Interview | Berliner Rapper Testo - "Wenn ich meine Meinung sage, kriege ich Bestrafungsängste"

Der Berliner Rapper Testo. (Quelle: privat/testo)
Bild: privat/testo

Die DDR nie erlebt und dennoch depressiv durch ihre Erziehungsmethoden? Der Berliner Rapper Testo wuchs im Stralsund der 1990er Jahre auf. Im Interview zieht er eine Linie vom strengen Erziehungsregime zur heutigen Wut auf der ostdeutschen Straße.

Das Interview entstand für den Radioeins-Podcast "Im Osten was Neues".

rbb|24: Du bist 1988 geboren und wie viele Nachwende-Ossis früh in den Kindergarten gegangen – der noch stark geprägt war von 40 Jahren DDR. Was sind Deine Erinnerungen an die Zeit?

Testo: Erziehung zur Selbstständigkeit hieß bei uns meist nur, selbstständig die Vorgaben zu erfüllen: "Iss deinen Teller auf! Jetzt gehen wir alle zusammen auf Toilette und machen vor dem Mittagsschlaf die Blase leer. Ich will nichts hören. Ihr schlaft hier gefälligst durch!" Was auch dazu geführt hat, dass sich Leute eingepinkelt haben.

Im Kindergarten war ein Mädchen, das sich beim Essen regelmäßig übergeben hat. Es wurde trotzdem gezwungen, weiterzuessen. Wenn sie gerade auf den Teller gekotzt hat, wurde eben eine Gabel vom Rand genommen. Es gab ein klares Bild, wie man zu sein hat. "Ihr habt euch einzufügen. Es gibt ein Kollektiv, und da habt ihr alle gleich zu sein."

War das nur in Kindergarten und Schule so? Oder hast Du das generell erlebt?

Testo: Es war auch gesellschaftlich so: "Das macht man halt so. Reiß dich zusammen. Heul nicht rum. Ein Junge hat keine Angst." Die Jugendkultur war geprägt von den großen, starken Jungs, die in der Gruppe auftreten, die keine Angst haben, vor denen sich alle fürchten und die einfach schalten und walten können, wie sie es wollen. Ich wurde regelmäßig von denen verjagt und beleidigt. Und man hat immer mal von Bekannten gehört, dass jemand angegriffen wurde und so weiter. Dieses Männerbild der Nazis, das im Osten der 90er Jahre sehr präsent war, habe ich dann später in anderer Form auch im Rap wiedergefunden.

Meine Kindheit hat mich später eingeholt, weil ich keine Angst und Trauer zulassen konnte. Wenn man diese Gefühle abspaltet, sind sie aber nicht weg, sondern es staut sich auf. Ich hatte irgendwann Panikattacken und Depressionen. Ein Mittel, um damit umzugehen, nicht traurig zu sein, war sicherlich: Dann saufe ich halt. Und das hat gewirkt.

Ich denke, dass man da eine Linie zurück in die DDR-Zeit malen kann. Wenn man den Leuten gestattet, Angst und Trauer zu empfinden, dann hätten sie ja viel eher gemerkt, dass ihnen dieser Staat eigentlich gar nicht gefällt.

Erklärt das womöglich, warum wir Ossis lange Zeit angepasst waren, nicht so schnell die Schnauze aufmachen, unsere Meinung eher im Privaten äußern statt öffentlich? Weil du schon als Kind gelernt hast, lieber nicht zu sehr aufzufallen – durch die Erziehung und durch die Gewalt der Nazis?

In den 40 Jahren DDR war Antifaschismus gefordert. Es gab ein klares Bild vom sozialistischen Menschen. "Und wenn wir dich fragen, hast du dich auch so zu äußern!" Es ist ja bekannt, dass dadurch das Volk nicht zu guten Sozialisten wurde, sondern dass es dann Lippenbekenntnisse und eine Aufspaltung in öffentliche und private Person gab. Es konnte gefährlich sein, wenn man offen redet. Das hat sich richtig eingegraben und wurde in den 90ern mit anderen Vorzeichen weitergeführt.

