archivbild: Drogenszene am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg 2001. (Quelle: imago images)
Video: Abendschau | 25.10.2019 | Gespräch mit Bezirksbürgermeisterin M. Herrmann | Bild: imago images

Berlin auf Droge | Heroinspritzen in Hausaufgängen - Herrmann plant Drogen-Konsumraum am Kottbusser Tor

Spritzen in Hausaufgängen und auf Spielplätzen: Seit langem klagen Anwohner rund um das Kottbusser Tor über den Konsum harter Drogen im öffentlichen Raum. Die Bezirksbürgermeisterin will deshalb einen neuen Drogen-Konsumraum einrichten. Von Anja Herr

Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Die Grünen), will gezielter gegen Drogenkonsum im öffentlichen Raum vorgehen. Im Sommer 2020 soll am Kottbusser Tor ein Zentrum für Alkohol- und Heroinabhängige mit einem Konsumraum eröffnet werden, erklärte Herrmann im Gespräch mit rbb|24.

"Es geht tatsächlich darum, diejenigen, die fixen, von der Straße zu holen", betonte die Grünen-Politikerin. Geplant sei ein Gesundheits- und Sozialzentrum für Alkohol- und Heroinabhängige mit Beratung, Drogen-Konsumraum und Notübernachtungsmöglichkeiten. Der Verein "Fixpunkt" soll das Zentrum in der Reichenberger Straße 176 betreiben.

Bezirk zahlt die Miete, Senat den Umbau

Bereits seit März 2018 hat der Bezirk für das neue Sozialzentrum die erste Etage eines ehemaligen Seniorenwohnhauses mit einer Fläche von rund 400 Quadratmetern angemietet. Wegen langwieriger Verfahren zur Beantragung von Fördermitteln und zur Ausschreibung der Umbauarbeiten habe sich die Eröffnung des Zentrums verzögert, teilte Julia Thöns von der sozialraumorientierten Planungskoordination des Bezirksamtes mit. An dem Konzept werde bereits seit Ende 2016 gearbeitet.

Die jährliche Miete liegt im fünfstelligen Bereich; sie wird aus dem Haushalt des Bezirks finanziert, der Senat zahlt den notwendigen Umbau und die langfristigen Projektkosten. Auch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt und das Bundesprogramm Soziale Stadt unterstützen das Gemeinschaftsprojekt.

In der Reichenbergerstraße 130 gibt es bereits einen Konsumraum. Dieser soll erhalten bleiben, betonte Thöns.

Beschwerden von Anwohnern

Anwohner beklagen seit Jahren den weit verbreiteten Drogenkonsum auf Plätzen und U-Bahnhöfen rund um das Kottbusser Tor. Kritik gibt es auch immer wieder wegen herumliegender Spritzen auf Kinderspielpätzen. Zuletzt hatte das ARD-Politikmagazin Kontraste über zwei Eltern berichtet, die Anzeige wegen Körperverletzung durch Unterlassen gegen die Bezirksbürgermeisterin Herrmann und gegen den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) erstattet hatten. Die fünfjährige Tochter der klagenden Eltern war am Wassertorplatz unweit vom Kottbusser Tor barfuß in eine benutzte Spritze getreten.

Schutz vor Überdosen

Immer mehr Heroinsüchtige konsumieren ihre Drogen im öffentlichen Raum, bestätigt die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. Eine Ursache dafür sei, dass wohnungslose Junkies zunehmend ihre Rückzugsorte verlieren. Denn leerstehende Gebäude gibt es in der Boom-Stadt Berlin kaum noch.

Konsumräume sollen die Menschen von der Straße holen, auch um die Drogenabhängigen selbst vor Überdosen oder Infektionen infolge verunreinigter Spritzen zu schützen. Im vergangenen Jahr starben in Berlin 71 Menschen infolge ihres Heroin-Konsums; bis Ende Juli dieses Jahres waren es bereits 39. Das geht aus Zahlen der Polizei hervor, die rbb|24 vorliegen.

Längere Öffnungszeiten geplant

In der ganzen Stadt gibt es derzeit nur drei feste Drogen-Konsumräume, die nur an wenigen Stunden tagsüber geöffnet sind. Am Wochenende haben sie komplett geschlossen. Allein im Konsumraum in der Birkenstraße im Stadtteil Moabit haben sich die Konsumvorgänge zwischen 2015 und 2018 mehr als verdoppelt, hat das ARD-Politikmagazin Kontraste recherchiert. Im Jahr 2018 hatte die Birkenstube 25.000 Konsumvorgänge. 

Laut Plänen des Senats sollen die Konsumräume ab 2020 an allen sieben Wochentagen öffnen, acht Stunden täglich. Zudem sollen im kommenden Jahr weitere Konsumräume eröffnen.

Beitrag von Anja Herr

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17 Kommentare

  1. 17.

    Ja, ja die "Altberliner". Ich hoffe sie meinen nicht die, die zwischen 33 und 45 das Sagen hatten. Zur jüngeren Geschichte einfach mal "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" lesen und die heutige Bahnhofsmission dort besuchen :) "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist ein 1978 vom Magazin Stern herausgebrachtes biografisches Buch, das die Situation drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher am Beispiel von Christiane Felscherinow (Jahrgang 1962) aus der Gropiusstadt im Berliner Bezirk Neukölln schildert. Die Autoren des Buchs sind Kai Hermann und Horst Rieck. Die Originalausgabe wird durch ein Vorwort von Horst-Eberhard Richter eingeleitet. Der Titel des Buchs nimmt Bezug auf den Berliner Bahnhof Zoo, der in den 1970er- und 1980er-Jahren ein zentraler Treffpunkt der Westberliner Drogenszene war..." https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_Kinder_vom_Bahnhof_Zoo

  2. 16.

