Der ehemalige Mitarbeiter Dietrich Sommermeyer steht am 23.09.2019 in der ehemaligen Reemtsma-Tabakfabrik in Berlin-Wilmersdorf. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
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Serie: 30 Jahre Mauerfall | Berlin, du bist dufte - Mit Moos gegen den Tabakgeruch

Millionen Zigaretten wurden in der Reemtsma-Tabakfabrik in Wilmersdorf täglich produziert - bis das Werk 2012 dicht machte. Dietrich Sommermeyer hat den Geruch an seinem ehemaligen Arbeitsplatz immer noch in der Nase. Von Anne Kohlick

Ost- und West-Berlin rochen vor dem Mauerfall unterschiedlich. Viele dieser Gerüche sind heute verschwunden. "Berlin, du bist dufte" sucht nach ihren Spuren und erzählt, wie sich die Düfte der Stadt seit der Wende verändert haben.

Mit der Zigarette im Mundwinkel läuft Dietrich Sommermeyer auf den Ort zu, an dem er 30 Jahre gearbeitet hat. Er hat einen Ordner mit Fotos und Plänen dabei, die jede Ecke der ehemaligen Tabakfabrik an der Mecklenburgischen Straße in Berlin-Wilmersdorf zeigen. Hier hat er seit 1984 gearbeitet - zuerst als Elektroniker. "Später mit dem aufkommenden Rechner-Zeitalter habe ich die Datenverarbeitung an den Maschinen mit aufgebaut", erinnert sich der Mann mit dem weißen Vollbart.

Der Tabakgeruch ist verflogen

Wenn Dietrich Sommermeyer an seinen früheren Job denkt, fällt ihm als erstes der Geruch ein: "Da roch es nach verschiedenen Tabaksorten und nach Zusatzmitteln für die Zigaretten wie zum Beispiel Schokolade." Heute muss er die Luft tief in die Nase saugen, um davon in der alten Fabrikhalle noch etwas wahrzunehmen.

Der riesige Raum steht leer. Nur an den großen Rohren, die früher heiße Luft auf den Tabak pusteten, entdeckt Dietrich Sommermeyer ein paar braune Spuren. "Da ist noch ein bisschen Tabak. Aber ich rieche jetzt vor allem Verpackungsmaterial, ein bisschen Abbruch, Staub - ganz anders, als es hier früher mal war. Es fühlt sich nicht mehr heimisch an."

165 Millionen Zigaretten täglich

Seit 1959 wurden hier in der Nähe des S-Bahn-Rings Zigaretten hergestellt - in Spitzenzeiten über 165 Millionen am Tag. "Das war so um die Wendezeit", sagt Dietrich Sommermeyer. "Danach wurden es immer weniger - auch weniger Mitarbeiter. 1989 waren wir knapp 1.200 Leute, später nur noch 400." Die Maschinen, die den Tabak aus dem Keller ansaugten, zu Zigaretten rollten und verpackten, wurden schneller und effektiver - bei gleichzeitig sinkender Nachfrage.

2012 wurde die Tabakfabrik geschlossen, in der schon sein Onkel gearbeitet hatte. Nachdem die letzte Zigarette vom Band gelaufen war, war Dietrich Sommermeyer verantwortlich dafür, die Gebäude instandzuhalten und Kaufinteressenten zu zeigen. Aus dieser Zeit stammt sein Ordner. Hier hat er alles genau dokumentiert. Seine Schlüssel zu den Hallen musste der Rentner inzwischen an die neuen Eigentümer abgeben. Nur noch wenige Gebäude sind begehbar, "der Großteil wird abgerissen", weiß Dietrich Sommermeyer.

Die Halle der ehemaligen Zigarettenfabrik Reemtsma. (Quelle: rbb|24/Anne Kohlick)Diese Halle der ehemaligen Tabakfabrik soll erhalten bleiben.

Düfte von Tabak, Schokolade, Anis

Gerne wäre er noch einmal dorthin gegangen, "wo es früher am stärksten gerochen hat, in die Soßenherstellung". Aber ein Bauzaun versperrt jetzt den Weg. Früher wurden in dieser Halle nach geheimen Rezepten die Aromatisierungen für die unterschiedlichen Zigarettensorten hergestellt.

"Da hat es nach Kakao und Schokolade geduftet. Aber auch mal zu intensiv - zum Beispiel nach Anis mit Alkohol", erinnert sich Dietrich Sommermeyer."Das ist ein extremer Geruch und den wurde man den Tag über nicht mehr los. Wenn man aus der Soßenherstellung kam, zurück ins Büro oder in die Werkstatt, dann schnüffelten einem die Leute schon entgegen und fragten: Wo warst Du denn?"

Moos kann Gerüche filtern

Auch in die benachbarte Kleingartenanlage wehte ab und an eine Tabak-Geruchswolke. "Man hatte immer mal wieder ungünstige Wetterlagen oder ein Fenster war offen, das eigentlich hätte geschlossen sein sollen", erzählt er. "Wenn wir dann frischen Tabak gemacht haben, ist in der Nachbarschaft Beschwerde geführt worden."

Also haben sich die Kollegen von Dietrich Sommermeyer etwas einfallen lassen: "Wir hatten damals einen Produktionsleiter mit Verbindungen in die Ukraine. Der hat Moos von dort per Direktimport kommen lassen. Das haben wir benutzt, um unsere Abluft zu filtern, bevor sie nach draußen ging." Seitdem habe es keine Beschwerden mehr von Anwohnern gegeben, sagt er. Der natürliche Geruchsfilter habe bestens funktioniert.

Co-Working-Spaces sollen bis 2024 entstehen

Noch zeugt eine überdimensionale Zigarettenschachtel auf einem der Gebäudedächer von der Vergangenheit des Fabrikgeländes, das so groß ist wie zehn Fußballfelder. Aber die Glühbirnen in der früheren Leuchtreklame funktionieren schon lange nicht mehr. Und Ende des Jahres gehen auch in der letzten verbliebenen Berliner Tabakfabrik - bei Philip Morris in Neukölln - die Lichter aus.

In der einzigen noch begehbaren Halle der Reemtsma-Fabrik proben heute Schauspielschüler, während anderswo Baumaschinen Wände einreißen. Co-Working-Spaces und Platz für Start-up-Unternehmen soll hier bis 2024 entstehen unter dem Namen "Gewerbehöfe GoWest" [wohnkompanie.de]. Hotels, Restaurants, ein Theater und eine Tiefgarage sind im Gespräch. "Ich habe im Internet gelesen, dass das Gelände ziemlich grün werden soll, mit vielen Bäumen", sagt Dietrich Sommermeyer. "Das würde mir gefallen."

Beitrag von Anne Kohlick

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1 Kommentar

  1. 1.

    Tabakfabriken riechen einfach nur bestialisch. In Pankow Hadlichstr. war mal eine (Zigarettenfabrik Garbáty), es war widerlich. Da wird selbst mir, einem Raucher, schlecht bei diesem vermoderten süß-säuerlichem Gestank.
    Solche Fabriken sollte man fern der Menschheit auf dem Lande betreiben.
    https://www.visitberlin.de/de/zigarettenfabrik-garbaty

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