Wem Gewalt angetan wird, der war halt nicht vorsichtig genug. Der hat sich öffentlich zu sehr geäußert. "Weiß doch jeder, dass man mit seiner Meinung ein bisschen privater hausieren geht und das nicht an die große Glocke hängt." Das hat nur so funktioniert, weil es in den 90ern keine intervenierende Staatsmacht und auch bei den Menschen keine Mentalität des Intervenierens gab.

Diese Atmosphäre bringt Diskurs zum Erlahmen. Weil die Leute nicht ihre Meinung sagen und nicht als Individuum auftreten. Sie können sich nicht sicher sein, dass sie geschützt sind, wenn sie jemand angreift.

Da hat sich viel aufgestaut, was in den letzten Jahren, insbesondere seit 2015, bei uns im Osten dann energisch und radikal ausgebrochen ist.

Ja, in der Nachwendezeit wurde den Leuten viel zugemutet. Dann hieß es aber: "Jammer nicht rum, Jammer-Ossi!" Man hat keinen Ausdruck dafür gefunden, dass viele Betriebe dichtmachen und die Leute arbeitslos werden, während Westdeutsche das Land wegkaufen. Das hat alles geschlummert.

Nun hat in den letzten Jahren eine ostdeutsche Emanzipationsbewegung stattgefunden. Die wurde erfolgreich von Rechten angezapft. Wer bei Pegida mitläuft oder die AfD wählt, ist ja nicht immer Nazi, sondern da mischt sich auch immer mit rein: "Jetzt zeige ich es euch da drüben mal." Das ist ein Frust, der vorher nicht anders kanalisiert wurde und keinen Ausdruck gefunden hat. Und letztendlich ist es ja eine Erfolgsgeschichte. So traurig das ist, aber es hat ja funktioniert. Erst, als es hieß, jetzt wählen die Ossis gar nicht mehr so, wie wir das immer so gerne hatten, ist das zum Thema geworden.

Aber ja auch bei mir. Ich bin damals aus Stralsund weggezogen und habe versucht, alles wie eine Haut von mir abzustreifen. Aber meine eigene Geschichte war noch gar nicht aufgearbeitet. Vielleicht können wir in ein paar Jahren sagen: Das war ein beschissener Start, aber es hat zu einem guten Aufarbeitungsprozess geführt. Endlich wird ein inner-ostdeutscher Dialog geführt und danach kann man auch dem Westen auf Augenhöhe gegenübertreten.

Was hat Dir außer Alkohol noch geholfen, Deine Prägungen zu überwinden und Deinen Mund aufzumachen?

Ich hatte ja wirklich Symptomatiken und dann eine Therapie angefangen. Dadurch habe ich das Stück für Stück reflektiert. Was wurde mir beigebracht? Was will ich auch weiterhin behalten? Es war ja auch nicht alles schlecht.

Aber die totalitären Prägungen, die bis heute nachwirken und toxisch für die Menschen sind, die muss man reflektieren und ablegen. Ich glaube, dass das eine Aufgabe für alle ist, in die eigene Geschichte zu schauen. Es macht selbstbewusster und glücklicher. Man muss nicht irgendwo reinpassen und anderen Leuten gefallen. Nein Mann, ich bin so, wie ich bin. Und wenn es euch nicht gefällt, dann ist es halt so.

Mittlerweile stehen Du und viele andere ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler sehr selbstbewusst auf der Bühne und hauen ihre Thesen raus, also zum Beispiel Kraftklub, Jennifer Rostock oder Marteria. Wo kommt dieses neue Selbstbewusstsein her?

Das ist für mich harte Arbeit gewesen. Ich bin aufgewachsen mit: "Mach dich nicht so wichtig, füg dich ein." Es wird immer weniger, je öfter ich es mache, aber es macht mir Angst. Wenn ich mich auf die Bühne stelle und meine Meinung sage, kriege ich Bestrafungsängste. Weil ich in der Kindheit gelernt habe, dass es lebensbedrohlich sein kann, sich aus der Gruppe rauszubewegen. Aber das wird immer besser. Jetzt gibt es immer mehr Leute, die auftreten, auch im Journalismus, die Bücher schreiben, und das macht mir Hoffnung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Testo führte Nico Schmolke. Es handelt sich um eine Auskopplung aus dem Radioeins-Podcast "Im Osten was Neues": "Reden ist Silber, Schweigen ist Ost".