    Ziemlich viel soziale Kälte ist hier im Forum zu beobachten. Drogenkonsum oder -abhängigkeit muss man für sich persönlich nicht gutheißen, dennoch ändert das nichts an der Tatsache, dass es beides gibt.

    In einer zunehmend entsolidarisierten und auch durch Grüne neoliberalisierten Gesellschaft wurde es über Jahre "normal", Bedürftige auszugrenzen, ihre Probleme auf sie selbst abzuwälzen, sie individuell dafür verantwortlich zu machen. Wie Schuppen von den Augen fällt es plötzlich manchem, dass es doch tatsächlich Sozialer Arbeit bedarf - oh Wunder.

    Auch der rbb, bzw. Kontraste waren nicht sonderlich empathisch, als über die Kinder von Crety und Plety berichtet und gleichzeitg eine Hierarchie der Betroffenheit konstruiert wurde: Die Süchtigen waren mehr oder weniger zweitrangig. Dem rbb muss man ja öfter mal Grundsätze der Verfassung in Erinnerung rufen, Menschenwürde inklusive.

  3. 14.

    "Es geht tatsächlich darum, diejenigen, die fixen, von der Straße zu holen"

    'Tatsächlich' - mein persönliches Unwort des Jahres 2019. Gesprochen passenderweise von der Berliner Unpolitikerin des Jahres 2019.

  4. 13.

    Ich schlage vor Frau Herrman in die Bundespolitik zu schicken, denn in Berlin hat Sie schon genug Schaden angerichtet, sollen auch Andere etwas von ihren Ideen haben

  5. 12.

    Die "Altberliner" kennen noch ein anderes Berlin (nicht so dreckig und verkommen). Die Drückerbude stößt auch bei mir auf Unverständnis - sind denn Drogen jetzt legal. Ich frage mich, was hat diese Frau eingenommen.

  6. 11.

    Die Affinität gegenüber Drogenabhängigen und deren Versorger durch Frau Herrmann (Grüne) ist schon beachtlich.

  7. 10.

    Der Kotti wär doch prima für Parkletts, Findlinge und Poller. Der ideale Platz um eine Begegnungszone einzurichten, oder ;-)

  8. 9.

    @Buh ich denke und empfinde genau wie Sie. Bei mir sind es noch ein paar Jahre, dann ziehe ich endlich nach Brandenburg. Viele meiner Freunde und Bekannten haben dies schon getan. Auch junge Familien zieht es vermehrt raus aus dieser Stadt. Dafür ziehen immer mehr "Aktivisten" nach Berlin und obdachlose Menschen aus ganz Europa. Ich hätte nie gedacht, das "mein" Berlin mal so verkommt. Schade....aber ich freue mich auf das was kommt....in ein paar Jahren.

  9. 8.

    Wieviel Unheil darf diese Frau Hermann noch anrichten,bevor sie sich endlich verabschiedet.

  10. 7.

    meckern, meckern, meckern - das ist leicht und leider eine Eigenart der Alt-Berliner.
    Ich finde das Vorhaben sehr begrüßenswert.

  11. 5.

    Ich frage mich, ob ein jährlicher fünfstelliger Betrag an anderer Stelle einen höheren Mehrwert für die Bürger des Bezirks gestiftet hätte.

  12. 4.

    Als ob die, die abhängig sind, es auf die Kette kriegen dahin zu gehen. Wie wäre es mit einem Zwangsentzug? Ansonsten lese ich beim RBB gefühlt jeden Tag immer mehr Gründe die Stadt zu verlassen. Freue mich schon wenn ich es umsetzen kann hier weg zu ziehen. Als gebürtiger Berliner, kommen einem die Tränen wenn man sieht wie die Stadt vor die Hunde geht. Ich bin raus...

  13. 3.

    Kann Neukölln bitte auch so ein Gesundheits- und Sozialzentrum am Hermannplatz einrichten?! Wäre schön, wenn es viele sichere Orte für die Süchtigen gäbe und sie nicht mehr die U-Bahnhöfe belagern und dort ihre Drogen konsumieren. Am Zoo klappt das doch auch schon länger besser, zumindest im Vergleich zu den 70er/80er Jahren.

  14. 2.

    @rbb Sehr begrüßenswert! Zur Geschichte gehört auch, dass es direkt am Kottbusser Tor in der Dresdener Straße so einen sicheren Konsumraum gab bis ... Ja, bis die GSW verkauft wurde vom Senat und die "bösen Investoren" diese Nutzung der nun nicht mehr kommunalen Gebäude nicht mehr wollten. Gut, wenn jetzt Sozial- und Gesundheitspolitik wieder stärker werden. Luftlinie zum ehemaligen Druckraum in der Dresdener vielleicht 50 Meter ;) Leider erst über 10 Jahre nach Schließung jetzt die Wierderöffnung an neuer Stelle. Die Dresdener gehört inzwischen weitgehend der Deutsche Wohnen.

  15. 1.

    Langsam habe ich dieses Geplapper von unseren Politiker*innen, insbesonders Fr. Herrmann sowas von satt. Fixerstuben hätte es meines Erachtens dort schon längst geben müssen. Wer sich auch nur ein bisschen mit dieser Drogenproblematik auskennt, weiß, wie dringend solch Räumlichkeiten in der Stadt sind. Nicht bloß am Kotti.

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