Besucher bei der Grünen Woche 2019 in Berlin. Quelle: imago stock&people
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Grüne Woche endet - Politproteste im Schlaraffenland

Die Aussteller der Grünen Woche konnten sich auch in diesem Jahr über Einnahmen in Millionenhöhe freuen. Doch neben ausgabefreudigen Verbrauchern und kreativen Leckereien gab es auch Politgerangel um Subventionen und lautstarke Proteste. Von Johannes Frewel

Sie war leckeres Schlaraffenland auf Zeit, lautstarke Politbühne und der größte Testmarkt der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft - die Internationale Grüne Woche 2019 zeigte sich so fit wie nie zuvor in ihrer bis auf das Jahr 1926 zurückreichenden Geschichte. 1.700 Aussteller aus mehr als 60 Ländern hatten sich zum 84. Mal zehn Tage lang unter dem Berliner Funkturm versammelt, um zum Jahresstart neue Geschäfte einzufädeln. Das waren mehr als je zuvor.

Neues entdecken, Köstlichkeiten naschen und an mehr oder weniger exotischen Getränken nippen: etwa 400.000 Besucher stürmten die Messehallen unter dem Berliner Funkturm. Die Agrarmesse in der größten Stadt Deutschlands ist auf dem Messegelände weiterhin der unangefochten zugkräftigste Publikums-Magnet. Viele Besucher sind Wiederholungstäter teils über Generationen hinweg. Das Geld saß den Verbrauchern auch in diesem Jahr locker. Aussteller erzielten beim Publikums-Verkauf Millionen-Umsätze, mit denen sie ihre Standkosten ganz oder teilweise decken.

Britische Aussteller im Schatten des Brexits

Das Auslandsgeschäft und der freie Zugang zu Märkten ist für Landwirte und Lebensmittelhersteller entscheidend. Es dürfte jedoch durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union spürbar schrumpfen. Noch ganze zwölf britische Hersteller fanden in diesem Jahr wenige Wochen vor dem geplanten Austrittstermin den Weg von der britischen Insel nach Berlin. Die nur noch geringe Präsenz steht im Gegensatz zur bisher tiefen Verflechtung der europäischen Agrar- und Lebensmittelbranche mit dem abtrünnigen Land.

Jährlich gehen Agrargüter und Lebensmittel im Gegenwert von 4,5 Milliarden Euro aus Deutschland nach Großbritannien, der Exportüberschuss liegt nach Angaben des Bauernverbands bei 3,5 Milliarden Euro. Das ist etwa doppelt so viel, wie das gesamte Exportvolumen der Branche in die USA. Wie es nach dem Brexit weitergeht, ist noch völlig unklar. Sicher ist nur: Zölle und steigende Transportkosten durch Wartezeiten an den Grenzen machen Lebensmittel teurer. Etwa 60 Prozent der Liefermengen des Frischeangebots in britischen Supermärkten kommen just in time aus Europa. Wenn sich die Zollschranken senken, müssen Verbraucher in Großbritannien beim Einkauf tiefer in die Tasche greifen.

Russische Aussteller wollen wieder auf EU-Markt

Seit Jahren von Problemen überschattet ist das Russland-Geschäft. Die Handelssanktionen als Folge der Ukraine-Krise hinterlassen tiefe Spuren. 2006 war Russland Partnerland der Grünen Woche, 2015 sogar größter Aussteller aus dem Ausland in Berlin. Davon ist nur wenig geblieben. Umso wichtiger war die Kontaktpflege der 46 russischen Aussteller zu ihren verbliebenden Kunden. Russland wandelt sich in der Branche vom Im- zum Exporteur und will wieder stärker auf den EU-Markt. Auch, weil die Inlandskaufkraft der Russen unter dem bröckelnden Rubel leidet. Ein deutsch-russisches Rätsel der Grünen Woche 2019 bleibt ungelöst: direkt neben die russischen Geschäftsleute in Halle 2.2 hatten die Messemacher den Werbestand der deutschen Bundeswehr platziert.

Forderung nach "enkeltauglicher" Agrarwende

Nicht militant, aber sehr lautstark ging es am Rande der Grünen Woche zu: Bauern mit Traktoren und Verbraucher aus ganz Deutschland zogen unter anderem vor das Agrarministerium. Tausende forderten die "enkeltaugliche" umweltgerechte Agrarwende ein.Vor der Neuordnung der EU-Agrarförderung ab 2021 wollen vor allem Familienbetriebe ein größeres Stück vom Subventionskuchen. Mehr Geld für umweltgerechte Landwirtschaft und weniger für die Agrarindustrie lautet ihre Forderung. Die Mehrheiten in der EU für den Wandel fehlen: 80 Prozent der Agrarförderung geht an die 20 Prozent der größten Agrarbetriebe.

Abseits der politischen Bühne zeigte sich nicht nur das diesjährige Partnerland Finnland erfreut über den Messeverlauf. Produkte aus wild gesammelten Beeren, Fisch und Hochprozentiges lockte viele Besucher in die Halle des nordeuropäischen Landes, das gerade einmal so viele Einwohner zählt wie Berlin und Brandenburg. Seit diesem Jahr dürfen finnische Hersteller durch die etwa liberalisierten rigiden Alkoholregeln Alkohol wieder verstärkt in Lebensmitteln einsetzen. Als eines von vielen Produkten mit Alkoholbezug konnten Besucher Speiseeis mit dem Geschmack unterschiedlicher Spirituosen testen. Allerdings geht Alkohol auch ganz gut ohne Eis, wie die Marke Mondscheinschnaps für lange finnische Winter nahelegt.

Berliner Nachfrage überfordert märkische Biobauern

Keine Grüne Woche mehr ohne die Nachbarn - seit der deutschen Einigung belagern Besucher in Berlin den Brandenburg-Stand. Auch da geht wenig ohne Alkohol und Deftiges für den Magen. Es geht um Heimatgefühl und Bier. Der lange heiße Sommer hat etwa den Werderaner Bauern eine Ernte beschert, die nun Spitzenobstweine mit viel Süße, Aroma und Prozenten hervorbringt. Besucher des 140. Baumblütenfests Ende April sollten also genau kalkulieren, was auf sie zukommt.

An grünen Gurken fehlt es nicht in Brandenburg, wohl aber an Bioprodukten. Obgleich Biolandwirte tun, was sie können, reicht das nicht annähernd, um die Nachfrage aus dem benachbarten Berlin zu decken. Jahrelang hatte Brandenburgs Landwirtschaftsministerium die Umstiegsförderung für konventionelle Landwirte zu Biobauern eingefroren. Daraus gewachsen ist ein hausgemachtes märkisches Problem mit anhaltenden wirtschaftlichen Strukturfolgen.

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1 Kommentar

  1. 1.

    "Agrarwende" Die Pflanzen werden volle-Kanne mit Schweinegülle gedüngt. Viel Spaß beim knabbern der Mohrrüben oder zugereist-deutsch: Karotten!

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