14 Kommentare

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  1. 14.

    Argumente auszutauschen ist doch super, bin ich dafür! Aber Beleidigungen bezeugen eben nur eine schroffe Ablehnung der Perrson, sie sind inhaltslos und destruktiv. Und die lese ich hier in der Kommentarspalte, das Zitieren derselben erspare ich uns, sie können Sie problemlos selbst nachlesen.

  2. 13.

    "Ideologiefreiheit" gibt es im menschlichen Zusammenleben nicht. "Ideologie" ist ein mittlerweile negativ konnotiertes Synonym für "Wertesystem". Und ich glaube, kaum jemand würde ernsthaft eine wertfreie Erziehung fordern. Dass man anderen nicht in die Augen piekt, ist Teil einer Wertvorstellung und Ideologie. Ebenso, dass man anderen nicht das Essen klaut. Und schnell wird's komplizierter, bleibt aber wertvoll und ideologisch: Dass z.B. jede* so viel zu essen haben soll wie gewünscht und nötig. Dass niemand benachteiligt werden soll - woraus aber zwingend folgt, dass auch niemand bevorteilt werden soll: auch das nix als Ideologie und Werte. Also bitte nicht die plumpe Vorstellung verbreiten, dass ideologiefreie Erziehung möglich sei: Wer erzieht, vermittelt unweigerlich immer Werte. Nur, ob die vermittelten Inhalte und die vermittelnden Methoden richtig sind, das ist die Frage, die (und der) man sich immer wieder neu stellen muss.

  3. 12.

    Tolles Interview. Trifft genau das, was genau die erleben mussten, die genau zur Wendezeit geboren wurden. Die älteren Kommentatoren hier haben selbstredend andere Erlebnisse, aus "ihrer" Zeit.
    Diese Erzieher-/Lehrerinnen, die man damals noch antraf, die wie ein Ozeanfrachter noch bis zur Arbeitslosigkeit den Ostdrill durchgezogen haben, konnten nur damals gerade noch überleben, ohne sich dem neuen System anzupassen. Und das Anpassen war genauso Scheisse wie das Anpassen an die öffentliche Ostmeinung zuvor. Unfrei und unfreiwillig beides. Eigene Meinung ist immer schädlich in Deutschland.

    Im Westen erzog man übrigens gerne bis 1968 nach Johanna Haarer, Nazi-Ideologin. Durchschlafen und Blasenerziehung stammt von der, ist nicht Sozialismus. Danach kam dann meist ebenso gruselig Reformpädagogik, mit nackig anpacken. Oder fundamentalistisch christlich.
    Ideologie-freie Kindergärten gab's wohl nie.. die Schäden variieren nur geringfügig..
    Testo macht aber das beste draus.

  4. 11.

    Auch Sie missbilligen doch hier, leider unkonkret, Aussagen, die nicht in ihr Weltbild passen. Aber dafür ist Kommunikation ja auch da: sich über unterschiedliche Ansichten auszutauschen und ggf zu neuen zu kommen. These, Antithese, Synthese - Dialektik ist sinnvoll, egal wie man zu Marx und Engels steht. Und keine Angst: Sanktionieren kann wohl keiner hier den Hrn Testo oder einen anderen Kommentator: Weder wirtschaftlich noch sonstwie sind wir so eng verbandelt, dass das möglich wäre. - Ihr Rat an Hrn Testo, zu sich zu stehen, ist in Ordnung. Komplett zu ignorieren was andere meinen, wäre jedoch nicht hilfreich; für keinen Menschen. Und nicht zuletzt jemand, der auf der Bühne steht, lebt ja von der Rückmeldung der Zuhörer* und der Auseinandersetzung damit (siehe oben: "Dialektik"). Wer immer nur in der eigenen Blase lebt, verarmt.

