Demonstration gegen den Verkauf der Leuna Werke (Quelle: dpa/Glaser)
Audio: Inforadio | 07.11.2019 | Interview mit Detlef Scheunert | Bild: dpa/Glaser

Interview | Ex-Treuhand Direktor Detlef Scheunert - "Als Treuhänder hat man die Menschen unglücklich gemacht"

Detlef Scheunert war in den Nachwende-Jahren als einziger Ostdeutscher im Direktorium der Treuhand, die die volkseigenen DDR-Betriebe in Privateigentum überführte. Damals war er stolz auf seine Position - heute sieht er seine Arbeit mit gemischen Gefühlen.

rbb: Was kommen bei Ihnen für Gefühle, wenn Sie sich an diese Zeit erinnern?

Detlef Scheunert: Zum einen erinnert man sich an die Euphorie als die Mauer fiel, die Träume, die Hoffnung bis hin zur Utopie, aber andererseits auch an die Konfrontation mit der Realität. Und dann die zerplatzten Hoffnungen, die Enttäuschung, die Trauer, die Wut. Das waren die beiden wesentlichen Emotionen.

Sie waren verantwortlich für knapp 80.000 Beschäftigte im Bereich Glas, Keramik, Feinmechanik und Optik, wo Sie auch viele entlassen mussten. Wie sehr haben Sie sich deren Schicksal vor Augen geführt?

Es war eine Notwendigkeit, die Betriebe wettbewerbsfähig zu machen. Als Treuhänder hat man die Realität zu den Träumen gebracht, was natürlich belastend war. Logisch. Man hat die Emotionen der Menschen gespürt und hat mit Argumenten gekämpft. Aber Argumente werden in emotionalen Situationen nicht wahrgenommen oder werden verdrängt. Das war das Schwierige an der Situation.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist das eine, dann sind aber auch lieb gewordene Produkte abgewickelt worden. Produkte, die auch zur Ostidentität dazugehören. Waren all diese Emotionen in der Treuhandanstalt irgendwie Thema?

Ja, natürlich hat man darüber diskutiert und ich insbesondere. Denn ich kannte all diese Produkte. Ich möchte aber das Bild der lieb gewonnenen Produkte korrigieren: Zunächst war es so, dass die Ostdeutschen diese Produkte, die sie sozusagen die ganze Zeit kaufen mussten wegen fehlender Alternativen, gar nicht mehr wollten. Sie wollten den Trabant nicht mehr, wollten aber ihren Arbeitsplatz behalten. Dadurch haben sie sozusagen ihren eigenen Arbeitsplatz infrage gestellt. Und das war der Konflikt, in dem die Treuhandanstalt handeln musste. Denn wir hatten extreme Umsatzausfälle in den Betrieben. Durch die Einführung der Deutschen Mark gab es eine Kostenaufwertung. Außerdem musste man sich mit dem Wettbewerb im Westen und im internationalen Bereich auseinandersetzen. Und diesen Konflikt hat natürlich der einzelne Arbeiter in dem Moment der Euphorie und der Träume nicht gesehen.

Können Sie das in irgendeiner Art und Weise nachvollziehen, dass die Treuhand auch heute noch quasi für den Ausverkauf der DDR steht?

Ich kann das sachlich-rational schwer nachvollziehen - emotional absolut. Eine Erklärung könnte vielleicht sein, dass die Bundesregierung die Akten für 30 Jahre gesperrt hat. Irrtümlicherweise wurde geglaubt, dass man die Wahrheit den Menschen nicht zutrauen kann. Doch die Realität war angekommen und die Akten, die jetzt geöffnet sind, die jetzt für Historiker und Journalisten einsichtbar sind, werden die Realität und die Fakten an die Öffentlichkeit bringen und damit die Legenden zerstören. Das ist meine Hoffnung.

Würden Sie den Job heute nochmal machen?

Ja und nein. Ich habe mich damals bewusst entschieden, an dieser Veränderung, die ich für notwendig erachtet habe, mitzuwirken. Natürlich war ich auch stolz, dies in exponierter Stellung machen zu dürfen. Heute würde ich davon eher Abstand nehmen. Mit diesem Wirken als Treuhänder hat man die Menschen faktisch unglücklich gemacht. Diese Strukturreformen und Veränderungen, die überfällig waren und in der DDR einfach aufgeschoben und ignoriert wurden, bis es nicht mehr ging, haben wir umgesetzt und nachgeholt. Diese Brutalität der Ereignisse hat keine Freude ausgelöst, und du warst der Überbringer dieser Botschaft. Das belastet, und das ist keine Situation, in die man sich hinein wünscht. Insofern würde ich es heute wahrscheinlich nicht mehr machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dörthe Nath, Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung - das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Audio-Button im Titelbild klicken.

Sendung: Inforadio, 07.11.2019, 08:45 Uhr

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4 Kommentare

  1. 4.

    Sie übersehen dabei eine wichtige Sache. Durch die Währungsunion hat die DDR ihre gesamten osteuropäischen Märkte buchstäblich über Nacht verloren! Die Ost-Staaten hatten nämlich kaum Devisen, um die jetzt durch die DM sehr teuer gewordenen Güter zu kaufen, weder Produkte für die Industrie noch Konsumgüter - zumal es auch schon dort alles in Wandlung und teilweise Auflösung begriffen war. Und dazu waren die DDR-Produkte plötzlich um einiges teuerer, als vergleichbare Produkte aus dem Westen. Die 80% Auslastung wären fast alles nur Produktion auf Halde! Mal als Beispiel: Die Herstellung der Praktika kostete volle 800 DM (früher 800 Ost-Mark, verkauf über Quelle für 200 DM), wer sollte die Kamera für den Preis kaufen? Und wer bitte hat noch Wartburg für DM gekauft? Statt dessen wurden alle Gebrauchtwagenmärkte im Westen leergefegt, lieber Schrott-BMW als neuer Wartburg. Wie sollte Wartburg überleben?

    Das ist kein Unfug, bitte erinnern und denken, auch über den Tellerrand hinaus!

  2. 2.

    So ein Unfug! Das ist doch eine billige Ausrede! Es geht doch hier nicht nur um irgendwelche bunten Konsumgüter. Damals hätte ein Bruchteil der Mittel genügt, die man anschließend in den Osten gepumpt hat, um die Industrie zu erhalten und zu stabilisieren. Aber das war NICHT GEWOLLT. Man wollte sich der Konkurrenz im Osten entledigen. Die westdeutsche Wirtschaft war zu der Zeit zu 80% ausgelastet, und man war am Osten nur als Absatzmarkt interessiert!

    Lesen!
    https://www.sueddeutsche.de/politik/ddr-treuhand-anstalt-ausverkauf-der-republik-1.137266-2

  3. 1.

    Danke für dieses ehrliche Interview.
    Selbst in der eigenen Verwandtschaft gab es diese Diskussionen und ich habe auch versucht zu erklären, dass die Treuhand keine andere Möglichkeit hatte, zumal die DDR-Bürger ihre eigenen Produkte nicht mehr wollten und damit auch zu Verlusten von Arbeitsplätzen beitrugen. Viele kannten den Westen aus dem Fernsehen, Werbung ist aber Illusion und nicht Realität. Der Westen wsr nicht schuld am Untergang, die DDR hat sich politisch und wirtschaftlich ihr eigenes Grab geschauffelt. Wenn das erkannt wird, verbessert sich hoffentlich auch das Klima zwischen Ost-West-Nord - und Süd.

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