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Audio: rbbKultur | 26.09.2019 | Gespräch mit Helge Heidemeyer | Quelle: Imago/Jürgen Ritter

Interview | Gedenkstätte Hohenschönhausen

"Ich sehe die Gitterstäbe vor meinem Fenster kaum noch"

Seit drei Wochen ist Helge Heidemeyer neuer Direktor des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hoheschönhausen. Der Historiker will einiges anders machen als sein umstrittener Vorgänger Hubertus Knabe -  und die Gedenkstätte auf die Zukunft vorbereiten. 

rbb: Herr Heidemeyer, seit 1. September sind Sie Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte. Nach all den Streitereien um Ihren Vorgänger Hubertus Knabe: Wie ist die Stimmung jetzt unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Haben die Vorgänge Narben hinterlassen?

Helge Heidemeyer: Die Vorgänge haben Narben und Diskussionen hinterlassen, Auseinandersetzungen – was nicht negativ gemeint ist. Aber den Prozess der Aufarbeitung dieser Geschichte haben bereits diejenigen in Angriff genommen, die in der Zwischenphase das Ruder übernommen haben: Marianne Birthler und Jörg Arndt haben Schritte in die richtige Richtung eingeleitet, so dass ich darauf gut aufbauen kann.

Welche Schritte sind das?

Zu erforschen: Wie gehen wir miteinander um? Und dann auch gewisse Aufarbeitungsprozesse intern in die Wege zu leiten und Strukturen einzuziehen, die es erschweren, dass sich solche Vorkommnisse wiederholen.

zur person

Dr. Helge Heidemeyer, 1963 in Remscheid geboren, war seit 2008 Leiter der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen, Roland Jahn. Er hat Neuere und Mittlere Geschichte, Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Passau und München studiert. Unter anderem hatte er bis 2005 als erster wissenschaftlicher Leiter die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde aufgebaut. Seit September 2019 ist er Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Sie arbeiten schon 40 Jahre im Bereich der Aufarbeitung der DDR Geschichte, wurden aber in Remscheid geboren, also im Westen. Ist das eher problematisch oder eher von Vorteil für den Leiter einer Stasiopfer-Gedenkstätte?

Ich erblicke darin weder einen Vor- noch einen Nachteil. Wir müssen alle mit dieser Geschichte umgehen. Sie betrifft nicht nur die Menschen, die in der DDR groß geworden sind. Hier geht es darum, Diktaturgeschichte aufzuarbeiten. Da ist die Herkunft egal, man muss professionelle Arbeit machen. Ich würde zwar mir wünschen, dass mehr Ostdeutsche in solchen Positionen wären. Aber der Stiftungsrat hat sich nun bei dieser Position für mich entschieden. Ich hoffe, ich kann sie erfüllen.

Was löst diese Gedenkstätte, dieses Gebäude des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses, in Ihnen aus?

Das Gefängnis ist schon ein beklemmender Ort. Wenn man da hingeht, fragt  man sich: Willst du hier wirklich arbeiten, willst du hier jeden Tag zubringen? Diese Frage stellen mir auch Freunde und Verwandte. Aber wenn man dann mit dem sehr lebendige, kreativen Team hier zusammenarbeitet, ändert sich die Atmosphäre sofort. Und wenn man dann sieht, wie groß der Zuspruch ist. Wenn man die Schülerbusse sieht! Bisher waren eine halbe Million Besucher nur eine Zahl für mich. Jetzt sehe ich die Besucher tagtäglich, und das ist echt überwältigend. Dann glaubt man schon, dass man an einem sinnvollen Ort ist. Um es mal plakativ auszudrücken: Ich sehe die Gitterstäbe vor meinem Fenster kaum noch.

Das Besondere ist auch, dass Zeitzeugen durch die Gefängnistrakte und Verhörräume führen. Also Menschen, die in diesem Untersuchungsgefängnis waren und ihre Geschichten erzählen können. Aber sie werden mit der Zeit natürlich immer weniger werden.