  5. 10.

    An den Kommentaren hier sieht man, dass offenkundig nach wie vor sanktioniert wird, was nicht ins eigene Weltbild passt.
    Wo ist eigentlich mein Kommentar abgeblieben? Möchte dem jungen Mann Mut machen, weiterhin zu sich stehen, egal wie andere das finden, was er zu sagen hat.

  6. 9.

    Was ist bei dem Typen schief gelaufen? Kann man mit solchem Gelaber heute wirklich noch Geld verdienen?

  7. 8.

    Was für Mengen an Unsinn und unzulässigen Verallgemeinerungen. Demnach müssten alle Ostdeutschen psychisch krank oder gefühlskalte Nazis sein. Mich hat die Zeit nach der Wende (Unsicherheit, Ungerechtigkeit, Leistungsdruck, Existenzangst, Versagensangst, Heuchelei usw.) viel mehr bedrückt und belastet, als 26 Jahre in der DDR, die ich so nicht wahrgenommen habe. Aber man muss ja irgendetwas verantwortlich machen für die eigenen Probleme und Schwächen.

  8. 7.

    Ich komme ursprünglich auch aus MV und bin auch noch älter als er. Und kann nur sagen, dass ich so ein Blödsinn wie Testo hier beschreibt nicht erlebt habe.
    Natürlich gab es ein gewisses Kollektiv, auch in dem Kindergarten, aber wir wurden nie zu etwas gezwungen. Die Gewalt, die Testo hier beschreibt, scheint mehr eher Westdeutsch zu sein. Aus dem gesamten Ossi Umfällt hörtr6und höre ich bis heute "Der Zusammenhalt war ganz anders als heute, es gab keine Ellenbogen Gesellschaft." Dass mit dem Mobbing ist auch eher ein Nachwende Ding, früher gab es sowas nicht.

  9. 6.

    Was ein Quatsch !!!!!

  10. 5.

    Danke für das Interview!

  11. 4.

    Plausible Ansätze, aber mir klingt das doch zu allgemein. Ich kenne genug Leute, die länger als zwei Jahre in der DDR aufgewachsen sind und trotzdem wagen, ihre Meinung zu sagen und sich als Individuen fühlten und fühlen. Und die Antifaschismus nicht nur für eine Staatsdoktrin halten. Umgekehrt kenne ich z.B. genug Wessis, die ebenfalls Angst haben, sich öffentlich zu äußern. Gesellschaftliche Sanktionierung für abweichende Meinungen oder "zu viel" Individualität gab es nicht nur in der DDR. Sicherlich sind dort Menschen offener und stärker sanktioniert worden. Aber subtiles Mobbing oder andere Formen von, eher nicht-staatlicher, Gewalt waren und sind auch in der BRD wirkungsvoll. Und ich kenne ebenfalls genug Wessis, die Angst und Trauer nicht zulassen können. - Es kommt immer vorwiegend auf die Menschen an: Politische Ideen sind Theorie; es sind Menschen, die sie in die Praxis umsetzen.

  12. 3.

    "Wenn ich meine Meinung sage, kriege ich Bestrafungsängste" - ja das ist so in der heutigen Zeit.

  13. 2.

    Er tut mir ja so leid - mir kommt echt der K...
    Will er seine Lieder verkaufen. Ich weiß nicht, was er für Eltern hatte.
    Ich glaube, im heutigen Kindergarten gehen alle Kinder vor dem Mittagsschlaf auf die Toilette.

  14. 1.

    Wie kann man solchen Schwachsinn schreiben! Wenn der Mann 1988 geboren ist, war er 2Jahre alt, als die Wende kam! Seine Erfahrungen mit Kindergarten und "Nazis" passen da zeitlich wohl kaum. In die Krippe kam er frühestens mit 1Jahr und konnte sicher nicht bis 1990 die geschilderten Erlebnisse durchmachen. Und Erinnerungen an seine Kindheit hat man frühestens mit 3 Jahren. Also aufgewachsen, in die Schule gegangen ist der junge Mann in der Bundesrepublik!

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