Christopher Lauer posiert am 01.03.2014 in Berlin bei der Landesmitgliederversammlung der Piratenpartei. (Quelle: dpa / Paul Zinken)
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Scheidende Abgeordnete | Christopher Lauer (Piratenfraktion) - "Das war wie ein Sechser im Lotto"

2011 wurde Christopher Lauer nicht nur zum Aushängeschild der Piraten, sondern auch zu einer eigenen Marke - mit mittlerweile 30.000 Followern auf Twitter. Fraktionschef, Parteivorsitz, Austritt - dem Höhenflug folgte die Demotivation. Am Ende der Legislatur versucht er, sich als Politiker neu zu erfinden. Von Christoph Reinhardt

"Man muss sich Christopher Lauer als glücklichen Fraktionsvorsitzenden vorstellen." Das hat er 2012 über sich selbst geschrieben, bzw. getwittert. Ein typischer Lauer: selbstbezogen-ironisch, aber bei allem Narzissmus auch fasziniert von dem Parlamentsbetrieb, in den ihn die Wahl 2011 hineingespült hatte. Von der Sisyphus-Arbeit des Oppositionspolitikers zum Beispiel, der immer wieder Anträge schreibt, die im besten Falle breit im Plenum diskutiert, im schlechtesten ohne Aussprache vertagt – aber am Ende immer von der Regierungskoalition abgelehnt werden.

Im Weg standen Lauer er selbst und die eigenen Parteifreunde

"Es war eine krasse Zeit, wie ein Sechser im Lotto. Und das ist es im Grunde nach wie vor. Aber zwischenzeitlich war ich ziemlich demotiviert", blickt Lauer zurück. Die fünf Jahre im Parlament hat er wie einen Selbstversuch verstanden, hat Grenzen des Systems getestet und ohne Rücksicht auf persönliche Verluste immer laut herausposaunt, was ihm widerfahren ist in den verschiedenen Rollen. Abgestempelt zum Politclown, nachdem er als Kulturpolitiker die Schließung der Deutschen Oper forderte. Anerkennung bekam er als akribischer innenpolitischer Sprecher, der mit Anfragen, Akteneinsichtnahmen und pointierter Öffentlichkeitsarbeit die von ihm sogenannte "Sicherheitsesoterik" der Berliner Innenpolitik angriff.

Viel Feind, viel Ehr' - im Weg standen dem rhetorisch ebenso begabten wie charakterlich impulsiven Lauer vor allem er selbst und die eigenen Parteifreunde. Nach einem Jahr als Fraktionsvorsitzender fühlte er sich von Kollegen gemobbt und trat 2013 nicht mehr an. Als Vorsitzender der Landespartei wollte er die Berliner Piraten zu mehr Professionalität zwingen. Nach einem halben Jahr trat er als Landeschef zurück und verließ zugleich die Partei, behielt aber sein Mandat im Berliner Teilzeit-Parlament. Auch, um in Ruhe seinen Wechsel von der Politik ins Berufsleben vorzubereiten, räumt er heute ein.

Ein Jahr lang stellte er dem Axel-Springer-Verlag als "Leiter Strategische Innovation" sein Image und seine Kontakte zur Internet-Szene zur Verfügung. "Das war mein Versuch, den Absprung zu finden" – der aber "in gegenseitigem Einvernehmen" scheiterte.

Nun ist Lauer auf der Suche nach einer neuen Partei

Nach einem Jahr in der Wirtschaft fühle er sich "repolitisiert", so Lauer. Aber mit der Piratenpartei ist er durch, über ihren Niedergang hat er ein Buch geschrieben. "Es war eher so wie bei den Pfadfindern oder in der Katholischen Jugendgemeinschaft. Man trifft sich, man fühlt sich einer Gruppe zugehörig. Aber es ging nie darum, Politik zu machen, so dass man am Ende auch bei Wahlen erfolgreich sein kann".

Dass Lauer auf der Suche nach einer neuen Partei ist, die ihm ein neues Mandat verschaffen könnte, ist kein Geheimnis – um welche es geht aber schon. "Ich könnte mir sehr gut vorstellen, bei einer anderen Partei, auf einer anderen Liste, für welches Parlament auch immer zu kandieren. Alles Weitere muss sich zeigen."

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