Die vielen Zeitzeugen waren lange Zeit eines der großen Alleinstellungsmerkmale für Hohenschönhausen. Aber auch heute schon ist diese überwältigende Menge an Besuchern alleine mit Zeitzeugen nicht mehr zu handeln. Von unseren 110 Besucher-Referenten und -Referentinnen sind schon jetzt nur noch etwa ein Drittel Zeitzeugen. Das schmälert aber nicht die Bedeutung der Zeitzeugen für die Aufarbeitung und für den Besuch in Hohenschönhausen. Diesen O-Ton kann man durch nichts ersetzen.

Wir müssen neue Wege finden - das ist auch meine Aufgabe - wie wir Zeitzeugen künftig in unsere politische Bildung integrieren. Im Moment sind wir wieder in einer Bauphase. Der große Gefängnistrakt muss dringend renoviert werden. Dabei werden wir in einzelnen Zellen Medienstationen einbauen, in denen der Besucherbegleiter auf Screens die Aussagen von Zeitzeugen aufrufen kann. Auf diese Weise bereiten wir uns schon mal auf die Zukunft vor. Aber solange wir Zeitzeugen haben, werden wir mit ihnen zusammenarbeiten.

Der Bundestag debattiert darüber, ob die Stasi-Unterlagenbehörde als eigenständige Behörde aufgelöst werden soll. Die Unterlagen würden dann in das Bundesarchiv überführt werden. Manche Bürgerrechtler sagen, damit werde ein Deckel auf die DDR Geschichte gelegt. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ob ein Deckel drauf gemacht wird, weiß ich nicht. Aber der Weg ins Bundesarchiv ist jedoch unausweichlich. Die Frage ist: wann? Ich bin skeptisch, ob wir jetzt schon so weit sind. Die Anträge auf persönliche Akteneinsicht sind immer noch relativ hoch. Auch in der Forschung und in der politischen Vermittlung kann man die gute Arbeit weiterführen, die jetzt schon geschieht.

Ihrem Vorgänger Hubertus Knabe wurde vorgeworfen, dass er die Gedenkstätte politisch undifferenziert und mit strikt antikommunistischem Blick geführt habe. Wollen Sie in eine andere Richtung gehen?

Mein Schwerpunkt liegt darauf, den Ort Hohenschönhausen wieder nach vorne zu stellen. Wir müssen bei unserer Arbeit immer von diesem Gefängnis ausgehen. Alles andere ist nicht Aufgabe dieser Gedenkstätte. Das heißt nicht, dass wir die andere DDR-Geschichte oder Repressionsgeschichte der SED Diktatur ausblenden. Aber das kann man doch viel besser machen, indem man etwa die Gedenkstätte Hohenschönhausen mit anderen Orten vernetzt. Gerade heute Morgen habe ich mit einem Mitarbeiter darüber gesprochen, ob wir nicht die Kontakte zu anderen Untersuchungshaftanstalten der DDR verstärken sollten. Nur in der Gesamtschau wird das Repressionssystem der DDR sichtbar. Genau das sehe ich als meine Aufgabe an: vom jeweiligen Ort her das Repressionssystem der DDR in den Blick zu rücken.

Welches Gefühl haben Sie jetzt, drei Wochen nach Ihrem Amtsantritt?

Ich habe ein gutes Gefühl. Diese Interimsgeschichte war natürlich für viele Mitarbeiter auch eine eingefrorene Situation. Und es ist ein wirklich engagiertes Team, das darauf wartet, nochmal loszulegen. Ich glaube, dass wir gut zu neuen inhaltlichen Zielen aufbrechen können, ohne das Ziel, in der Gedenkstätte zusammenzufinden, aus dem Auge zu verlieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Helge Heidemeyer sprach Andreas Knaesche für rbb Kultur. Das Interview ist eine gekürzte und bearbeitete Version. Die Originalfassung können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild dieses Beitrag nachhören.

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